Von Matthias Klaus

Leben mit Blindheit oder Sehbehinderung bedeutet, sich im Alltag viel merken zu müssen. Wo stand nochmal das Glas auf dem Tisch, was ist das da für ein Zettel, welche Farbe hat mein Hemd? Natürlich, es gibt dafür Hilfsmittel, doch wirklich gut klar kommen wir nur, wenn ein großer Teil unseres Gehirns als Informationsspeicher genutzt wird.

Sehende Menschen schauen kurz durch den Raum und wissen das alles, weil sie es gerade sehen. Was also, wenn das nicht mehr geht mit dem guten Gedächtnis, wenn die Frage, wo hab' ich eigentlich den Schlüssel hingelegt, zum Dauerzustand wird?

In den letzten Jahren habe ich zwei sehr unterschiedliche Arten von Demenz in meiner Verwandtschaft erlebt. Die Vorstellung, als Blinder langsam das Gedächtnis zu verlieren, und das ist ja nur ein Aspekt von Demenz, macht mich seitdem ganz schön nervös.

Also, muss man sich darauf einfach einstellen, was kommt da auf mich zu, und kann man vielleicht sogar etwas tun, damit es nicht so schlimm wird?

Dazu habe ich mit Stefania Balzan gesprochen. Sie arbeitet als Ergotherapeutin und LPF-Trainerin bei der Zürcher Sehhilfe und hat sich in einer Diplomarbeit ausführlich mit dem Thema beschäftigt.

horus: Was sind die größten Probleme, wenn Sehbehinderung und Demenz aufeinandertreffen?

Stefania Balzan: Das größte Problem ist, dass sich Sehbehinderung und Demenz gegenseitig verstärken und die Kompensationstechniken, die blinde und sehbehinderte Menschen anwenden, wegfallen oder stark eingeschränkt werden. Beide Erkrankungen haben mitunter ähnliche Auswirkungen: Es kann zu Gangunsicherheiten, vermehrten Stürzen oder Schwierigkeiten in der räumlichen Orientierung kommen. Im Rahmen der demenziellen Erkrankung kann es zur sogenannten Apraxie kommen, also der Unfähigkeit, Bewegungsabläufe aus dem Gedächtnis auszuführen, was die Kompensationsmöglichkeiten bei Sehbehinderung stark einschränkt. Es können auch mentale Prozesse zur Verarbeitung visueller Reize betroffen sein, was die Sehleistung negativ beeinflusst, da dadurch beispielsweise das Wiedererkennen von Gegenständen und deren Zweck nicht mehr eingeordnet werden kann. Es kommt daher nicht selten vor, dass Demenz und Sehbehinderung verwechselt werden.

Wenn man dann noch berücksichtigt, dass durch Depressionen, die oft bei Sehbehinderung und Demenz hinzukommen, die Konzentration und die Merkfähigkeit ebenso eingeschränkt sind, spricht man in diesem Zusammenhang oft von einer Pseudo-Demenz, also demenziellen Auswirkungen, die aber eigentlich von der Sehbehinderung oder der Depression stammen. Wichtig ist es dann, diese zu erkennen und zu behandeln, weil dann auch die Demenzsymptome oft abnehmen.

Man muss auch bedenken, dass blinde und sehbehinderte Menschen schon sehr viele kognitive Ressourcen besetzt haben. Ich höre häufig von den Klienten, dass es eine starke Ermüdung gibt, dadurch, dass der Alltag anstrengender ist. Durch eine demenzielle Entwicklung bleiben da nur wenig Ressourcen.

Was kann Ergotherapie oder LPF tun, um die Situation zu verbessern?

Beim Auftreten von Depressionen können wir als Ergotherapie- und LPF-Spezialisten helfen, wieder positive Handlungserfahrungen zu machen. Dann kann die Negativspirale von Selbstabwertung, dieses "Ich kann nichts", durchbrochen werden, um wieder positive Erlebnisse zu haben. Es geht dabei auch um sehr kleine Schritte, mit dem Ziel, dass die betroffene Person wieder Lebensqualität erfahren kann. Das können einfache Dinge sein. Vielleicht will sich die Person wieder selber anziehen können. Dafür braucht es sowohl bei Demenz als auch bei Sehbehinderung, dass man die Komplexität reduziert, z.B. kann man den Kleiderschrank übersichtlicher gestalten, indem man die Dinge, die die Person gerne getragen hat, nach vorne hängt. Man muss teilweise auch das Anziehen selbst wieder üben. Mit Betreuungspersonen oder Angehörigen sollte dann auch abgesprochen werden, dass die Dinge auf immer die gleiche Weise gemacht werden, sodass eine Routine entwickelt werden kann.

Ein weiteres Beispiel aus der Praxis: Einmal ging es darum, dass eine Frau wieder Kaffee machen wollte. Sie bekam dann einen knallroten Markierungspunkt auf den Startknopf und einen Holzring, damit sie die Tasse richtig platzieren konnte. Es sind wirklich kleine Dinge, die wir da tun, welche aber wesentlich sind, um Orientierung zu geben und so die Aktivität wieder möglich zu machen.

Bei einer beginnenden Demenz kann außerdem im Rahmen der Ergotherapie ein kognitives Training das Voranschreiten der Krankheit herauszögern, um kognitive Ressourcen möglichst lange zu erhalten.

Wenn das Gedächtnis schwindet, wird als Strategie viel mit Bildern und Symbolen gearbeitet, um sich an Dinge zu erinnern. Doch was kann man tun, wenn gerade das wegen der Sehbehinderung nicht geht?

Hier ist es wichtig, auf die anderen Sinne, wie Gehör, Geschmack, Geruch oder den Tastsinn, zurückzugreifen. Viel kann auch über das motorische Gedächtnis kompensiert werden. Z.B. weiß ich automatisch, wie ich meinen Arm heben muss, um mir ein Kleidungsstück anzuziehen. Dieses motorische Gedächtnis bleibt oft noch lange erhalten, obwohl es natürlich auch irgendwann schwindet oder beim Auftreten einer Apraxie nicht mehr genutzt werden kann.

Um Aktivitäten mit den Personen zu üben, müssen wir im gewohnten Umfeld der Person sein, um konkrete Abläufe üben zu können, da es an Abstraktionsvermögen mangelt, um diese von einer anderen Umgebung auf die Situation zu Hause zu übertragen. Auch ist, wie bereits erwähnt, die Zusammenarbeit mit Angehörigen und Betreuungspersonen zentral.

Was raten sie den Angehörigen, wenn Demenz und Sehbehinderung bei ihren Verwandten gemeinsam auftreten?

Es muss hier unterschieden werden, ob zuerst eine Demenz oder eine Sehbehinderung da war. Grundsätzlich braucht es eine sorgfältige ärztliche Abklärung, um die richtigen Maßnahmen einzuleiten. Leider müssen ja die Angehörigen oft selbst zum Experten werden, weil es in diesem Bereich wenig professionelle Betreuung gibt.

Wenn es sich um das Auftreten kognitiver Defizite bei bestehender Sehbehinderung handelt, muss das bei Angehörigen feinfühlig angesprochen werden, weil sie es eventuell nicht wahrhaben wollen oder herunterspielen.

Beim Auftreten von Sehproblemen kommen oft Menschen zu uns, wenn das Lesen schlechter wird. Dann werden erst einmal die Low Vision-Aspekte geklärt, wobei man dann manchmal merkt, dass das Hirn das Gelesene nicht mehr umsetzen kann und gar nicht vordergründig die Augen das Hauptproblem sind. Es kann auch sein, dass eine Person unruhiger wird, und es ist dann wichtig daran zu denken, dass dem auch eine Sehverschlechterung zu Grunde liegen könnte. Wenn immer möglich, sollten regelmäßige augenärztliche Kontrollen erfolgen.

Allgemein ist es wichtig, sich professionelle Unterstützung zu holen, um den Schwierigkeiten im Alltag gezielt begegnen zu können.

Was können wir blinden und sehbehinderten Menschen denn tun, um uns vorzubereiten? Wo die Menschen immer älter werden, steigt ja auch die Wahrscheinlichkeit, dass wir später mit Demenz zu tun haben.

Beim Auftreten einer Sehbehinderung ist es ratsam, sich frühzeitig mit dem Thema zu beschäftigen und Beratungsstellen aufzusuchen, weil so bereits ein Umgang mit der Sehbehinderung gefunden werden kann. Dies ist insofern wichtig, da bei einer demenziellen Entwicklung im frühen Stadium noch Strategien entwickelt werden können. Beim Voranschreiten der Erkrankung wird es sehr schwer, noch blindenspezifische Techniken zu lernen. 

Für uns alle ist es grundsätzlich wichtig, bis ins Alter möglichst aktiv zu bleiben, anregende Tätigkeiten auszuführen und auch körperlich in Bewegung zu bleiben. Die demenzielle Entwicklung kann man nicht abwenden. Man kann sie allerdings herauszögern, wenn man mehr kognitive Ressourcen hat.

Anmerkung

Die Diplomarbeit von Stefania Balzan mit dem Titel "Wechselwirkungen von Sehbehinderung und Demenz in der Rehabilitation von sehbehinderten und blinden Menschen - Bedeutung für den Fachbereich Lebenspraktische Fähigkeiten (LPF)" kann man hier nachlesen: https://www.praxis60plus.ch/files/pdf/alzheimer/Sehbehinderung_und_Demenz_SBalzan.pdf

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