Von Maurice Laßhof B. A. (TU Darmstadt),
zusammengefasst von Klaus Winger

Maurice Laßhof stellt den laufenden Wandel in der Arbeitswelt fokussiert auf die Themen Digitalisierung und Agilität dar. Er geht davon aus, dass damit zwei der wesentlichen Kernelemente des Wandels angesprochen werden.

Digitalisierung und Agilität haben auch direkt und indirekt Auswirkungen auf die Berufliche Teilhabe blinder und sehbehinderter Menschen und damit auch deren Arbeitsassistenznutzung. Der Vortragende geht außerdem davon aus, dass die Kernelemente Digitalisierung und Agilität die meisten Bereiche der Arbeitswelt durchdringen, in unterschiedlichen Geschwindigkeiten, Intensitäten und Varianten. Sie wirken bereits und werden zunehmend wirken - nicht nur in ihrem Herkunftsbereich, der Entwicklung von Softwareanwendungen und der industriellen Produktentwicklung, sondern auch in privaten und öffentlichen administrativen Bereichen, wie z. B. in der Versicherungs- und der Finanzwirtschaft sowie auch im Öffentlichen Dienst.

Laßhof verweist auf die aktuellen Ergebnisse der im Rahmen des DVBS-Projektes agnes@work durchgeführten Befragung, an der sich über 400 blinde und sehbehinderte Berufstätige beteiligt hatten (siehe horus 3/2021, S. 26-30).

Die Mehrheit der Befragten beklagt die zunehmende Barrierehaltigkeit der komplexer gewordenen IT-Fachanwendungen und stellt fest:

  • Die Anzahl von internen und externen Präsentationsterminen hat zugenommen,
  • die beruflichen Aufgaben sind komplexer geworden,
  • die Online-Kommunikation mit Kolleginnen und Kollegen ist deutlich angewachsen,
  • die Einarbeitungsaufwände haben zugenommen,
  • die zu bewältigenden Arbeitsaufgaben sind vielfältiger geworden,
  • die Anzahl der zu nutzenden Computerprogramme ist größer geworden.

Diese Untersuchungsergebnisse sieht Laßhof als Bestätigung für zunehmend negative Auswirkungen durch die Verbreiterung von Agilität und Digitalisierung in der modernen Arbeitswelt - auch für blinde und sehbehinderte Beschäftigte.

Agile Arbeit - Was ist das eigentlich?

Laßhof erläutert "Agile Arbeit" praktisch und gut nachvollziehbar am Beispiel der weit verbreiteten Scrum-Methode: Er beschreibt Ziele, Rollen, Vorgehen und Arbeitsmittel. Der Vortragende stellt plastisch dar, dass agile Arbeitsmethoden und die komplexe digitale Durchdringung der Arbeitswelt generell auch Vorteile für die Beschäftigten mit sich bringen können. Sie vermögen den Beschäftigten Möglichkeiten der Souveränität, Kreativität und körperlichen Entlastung am Arbeitsplatz zu bieten. Sie können aber auch - und das zeigen neuste Forschungsstudien - zu erheblichen Belastungen von Psyche und Körper führen, ermöglichen die permanente digitale Kontrolle der Beschäftigten und werden als Mittel der Arbeitsintensivierung, -entgrenzung und Jobvernichtung genutzt.

Mangelnde Barrierefreiheit

Bezogen auf blinde und sehbehinderte Beschäftigte fasst Laßhof, der sich ausdrücklich nicht als sachkundig in Fragen der Beschäftigung sehbeeinträchtigter Menschen bezeichnet, die Auswirkungen agiler Arbeitsmethoden folgendermaßen zusammen:

"Agile Arbeitsmethoden setzte sich - ob sinnvoll oder nicht - immer weiter durch und stellen blinde und sehbehinderte Beschäftigte vor große Herausforderungen, denn sie sind bei weitem nicht barrierefrei.

Agile Arbeitsmethoden setzen in den verschiedenen Meetings, in denen sich das Team bespricht, sehr stark auf die visuelle Darstellung der Arbeitsprozesse, der Produkteigenschaften oder den Bearbeitungsstatus. Dazu werden häufig sog. Taskboards verwendet, auf denen mit Karten, Bildern oder Post-its der Projektstand und -Plan abgebildet wird.

Bei der Planung und Arbeit werden außerdem Software und Fachanwendungen eingesetzt, die häufig nicht barrierefrei gestaltet sind und immer komplexer werden.

Ein weiteres Problem ergibt sich dadurch, dass agile Teams (die auch nach jedem Projekt wechseln können) meist keine festen Arbeitsplätze haben, sondern sich im Sinne der Agilität - und auch, weil Unternehmen dadurch natürlich Geld sparen - Arbeitsplätze teilen (sog. Desksharing-Modelle).

Und auch die Tatsache, dass agile Arbeit darauf beruht, in permanenten Kontakt mit dem Kunden zu stehen und ihm vor Ort in Präsentationen oder anhand eines Prototyps den aktuellen Arbeitsstand zu präsentieren, stellt ein großes Hindernis dar."

Der Wandel der Arbeitswelt und die Reaktionen blinder und sehbehinderter Beschäftigter

Der Vortragende verweist auf die subjektiven behinderungsspezifischen Reaktionen blinder und sehbehinderter Beschäftigter auf den Wandel in der Arbeitswelt, die in der agnes-Untersuchung dokumentiert sind: Unsicherheit beim immer häufigeren Präsentieren wegen der Schwierigkeit, die Reaktionen des Publikums einschätzen zu können, Unsicherheit bei der zunehmenden formellen persönlichen Kommunikation wegen der Schwierigkeit, die Wirkung der eigenen Körpersprache einschätzen zu können, steigende Aufwände durch die wegen häufiger Softwarewechsel und -veränderungen nötigen Hilfsmittelanpassungen und Weiterqualifizierungen, etc.

Maurice Laßhof ist neugierig darauf, wie die selbst von Sehbeeinträchtigung betroffenen Experten in eigener Sache die qualitative und quantitative Entwicklung des Arbeitsassistenzbedarfs einschätzen.

Zum Referenten

Maurice Laßhof ist Stipendiat der Hans-Böckler-Stiftung, Mitarbeiter am Institut für Soziologie, Lehrstuhl: Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftssoziologie (Prof. Dr. Ulrich Brinkmann) der Technischen Universität Darmstadt und Mitglied des Ortsvorstands der IG Metall Darmstadt. Seine Forschungsschwerpunkte sind Arbeits-, Organisations- und Protestforschung sowie Industrielle Beziehungen.

Weitere Informationen

Literaturtipp

Laßhof, Maurice: People Analytics: Digitale Entmachtung im agilen Unternehmen. In Ch. Schmitz, H.-J. Urban (Hrsg.), Gute Arbeit: Demokratie in der Arbeit. Eine vergessene Dimension der Arbeitspolitik? Frankfurt am Main: Bund-Verlag, 2021. S. 217-228.

Linktipps

Informationen zum Projekt agnes@work und der Befragung, auf die Maurice Laßhof verweist, gibt es unter https://www.agnes-at-work.de

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