horus 1/2026
Schwerpunkt: "Demokratie und Teilhabe"
Inhalt
- U. Boysen: Vorangestellt
- Aus der Redaktion
-
Schwerpunkt: "Demokratie und Teilhabe"
- V. Bentele: Teilhabe statt Ausgrenzung: Warum Gerechtigkeit kein Luxus ist
- U. Boysen: Ich halte unsere Demokratie durchaus für gefährdet - Ein Gespräch mit Jürgen Dusel
- B. Schultes: Leben in Fülle? - Teilhabe behinderter Menschen im Erzbistum Köln
- S. Ivanic: Zwischen Abholservice und Altar - Über kirchliche Barrierefreiheit, Teilhabe und einen göttlichen Nachteilsausgleich
- Rechtsextremismus
- J. Riebe: Die AfD und ihre Haltung zu Menschen mit Behinderung
- T. Büchner: Trotzdem weiter mit Leidenschaft dabei - Nachdenken über mein politisches Engagement
- A. Schneider, U. Hauschild, A. Gottschlich: Demokratie und Teilhabe - Schnittstellen zwischen dem BSVS e. V. und "der Politik" im Freistaat Sachsen
- T. Büchner: "Nie aufs Kopfkissesn zurückfallen" - "Erfinde dich immer neu, DVBS" - Ein Gespräch mit Wolfgang Angermann und Elias Knell über ihre Arbeit als DVBS-Geschäftsführer
- Barrierefreiheit und Mobilität
- Berichte und Schilderungen
-
Aus der Arbeit des DVBS
- S. Hahn: Arbeitsassistenz in der DVBS-Geschäftsstelle - damit die Arbeit rundläuft
- S. Hahn: Quick Guide "Barrierefreie Excel-Dokumente" erschienen
- U. Boysen, J. Schäfer: Ein aktives Leben ist zu Ende - Nachruf auf Dr. Hans Helmut Vollert
- Dr. O. Hauck: In dankbarem Gedenken an besondere Wohltäter - Das Ehepaar Regina und Dr. Horst-Dieter Schultze-Kimmle
- C. Axnick: Seminare
- Aus der blista
- Bücher
- Panorama
- Impressum
- Anzeigen
U. Boysen: Vorangestellt
Liebe Leserinnen und Leser,
liebe DVBS-Mitglieder,
„Denk ich an Deutschland in der Nacht …“ – Na, wie geht der Text weiter?
Es ist schon beunruhigend, wie zerklüftet die gesellschaftliche Landschaft nicht nur in Deutschland, sondern in vielen Ländern derzeit zu sein scheint. Wer sich vor einer „Machtergreifung“ rechter Kräfte fürchtet und nach einem ruhigen Hafen Ausschau hält, hat momentan weltweit ziemlich schlechte Karten.
Dieses Gefühl befällt derzeit viele. Für uns als Menschen mit Behinderungen ist es aber fast existenziell, wenn wir davon ausgehen, dass es den führenden rechten Ideologen nicht nur um Ausländer oder Menschen mit anderer Hautfarbe geht. Vielmehr müssen wir in Rechnung stellen, dass die Abwehr, ja die Verachtung sich allgemein auf verwundbare Menschen richtet, und zu denen gehören nun einmal auch wir! Es kann uns also auch deshalb nicht gleichgültig sein, wie in dieser Gesellschaft mit Minderheiten umgegangen wird.
Dazu kommen dreiste Lügen, bei denen ich mich manchmal frage, ob diejenigen, die sie verbreiten, wirklich an sie glauben oder ob sie nur Mittel zum Zweck der Verunsicherung des „Gegners“ sind und gleichzeitig der Stabilisierung des eigenen eindimensionalen Weltbildes dienen sollen. Dass unsere Demokratie tatsächlich durch die AfD, aber auch durch diejenigen in ihrem Vorfeld, gefährdet ist, spricht Jürgen Dusel in unserem Interview offen an und ermuntert zur Beteiligung an demokratischen Prozessen, auch wenn er weiß, dass damit für uns besondere Erschwernisse verbunden sind.
Beteiligung spielt sich aber nicht nur auf der großen politischen Bühne ab. Sie hat ihre Wirkungen auch im vermeintlich Kleinen, sei es in einer Kirchengemeinde (dazu der Bericht von Schultes) oder in der Kommunalpolitik (siehe dazu den Beitrag von Büchner).
Mich treibt aber noch eine andere Überlegung um: Ich bin fest davon überzeugt, dass es bei Weitem nicht ausreicht, einmal gegen rechtsradikale Zumutungen auf die Straße zu gehen oder sein Entsetzen gegen die Verächtlichmachung demokratischer Werte und Institutionen zu äußern. Vielmehr sind wir auch gehalten, uns intensiv mit den ideologischen Wurzeln und Ausprägungen dieser neuen „Bewegung“ auseinanderzusetzen. Also: Lest die Parteiprogramme der rechten Parteien, lest die Propagandaschriften und theoretischen Ergüsse der Identitären, und lest die Gegenanalysen dazu (z. B. das in den Hörbuchtipps vorgestellte Buch von Weiß), damit wir uns nicht eines Tages sagen lassen müssen, wir hätten es nicht gewusst. Das ist bitter nötig, Wenn ich auch dabei vielleicht in der Nacht um meinen Schlaf gebracht werde.
In diesem Sinne wünsche ich uns
eine unruhige Lektüre!
Ihr und Euer
Uwe Boysen
Bild: Uwe Boysen lächelt. Er trägt eine dunkelgetönte Brille, sein Haar ist weiß. Foto: DVBS
Aus der Redaktion
Schwerpunkt: "Demokratie und Teilhabe"
V. Bentele: Teilhabe statt Ausgrenzung: Warum Gerechtigkeit kein Luxus ist
Kanzelrede, gehalten am Sonntag, dem 26. Oktober 2025, in der Erlöserkirche München
Von Verena Bentele
Es ist eine große Ehre für mich, heute die Kanzelrede halten zu dürfen. Eine Kanzelrede, so habe ich es nachgelesen, ist eine Redeform, die zwischen Predigt und Vortrag liegt. Und dieses Dazwischen, zwischen beiden Redeformen, gefällt mir sehr gut, denn das lässt mir Platz für viele Möglichkeiten.
Ich möchte Sie einladen, den von mir gewählten Möglichkeiten zu folgen.
Meine Rede soll sich um Möglichkeiten – oder besser um Ermöglichungen – drehen. Denn für mich hat Teilhabe vor allem mit Ermöglichung zu tun. Anders gesagt, verstehe ich als Voraussetzung für Teilhabe das Zurverfügungstellen aller Chancen, die für den Großteil der umgebenden Gesellschaft selbstverständlich sind.
Der oder die Einzelne ist sich seiner Möglichkeiten, dem Schatz seiner Optionen, meistens kaum bewusst. Teilhabe ist für die meisten Menschen der Mehrheitsgesellschaft einfach Alltag. Warum sollten sie eine solche Selbstverständlichkeit auch hinterfragen?
Wenn wir Teilhabe erklären wollen, können wir das also nur aus der umgekehrten Sicht tun.
Es geht um einzelne Menschen oder Bevölkerungsgruppen, die Merkmale aufweisen, die sie aus dem so genannten Normalbetrieb ausschließen. Die – an manchen Tagen mehr, an manchen Tagen weniger – zu spüren bekommen, dass es für sie, sagen wir es neutral, weniger Möglichkeiten als für andere Menschen gibt.
Es mag Sie überraschen, dass ich Sie beim Nachdenken über die Möglichkeiten eines Lebens erst einmal zu einem Nachdenken über das Ende des Lebens und deshalb auf den Friedhof einlade.
Wenn Sie hier in München oder irgendwo sonst über einen Friedhof spazieren, ist das wie ein Gang durch die Gesellschaftsgeschichte. Manche Gräber gleichen Monumenten. Sie sind Denkmäler für die Verdienste des verstorbenen Menschen und Zeichen für dessen Bedeutung, die über den Tod hinausstrahlt.
Und es gibt die andere Art von Verstorbenen. Denen keine Denkmäler gesetzt werden.
Nach dem Tod beerdigt zu werden, fällt in Deutschland unter das Wort „Bestattungspflicht“. Wenn sich nach dem Tod eines Menschen weder Geld noch Angehörige dafür finden, müssen die Kommunen für eine „schickliche Beerdigung“ sorgen.
Die Menschenwürde hört also im Tod nicht auf. Und das finde ich wirklich beruhigend und gut. Solche Sozialbestattungen sind Teil der staatlichen Fürsorge und stehen zum Glück noch nicht auf der Streichliste aufgrund gefühlter oder echter Haushaltskrisen. Im vergangenen Jahr wurden bayernweit 1860 Menschen auf diese Weise bestattet. In Urnengräbern und meist mit einer feierlichen Zeremonie.
Vielerorts nehmen sich Freiwillige dieser Bestatteten an. Sie organisieren den Blumenschmuck, besuchen die Grabstellen und suchen nach Angehörigen oder Menschen, denen diese Toten etwas bedeutet haben.
Der Gedanke dahinter: Niemand ist bedeutungslos. Jeder Mensch hat Würde und damit Teilhabe verdient. Diese Überzeugung hat mit unseren religiösen Wurzeln zu tun.
Selbst echt gefühlte Fürsorge und Nächstenliebe können jedoch in Bevormundung umschlagen. Wer hat die Definitionshoheit darüber, welche Möglichkeiten wem zugestanden werden? Ist Teilhabe ein Luxus, der nur in guten Zeiten verteilt werden darf? Ist das Zugeständnis von Teilhabe eine Sache der Freiwilligkeit, oder müssen wir sie zur Pflicht erheben?
Sie merken: Ab diesem Punkt verlassen wir den sicheren Boden des gesellschaftlichen Konsenses. Denn ab hier ist es nicht mehr die Angelegenheit einzelner engagierter Menschen, die sich für Gerechtigkeit einsetzen, sondern es wird zur politischen Aufgabe. Und damit auch zu meiner Aufgabe als VdK-Präsidentin und Landesvorsitzende des Sozialverbands VdK.
Der VdK kümmert sich um soziale Gerechtigkeit. Unabhängig von wohlwollender Fürsorge oder willkürlichen Wohltaten setzen wir uns für einen zuverlässigen und starken Sozialstaat ein. Denn der ist die beste Erfindung der deutschen Geschichte.
Wenn es um soziale Gerechtigkeit geht, erwacht schnell das Misstrauen, es könnten Menschen von sozialen Wohltaten profitieren, die das gar nicht verdient haben.
Bleiben wir beim Luxus. Offenkundig empfindet die bayerische Staatsregierung Barrierefreiheit weniger als süße denn als lästige Pflicht. Selbst bisherige Errungenschaften, die in Gesetzen und Verordnungen festgehalten wurden, werden zurückgefahren.
Hier ein paar Beispiele – und die Aufzählung ist nicht vollständig:
Die ohnehin sehr wachsweich formulierte Pflicht zum barrierefreien Bauen soll in der Bayerischen Bauordnung weiter aufgeweicht werden, damit der Bauturbo so richtig gezündet werden kann.
In diesem Zusammenhang entfällt auch die Verpflichtung, beim Neubau von barrierefreiem Wohnraum eine entsprechende Anzahl von Behindertenparkplätzen zu bauen.
Fördertöpfe für den barrierefreien Umbau, damit pflegebedürftige Menschen so lange wie möglich daheim leben können, sind leer und werden nicht mehr aufgefüllt.
Dieses Streichkonzert ist mehr als heikel. Denn Deutschland, und also auch Bayern, hat sich laut UN-Behindertenrechtskonvention im Jahre 2009 zum Ausbau von Teilhabe und damit Barrierefreiheit verpflichtet. Diese hoch angesetzte Verpflichtung interessiert anscheinend gerade niemanden.
Doch die Ermöglichung von Teilhabe für Menschen mit Behinderung macht nicht nur einer Minderheit das Leben etwas schöner.
Der Anteil von Menschen mit Behinderung, die also einen Grad der Behinderung ab 20 haben, beträgt in Bayern 15,39 Prozent der Bevölkerung. Eine Schwerbehinderung, also einen Grad der Behinderung ab 50, haben 9,46 Prozent der Bevölkerung. Das ist jede elfte Person.
Wir sprechen von zwei Millionen Menschen mit Behinderung in Bayern. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Ausgrenzungen erleben, ist hoch.
Wer einen Rollstuhl nutzt, muss Gott vertrauen oder seinem guten Schicksal, damit er oder sie am Reiseziel Aufzüge oder treppenfreie Zugänge vorfindet. Diese Person muss hinnehmen, dass ein Rollstuhl vielerorts als Sicherheitsrisiko gilt, und darf vom Ufer dem Ausflugsschiff nachwinken. Eine kleinwüchsige Person muss ihre Bankkarte wildfremden Menschen reichen, weil der Geldautomat viel zu hoch angebracht ist. Ein Mensch ohne digitalen Anschluss kann sich nicht ohne Weiteres eine Fahrkarte kaufen. Eine junge Frau mit glänzendem Studienabschluss findet keine Arbeitsstelle, weil sie eine Behinderung hat.
Ich könnte endlos solche Geschichten erzählen, mich beklagen, und Sie damit ein wenig in eine moralische Pflicht nehmen. Will ich aber nicht.
Denn die Frage ist, ob Geschichten, die von mangelnden Teilhabemöglichkeiten erzählen, mehr bewirken als einen leichten Schauder oder eine kleine Empörung. Letztlich überwiegt doch der Gedanke, dass es einen zum Glück ja nicht betrifft. Und dass es schon für immer irgendwie gut gehen wird. Die meisten von uns können notfalls auch die Treppe nehmen, ihre Bankgeschäfte selbstbestimmt erledigen, die Bahn-App virtuos bedienen und haben einen Job.
Warum also für ein Ende von Ausgrenzungen sorgen?
Weil es um Gerechtigkeit geht. Weil die Grundlage unseres Gemeinwesens nicht Egoismus, sondern Solidarität und Vertrauen heißt. Weil jeder Mensch in seinem Leben eine starke Gemeinschaft braucht. Und weil jeder Mensch gebraucht wird.
Vertrauen stärkt Beziehungen. Nicht nur zu anderen Menschen, sondern auch zum Staat und seinen Institutionen. Das heißt im Umkehrschluss: Je mehr Bevölkerungsgruppen wir ausschließen und zurücklassen, um so instabiler wird unsere Gesellschaft, weil das Misstrauen in staatliche Strukturen wächst.
Das Gift des Misstrauens wirkt bereits: Wenn Alter mit Armut, Pflegebedürftigkeit mit Vernachlässigung und Einwanderung mit Kriminalität gleichgesetzt wird, kommt der gesamte Staat für viele auf den Prüfstand. Wenn der soziale Aufstieg aus eigener Kraft in Deutschland so schwer ist wie noch nie seit den 1960er-Jahren, schafft das Frust bei jungen Leuten.
„Du hast keine Chance, aber nutze sie.“ Dieser bissige Kommentar zu den Freiheiten eines Ausgegrenzten stammt vom Schriftsteller und Regisseur Herbert Achternbusch.
Wer glaubt, nichts mehr zu verlieren zu haben, mag den Mut der Verzweiflung finden. Das kann positiv in Selbstermächtigung münden. Viele soziale Revolutionen haben so ihren Anfang genommen. Doch ein solcher Frust kann auch negative Folgen haben. Weil enttäuschte Menschen offen sind für extremistische Positionen. Die Gunst der Enttäuschten stärkt leider meistens die Falschen.
Ich beobachte deshalb mit Entsetzen, dass wichtige Errungenschaften des Sozialstaates einkassiert werden, um vermeintlich das Gerechtigkeitsgefühl der Bevölkerung zu bedienen.
De facto münden manche politischen Entscheidungen gerade darin, dass arme Menschen gegen noch ärmere Menschen aufgehetzt werden.
Ich erinnere daran, dass die Grundsicherung beziehungsweise das Bürgergeld das Recht auf Teilhabe sicherstellen soll. Schon jetzt ist mehr als fragwürdig, ob dafür die Höhe der Geldleistungen genügt. Sehr seriöse Forschungen sagen jedenfalls, das ist definitiv nicht der Fall. Die mit der Grundsicherung befassten Behörden wie die Jobcenter haben nicht genügend Mittel und Möglichkeiten, um diesen Menschen dauerhaft aus der Armut zu helfen. Sanktionsdrohungen halte ich für die Rückkehr der tiefen Kiste der schwarzen Pädagogik, aber für keine Maßnahme, die Ursachen von Armut bekämpft.
Das politisch Fatale ist: Die nicht ganz so armen Menschen werden nicht reich oder wenigstens wohlhabend, wenn die Zügel bei den Sozialleistungsempfängern vermeintlich straffer gezogen werden. Das zu behaupten, ist scheinheilig. Das darf ich hier in der Kirche so sagen. Denn das gesparte Geld wird nicht umverteilt. Bestenfalls werden Löcher im Haushalt gestopft – und zwar nur die ganz kleinen Löcher.
Richtig was zu holen gäbe es woanders. Mindestens 100 Milliarden Euro mehr könnte der Staat in der Kasse haben, wenn Steuerbetrug wirksam bekämpft würde. Das wäre ein Fünftel des Bundeshaushalts. Diese staatlich geduldete Entsolidarisierung wiegt meiner Ansicht nach sehr schwer. Denn die Duldung dieses Missstands verstärkt die gesellschaftliche Spaltung und führt letztlich zu instabilen gesellschaftlichen Verhältnissen.
Es gibt Vorschläge für eine Steuerreform, die weder radikal noch undurchführbar sind. Zusammen mit Fiscal Future hat der VdK einmal durchgerechnet, dass selbst die sanfteste Wiedereinführung der Vermögenssteuer und die Besteuerung hoher Erbschaften unglaubliche Summen freisetzen würde, ohne im Geringsten am Wohlbefinden von überreichen Menschen zu kratzen. Wenn Vermögen ab fünf Millionen Euro mit einem Prozent und Vermögen ab 100 Millionen Euro mit zwei Prozent besteuert würden, brächte uns das schon 40 Milliarden Euro mehr ein.
Was für eine Summe! 100 Milliarden von Steuersündern einziehen plus 40 Milliarden Euro Einnahmen durch eine sanfte Vermögenssteuer ergeben 140 Milliarden Euro, die wir so dringend brauchen könnten.
Fehlende Steuereinnahmen machen sich jetzt schon massiv bemerkbar. Sie lassen die Infrastruktur bröckeln. Das Schwimmbad muss schließen, durch das Schuldach regnet es, das Förderprogramm für Kinder aus benachteiligten Familien wird gestrichen, Begrünungspläne für eine klimagerechte Zukunft der Stadt landen in der Schublade. Kultur und Sport fallen hinten runter.
Fehlende Steuereinnahmen lassen die Möglichkeiten von Teilhabe also ganz konkret schrumpfen. Spürbar für jeden Einzelnen. Denn es heißt, dass weniger Kinder gut lernen dürfen, Jugendliche nicht ins Schwimmbad gehen können und Familien in aufgeheizten Städten leben müssen.
Den Sozialstaat weiter auszuhöhlen, grenzt an politische Selbstaufgabe. Das kann keiner wollen. Doch es ist leider schon viel Vertrauen verspielt worden. Dabei ist ein starker Sozialstaat ein Bollwerk gegen Angriffe von Verfechtern einer braun-rechts gefärbten Ideologie. Ein starker Sozialstaat ist kein Luxus, sondern durch mehr Umverteilung zum Wohle aller finanzierbar.
Noch können wir eingreifen, noch können wir etwas tun und etwas ermöglichen. Frei nach Achternbusch: Wir haben eine Chance. Also nutzen wir sie.
Zur Autorin
Verena Bentele ist seit 2018 Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland und seit 2023 Landesvorsitzende des Sozialverbands VdK Bayern. Von Januar 2014 bis Mai 2018 hatte sie das Amt der Behindertenbeauftragten der Bundesregierung inne. Sie errang als blinde Biathletin und Skilangläuferin von 1995 bis 2011 zahlreiche Weltmeistertitel und Paralympics-Medaillen, hat Neuere Deutsche Literatur studiert und eine Ausbildung als Systemischer Coach absolviert.
Bild: Verena Bentele strahlt. Sie hat blaue Augen, kinnlanges, blondes Haar und trägt über einem tintenblauen Shirt eine offene, braune Lederjacke sowie eine zierliche Kette. Der Hintergrund greift die Farbe ihres Shirts auf. Foto: (c) Susie Knoll
U. Boysen: Ich halte unsere Demokratie durchaus für gefährdet - Ein Gespräch mit Jürgen Dusel
B. Schultes: Leben in Fülle? - Teilhabe behinderter Menschen im Erzbistum Köln
S. Ivanic: Zwischen Abholservice und Altar - Über kirchliche Barrierefreiheit, Teilhabe und einen göttlichen Nachteilsausgleich
Rechtsextremismus
J. Riebe: Die AfD und ihre Haltung zu Menschen mit Behinderung
T. Büchner: Trotzdem weiter mit Leidenschaft dabei - Nachdenken über mein politisches Engagement
A. Schneider, U. Hauschild, A. Gottschlich: Demokratie und Teilhabe - Schnittstellen zwischen dem BSVS e. V. und "der Politik" im Freistaat Sachsen
T. Büchner: "Nie aufs Kopfkissesn zurückfallen" - "Erfinde dich immer neu, DVBS" - Ein Gespräch mit Wolfgang Angermann und Elias Knell über ihre Arbeit als DVBS-Geschäftsführer
Barrierefreiheit und Mobilität
Berichte und Schilderungen
Aus der Arbeit des DVBS
S. Hahn: Arbeitsassistenz in der DVBS-Geschäftsstelle - damit die Arbeit rundläuft
S. Hahn: Quick Guide "Barrierefreie Excel-Dokumente" erschienen
U. Boysen, J. Schäfer: Ein aktives Leben ist zu Ende - Nachruf auf Dr. Hans Helmut Vollert
Dr. O. Hauck: In dankbarem Gedenken an besondere Wohltäter - Das Ehepaar Regina und Dr. Horst-Dieter Schultze-Kimmle
C. Axnick: Seminare
Aus der blista
P. Temmesfeld: Mitgliederversammlung der blista wählt einen neuen Verwaltungsrat
R. Ullrich: Mit neuer kostenloser App können auch Sehende die Brailleschrift lernen
Von Rudi Ullrich
Mit nur sechs tastbaren Punkten hat der 16-jährige Franzose Louis Braille blinden Menschen vor über 200 Jahren die Welt des Lesens und Schreibens eröffnet. An diese bahnbrechende Erfindung, die bis heute nichts von ihrer Bedeutung verloren hat, wird jährlich an seinem Geburtstag, dem 4. Januar, mit dem „Welt-Braille-Tag“ erinnert. Ein besonderes Geburtstagsgeschenk macht in diesem Jahr die Deutsche Blindenstudienanstalt e. V. (blista) in Marburg. Die App „Braille-Trainer“ zum Erlernen der Blindenschrift wurde von dem Hamburger Programmierer Martin Gertz entwickelt sowie in Zusammenarbeit mit dem bundesweiten Zentrum für Bildung und Barrierefreiheit an der blista kontinuierlich verbessert.
„Wir möchten mit dieser App blinden und sehenden Menschen einen modernen und möglichst einfachen Zugang zur Brailleschrift ermöglichen“, sagt der Vorstand der blista, Patrick Temmesfeld. „Die App soll vor allem auch sehende Eltern sowie Lehrerinnen und Lehrer dabei unterstützen, blinden Kindern beim Erlernen der Brailleschrift zu helfen“. Die neue App ist ein weiterer Baustein einer Aufklärungskampagne für eine inklusive Gesellschaft, die unter dem Motto „Knack den Code“ besonders jüngere Menschen ansprechen soll. Botschafter ist dabei der blinde Waschbär Louis, der in kurzen Geschichten erzählt, wie er im Alltag klarkommt und – obwohl er praktisch nichts sieht – viel erlebt und Spaß hat. Die Geschichten sind in Brailleschrift gesetzt und können mithilfe eines Braille-Alphabets entschlüsselt werden.
Die ersten 1.000 Downloads der App sind kostenlos
Mit der Entwicklung des „Braille-Trainers“, der App zum Erlernen der Brailleschrift, begann der Hamburger Programmierer Martin Gertz bereits vor Jahren in seiner Freizeit. Auslöser war die Freundschaft eines sehenden und eines blinden Menschen. Martin Gertz wollte dem Paar eine Hilfe schaffen, damit sie sich gegenseitig Nachrichten schreiben konnten. Nachdem er sich anfangs zunächst um die Umsetzung gedruckter Buchstaben in Braille und umgekehrt gekümmert hatte, stieg er nach und nach immer tiefer in das komplexe System der sogenannten Braille-Kurzschrift, einer Art Steno-Punktschrift, ein.
Heute bietet der „Braille-Trainer – die blista-Version der App zum Erlernen der Brailleschrift“ die Möglichkeit, sowohl gedruckte Schrift in Braille als auch Braille in gedruckte Buchstaben zu übersetzen, und ist in viele Lektionen unterteilt. Damit ist sie sowohl für blinde als auch für sehende Menschen gleichermaßen zum Lernen der Brailleschrift geeignet. „Durch die Zusammenarbeit mit den Expertinnen und Experten der blista konnten wir die Barrierefreiheit der App erheblich weiterentwickeln und natürlich können jetzt viel mehr Menschen von der App profitieren“, freut sich Gertz. Anlässlich des „Welt-Braille-Tags“ stellt die blista die ersten 1.000 Downloads kostenlos zur Verfügung und hofft, dass es durch Spenden möglich wird, die App dauerhaft kostenlos anzubieten.
Die blista will mit dem Hamburger Programmierer langfristig zusammenarbeiten und die App weiter optimieren. Deshalb ist man gespannt auf die Rückmeldungen der Anwenderinnen und Anwender und freut sich auf Anregungen und Verbesserungsvorschläge. In Kürze wird auch eine neue Android-Version zur Verfügung stehen.
Links
Apple AppStore:
https://apps.apple.com/de/app/braille-trainer/id1464977255
Google PlayStore:
https://play.google.com/store/apps/details?id=com.martingertz.brailletrainer
Mehr Infos zur Kampagne „Knack den Code“ gibt es unter http://katalog.blista.de/louis. Hier können unter anderem auch kostenlose Info- und Übungsmaterialien für Schulklassen angefordert werden.
Abb.: Logo der Braille-Trainer App
T. Büchner: "Begegnungen mit Menschen waren für ihn das Wichtigste" - Nachruf auf Jürgen Hertlein
Bücher
T. Büchner: Hörbuchtipps aus der blista
W. Lutz-Gemril, J. Schäfer: Aus der Braille-Druckerei
Quizauflösung und Neuerscheinungen
Von Wencke Lutz-Gemril und Jochen Schäfer
Ihr habt bestimmt schon auf die richtigen Antworten für die vier Quiz-Staffeln 2025 gewartet. Deshalb beginnen wir gleich mit den Lösungen. Wer gewonnen hat, verraten wir auch! Danach stellen wir euch zwei Neuerscheinungen vor – eine nachdenkliche, eine unterhaltsame.
Quizauflösung
Wir nennen jeweils das Buch, die Quizfragen aus dem letzten Jahr und die richtigen Antworten.
Staffel 1
Oliver Scherz: Sieben Tage Mo
- Was ist das Besondere an Mo?
b) Er ist geistig behindert. - Was würde Karl lieber machen, als auf seinen Bruder aufzupassen?
c) Rad fahren und eine Freundin treffen.
Kathrin Schrocke: Weiße Tränen
- Wodurch wird die Freundschaft zwischen Lenni und Serkan belastet?
c) Ein farbiger Mitschüler kommt in die Klasse.
2. Um welches soziale Problem geht es hauptsächlich?
a) Rassismus.
Staffel 2
David Walliams: Gangsta-Oma
- Worauf hat es die Oma als Diebin besonders abgesehen?
b) Auf Juwelen. - Welchen großen Coup plant Oma?
b) Sie will die Kronjuwelen der englischen Königin stehlen.
Charlotte Habersack: Bitte nicht öffnen, Bd. 7-9
- Wer ist der Hauptverdächtige als Spielzeugdieb?
c) Hubsi Hubert, der berühmte Radio-Wettermann. - Wird der Spielzeugdieb dingfest gemacht?
a) Ja.
Staffel 3
Rick Riordan: Percy Jackson
- Wer ist der Vater von Percy und Tyson?
c) Poseidon, der Meeresgott. - Welche Sagengestalt ist Percys Halbbruder ursprünglich?
a) Er ist ein Zyklop.
Tanya Stewner: Alea Aquarius - Der Gesang der Wale
- In welcher europäischen Hauptstadt veranstaltet die „Alpha Cru“ das Klimakonzert?
a) Rom. - Gelingt es der Alpha Cru, Doktor Orion zu schnappen?
b) Nein.
Staffel 4
Katja Brandis (Pseud. Für Sylvia Englert): Woodwalkers - die Rückkehr
- Was für ein Gestaltwandler ist Carag?
a) Er ist ein Pumajunge. - In welches afrikanische Land geht die Klassenfahrt?
b) Nach Namibia.
Jochen Till: Luzifer Junior - Ein Dämon im Klassenzimmer
- Was ist das nur für ein Gast?
c) Ein höllischer Dämon, von dem Holzapfel regelrecht besessen ist. - Dabei wollte Holzapfel doch ganz normalen Unterricht machen. Welches Fach?
b) Mathe.
Auf ein Punktschriftbuch nach Wahl können sich Carina aus Neuss und Marc aus Marburg freuen. Herzlichen Glückwunsch auch im Namen von unserem blinden Waschbär Louis, dem „Glücksbär“.
Neuerscheinungen
Martin Schäuble: Alle Farben grau. Fischer, Frankfurt/Main, 2023. 4 Bände in reformierter Kurz-, 5 in Vollschrift, Bestell-Nr. 6390.
Paul ist sechzehn und war schon immer ein bisschen eigen: Er lernt Japanisch und hört Musik, die keiner in seinem Alter kennt. Er ist unheimlich schlau und könnte alles erreichen, wären da nicht seine Ängste und Abgründe. Über die spricht er lange nicht, erst in der Jugendpsychiatrie. Dort lernt er die junge Alina kennen, die seine Liebe zu Katzen teilt und ihn Jesus nennt. Nach einiger Zeit kehrt er zurück in sein normales Leben, und alle haben riesige Hoffnung - außer einem, der sich längst verabschiedet.
Paul begeht Suizid. Seine Familie, seine Freunde und sein restliches Umfeld müssen damit klarkommen. Der Autor folgt einer wahren Geschichte und weist auf Hilfsangebote für depressive und suizidale Menschen sowie ihre Angehörigen hin.
Der sehr nachdenkliche Roman klärt über die Motivation und Entstehung von Suizid im Jugendalter auf und durchbricht die Stigmatisierung des Themas. Empfohlen ab 14 Jahre. Laut Verlag auch als Unterrichtslektüre zu den Themen Depression und Suizidprävention geeignet (Unterrichtsmodell zum Buch siehe www.fischer-sauerlaender.de/verlag/kita-und-schule/unterrichtsmaterialien).
Auch als Hörbuch in der DBH vorhanden (Nr. 1606131).
Tanya Stewner: Alea Aquarius - Bd. 10: Der Stern des Schicksals. Oetinger, Hamburg, 2025. - 7 Bände in reformierter Kurz-, 9 in Vollschrift, Bestell-Nr. 6424.
Alea ist endlich mit ihrer Zwillingsschwester Thea vereint. Aber die Freude währt nur kurz: Nixe Akira ist schwer erkrankt! Doktor Orion muss den gefährlichen Virus gegen magische Meerwesen in Umlauf gebracht haben. Im Wasser sind sie in Lebensgefahr, doch wohin können sie fliehen? Wie viele Magische haben sich schon angesteckt? Ist auch Nixenprinz Cassaras in Gefahr, da er halb Landgänger, halb Nixe ist? Gemeinsam mit Lennox und Thea macht Alea sich auf die Suche nach ihm. Und wo befindet sich Doktor Orion? Ist er bereit, zurückzuschlagen? Doch ohne die Magischen hat die Alpha Cru keine Chance, ihn zu besiegen.
Ein mitreißendes Fantasy-Buch für Kinder ab 10 Jahren.
Kontakt
Deutsche Blindenstudienanstalt e.V. (blista)
Am Schlag 2-12
35037 Marburg
Tel.: 06421 606-0
E-Mail: info@blista.de
oder über unseren barrierefreien Online-Katalog
https://katalog.blista.de
bzw. die populäre App „Leselust“