horus 4/2014
Schwerpunkt: Der Umgang mit Hilfe

Inhalt

Titelbild zum Schwerpunkt

Vorangestellt

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Mitglieder,

Von ernst bis heiter geht es in dieser Ausgabe zu. Helfen und sich helfen lassen, das ist offenbar ein Thema, mit dem sich blinde und sehbehinderte Menschen häufig auseinandersetzen müssen. Kein Wunder, gelten sie doch vielen Zeitgenossen immer noch als „hilflos“. Stattdessen sind oft wir es, die gezwungen sind, unseren Helfern zu erklären, wie Hilfe richtig aussieht und wie nicht. Dabei entfaltet sich vor uns das ganze Kaleidoskop menschlichen Lebens, beginnend mit der Unterstützung bei den für Sehbehinderte nur schwer lesbaren Hinweisschildern, dem Weg zum oder in den Zug (siehe dazu die Erfahrungen von Kuhlmann), bis hin zum Rat, welchen Berufsweg wir einschlagen sollen/können oder wie wir mit einer drohenden und sich fortsetzenden Erblindung umgehen. 

Viele dieser Themen werden in der vorliegenden Ausgabe des horus berührt, aber längst nicht alle. So wäre es spannend gewesen zu erfahren, wie blinde und sehbehinderte Menschen anderen helfen, seien diese nun selbst blind oder sehbehindert (das nennt man Hilfe zur Selbsthilfe) oder nicht. Aus vielen Gesprächen weiß ich, wie wertvoll gerade auch die Hilfe zwischen selbst Betroffenen sein kann, und darin sehe ich in der Tat eine der Hauptaufgaben eines Vereins, der sich explizit Selbsthilfeorganisation nennt. Spannend zu erörtern wäre auch die Frage, warum man in manchen Situationen keine Hilfe bekommt (einige Andeutungen dazu bei Thorstensen). Liegt es an einem selbst? Stellt man zu hohe Ansprüche? Oder sind unsere Mitmenschen häufig einfach zu sehr mit sich selbst beschäftigt? Man sieht, das Thema ist durchaus nicht ausgeschöpft. Aber es wird ja noch viele weitere Ausgaben des horus geben, in denen wir uns weiter mit diesen Fragen auseinandersetzen können. Das wünscht sich und uns

Ihr und Euer

Uwe Boysen

Bildbeschreibung: Das Portraitfoto in der Schwarzschriftausgabe zeigt den DVBS-Vorsitzenden Uwe Boysen in dunklem Anzug, hellem Hemd und Krawatte. Er trägt eine dunkle Brille und lächelt. Foto: DVBS

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In eigener Sache


Frohe Weihnachten und alles Gute für 2015!

Alle Jahre wieder… kommt die Adventszeit so plötzlich. Eben noch im Sommerurlaub, stehen jetzt schon die Weihnachtstage und der Jahreswechsel vor der Tür. Ein ereignisreiches Jahr liegt hinter uns, und sicherlich hielt das Jahr 2014 auch für Sie einige Überraschungen bereit. Ein Grund, die neue horus-Ausgabe in Ruhe zu lesen und einige unterhaltsame Stunden mit der Lektüre zu verbringen. 
Die horus-Redaktion wünscht Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, ein besinnliches Weihnachtsfest und alles Gute für das neue Jahr 2015! 

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Themen 2015

Die Schwerpunktthemen für das kommende Jahr sind bereits geplant, schon jetzt können Sie sich überlegen, ob und wie Sie sich an der Gestaltung der horus-Ausgaben beteiligen können. Die erste Ausgabe des neuen Jahres erscheint am 23. Februar mit dem Schwerpunkt „Sozialleistungen auf dem Prüfstand“ (siehe unten). Die zweite Ausgabe 2015 mit dem Schwerpunktthema „Sport und Abenteuer“ ist für den 26. Mai 2015 geplant. 

Im Schwerpunktthema „Sozialleistungen auf dem Prüfstand“ wird sich der horus voraussichtlich erneut mit dem Entwurf zu einem Gesetz zur sozialen Teilhabe (GsT), dem Persönlichen Budget und nicht zuletzt mit der einen oder anderen bürokratischen Hürde befassen, die es juristisch wie faktisch zu überwinden gilt. Das sind wichtige Themen für die Belange blinder und sehbehinderter Menschen, wenn soziale Teilhabe und Gleichstellung nicht nur auf dem Papier stehen sollen. Möchten Sie einen Beitrag zum nächsten Heft beisteuern, können Sie Ihre Texte gerne wie gewohnt per E-Mail an die horus-Redaktion schicken: horus@dvbs-online.de. Redaktionsschluss ist der 6. Januar 2015. 

Berichte für den Schwerpunkt können bis zu 10.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen) lang sein, allgemeine Berichte bis zu 4.000 Zeichen. Kürzere Meldungen sollten eine Länge von 2.000 Zeichen nicht überschreiten.

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Schwerpunkt


Karen Thorstensen: Von hilflosen Helfern und unwilligen Empfängern – warum Hilfe oft so problematisch ist

von Karen Thorstensen

Wo ich mich hinwende, höre ich tolle Begriffe wie Inklusion und Barrierefreiheit. Der Rhetorik entsteigt eine utopische Welt, in der alle behinderten Menschen selbstbestimmt und ohne Hilfe voll inkludiert und unabhängig sind, vorausgesetzt, das Geld lässt diesen gesellschaftlichen Umbau zu. Und selbst dann, wenn alles geritzt und geregelt sein sollte, gibt es minderbemittelte Menschen wie mich, die dann immer noch nicht klarkommen. Bei einem Besuch in meinem Heimatland Norwegen musste ich feststellen, dass es sogenannte barrierefreie Fahrkartenautomaten gab. Das Problem war nur, dass ich davon überhaupt nichts begriff, und als die dritte Bahn kam und ich immer noch keine Karte aus dem Ding hatte zaubern können, stieg ich ohne Fahrschein in die Bahn und fuhr schwarz. 

Und ich höre Sie, werte Leser, schon fragen, wieso ich nicht um Hilfe bat. Ja, genau das wäre die große Frage!

Als meine Tochter klein war, sagte sie immer: Selber machen! Das muss sie von mir übernommen haben. Mir hatten meine Eltern immer gepredigt, dass ich nicht von anderen abhängig sein müsse. Selbstständigkeit war das höchste Ziel. Ich finde es also nicht einfach, um Hilfe zu bitten. Ich glaube nicht, dass ich der einzige in unserem Personenkreis bin, dem das so ergeht. Als ich nach Deutschland kam und meinen ersten Schwerbehindertenausweis in den Händen hielt, durfte ich feststellen, dass ich laut Merkzeichen hilflos war. Das fand ich absolut empörend. In den dazwischenliegenden Jahren hat sich das glücklicherweise in einen Vermerk wegen Begleitung gewandelt. Aber letztes Jahr wurde ich in einem Zeitungsartikel, in dem es um die Nicht-Mitnahme meiner Blindenführhündin in einem Taxi ging, als „die hilflose 60-Jährige“ betitelt. Es war ein BILD-Journalist, und man sollte vermutlich deshalb die Ansprüche nicht zu hoch schrauben. Aber besonders kompetent und mündig sah ich durch diesen Sprachgebrauch nicht unbedingt aus. 

Und welche inneren Bilder haben wir denn, die das Hilfe-Annehmen so erschweren? Ich sehe ganz eindeutig einen blinden Bettler oder aber einen ebensolchen Straßenmusikanten mit dunkler Brille, Blindenabzeichen am Arm und einem Hut vor sich auf dem Gehweg. Dabei schüttelt es mich. So will ich nicht wahrgenommen werden, so bin ich nicht, es kränkt mein Selbstbewusstsein und meinen Stolz ganz enorm. Leider glaube ich, dass dieses Bild nicht nur in meinem Kopf herumspukt. Das ist eine Vorstellung, die wohl noch in viel zu vielen Köpfen vorhanden ist. Wir können eben nicht so viel, womöglich gar nichts, und brauchen deshalb eigentlich ständig Hilfe. Dass es mittlerweile blinde und sehbehinderte Menschen gibt, die hoch qualifiziert sind und die mit hoch spezialisiertem Wissen verantwortungsvolle Stellen auf allen Ebenen ausfüllen, ist kaum bekannt, obwohl wir seit Jahrzehnten keine Mühen scheuten, um genau dieses altertümliche und überholte Bild von uns in der Vorstellung der Öffentlichkeit loszuwerden und durch eines zu ersetzen, das eher der Zeit und den Tatsachen gemäß ist. 

Wer von der Hilfe anderer abhängig ist, hat seiner Handlungsfreiheit Lebewohl gesagt. Da muss man bitten und betteln, muss in Kauf nehmen, dass der eigene Zeitplan komplett auf den Kopf gestellt werden muss, denn wir müssen uns ja nach dem Helfer richten. Oder etwa nicht? Wir müssen außerdem nicht zu viel verlangen. Sonst sind wir fordernd, und es gibt dann Ungemach. Es ist schwer einzuschätzen, wann man zur Last fällt und wann nicht. Aber nicht nur wir haben Probleme damit, das richtige Maß zu finden. Die Helfer haben es ebenfalls. Sie sind unsicher, verhalten sich oft tollpatschig, weil sie nicht wissen, wie sie es richtig machen sollen und sich entweder nicht trauen oder nicht auf die Idee kommen zu fragen, wie das denn jetzt am Besten angepackt werden könnte. Wunderlich finde ich es immer, wenn ich mit der Hand tastend etwas Bestimmtes suche, es finde, und die lieben Mitmenschen dann begeistert rufen: Ja, da ist es! Das sind Situationen, die mich ratlos machen, weil sie mir zeigen, dass die Betroffenen – und diesmal meine ich die Wohltäter – meinem völlig intakten Tastsinn sowie meinen gut entwickelten Suchfähigkeiten nicht vertrauen. Dabei waren es die Augen, die nicht so richtig den Dienst tun wollten! Woher kommt das?

Nicht selten begegneten mir Menschen, fast immer Sehende, die sich über fordernde Blinde aufregten, die ihre Hilfsbereitschaft im Übermaß beanspruchten. Auf meine Frage, wieso sie es denjenigen nicht sagen, bekomme ich immer dieselbe Antwort: Sie können nicht nein sagen. Da wird es natürlich schwierig, denn dann kann niemals ein gleichwertiger Austausch zwischen ihnen stattfinden. Und der Blinde ist eindeutig im Nachteil, weil ihm die Korrektur durch die Körpersprache des Anderen nicht zur Verfügung steht. Eigentlich geht es hier um Verantwortung. Wenn ich jemand um Hilfe bitte, dann ist das zunächst eine Bitte, die ich vorbringe. Der Gefragte darf aber auch nein sagen, oder er darf sich erkundigen nach Art und Umfang der Hilfeleistung und nach den zeitlichen Vorstellungen. Dieses Klären ist eine Art „Miniverhandlung“, und am Ende steht fest, ob es klappt oder nicht. Das muss der Gefragte dann mitteilen. Aber auch wir können bessere Wahrnehmung üben: Zögert der andere, ist er oder sie unsicher, kommt die Antwort ausweichend, können wir eingreifen und uns erkundigen, woran das liegt und vielleicht auf diese Weise eine ansonsten gute Beziehung nicht gefährden. 

Und dann gibt es die ungebetene Hilfe. Die gehört zu den schwierigsten aller Hilfesituationen. Und jeder von uns kann eine Menge Anekdoten über nicht gewollte Straßenüberquerungen, Bus- oder Bahnfahrten etc. erzählen. Hier in Halle gibt es ein Berufsförderungswerk und ich weiß immer nicht ganz genau, ob ich beleidigt oder belustigt sein soll, wenn man mich wieder mal in die Straßenbahnlinie 3 in Richtung Süden schieben will, denn dort ist doch das „Blindenheim“. Ich finde es völlig in Ordnung, wenn die Hilfswütigen erst fragen, bevor sie Hand anlegen. Da kann man höflich, aber bestimmt „nein, danke“ sagen, wenn man sie nicht braucht. Es sind die Wortlosen, die genau wissen, was ich will und wo es hingehen soll, die mich verzweifelt und auch hin und wieder wütend machen. Ich bin ein optimistischer Mensch und versuche stets den Passanten beizubringen, wie man es richtig macht, dass man vorher fragt und dass es völlig in Ordnung geht, wenn der Gefragte keine Hilfe will. Schließlich gibt es durchaus Situationen, in denen ich sehr gerne Hilfe annehme, und wenn niemand fragt, wird es für mich schwieriger, weil ich dann immer die Initiative ergreifen muss. 

Sicher kennen Sie auch die Situation an einer Haltestelle, wo Sie in die unsichtbare Welt hinein fragen, welche Bahn oder welcher Bus als Nächstes kommt und absolut keine Antwort bekommen. Ich jedenfalls kenne das, und wunderte mich tatsächlich jahrelang darüber, wieso das passiert. Dann begriff ich, dass die Sehenden ja Blickkontakt brauchen, um sich angesprochen zu fühlen und war einen kleinen Schritt weiter. Ich begann zu lauschen und versuchte zu hören, wo Leute stehen, oder zu erkennen, wo es bewegte Schatten gab. Dann drehte ich mich dorthin und fragte. Schon wurde die Antwortquote wesentlich höher. Dann kam die Idee mit dem Lächeln. Also lächelte ich auf gut Glück in Richtung der Stimmen oder bewegten Schatten und da wurden die vormals Stummen geradezu auskunftsfreudig. Diesen Tipp gebe ich gerne weiter! Es geht um die Kunst des Brückenbaus, und davon profitieren sowohl wir selbst als auch die anderen. 

Es gibt unter uns Blinden und Sehbehinderten leider auch eine absolute Unart, die in diesem Zusammenhang erwähnt werden muss, und das ist der Wettbewerb, wer am besten und mit am wenigsten Hilfe klarkommt. Wenn jemand nicht so selbstständig, mutig oder mobil ist, dann wird häufig leicht überheblich reagiert. Dann erzählen mir die „Weltmeister“, dass das doch kein Problem ist und wieso ich denn das so schwer finde. Ich muss mich rechtfertigen, weil ich etwas nicht kann und gerne Hilfe annehme oder, Schreck und Graus, kurze Strecken Taxi fahre! Haben wir nicht immer uns und anderen gepredigt, dass wir eben Individuen und dass alle unterschiedlich sind? Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann wäre es mehr Großzügigkeit untereinander. Aber es wird schon Gründe haben, warum es uns so mörderisch wichtig ist, perfekt zu sein. Das einzige, was wir nicht können, ist dann eben Sehen. 

Aber helfen ist doch etwas wirklich Gutes! Ich finde, dass die Hilfsbereitschaft ganz hoch unter den guten Eigenschaften rangiert und das mit gutem Grund. Ein Helfer ist ein guter Mensch. Der Hilfeempfänger ist zu Dank verpflichtet und eigentlich auch dazu, dem Helfer mal zu helfen. Dann gäbe es einen Austausch, jeder ist einmal dran. Oft aber gerät die Hilfe in unserem Fall in eine Einbahnstraße: Die Gegenleistung wird nicht eingefordert oder erwartet, sie wird nicht einmal erlaubt. Dann entsteht eine Schieflage und die ist schädlich. 

Ich erinnere mich an einen blinden Talkshowgast vor vielen Jahren, der auf die Frage, wie viel dem jungen Mann seine sehende Frau helfe, sehr selbstbewusst antwortete: „Ja, sie hilft mir und ich ihr!“ 

Die Hilfe, die mich mein ganzes Leben lang begleitet hat und auch in meiner Erfahrungswelt sehr zentral steht, ist die Selbsthilfe. Als ganz junger Frau erklärte mir mein norwegischer Generalsekretär, dass ich eine Jugendgruppe für Blinde und Sehbehinderte in Oslo aufbauen sollte. Er fragte nicht, er gab eine Order. Und da es schwer war, ihm zu widersprechen, tat ich, wie mir geheißen. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, wie das gehen sollte und auch nicht, was genau von mir erwartet wurde, aber ich begann, Leute um mich zu sammeln und zu fragen, was meine Gleichaltrigen gerne in so einer Gruppe tun würden. Die Selbsthilfe ist daran schuld, dass ich nun in Deutschland bin, denn es war eine europäische Studentenkonferenz, die mein Leben damals völlig ändern sollte. Und hier in Deutschland war der DVBS am Anfang für mich eine Art Ersatzfamilie. Von den vielen Jahren ehrenamtlichen Engagements habe ich unermesslich viel gelernt, Kenntnisse und Erfahrungen sammeln können, die mir an anderer Stelle nützlich waren. 

Natürlich wünsche ich mir auch, dass meine Umwelt mehr auf meine Bedürfnisse Rücksicht nehmen soll. Ich freue mich über jeden Tacker, jede taktil und akustisch wahrnehmbare Ampel und ich liebe Bodenindikatoren. Es ist für uns ein enormer Fortschritt, dass wir mittlerweile, ohne Hilfeleistungen in Anspruch nehmen zu müssen, unsere Stimme bei den politischen Wahlen abgeben können und so auch unsere Bürgerpflicht tun. Und dennoch werden wir menschliche Hilfe und Unterstützung nie ganz entbehren können. Ganz unabhängig von anderen werden wir nie sein und vielleicht wollen wir das ja auch nicht? Ich habe viele nette Menschen getroffen, die mir beim Überqueren halfen oder mit mir einen Weg oder eine bestimmte Adresse suchten. Und es wird immer komplizierte, jedoch eigentlich barrierefreie Apparate geben, die für Steinzeitfrauen wie mich völlig rätselhaft bleiben…

Zur Autorin

Karen Thorstensen ist mit einer hochgradigen Sehbehinderung in Norwegen geboren und studierte in den 70er Jahren nach dem Abitur Sozialpädagogik/Arbeit an der Fachhochschule in Oslo. 1980 Übersiedelung nach Deutschland, wo sie „erstaunlicherweise immer noch“ lebt. Hier war sie beruflich tätig in verschiedenen Bereichen der sozialen Arbeit, z.B. Suchtarbeit, Wohngruppenbetreuung blinder und sehbehinderter Jugendlicher, Beratung von Sehgeschädigten zu Berufsfragen u.v.m. Dozententätigkeiten hauptsächlich zu Kommunikation, Konfliktbewältigung und Beratung. Heute ist sie auf ehrenamtlicher Basis in der Kultur tätig und wohnt mit Ehemann und Führhündin in Halle/Saale.

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Winfried Thiessen: Help! – Umgang mit Hilfe in blista-Wohngruppen

von Winfried Thiessen

Da gehst du so in aller Seelenruhe deinen alltäglichen Beschäftigungen nach. Im Hintergrund läuft im Radio gerade ein Lied der Beatles: Help! I need somebody. Help!, als das Telefon klingelt. Dann die Frage, ob du nicht mal auf die Schnelle etwas über deine Erfahrungen im „Umgang mit Hilfe“ bei sehbehinderten Jugendlichen schreiben könntest. Natürlich möchtest du helfen. Sagst also zu. Aber dann fällt dir absolut nichts ein. Willst zum Hörer greifen, absagen. Now I find I´ve changed my mind. Dieser Ohrwurm, kriegst ihn nicht mehr aus dem Kopf. Help me, get my feet back on the ground. Endlich!  – der Einfall. Mal so aus dem Nähkästchen plaudern. Dann schaust du in das Kästchen: völliges Durcheinander. Hättest irgendwann mal Ordnung schaffen sollen. Schon wieder ein Problem – Verzeihung: eine Herausforderung. Help me if you can; I´m feeling down. Dann liest du dir nochmal die nachgereichte E-Mail durch. „Helfen lassen oder doch lieber selber machen!“ „Jugendliche wollen sich nicht viel helfen lassen, können Hilfe oft nur schwer akzeptieren.“ Da muss dir doch was zu einfallen, denkst du dir.  I feel so insecure.  Und du denkst dir auch, besser ist es schon, so als Einstieg, erst mal aufräumen – mit allzu hohen Erwartungshaltungen.

Jetzt wäre so eine blista-Wohngruppe – im Prinzip – natürlich ein hervorragendes Lernfeld – Haushaltsführung, Alltagsbewältigung und dieses ganze Zeug eben. Und, wie heißt es doch so schön: Hier werden Sie geholfen! Aber glaub nicht, dass du bei den Pubertären damit immer auf Begeisterung stößt. Deshalb suchen in der Praxis Hilfsangebote und Hilfsnachfrage öfters vergeblich nach einem Gleichgewichtszustand. 

Jetzt stell dir vor, so ein Pubertärer kommt neu in die Wohngruppe. Ausgangslage – nicht immer günstig. Du kennst es ja selbst, das Phänomen Hotel Mama. Heute bekommst du ja kaum noch jemanden von Zuhause hinausgeworfen. Alles Nesthocker. Die Mieten sind hoch und Eltern sind ja heute relaxter als damals in den wilden 60ern und 70ern – in vielen Dingen. Und Mama versorgt gut, da kann man nicht klagen. Selbst 30-Jährige lassen sich noch bekochen und bewaschen, stand neulich in der Zeitung. Ist heute fast wieder so wie in der guten alten Zeit – vor den Schnellimbissen und Fastfoodtempeln. Gefahr damals allerdings: Starb die Frau, verwahrloste und verhungerte der Mann. Deshalb immer junge Frau geheiratet, oder die Haushälterin. Aber ganz anderes Thema.

Jetzt hast du Pubertäre in der Wohngruppe, die plötzlich auf den Luxus einer umsorgenden Mutter verzichten sollen. Jetzt Binsenweisheiten: Je weniger du siehst, umso mehr bist du auf Hilfe angewiesen. Und noch eine: Je weniger du siehst, umso länger brauchst du für viele Alltagstätigkeiten. Und nun: Mama Totalausfall. Jetzt anderes Phänomen: Die Pubertären machen einen auf Heintje. Kennst du doch sicher noch das Lied - Maaamaaa!? Iwo, du hörst zwar nichts, aber du spürst ihn, den Schrei nach Hilfe, absolutes Gänsehautfeeling. Da suchen die Pubertären natürlich gleich total verzweifelt nach Ersatz. Mangels Alternative, den Wohngruppenbetreuer. Aber der hat ja einen ganz anderen Arbeitsauftrag und Pläne mit ihnen: Hilfe zur Selbsthilfe. Gut: Ganz lupenrein verfolgt der seinen Auftrag auch nicht, schließlich hat der ja nicht alles Menschliche an der Wohngruppengarderobe abgegeben.

Der Pubertäre lebt ja jetzt noch in dem Glauben, dass da mehr sein muss im Leben als Schule und Hausaufgabenmachen, und dann kommt der Betreuer und gibt ihm Recht. Gleich darauf drückt der ihm dann ein Kartoffelschälmesser in die Hand und sagt: Leg´ los. Der ist ja jetzt nun kein Marsmensch, aber glaubst du es, der Pubertäre schaut ihn genauso an, als wäre er einer von denen. Und glaub nur nicht, der hätte schon mal ein Kartoffelschälmesser in der Hand gehabt, vielleicht ist der sogar überrascht, wie so eine Kartoffel im unverarbeiteten Zustand so ausschaut. Der hat es sich natürlich jetzt ganz anders vorgestellt – das Erwachsenwerden und das Sein überhaupt. Da bietet der Betreuer ihm gerne Hilfe an und erklärt ihm, wie das so funktioniert, das mit dem Kartoffelschälmesser. Der Pubertäre ist natürlich nicht sehr erfreut und will diese Hilfe gar nicht so recht annehmen, will lieber seine alte Freiheit wieder. Wirft dem Betreuer sogar eine Sklavenhaltermentalität vor. Ich sag, du darfst dich als Betreuer nicht wundern, wenn du nie in einer Abi-Zeitung Erwähnung findest. Ja, die Lehrer machen Klassenfahrten, bringen dir wichtige Dinge bei – wie Mathematik. Aber in der Wohngruppe rennen dir die Betreuer mit einem Spülschwamm hinterher, schnappen dich, zerren dich an die Geschirrberge – und wenn du dich dann etwas ungeschickt anstellst, dann sollst du sie auch noch um Hilfe bitten lernen. Wie scheiße ist das denn? ‘Tschuldigung. Deshalb: Vergiss einfach die Abi-Zeitung. 

Jeder braucht mal Hilfe, keiner kann alles! Klar, aber du kannst dir schon denken, dass jeder so seinen Stil pflegt, was den Umgang mit Hilfe betrifft. Logisch, oder? Am liebsten ist mir persönlich der Selbstoptimierer, der hat so ein eingebautes Selbstmanagement. Ich sage dir, ein absoluter Glücksgriff für dich, wenn du so einen in der Wohngruppe hast. Der Selbstoptimierer arbeitet von sich aus stetig an der Perfektionierung seiner Alltagsbewältigungsbegabung. Kannst du dir nachher an die eigene Fahne heften – wenn du so einer bist. Der nimmt gerne deinen Rat und deine Hilfsangebote an; fragt nach, wenn er vor einer Herausforderung steht, ist interessiert. Du fühlst dich gebraucht und nützlich. Ist wie im Schlaraffenland für dich, fallen dir sozusagen die gebratenen Tauben in den Mund. 

Ganz anderes Thema: der Verweigerer. Ist mit seinem begrenzten Repertoire an Basisfertigkeiten vollauf zufrieden. Hilfe zur Selbsthilfe? Nicht so sein Ding. Bedürfnis nach Selbständigkeit? Nicht sehr ausgeprägt. Du fragst dich natürlich ständig nach der Ursache: reine Bequemlichkeit oder ist da mehr dahinter? Du steckst ja nicht in seinem Kopf drin, und das kannst du mir glauben, der will dich auch nicht da reinlassen. Wie gesagt, absolute Genügsamkeit und Selbstbeschränkung. Vorteil – jetzt für ihn: selten in der Situation, Hilfe einfordern zu müssen. Nachteil – für dich: völlig frustrierend. Du bist ja born to help! Also machst du jetzt einen auf Dompteur. Versuchst, ihn mit Zuckerbrot und Peitsche in eine Ecke zu treiben, wo er denkt, dass er ohne deine Hilfe nicht mehr rauskommt. Jetzt ist er allerdings super talentiert, beim Herauswinden, ganz großer Zirkus. Pass auf: Stell dir vor, das Essen im Speisesaal, zu gemüselastig. Jetzt setzt der Pubertäre alle Hoffnung auf die Wohngruppe, Magen auf halb acht. Klar, du begibst dich als Betreuer natürlich damit in die Grenzbereiche der Ethik, aber Notfall. Versteckst schnell Toast, Schokopops und dann ganz scheinheilig bietest du ihm an, ihm beim mmh lecker Nudelkochen zu assistieren. Der Pubertäre bedankt sich artig für dein Angebot – und geht. Asket? Iwo! Familienpackungen mit Chips und Nachos gehortet. Entdeckst du am nächsten Tag. Verpackungen überall im Zimmer verteilt. Nichts für ein schwaches Helferherz. Dein Glück, du hast ja noch den Selbstoptimierer.

Noch so ein Talent, aber ganz anderer Typus: Prinz Charming, der ist so waaas von galaant. Du wirst verrückt, also nicht im Sinn von wahnsinnig, eher so groupiemäßig. Wie der um Hilfe bitten kann – jeden, immer und überall. Du ertappst dich dabei, ihm die stinkigen Socken und die dreckigen Unterhosen hinterherzutragen und dich dabei auch noch wohlzufühlen. Seine Worte, ein melodischer Singsang: Haahllooho, hhaaast du nicht mal Luust, mir zu helfen? Auch nur ganz kurz, davon würden wir beide proofietieren. Ihm ist nichts zu peinlich. Du liest ja nicht nur Gutes über den Adel, aber Prinz Charming behandelt sein Gesinde ausgesprochen zuvorkommend, sorgt auch für ihre ausreichende Verköstigung. Gut, du bist als Betreuer nicht immer begeistert, wenn du plötzlich für ein, zwei Personen mehr kochen und decken darfst. Aber du willst ja auch nicht ungastlich zu Fremden sein, wenn Seine Hoheit zu Tische geladen hat.   

Kennst du das? Du liegst am Sonntagmorgen im Bett und liegst und liegst und dann mit einem Ruck stehst du auf! Eben noch im Bett, jetzt auf dem kalten Fußboden. Du kannst dich nicht darauf vorbereiten und es langsam angehen: Aufstehen kommt immer irgendwie plötzlich. Genauso ist es mit dem Aus-dem-Nähkästchen-Plaudern. Du plauderst und plauderst und ganz plötzlich ist Schluss. Aber wem erzähl ich das?   

Zum Autor

Winfried Thiessen ist Betreuer im Internat der blista. Der langjährige Mitarbeiter im Internatsbereich schreibt seit mehr als zehn Jahren den Buchtipp in den blista news.

Bildbeschreibung: Auf dem Foto ist ein jugendlicher WG-Bewohner bei der Vorbereitung für das Abendessen der Gruppe zu sehen. Mit der Brotschneidemaschine schneidet er Brotscheiben. Im Vordergrund ist ein geflochtener Brotkorb zu sehen, in dem bereits einige Brotscheiben liegen. Foto: Bruno Axhausen

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Isabella Brawata mit Bettina Merscher: Mitdenken und mitfühlen

Bettina Merscher, private Assistenz eines blinden Mannes, berichtet im Interview mit Isabella Brawata über ihre Arbeit.

Isabella Brawata: Frau Merscher, Sie haben als Assistenz gearbeitet. Wer war Ihr Chef und welche Aufgabenfelder umfasste Ihre Arbeit?

Bettina Merscher: Mein Chef war ein älterer Herr. Er war kriegsblind und bekam die Personalkosten für acht Stunden pro Tag Assistenzleistung finanziert. Ich war also sozialpflichtig beschäftigt und hatte noch weitere Kolleginnen. Jedes zweite Wochenende musste ich arbeiten. Ich hatte regelmäßige Arbeitszeiten und wenn mal eine längere Reise anstand, wurde das langfristig geplant. Ich habe Vorlesearbeiten erledigt, also die Post oder Bücher vorgelesen, am Computer gearbeitet und gemeinsam mit meinem Chef private Briefe oder Anschreiben an Behörden verfasst und im Internet recherchiert. Wir haben gemeinsam oder ich allein Einkäufe erledigt und Mahlzeiten zubereitet. Auch hauswirtschaftliche Tätigkeiten wie Wäscheaufhängen und Bügeln gehörten zu meinen Aufgaben. Ich war auch als Begleitung tätig und begleitete meinen Chef zum Arzt oder zu Verwandtenbesuchen. Außerdem war ich das „Auge“ meines Chefs. Ich erklärte ihm, wie Dinge aussehen, zum Beispiel beschrieb ich ihm auf unseren Spaziergängen oder auf längeren Reisen die Landschaft oder die Räumlichkeiten, in denen wir uns aufhielten. Wenn wir aus dem Katalog Geschenke für die Verwandtschaft aussuchten, war mein Urteil sehr wichtig.

Brawata: Was gefiel Ihnen an Ihrer Tätigkeit?

Merscher: Ich komme aus dem sozialen Bereich. Ich habe im Krankenhaus und im Altenheim gearbeitet. Mir macht es viel Freude, mit Menschen zusammenzuarbeiten. Ich bin gerne behilflich, aber in dem Sinne, dass ich dabei helfen möchte, dass die Person wieder selbständig die Dinge machen kann, bei denen sie zuvor Hilfe benötigte.

Brawata: Welche Fähigkeiten sollte eine Assistenz mitbringen?

Merscher: Man sollte ein gutes Einfühlungsvermögen besitzen, sich vorstellen können, wie es für den Anderen ist. Bei blinden oder sehbehinderten Menschen ist es wichtig, dass man alles wieder an seinen angestammten Platz zurückstellt und dass man sich bemerkbar macht, wenn man den Raum betritt und dass man den Betreffenden darauf hinweist, wenn die Kleidung einen Fleck hat. Man sollte sich die Frage stellen: Wie wäre das für mich? Was hätte ich in der Situation gerne? Die Assistenz sollte mitdenken, welche Hilfe in welcher Situation vonnöten sein könnte und sich überlegen, wie sie die Person darin unterstützt, dass sie Dinge wieder selbständig erledigen kann.

Brawata: Was erwarten Sie vom Hilfeempfänger?

Merscher: Es ist sehr wichtig, dass beide Seiten gleich zu Beginn des Assistenzverhältnisses klarmachen, was sie möchten und was nicht, welche Erwartungen sie haben. Es kommt häufig dann zu Problemen, wenn Dinge im Vorhinein nicht richtig besprochen worden sind. Das kann man vermeiden, wenn man von Anfang an für so viel Klarheit wie möglich sorgt. Wenn dennoch Schwierigkeiten auftauchen, ist es entscheidend, dass man offen und ehrlich darüber sprechen kann. Trotzdem passieren Fehler und dann ist es gut, wenn beide Seiten einander Verständnis entgegenbringen und man gemeinsam darüber nachdenkt, wie es besser gehen kann. Es ist für den Assistenzgeber immer unangenehm, wenn die Klagen erst hinterher kommen, dass dieses oder jenes so nicht gedacht oder gewollt war.

Brawata: Wie eng sollte das Verhältnis zwischen Assistenzgeber und Assistenznehmer sein?

Merscher: Ich finde, dass es einen Unterschied zwischen einem Freundschaftsverhältnis und einem Assistenzverhältnis gibt. Ich habe viel vom Leben meines Chefs mitbekommen, aber wir haben beide darauf geachtet, dass gewisse Grenzen nicht überschritten werden. Ich möchte persönlich keine sexuellen Dinge vom Assistenznehmer erfahren. Das ist meiner Ansicht nach etwas, das man mit seinem besten Freund besprechen kann. Ich bin aber ohnehin ein sehr distanzierter Mensch und möchte gar nicht alles wissen. Obwohl ich fünf Jahre bei meinem Chef gearbeitet habe, wusste ich vieles von ihm nicht und das wollte ich auch so. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, in seinen Schubladen herumzuräumen und neugierig herumzustöbern. Ich hatte meinen Arbeitsbereich und für mich ist es ein inneres Tabu, diesen zu verlassen, weil ich es respektiere, dass es Bereiche gibt, in die man andere nicht hineinlassen möchte.

Brawata: Wie war die Zusammenarbeit mit Ihrem Chef?

Merscher: Mein Chef war sehr selbstständig. Er hat sich nicht bedienen lassen, sondern vieles alleine gemacht, wie etwa seine Handwäsche oder wenn ich ihn bat, für ein Gericht Zwiebeln zu schneiden oder Kartoffeln zu schälen, hat er das auch erledigt. Ich habe uns beide als Team gesehen. Ich war nicht seine Dienerin und wenn mal wenig Zeit war, musste er mit anpacken.

Brawata: Gab es auch mal Streit zwischen Ihnen und Ihrem Chef?

Merscher: Natürlich gab es Tage, an denen er nicht gut gelaunt war. Das hatte nicht unbedingt etwas mit mir zu tun. Manchmal war auch einfach etwas vorgefallen und es herrschte schlechte Stimmung.

Brawata: Wie sind Sie damit umgegangen?

Merscher: So etwas gibt es ja überall, dass die Stimmung mal gereizt ist. Ich habe dann einen Gang runtergeschaltet, habe nicht so viel geredet und einfach meine Arbeit gemacht. An anderen Tagen war die Stimmung freundlich und ausgelassen und wir verbrachten eine nette Zeit. Natürlich gibt es immer wieder Dinge, die man mitbekommt und die einen berühren. Es gibt immer mal Situationen, wo man auch was mitnimmt, wo auch mal was nicht an einem abgleitet. Dann ist es sehr hilfreich, wenn man eine vertraute Person hat, mit der man über solche Dinge reden, sich mal aussprechen kann, damit man auch etwas abgeben kann.

Brawata: Welches Fazit würden Sie aus Ihrer Assistenztätigkeit ziehen?

Merscher: Ich habe während meiner Assistenztätigkeit viel Neues gelernt, denn mein Chef war ein sehr neugieriger Mensch. Er hat sich für fremde Kulturen, andere Religionen und exotische Küche interessiert. Er war sogar in Indien und Amerika. Die Assistenztätigkeit stellte mich immer wieder vor spannende Herausforderungen. Ich habe mich in die Arbeit am Computer eingefuchst, obwohl ich selbst Zweifel hatte, ob ich es schaffen würde. Ich habe sogar meinem Chef Internetradio eingerichtet. Wenn ich eine neue Herausforderung erfolgreich gemeistert hatte, war ich auch ein wenig stolz auf mich.

Zur Person

Bettina Merscher ist förderndes Mitglied der Bezirksgruppe Marburg des Blinden- und Sehbehindertenbundes Hessen (BSBH) und übernimmt dort gelegentlich Assistenztätigkeiten.

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Pamela Pabst: „Darf ich Sie über die Straße helfen“

von Pamela Pabst

Als Rechtsanwältin, insbesondere als Strafverteidigerin, biete ich täglich anderen Menschen meine Hilfe an. Da ich selbst blind bin, bin ich aber zugleich auch täglich auf fremde Hilfe angewiesen: Auf dem Weg zum Gericht frage ich Menschen: „Welcher Bus ist das?“, bitte darum, mir in der U-Bahn einen freien Platz zu zeigen oder muss mich mit meiner Arbeitsplatzassistentin abstimmen, die mir Post und Akten vorliest.

Meine Eltern haben mich in dem Bewusstsein erzogen, dass es keine Form von Schwäche ist, um Hilfe zu bitten. Viele Dinge könnte ich durchaus allein, doch wenn mir eine freundliche Stimme an der Bordsteinkante anbietet, „Darf ich Sie rüberhelfen?“, lehne ich dies nicht ab, sondern nutze dies als Möglichkeit, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Sie berichten mir oft, dass sie von anderen behinderten Menschen abgewiesen wurden und inzwischen stark verunsichert sind, ob sie Hilfe anbieten sollen. Ich sehe mich in solchen Situationen als Mutmacherin und versuche zu erklären, dass es durchaus einen Unterschied macht, ob man mit der Behinderung geboren wurde und damit im Reinen ist, oder ob man sie erst später erworben hat und sich selbst etwas beweisen muss.

Ich muss mir nichts beweisen und ich finde es schlimm, wenn Blinde und Sehbehinderte z.B. in der Schule und im Studium auf Nachteilsausgleiche verzichten, da sie glauben, ihr Anderssein so überspielen und sich besser in eine Gruppe integrieren zu können. Ich habe dies nie getan, da ich meine, dass mir diese Hilfe zusteht und ich meine Blindheit ohnehin nicht verstecken kann.

Ich habe die mir in Schule und Studium angebotenen Hilfen stets gern angenommen und festgestellt, dass man viel Hilfe bekommen kann, wenn man andere nur darum bittet. Andere um Hilfe zu bitten, muss man aber auch erst lernen. Sich zu überwinden, hat viel mit Mut und dem eigenen Selbstwertgefühl zu tun. Man muss für sich selbst lernen, dass um Hilfe bitten nichts mit eigener Schwäche oder eigenem Minderwert zu tun hat.

In der Uni war es so, dass die Professoren aufgrund meiner Anwesenheit in der Vorlesung nicht mehr darauf hinwiesen, dass dieser oder jener Paragraph von den Studenten aufgeschlagen und gelesen werden sollte, sondern ihn für alle laut vorlasen. Dies ist beibehalten worden, obwohl ich gar nicht mehr da bin, da sich herausgestellt hat, dass dies für alle sinnvoll war.

Wenn ich gefragt werde, ob ich nicht richtig sehen können möchte, sage ich nein, da ich es mir nicht vorstellen kann, sehend zu sein. Die groben Umrisse und Farben, die ich erkenne, sind meine persönlichen 100 Prozent. Wie ein Mensch, der es nicht gewohnt ist, Hilfe anzunehmen, da er sie als Nichtbehinderter nicht einfordern musste, kann ich mir nicht vorstellen, nicht mehr unterwegs angesprochen zu werden und Hilfe angeboten zu bekommen. 

Zu Beginn meiner Tätigkeit habe ich mich gefragt, wie viel Hilflosigkeit oder Hilfsbedürftigkeit das Verhältnis zwischen Anwalt und Mandant verträgt. Darf man sich von seinem Mandanten etwas vorlesen lassen? Darf man sich von seinem Mandanten zum Gerichtssaal führen lassen? Ist es uncool, wenn der eigene Vater in der Kanzlei hilft?

Während ich mir am Anfang darum viele Sorgen gemacht habe, ist dies inzwischen alles Schnee von gestern. Ich lasse mich zwar nicht von Mandanten irgendwo mit dem Auto abholen und irgendwo mit hinnehmen, aber es ist überhaupt kein Problem, sich von einem Mandanten auch mal ein Schriftstück vorlesen zu lassen und wenn meine Assistentin Urlaub hat und nicht mit ins Gericht kommen kann, ist es inzwischen völlig normal, dass ich mich bei meinem Mandanten einhake, er mich an der Hand mit in den Gerichtssaal nimmt oder ich ihm vor der Verhandlung sage, dass ich ausnahmsweise allein bin und er sich auf dem Flur bei mir bemerkbar machen muss.

Ich könnte meine Tätigkeit als Rechtsanwältin nicht ausüben, wenn ich keine Arbeitsassistentin hätte, die mich auf Wegen begleitet, mit in die Gerichtsverhandlung kommt, mir Akten und Briefe vorliest oder mir Schriftstücke heraussucht, damit ich diese dann einscannen und mir vom Computer vorlesen lassen kann. 

Es gibt blinde und sehbehinderte Menschen, die möchten am liebsten auf Assistenz verzichten, doch ich versuche den Menschen immer mit auf den Weg zu geben, dass es im Berufsleben nicht darauf ankommt, was man selbst kann, sondern dass wir im Außenverhältnis daran gemessen werden, was wir schaffen. Wenn ich alles allein ohne die Hilfe meiner Assistentin machen wollte, würde dies zu viel Zeit in Anspruch nehmen und wäre nicht mehr effizient genug.

In meiner Tätigkeit fragen mich auch die Richter manchmal, was sie tun sollen, wenn sie nicht wissen, wie sie in bestimmten Situationen mit mir umgehen sollen. Meine Assistentin darf mir Dinge beschreiben, die sie sieht und damit mein fehlendes Sehen ersetzen. Das ist durchaus nicht für jeden selbstverständlich. So hat ein Richter gefragt: „Wie machen wir denn das jetzt mit Ihnen, Frau Pabst? Sie können doch nichts in Augenschein nehmen.“ Auf Deutsch „anschauen“. 

Ich erkläre dann, dass sich meine Assistentin die Bilder oder Videosequenzen anschaut und sie mir beschreibt. Das ist dann in Ordnung so. Einmal bat ich aber z.B. auch einen Richter, seine Hand anfassen zu dürfen, als er einen kleinen Gegenstand darunter verborgen hielt, um den Beteiligten vorzuführen, wie der eigene Mandant ein kleines technisches Bauteil aus einem Geschäft geschmuggelt haben könnte. 

Wenn meine Arbeitsassistentin im Urlaub ist, sind dies immer Tage voller Stress und Selbstbestätigung. Am Anfang wächst einem alles über den Kopf und wenn man es geschafft hat, allein von A nach B zu kommen, alles und jeden gefunden hat so wie geplant, dann sind es Augenblicke voller Glück. Im Gericht profitiere ich vor allem von den netten Wachtmeistern, die einen von A nach B mitnehmen, bei denen man sich einhaken kann und die sich freuen, mal eine nette Dame am Arm zu haben statt Gefangene in Handschellen. Alle sind hilfsbereit, aber da es so viele sind, sind sie dennoch fremd. Die Stimmen kann man sich nicht wirklich merken. 

Wer sich traut, um Hilfe zu bitten, der lässt sich stets auf ihm fremde Menschen ein, auch wenn diese einen vielleicht mehr kennen, als man ahnt, und gibt immer Vertrauensvorschuss. Wahrscheinlich gehört auch eine gewaltige Portion Optimismus dazu, als Pessimist wäre dies wohl schwieriger. Aber ich bin ein sehr optimistischer Mensch. 

Ich hatte in meiner Kanzlei den Fall einer blinden Frau, die einen anderen Passanten um Hilfe bat und von diesem in einen Park geführt wurde, wo sie ihn sexuell befriedigen sollte. Nimmt man diesen Fall, so ist die Leistung, die wir mit dem Aufbringen von Vertrauensvorschuss täglich erbringen, nicht hoch genug einzuschätzen. 

Aber Vertrauen muss man als blinder oder sehbehinderter Mensch nicht nur Fremden gegenüber aufbringen, sondern auch das Verhältnis zur Arbeitsplatzassistentin – der für mich neben Partner und Familie wichtigsten Hilfsperson überhaupt – ist nicht zu verachten. Die vielen Stunden täglich und die mitunter auch nicht zu vermeidenden intimen Dinge wie das Zeigen des Weges zum WC schaffen ein besonderes Verhältnis.

Wenn man auf Hilfe angewiesen ist, sollte man sich nicht den Ast absägen, auf dem man sitzt. Das bedeutet, man sollte sich mit seiner Assistentin gut stellen, darf sich aber auch nicht alles gefallen lassen. Ein bisschen ist es so wie in einer Beziehung zwischen Mann und Frau oder von mir aus auch gleichgeschlechtlichen Partnern. Die Hilfsbeziehung zur Assistentin ist mehr als eine bloße Beziehung unter Arbeitskollegen. Die blinde oder sehbehinderte Person muss stets das Gefühl haben, jede Hilfe fordern zu können und sich nicht zurücknehmen zu müssen. Sie darf nicht in eine Bittstellerposition geraten, da es nicht darauf ankommt, was die Assistenzperson leistet, sondern der Blinde oder Sehbehinderte allein im Außenverhältnis daran gemessen wird, was er – durch welche Hilfe auch immer – zu leisten in der Lage war.

Ich selbst hatte einmal eine Assistentin, die ich kündigen musste, weil sie mir vorschreiben wollte, wann was zu tun sei und darüber diskutierte, ob das Anfertigen dieser oder jener Kopie sinnvoll sei. Dass keine Missverständnisse aufkommen: Natürlich kann und soll man mit seiner Hilfsperson auch Dinge abstimmen, es handelt sich schließlich nicht um moderne Sklaverei, aber die von mir soeben beschriebene Situation war sehr zermürbend und musste zur Trennung führen, was sehr schwierig war. Es war etwa vergleichbar mit einer Beziehung, in der häusliche Gewalt herrscht. Diese Frauen können sich auch nur äußerst schlecht trennen, denn trotz der massiven Probleme ist ja nicht alles schlecht. Und man denkt ja auch immer, wo soll ich neue Hilfe herbekommen. 

Doch Hilfe gibt es eigentlich an allen Ecken und Enden, wenn man gelernt hat, freundlich darum zu bitten, eine gewährte Hilfe anzunehmen und sorgsam zu behandeln. Dann ist sowohl das eigene Helfen als auch das „Geholfen Bekommen“ eine schöne zwischenmenschliche Angelegenheit.

Zur Autorin

Pamela Pabst (geboren 1978) wurde als erste von Geburt an blinde Strafverteidigerin in Deutschland bei Gericht zugelassen. Das DVBS-Mitglied lebt und arbeitet in Berlin.

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Simon Kuhlmann: Humor ist, wenn man trotzdem fährt – Erlebnisse mit Ein-, Aus- und Umsteigehilfe

von Simon Kuhlmann

Dortmund. In der S-Bahn spricht mich ein junger Mann an: „Wo musst du raus?“ „Hauptbahnhof“, sage ich. „Dann helf ich dir.“ Normalerweise bräuchte ich keine Hilfe, aber in letzter Zeit kommt die S1 öfter abweichend auf Gleis 2 an, einem abseits gelegenen Gleis, von dem aus ich es schwierig finde, zur Treppe zu gelangen. Insofern ist es beruhigend zu wissen, dass jemand da ist, der helfen kann. Am Hauptbahnhof hilft mir der junge Mann beim Aussteigen aus der Bahn, die tatsächlich auf Gleis 2 gehalten hat. Dann aber sagt er schnell und recht leise: „Im Namen des Herrn und Jesus Christus mache ich, dass du wieder sehen kannst, sobald du diesen Bahnhof verlässt“ und lässt mich stehen.

Damit ich als merkwürdigerweise immer noch blinder Mensch nicht auf solche Mitreisenden angewiesen bin, organisiere ich vor Zugfahrten in der Regel eine Ein-, Aus- oder Umsteigehilfe entweder über die Mobilitätsservice-Zentrale (MSZ) oder bei der entsprechenden Bahnhofsmission. Die Hilfe funktioniert dann manchmal gut, manchmal überhaupt nicht und manchmal irgendwie. In jedem Fall liefert sie Stoff für diverse Anekdoten.

Köln Hauptbahnhof. Die angeforderte Umsteigehilfe kommt mal wieder nicht, weswegen ich meinen Anschlusszug verpasse. Ich lasse mich von einem Passanten zum Reisezentrum bringen, wo ich mich beschwere und frage, wann der nächste Regionalzug nach Dortmund fährt. „Erst in einer Stunde“, bekomme ich zur Antwort. „Das ist mir zu spät. Ich habe einen Termin“, sage ich. Darauf reagiert man mit Bedauern und will mich mit einem kostenlosen Kaffee vertrösten, den ich trinken könne, während ich warte. „Ich will keinen Kaffee. Ich will einen Zug“, erwidere ich unnachgiebig und erfahre, dass in Kürze sowohl ein IC als auch ein ICE einfahren, die in Dortmund halten. „Dann nehm ich eben einen von denen, aber ohne zu bezahlen.“ Und tatsächlich beordert man jemanden, der mich zum entsprechenden Bahnsteig führt und den Zugbegleiter des IC fragt, ob er bereit ist, mich kostenlos mitzunehmen. Er bejaht und ich kann einsteigen. Durch dieses Entgegenkommen erreiche ich Dortmund nur etwa eine halbe Stunde später als ursprünglich geplant und kann meinen Termin pünktlich wahrnehmen.

Nürnberg Hauptbahnhof. „Da kommt Ihr Zug“, sagt der Umsteigehelfer und will mich zum Gleis führen. Nun bin ich aber nur blind und nicht taub. Daher habe ich die vorausgegangene Lautsprecherdurchsage gehört und kann den Bahnbediensteten davon überzeugen, dass der Zug, der da kommt, noch nicht meiner ist.

Bei meiner Freundin zu Hause. Für die Rückfahrt von ihr habe ich über die MSZ eine Einstiegshilfe am Münchner Hauptbahnhof angefordert. Bei der Anforderung wird der Treffpunkt immer automatisch festgelegt. Im konkreten Fall ist es das Reisezentrum. Nun kenne ich mich aber im riesigen Münchner Hauptbahnhof nicht aus und weiß somit nicht, wo das Reisezentrum ist. Daher rufe ich einen Tag vor der Reise bei der zuständigen 3-S-Zentrale an und frage, ob man mich nicht an der U-Bahn abholen kann, mit der ich ankomme. Nein, das gehe nicht, heißt es, weil die U-Bahn kein Produkt der Deutschen Bahn sei. Aha, denke ich. Dann kann ich ja froh sein, dass man mich auf der Hinfahrt überhaupt anstandslos vom ICE zur U-Bahn gebracht hat.

München Hauptbahnhof. Auf Grund des soeben geschilderten Problems mit der 3-S-Zentrale habe ich die Bahnhofsmission beauftragt, mich an der U-Bahn in Empfang zu nehmen und zum ICE zu bringen, aber es kommt niemand. Nach fünf Minuten rufe ich bei der Bahnhofsmission an und frage nach. Die Umsteigehilfe müsse eigentlich schon da sein, sagt man mir und verspricht, sich zu kümmern. Nachdem ich weitere fünf Minuten vergeblich gewartet habe, kriege ich langsam Panik und rufe erneut an. Man wundert sich sehr darüber, dass mir noch immer nicht geholfen wurde. Kurz darauf kommt dann endlich eine Frau mit afrikanischem Akzent. Jetzt muss es schnell gehen, denn uns bleibt nicht mehr viel Zeit, und das Gleis, von dem mein ICE abfährt, ist gefühlte zehn Kilometer entfernt. Gott sei Dank fackelt die Afrikanerin nicht lang und rennt mit mir los. Drei Minuten später sitze ich völlig außer Atem im Zug, der sich kurz darauf in Bewegung setzt. Der von mir reservierte Platz befindet sich zwar in einem anderen Wagen, aber das ist jetzt zweitrangig.

Bei mir zu Hause. Ich bekomme eine Mail von der MSZ, in der steht, dass man die von mir angeforderte Umsteigehilfe in Köln leider nicht gewähren könne, da die dortige Mindestumsteigezeit von zehn Minuten unterschritten werde. Das Problem kenne ich. Mein Bruder hatte es während seiner Studentenzeit regelmäßig, weswegen er schließlich bei der Kölner 3-S-Zentrale eine Ausnahmeregelung speziell für sich durchsetzen konnte. Mittlerweile, so habe ich gehört, gibt es für das Problem aber eine allgemeingültige Lösung. Das schreibe ich in meine Antwort an die MSZ und siehe da, kurz darauf bekomme ich eine Verzichtserklärung zugemailt, durch die die Deutsche Bahn AG in Fällen, in denen die Mindestumsteigezeit unterschritten wird, von der Haftung „für ein Anschlussversäumnis und eine dadurch verspätete Ankunft am Zielort“ befreit wird. Um diese Verzichtserklärung zu akzeptieren, muss ich – wie überraschend unbürokratisch! – einfach auf die entsprechende Mail antworten und dabei den Erklärungstext unverändert lassen, was ich sogleich tue. Seitdem gibt es in der Tat beim Unterschreiten der Mindestumsteigezeit keine Diskussionen mehr mit der MSZ.

Köln Hauptbahnhof. Von hier aus möchte ich weiter nach Düren (Autokennzeichen DN). Das weiß auch der fröhliche Bahnmitarbeiter, der mich am Gleis in Empfang nimmt: „Du wills nach Doofnuss? Isch darf dat saren. Isch komm selbs da her.“

Essen Hauptbahnhof. Der Umsteigehelfer ist wohl froh, in mir einen Gleichgesinnten gefunden zu haben. Er sei auf Grund eines Unfalls auch schwerbehindert, erzählt er im Ruhrpottslang. Bis vor Kurzem habe er überhaupt nicht laufen können, mittlerweile gehe es wieder. Ich höre ihm geduldig zu und freue mich darüber, dass wir genug Zeit haben. So können wir meinen Zug locker erreichen, auch wenn wir in dem gemächlichen und im Zweifelsfall wohl kaum steigerungsfähigen Tempo weitergehen, das mein Begleiter vorgibt.

Marburg. Trotz der telefonischen Aussage, dass mir hier nicht geholfen werden könne, da andere sich überschneidende Aufträge vorlägen, spricht mich eine Bahnangestellte an und fragt, ob ich Hilfe brauche. „Sie dürfen mir nicht helfen“, bemerke ich scherzhaft, aber sie sagt, dass der Zug mit der behinderten Person, auf die sie warte, fünf Minuten Verspätung habe, weswegen sie mir gerne helfen könne. Daraufhin hake ich mich bei ihr ein und sie bringt mich durch den pladdernden Regen zu einem Taxi.

München Hauptbahnhof. Ein sehr junger Mann von der Bahnhofsmission nimmt mich am ICE in Empfang, um mich zur U-Bahn zu bringen. Ich sage ihm, dass er mich dort bitte ganz hinten einsteigen lassen soll. Darum hat mich meine Freundin gebeten. Er verspricht es, fragt aber auf dem Weg noch dreimal nach: „Sie wollen vorn einsteigen, hatten Sie gesagt?“, und dreimal korrigiere ich ihn geduldig: „Nein, hinten.“ Die U-Bahn kommt, ich steige ein und an der Zielstation kriege ich Schimpfe von meiner Freundin, weil ich ganz vorne eingestiegen bin.

Siegburg/Bonn. Meine Freundin hat hier Einstiegshilfe angefordert, die sie aber vor Ort absagt, da es sich ein Bekannter, der uns hergefahren hat, nicht nehmen lässt, sie mit mir zum Zug zu begleiten. Vorsichtshalber fragen wir im Reisezentrum nach, ob die Wagen in richtiger Reihenfolge fahren, was bejaht wird. Zwei Minuten später sind wir auf dem Bahnsteig und hören folgende Durchsage: „Bitte beachten Sie: Die Wagen verkehren heute in umgekehrter Reihung.“ Na toll, also doch! Wo ist denn dann Wagen 26, in dem meine Freundin einen Platz reserviert hat? In der Lautsprecherdurchsage, die noch mehrmals wiederholt wird, gibt man nur an, in welchen Abschnitten die Wagen der ersten Klasse halten. Dann – der Zug hat schon Einfahrt und wir wissen immer noch nicht, wo wir uns am besten hinstellen sollen – kommt eine Durchsage extra für uns, in der die Position des Wagens 26 angegeben wird. Das nenn ich mal Service!

Zum Autor

Der 1978 geborene Simon Kuhlmann machte sein Abitur 1999 integrativ am Conrad-von-Soest-Gymnasium in Soest und studierte im Anschluss Sonderpädagogik mit Musik auf Lehramt an der Universität Dortmund. Nach Erlangung des Ersten Staatsexamens orientierte er sich jedoch um und arbeitet heute als Verwaltungsfachangestellter. In seiner Freizeit widmet er sich der Musik und dem Schreiben und moderiert seit mehreren Jahren die Mailinglisten „Stimmgabel“ und „Poet“ bei www.blindzeln.org.

Bildbeschreibung: Auf dem Autorenfoto trägt Simon Kuhlmann einen senffarbenen Pullover mit schwarzem Kragen, der mit einem Reißverschluss geschlossen werden kann. Die dunkelbraunen, ansonsten kurz geschnittenen Haare fallen ihm fransig in die Stirn.

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Isabella Brawata: Ich bin viel weniger blind als Du!

von Isabella Brawata

„Blinde haben ein schreckliches Anspruchsdenken! Sie nutzen die Sehenden aus, nehmen keine Rücksicht und lassen sich stets von vorne bis hinten bedienen!“ Diese Aussage stammt nicht etwa von einem frustrierten Sehenden, sondern von selbst Betroffenen. Ich habe sogar mal die Meinung gehört, dass Blinde und Sehbehinderte, die keine Arbeit fänden, einfach nur zu faul zum Arbeiten seien und es sich mit Hartz 4 und Blindengeld gut gehen ließen. Ohne sehende Unterstützung seien blinde Eltern nicht in der Lage, Kinder großzuziehen, weil sie ihnen nicht bei den Hausaufgaben über die Schulter schauen könnten. Und überhaupt seien viele Blinde asozial, peinlich, ungepflegt und in Orten, wo zu viele Blinde wohnten, würden die Grundstückspreise sinken.

Diese Behauptungen, dem Sinne nach wiedergegeben, rühren nicht etwa von einem Menschen her, der sich aufgrund seines noch vorhandenen Sehrestes über Andere erhebt oder von einer Person, die neu erblindet ist und mit ihrer Identität noch zu kämpfen hat, sondern von einer geburtsblinden Person. Das ist sicherlich ein Extrem. Aber wenn es um Hilfebedarf geht, vergleicht man sich nicht nur mit Sehenden, sondern man misst sich mit Gleichbetroffenen und wird von ihnen beurteilt. Die Spannweite des Hilfebedarfs ist sehr groß, abhängig von Förderung, Persönlichkeitsfaktoren, Fähigkeiten und Zeitpunkt der Erblindung. Während einige Blinde Menüs zubereiten, die einem Sternekoch alle Ehre machen würden, lassen sich andere von Muttern das Essen kochen und in Portionen für jeden Tag einfrieren. Manche unternehmen ganz alleine Städtetouren in alle Welt, während andere sich auch noch nach dem hundertsten Besuch bei Freunden in deren Wohnung verlaufen. Die Frage, wann Hilfe angemessen ist und welche Tätigkeiten man selbst verrichten sollte, ist nicht leicht zu beantworten. Soll man sich im Restaurant das Fleisch schneiden lassen? Soll man eine Haushaltshilfe einstellen oder seine Wohnung selbst sauber halten? Soll man seine Post einscannen oder sie sich vorlesen lassen? Ist es richtig, wenn sehende Kinder für ihre blinden Eltern einkaufen gehen oder mit ihnen verreisen? Ist es gut, wenn die sehende Ehefrau ihren blinden Mann überall hinfährt? Wann nutzt man Kinder oder Ehepartner aus? Wann ist man bequem und wann hilfebedürftig?

Das Einfachste wäre natürlich, man würde den Standpunkt einnehmen, dass alle für sich selbst entscheiden mögen, wie viel Hilfe sie in welchen Bereichen benötigen. Doch das fällt schwer. Wir wetteifern miteinander, bemühen uns, bei anderen Blinden und Sehbehinderten den Eindruck zu erwecken, dass wir selbstständig und unabhängig durchs Leben gehen und gut gelaunt unserem Schicksal ins Auge blicken, auch wenn die Wirklichkeit bei so Manchem von uns ganz anders aussieht. Als ich noch Schülerin auf einer Regelschule war, hatte ich diesbezüglich ein tiefgreifendes Erlebnis. Eine blinde Mitschülerin schrieb in einem Zeitungsartikel, dass sie keine Freunde hätte und die Abende daher oft mit ihren Eltern verbrächte. Sie wurde von anderen blinden Mitschülern aufs Heftigste angegriffen, wie sie es wagen könnte, so etwas zu schreiben. Sei es, weil es ihnen nicht so erging und sie mit ihrer Mitschülerin nicht in einen Topf gesteckt werden wollten oder sei es, weil es ihnen ähnlich erging, sie ihre traurige Lage aber vor der Welt verbergen wollten. Erfolgreiche Blinde wie Sabriye Tenberken, die eine tibetanische Blindenschrift entwickelt hat und alleine nach Tibet gereist ist, um dort eine Blindenschule zu gründen oder die Bundesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen, Verena Bentele, mehrfache Goldmedaillengewinnerin bei den Paralympics, sind in der Szene nicht selten nicht allzu wohl gelitten. Hinter dieser Zurückweisung steckt die Angst, dass von einem selbst ähnliche „Wunder“ erwartet würden oder die nicht-eingestandene Scham, dass man selbst den ganz normalen Alltag bereits als Mühsal erlebt.

Man zieht, um sich aufzuwerten, des Öfteren über andere her: „Sie macht nichts daheim, obwohl sie den ganzen Tag daheim hockt!“ oder: „Wie kann man nur für jeden Weg ein Taxi nehmen!“ und auch: „Seine Kinder müssen dauernd für ihn springen! Er behandelt sie echt wie Sklaven!“

Es lohnt sich, sich einmal selbst zu hinterfragen, wie man selbst zur eigenen Hilfsbedürftigkeit steht und wie man mit der Hilfsbedürftigkeit Anderer umgeht. Doch es gibt auch viele positive Beispiele, vor allem in der Selbsthilfe. Einmal kam auf dem Gießener Bahnhof eine Frau auf mich zu und sprach mich an, dass sie auch kaum noch was sehen könne. Sie hat sich gefreut, eine andere blinde Person zu treffen, empfand unsere Sehbehinderung als verbindende Gemeinsamkeit. Auch in der Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe halten Betroffene zusammen. Viele engagieren sich leidenschaftlich, opfern Zeit und Energie, um anderen Betroffenen zu helfen. Sie erstellen Gebrauchsanleitungen oder Vergleichstests für Hilfsmittel, verfassen Ratgeber zu rechtlichen Themen wie Blindengeld oder Assistenz, organisieren Fortbildungen und Seminare, machen Ausflüge, singen, unternehmen Tandemtouren oder kochen gemeinsam. Viele Betroffene sehen es als eine Selbstverständlichkeit an, ihren „Leidensgenossen“ zur Seite zu stehen, sei es mit praktischen Tipps zur Bedienung des iPhones oder geben Trost, wenn sich das Sehen verschlechtert oder der Führhund gestorben ist.

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„Viele sehende Mitreisende lernen bekannte Ziele noch einmal ganz neu kennen“

Laura Kutter, eine der Gründerinnen des Reiseveranstalters „Tour de Sens“ im horus-Interview

horus: Frau Kutter, seit drei Jahren bieten Sie und Ihre Schwester unter dem Label „Tour de Sens“ Reisen für blinde, sehbehinderte und sehende Menschen an. Haben Sie schon vorher mit blinden und sehbehinderten Menschen gearbeitet? 

Laura Kutter: Ich war früher in der Tourismusbranche tätig. Wir haben blinde Bekannte, mit denen wir auch öfters verreist sind. Sie sagten uns, dass es in diesem Bereich zu wenige Reiseanbieter gäbe. Wenn wir uns selbständig machen wollten, dann sollten wir es doch in dieser Richtung versuchen. Das war der erste Anstoß für uns. In einem ersten Schritt haben meine Schwester und ich eine Wandergruppe blinder Menschen aus der Nähe von Stuttgart auf ihren Touren begleitet und viele Informationen darüber bekommen, worauf es beim Reisen mit blinden und sehbehinderten Menschen ankommt. 2011 haben wir uns dann selbständig gemacht und bieten unsere Reisen jetzt in der dritten Saison an. 

horus: Haben die sehenden Begleiter bereits Erfahrungen im Umgang mit Blinden oder Sehbehinderten oder ist es für viele die erste Begegnung? 

Kutter: Viele der sehenden Mitreisenden haben blinde Freunde oder Verwandte, aber für einen großen Teil ist es der erste Kontakt. Mit uns reist ein sehr gemischtes Publikum: Ein Großteil sind rüstige Rentnerinnen, die gerne reisen und noch etwas erleben wollen, aber auch viele junge Menschen in der Phase zwischen Studium und Beruf nehmen an unseren Reisen teil. 

horus: Wer als sehender Mensch eine „Tour de Sens“-Reise antritt, begleitet blinde und sehbehinderte Teilnehmende z.B. auf Wanderungen, bei Stadtrundgängen und anderen Unternehmungen. Wie bereiten sich die Begleiter auf ihre „Aufgabe“ während der Reise vor? 

Kutter: Jeder sehende Teilnehmer bekommt vorab einen Leitfaden von uns. Darin werden auch Augenerkrankungen erklärt und die verschiedenen Formen einer Gesichtsfeldeinschränkung erläutert. Dazu kommen Informationen zu Führtechniken und Erklärungen, wie man Blinden oder Sehbehinderten beschreiben kann, was zu sehen ist. Meist gibt es auch telefonischen Kontakt vor einer Reise. Vor Ort zeigen wir in einer Einführung dann noch einmal, wie eine blinde Person geführt werden kann. 

horus: Wie stark ist der „Hilfe-Gedanke“ bei den sehenden Begleitern vorhanden? 

Kutter: Ziel unseres Konzepts ist es nicht, Sehende als Betreuer bzw. Assistenz einzusetzen. Daher tritt der Hilfe-Gedanke während der Reise sehr schnell in den Hintergrund. Im Laufe der Urlaubstage spielt es eine immer geringere Rolle, ob die Teilnehmer blind oder sehend sind. Während sich die Begleiter anfangs meist noch fragen, wie er oder sie dem jeweiligen blinden „Partner“ helfen kann, entspannt sich das Verhältnis sehr schnell. Es entsteht innerhalb weniger Tage eine familiäre, freundschaftliche Stimmung. 

horus: Welches Feedback erhalten Sie von den sehenden Reisenden? 

Kutter: Nach der Reise erhält jeder der Teilnehmenden – mit oder ohne Seheinschränkung – einen Fragebogen. Das beste Feedback ist jedoch das Gespräch direkt vor Ort. Das Programm wird gut angenommen und als interessant empfunden. Viele der sehenden Mitreisenden kennen das jeweilige Reiseziel bereits, lernen dieses während einer Reise mit blinden und sehbehinderten Menschen noch einmal ganz neu kennen. Da viele Reisende „Wiederholungstäter“ sind, scheint unser Konzept gut anzukommen. Viele Sehende erklären, dass bei Gruppenreisen selten so schnell eine so gute Stimmung aufgekommen sei. Aus eigener Erfahrung als Reiseleiterin kann ich diesen Eindruck bestätigen: Bei rein sehenden Gruppen war es oft sehr still im Bus, bei unseren gemischten Gruppen wird sehr schnell miteinander kommuniziert. Leider können wir manchmal nicht alle Anmeldungen von blinden und sehbehinderten Interessenten berücksichtigen, da sich zu wenig Sehende angemeldet haben. Dieses Verhältnis verbessert sich jedoch zunehmend in letzter Zeit. 

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Albrecht Bode: Zweifelhaftes Hilfsangebot

von Albrecht Bode

Irgendwann in den 70er, 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts saß ich eines Mittags auf dem Heimweg von der Arbeit im Zug. Wie immer um diese Zeit war der Zug fast leer, nur ein paar Abteile weiter vorn beschäftigte sich anscheinend jemand intensiv mit seinem Kleingeld. Ich blätterte in den Punktschriftnotizen, die ich nachher zu Hause bearbeiten wollte, als mich eine Dame ansprach: Sie habe gesehen, dass ich blind sei, da möchte sie mir gern etwas Geld geben. Schon ihr Vater habe dem blinden Leierkastenmann immer geholfen, wenn der sonntags vorm Haus musizierte. Als ich dankend ablehnte mit dem Hinweis, dass ich einen recht gut bezahlten Beruf hätte, fragte sie interessiert, ob ich Stenotypist oder Telefonist sei. Der Einfachheit halber – denn ich war kurz vor meinem Zielbahnhof – zeigte ich ihr meinen Dienstausweis mit Passfoto und Dienstbezeichnung. Den musste damals jeder Bedienstete bei sich haben und auf Verlangen am Eingang zum Dienstgebäude vorzeigen wegen hoher Sicherheitsvorkehrungen infolge eines großen Strafprozesses. Die Dame sah sich meinen Ausweis genau an. Vor meinem inneren Auge sah ich ihr heftiges Kopfschütteln. Schließlich meinte sie, indem sie mir schnell den Ausweis zurückgab, das gehe doch gar nicht. Ich könne ja den Angeklagten und die Zeugen nicht sehen, aber da stand ich schon auf dem Bahnsteig und stellte ärgerlich über meine Nachlässigkeit fest, dass meine Notizen es vorgezogen hatten, die Reise ohne mich fortzusetzen. Andererseits freute ich mich allerdings auf den jetzt arbeitsfreien Nachmittag, zu dem mir das zweifelhafte Angebot der freundlichen Dame verholfen hatte.

Zum Autor

Albrecht Bode besuchte trotz einer Glaukom-Erkrankung im frühen Kindesalter mit einem winzigen Sehrest die heimische Grundschule und das dortige Gymnasium, wechselte aber für die Oberstufe zur blista. In jener Zeit trat er dann auch mit der ganzen Schulklasse dem VbG, heute DVBS bei. Nach dem Jurastudium in Frankfurt und Marburg arbeitete er als Richter am Amtsgericht und verbringt nun seinen Ruhestand im Taunus.

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Bildung und Forschung


Dr. Heinz Willi Bach: Blinde Menschen im Erwerbsleben (Teil II)

von Dr. Heinz Willi Bach 

Sieht es bei den (hochgradig) sehbehinderten Menschen besser aus als bei den Blinden, die in Teil 1 dieses Aufsatzes behandelt wurden? Und: Wie ist die Datenlage in Europa? 

Die Hauptergebnisse dieses Beitrages sagen aus: 

1. Hochgradig sehbehinderte Menschen sind in Deutschland mit weniger als 3.000 in deutlich geringerem Umfang berufstätig als blinde. 

2. Von den 413.400 sehbehinderten Personen, unter ihnen etwa 129.000 im Alter 15 – 64 Jahren, waren immerhin ca. 58.000 in Arbeit. 

3. Fast alle statistischen Befunde europäischer Staaten zur Erwerbstätigkeit sehbeeinträchtigter Menschen zeigen kein günstigeres Bild als die deutschen – sie sind auch nicht aussagefähiger.

In der horus-Ausgabe 3/2014 mussten wir feststellen: Die Zahl der blinden Menschen, die berufstätig sind, liegt zwischen ca. 6.500 und 12.500. Der wahrscheinlichste Wert liegt bei lediglich etwa 8.500. Dreimal so viele blinde Menschen (ca. 25.500) sind beruflich inaktiv, wie es heißt, also arbeitslos, Stille Reserve oder haben sich (resigniert) aus dem Erwerbsleben zurückgezogen. Da es zu dieser Frage keine Statistiken gibt, konnten die Größenordnungen nur durch methodisch anspruchsvolle und komplizierte Berechnungen ermittelt werden. Im Folgenden werden wir mit dem nämlichen methodischen Vorgehen (vgl. Bach H.W. in horus 3/2014) die Beschäftigungssituation von (hochgradig) sehbehinderten Menschen ermitteln. 

1. Wie viele hochgradig sehbehinderte Menschen sind erwerbstätig?

Das Statistische Bundesamt gibt die Zahl der schwerbehinderten Menschen, bei denen die hochgradige Sehbehinderung[1] die einzige oder schwerstwiegende Behinderung darstellt, zum Ende 2011 mit 49.792 an. Berücksichtigt man auch diejenigen, bei denen die Seheinschränkung die zweite oder dritte Behinderung darstellt, waren es 53.708 – 7,9 Prozent mehr. 

Eine alternative Methode besteht darin, die Zahl hochgradig sehbehinderter Personen zu bestimmen durch Hochrechnung der Zahl der Bezieher von Sehbehindertengeld der sechs Bundesländer, in denen ein solches gewährt wird. Dies sind Berlin, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Darunter befinden sich ein Stadtstaat, dicht und weniger dicht besiedelte, „alte“ und „neue“ Länder, so dass die Hochrechnung auf das Bundesgebiet anhand der Bevölkerungsanteile durch hinreichende Repräsentativität gerechtfertigt erscheint. Das Ergebnis – 52.710 – weicht um weniger als 1.000 Personen von den Angaben der amtlichen Statistik ab, so dass im Folgenden deren Ergebnis – 53.708 hochgradig sehbehinderte Personen – weiter verwendet wird.[2]

Von diesen befinden sich 11.051 Personen im Erwerbsalter (15 – 64 Jahre).[3] 

Hochgradig sehbehinderte Personen weisen regelmäßig einen Grad der Behinderung (GdB) von 100 auf. Laut dem ersten Teilhabebericht der Bundesregierung sind lediglich 26 Prozent der Menschen mit einem Grad der Behinderung (GdB) von 90 oder 100 tatsächlich beschäftigt (Männer 29, Frauen 23 Prozent)[4]. Wir erhalten als Anhaltspunkt für die Größenordnung der hochgradig sehbehinderten Menschen, die tatsächlich eine berufliche Tätigkeit ausüben, 2.873, also knapp 3.000. Diese geringe Zahl hat hauptsächlich zur Ursache, dass nahezu vier von fünf hochgradig sehbehinderten Personen 65 Jahre oder älter sind. Diesen etwa 3.000 berufstätigen hochgradig sehbehinderten Menschen stehen etwa 9.000 im Erwerbsalter gegenüber, die „beruflich inaktiv“ sind, seien sie arbeitslos, versteckt arbeitslos (Stille Reserve)[5] oder haben sie sich (resigniert) endgültig vom Arbeitsmarkt zurückgezogen. Die Erwerbsbeteiligung dieser Gruppe liegt bei 26 Prozent. Zum Vergleich: Die Erwerbsbeteiligung allgemein liegt bei 70 – 75 Prozent; lediglich 20 – 25 Prozent der Erwerbspersonen allgemein sind beruflich inaktiv. 

2. Wie viele sehbehinderte Menschen sind erwerbstätig?

Schwerbehinderte Personen, die nicht blind oder nicht hochgradig sehbehindert sind, aber mit bestmöglicher Korrektur (Brille, Kontaktlinse) lediglich einen Fernvisus von 0,3 aufweisen, werden von der amtlichen Schwerbehindertenstatistik als „sonstige Sehbehinderte“ abgegrenzt. 

Als einzige oder schwerstwiegende Behinderung zählten 225.865 Personen zu dieser Gruppe. Unter ihnen waren Ende 2011 70.464 im Erwerbsalter (15 – 64 Jahre). Die „Dunkelziffer“ (Sehbehinderung als zweit- oder drittschwerste Beeinträchtigung) liegt hier mit 83 Prozent vergleichsweise sehr hoch. Unter Berücksichtigung dieser „Dunkelziffer“ zählen 413.400 Personen zu den (sonstigen) sehbehinderten Menschen. Im Erwerbsalter (15 – 64 Jahre) befanden sich Ende 2011 128.949 Personen. 

Der GdB, der diesen Personen zuerkannt ist, liegt unter 100, aber zumindest bei 50. Für Betroffene mit GdB 50–80 ermittelt der 1. Teilhabebericht der Bundesregierung eine Erwerbsbeteiligung von 45 Prozent (Männer 44, Frauen 46 Prozent)[6]. Berufstätig waren demnach Ende 2011 58.027 (sonstige) sehbehinderte Menschen. Beruflich inaktiv waren 70.922 Personen, das sind 55 Prozent aller sehbehinderten Personen zwischen 15 und 64 Jahren. 

3. Die Befunde aus den Partnerländern der Europäischen Union zur Beschäftigung sehbeeinträchtigter Menschen sind ernüchternd

Interessant und aufschlussreich erscheint der Europavergleich, den der Verfasser hauptsächlich dem Bericht „The hidden Majority“ der Europäischen Blindenunion entnimmt, aber auch einer Untersuchung der Universität von Orléans und einem Aufsatz von Dino Capovilla. 

Schweden 

„Laut Daten des schwedischen nationalen Statistikamts geben 65.000 Personen in Schweden an, von irgendeiner Form der Sehbehinderung betroffen zu sein, die sich auf das tägliche Leben auswirkt; ca. 30.000 Personen gaben an, dass sich diese auf ihre Arbeitsfähigkeit auswirke. Davon waren 47 % in Beschäftigung und 10 % bei der staatlichen Arbeitsvermittlung als erwerbslos gemeldet. Die übrigen 43 % erhielten eine Invalidenrente und befanden sich nicht auf Arbeitsuche.“ (Reid/Simkiss 2013) Dies sind im europäischen Vergleich die weitaus besten Ergebnisse zur Beschäftigungssituation. Bei der Interpretation sind allerdings zwei Besonderheiten zu berücksichtigen:

1. Hier wird nicht nach Blindheit, hochgradiger und sonstiger Sehbehinderung unterschieden, das Kriterium ist die Auswirkung der Sehbeeinträchtigung auf die Arbeitsfähigkeit. Bei solcher Betrachtung stehen ebenfalls etwa 40 Prozent der „Sehbeeinträchtigten“ in Deutschland in Beschäftigung. 

2. Schweden verfügt über ein spezielles Instrument zur Verringerung der Langzeitarbeitslosigkeit, nämlich eine sechsmonatige Beschäftigungsgarantie (zumeist im öffentlichen Dienst) nach (jeweils) zweijähriger ununterbrochener Arbeitslosigkeit. 

Rumänien

„Die Zahl der gemeldeten behinderten Personen im erwerbsfähigen Alter lag in Rumänien bei 200.730. Davon hatten 36.500 eine Sehbehinderung und 3.155 waren erwerbstätig. Das bedeutet: 86 % der Sehbehinderten im erwerbsfähigen Alter waren ohne Arbeit.“

Niederlande

„Die staatliche Arbeitsvermittlung besaß keine Statistiken zur Zahl der Blinden und Sehbehinderten im erwerbsfähigen Alter oder zu deren Beschäftigungsstatus. Laut Schätzungen von Experten in diesem Bereich belief sich deren Zahl auf 60.000, von denen 15.000 einer bezahlten Beschäftigung nachgingen.“ (Reid/Simkiss 2013)

Frankreich

„In Frankreich wurden statistische Daten über Blinde und Sehbehinderte von staatlichen Stellen auf Ebene der französischen Departements und Gemeinden erhoben, doch die Ergebnisse der Beurteilung der Beeinträchtigungen wurden nicht veröffentlicht. Schätzungen einer NRO zufolge gibt es in Frankreich ca. 20.000 Blinde im erwerbsfähigen Alter, von denen ca. 7.000 erwerbstätig sind. Dieselbe NRO ging davon aus, dass 16 % der nicht erwerbstätigen Blinden und Sehbehinderten bei angemessener Unterstützung auf dem Arbeitsmarkt eine Beschäftigung finden könnten.“ (Reid/Simkiss 2013)

„Das Labor für Wirtschaftsforschung der Universität Orléans hat im Auftrag des Französischen Blinden- und Sehbehindertenverbands eine Erhebung zum Thema Beschäftigung und berufliche Integration Blinder und Sehbehinderter in Frankreich durchgeführt. Sie wurde im Dezember 2013 veröffentlicht und von Bruno Gendron, Master der Wirtschaftswissenschaften der Universität Orléans, verfasst. Er resümiert: Die berufliche Integration blinder und sehbehinderter Menschen stellt nach wie vor ein ernst zu nehmendes Problem dar, da die Arbeitslosenquote bei 50 % liegt (laut der Studie gehen nur 41 % einer Beschäftigung nach, 29 % sind arbeitsuchend und 17 % sind inaktiv), aber die Meisten haben den Wunsch zu arbeiten. Das im Februar 2005 verabschiedete Gesetz zur Chancengleichheit, Teilhabe und Staatsbürgerschaft behinderter Menschen hatte in Bezug auf die berufliche Integration Blinder und Sehbehinderter nicht die erhofften Auswirkungen. Dies zeigte sich besonders in der Wirtschaftskrise, da sie als Erste von Kürzungen auf dem Arbeitsmarkt betroffen waren.“

Polen

„Die Gesamtzahl der gesetzlich Blinden und Sehbehinderten zwischen 15 und 64 Jahren in Polen wurde auf 145.900 (0,5 % der Gesamtbevölkerung dieser Altersgruppe) geschätzt. Die Erwerbsquote betrug 18,9 %.“ (Reid/Simkiss 2013)

Österreich

„Das Bundesministerium für Arbeit besaß keine Statistiken darüber, wie viele Menschen im erwerbsfähigen Alter gesetzlich blind bzw. sehbehindert oder wie viele erwerbstätig/nicht erwerbstätig waren. Es konnte lediglich Auskunft darüber erteilen, wie viele gesetzlich Blinde im Quotensystem erfasst waren.“ (Reid/Simkiss 2013)

Italien 

Dino Capovilla beurteilt die fehlenden Beschäftigungschancen blinder und sehbehinderter Menschen nach der Erfahrung von 40 Jahren totaler schulischer Inklusion in Italien und die geringe Arbeitsmarktintegration in Südtirol trotz spezieller regionaler Inklusionsförderung dort äußerst kritisch. „Schon als gut ausgebildeter ‚Normalo‘ ist es schwierig, einen der Ausbildung entsprechenden Arbeitsplatz zu finden, als gut ausgebildeter behinderter Arbeitsuchender kaum möglich und als behinderter Mensch ohne Schulabschluss unmöglich.“ (weitere Einzelheiten bei Capovilla, D. in horus 3/14)

Türkei

Im „Population and Housing Census“ 2011 weist die Türkei die Zahl blinder Menschen mit 1,039 Mio., das sind 1,4 % der Bevölkerung („can not see at all“), und die Zahl der sehbehinderten mit 5,640 Mio., das sind 7,6 Prozent der Bevölkerung („some“), aus. Die Ergebnisse sind nach Provinzen differenziert und streuen z.T. stark. Darüber hinaus findet man dort eine Statistik der blinden Menschen nach Geschlecht und Altersklassen differenziert. Älter als 74 Jahre sind 11,6 %, 26 % sind 60 Jahre oder älter. Es zeigen sich deutliche Genderunterschiede. (vgl. Population and Housing Census 2011, S. 90, 116)

Bei der Interpretation der durchwegs ernüchternden Befunde in Europa ist zu berücksichtigen, dass in den Ländern durchaus unterschiedliche Blindheitsdefinitionen Anwendung finden. 

Literatur: Detaillierte Literaturangaben werden im Anschluss an den dritten Teil des Beitrages in der nächsten horus-Ausgabe veröffentlicht. 

Zum Autor

Dr. Heinz Willi Bach ist zweiter Vorsitzender des DVBS. Der Diplom-Volkswirt war viele Jahre Dozent an der Fachhochschule des Bundes in Mannheim und vertrat die Fachgebiete Volkswirtschaftslehre, Arbeitsmarktpolitik und Arbeitsvermittlung. Zuvor war er zehn Jahre in der Praxis der öffentlichen Arbeitsvermittlung tätig. 2009 wurde er wissenschaftlicher Oberrat beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Anschließend führte er an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit ein zweijähriges empirisches Forschungsprojekt durch. Dr. Bach gehörte dem Wissenschaftlichen Beirat beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales an, der die Gestaltung des Teilhabeberichts der Bundesregierung wissenschaftlich begleitete. Derzeit ist er beratend an der „Vorstudie für eine Repräsentativ-Befragung zur Teilhabe von Menschen mit Behinderungen“ beteiligt. Er nahm ca. zwölf Jahre die Aufgabe der Vertretung der schwerbehinderten Beschäftigten und Studierenden an der Hochschule wahr.

Bildbeschreibung: Das Autorenfoto zeigt Dr. Heinz Willi Bach. Er blickt lächelnd in die Kamera. Zum grauen Strickpullover trägt er ein rot-weiß-kariertes Hemd. Die braunen Haare trägt er nach rechts gescheitelt, der gestutzte Oberlippen- und Kinnbart ist grau. Die Gläser seines goldenen Brillengestells sind oval.


[1] Für die Definition der Begriffe „Blindheit“ und „hochgradige Sehbehinderung“ gelten die Ausführungen der Versorgungsmedizin-Verordnung in der jeweils gültigen Fassung, derzeit 01.01.2009. Die „Versorgungsmedizinischen Grundsätze“ sind in der Anlage zu § 2 der Verordnung enthalten. Die Versorgungsmedizin-Verordnung steht beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales als Download zur Verfügung.

[2] In sechs Bundesländern finden sich 22.818 Bezieher von Sehbehindertengeld. 

In diesen sechs Bundesländern leben 34.854.629 Menschen. Das sind 43,3 Prozent aller Einwohner Deutschlands. Auf das Bundesgebiet hochgerechnet, ergibt sich also die Zahl der hochgradig sehbehinderten Menschen nach dieser Methode mit 52.710 hochpotenzieller Empfänger von Sehbehindertengeld. Zu den Einzelheiten siehe die Tabelle bei Fußnote. 2 in der Internetfassung dieses Aufsatzes.

[3] Da lediglich bei der Zahl der hochgradig Sehbehinderten als erste oder schwerste Behinderung (10.929) nach Alter unterschieden worden ist, ist diese Zahl um die „Dunkelziffer“ von 7,9 Prozent erhöht worden. 

[4] Tab. 4-26 des „Teilhabeberichtes der Bundesregierung“ 2013

[5] Tab. 4-26 des „Teilhabeberichtes der Bundesregierung“ 2013

[6] Stille Reserve ist in der Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik der Ausdruck für Menschen, die potenziell arbeitsbereit sind, aber z.B. angesichts der aktuellen Lage auf den Arbeitsmärkten derzeit keine Chancen für sich sehen, bei besseren Berufschancen aber durchaus ein Arbeitsangebot abgeben. Im anglo-amerikanischen Raum spricht man von „hidden unemployment“.

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Rudi Ullrich: IT-Ausbildung in ständigem Wandel

von Rudi Ullrich

Neu an der blista: Zweijährige Ausbildung und Wohnmöglichkeit 

Im Arbeitsfeld der beruflichen Rehabilitation gehören Veränderung und Anpassung an neue Gegebenheiten zum Alltag und für den IT-Bereich gilt das wegen der fortlaufenden Weiterentwicklungen in ganz besonderem Maße. Begann die blista vor knapp 30 Jahren mit einer Ausbildung zum Datenverarbeitungskaufmann (DVK), so wird heute in den Berufsfeldern Informatikkauffrau, -kaufmann und Fachinformatiker/in für Anwendungsentwicklung erfolgreich qualifiziert und auf die Integration in die Berufs- und Arbeitswelt vorbereitet. Und ging es früher auch ziemlich lange ohne Qualitäts- und Leistungshandbücher, Zertifizierungen und Audits, so ist aus der blista, dem Ausbildungsbetrieb, heute eine nach Akkreditierungs- und Zulassungsverordnung Arbeitsförderung (AZAV) zertifizierte und vergleichbare Einrichtung nach § 35 des SGB IX geworden, vergleichbar mit anderen besonderen Einrichtungen der beruflichen Rehabilitation, wie es Berufsbildungs- und Berufsförderungswerke sind.

Ab sofort auch zweijährige Ausbildung 

„Wir sind froh, dass wir – neben dem Angebot der dreijährigen Erstausbildung bzw. Ersteingliederung – zum 1. Juli 2014 erstmalig auch ein Angebot präsentieren können für die Personen, die in der Regel schon eine Berufsausbildung absolviert haben und die sich beruflich umorientieren wollen oder müssen“, sagt Jürgen Nagel, Leiter der Rehabilitationseinrichtung für Blinde und Sehbehinderte (RES), zu der die IT-Ausbildung gehört. 24 Monate dauert diese Ausbildung zur Informatikkauffrau und zur Fachinformatiker/in für die erwachsenen Teilnehmer mit der entsprechenden Vita. „War es am Anfang nur ein einzelner Interessent, für den wir uns auf die Suche nach einer Lösung begeben haben, so sind es mittlerweile fünf Personen, die das neue Angebot der Wiedereingliederung ab dem 1. Juli im Betrieb am Marbacher Weg 18 in Anspruch nehmen. Wir waren sehr gut beraten, nicht nach einer Einzelfalllösung zu suchen, sondern eine grundsätzliche Klärung mit Perspektive anzustreben. Dass auf diese Weise gleich eine komplett neue Ausbildungsgruppe entsteht, haben wir uns vor einigen Monaten noch nicht vorstellen können“, unterstreicht Nagel die grundlegende Bedeutung dieser Entscheidung.

Neu: Wohnmöglichkeit während der Erstausbildung

Neu ist es auch, dass ab sofort die Möglichkeit besteht, im Rahmen der dreijährigen Ausbildung eine vom Kostenträger finanzierte Wohnmöglichkeit in Anspruch zu nehmen, wenn der persönliche Bedarf es erfordert, um das Ziel der beruflichen Integration zu erreichen. Dies muss in jedem Einzelfall beantragt und geprüft werden. „Unser Wohnangebot für die Azubis ist durchaus vergleichbar mit dem Konzept einer ‚Selbstständigen Wohngruppe‘, wie es sie für volljährige Schülerinnen und Schüler der blista seit mehr als 35 Jahren gibt“, sagt Nagel. „Die Bewohnerinnen und Bewohner organisieren ihren Alltag – soweit sie es können und wollen – selbstständig, werden aber nach Bedarf sozialpädagogisch unterstützt und begleitet.“ Nagel hält das für eine sinnvolle Weiterentwicklung des Gesamtangebotes für all die Teilnehmer, die ein gewisses Maß an Unterstützung für den Ausbildungszeitraum benötigen und wünschen, um das Ziel „erfolgreicher Abschluss der IHK Abschlussprüfung und berufliche Integration in den ersten Arbeitsmarkt“ zu erreichen. Dieses Angebot gilt im Moment nur für die dreijährige Ausbildung. An einer Wohngruppenlösung für die Teilnehmer der zweijährigen Ausbildung wird noch gearbeitet. „Wir sind optimistisch, dass wir auch hier im Sinne der Auszubildenden eine gute Lösung finden werden“, zeigt sich Nagel zuversichtlich.

Sein Dank gilt dem Ausbilderteam für sein großes Engagement und die hohe Bereitschaft, sich neuen Anforderungen zu stellen, der Internatsleitung für die reibungslose und gelungene Kooperation und dem Kostenträger, der Agentur für Arbeit, vertreten durch das Regionale Einkaufszentrum Südwest, für die vertrauensvolle und zügige Zusammenarbeit. „Wir sind sicher, mit den neuen Angeboten die Chancen für die berufliche Integration weiter verbessern zu können. Das war nur möglich, weil alle an einem Strang gezogen haben“, so Nagel.

Bildbeschreibung: Auf dem beigefügten Foto sind zwei Teilnehmer der IT-Ausbildung zu sehen. Die beiden jungen Männer arbeiten mit Tastatur und Braillezeile am Computer. Auf dem Monitor ist der Ausschnitt eines HTML-Programms zu sehen, an dem die beiden gerade arbeiten. Der Teilnehmer im Vordergrund des Bildes hat die Finger der linken Hand auf die Tastatur gelegt, die rechte Hand bedient die Maus. Er trägt eine randlose Brille und ein dunkelblaues Sweatshirt. Der zweite junge Mann hat den Zeigefinger der rechten Hand auf der Braillezeile und beugt sich zu seinem Nachbarn. Er trägt ein orangefarbenes Sweatshirt, beide lächeln. Foto: blista/Dr. Imke Troltenier

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Atilla Peken: Grünes Licht für blaues Wunder

von Atilla Peken

Was ist ein Achromat? Ein künstlicher Aromastoff? Ein Außerirdischer? Oder der neueste Prototyp aus dem Bereich der Roboterforschung…?

Fehlanzeige! Ein Achromat ist ein Mensch, der an Achromatopsie leidet, einer sehr seltenen Augenerkrankung, die sich durch folgende Symptome bemerkbar macht:

  • völlige Farbenblindheit

  • sehr starke Lichtempfindlichkeit

  • Sehkraft um 10 Prozent

  • Augenzittern

 

Dementsprechend gibt es folgende Hilfsmittel:

  • elektronische Farberkennungsgeräte

  • Kontrast verstärkende Kantenfiltergläser mit Polarisationseffekt

  • Lupen für den Nahbereich 

  • Monokulare für die Ferne

 

Die Krankheit ist angeboren, wird autosomal-rezessiv vererbt, was bedeutet, dass die defekte Erbinformation von beiden Elternteilen übernommen wird, und betrifft den Augenhintergrund, die Netzhaut. Hier, wo es zwei Arten von Sehzellen gibt, nämlich Stäbchen und Zapfen, funktionieren bei einem Achromaten ausschließlich die Stäbchen, die hauptsächlich in der Peripherie angeordnet sind und das Sehen bei Dämmerung ermöglichen. Sie leiten keine Farbreize weiter und sind auch nicht für scharfes Sehen angelegt. 

Im Zentrum der Netzhaut, dort wo auch der Punkt des schärfsten Sehens liegt, der sogenannte gelbe Fleck, befinden sich die Zapfen, die das Farbensehen ermöglichen. Bei einem Achromaten sind sie zwar vorhanden, leiten aber die ankommenden Lichtreize nicht als Farbinformation an das Gehirn weiter.

Nicht der fehlende Farbsinn, sondern die ausgesprochen starke Lichtempfindlichkeit ist es, die den Betroffenen im Alltag die meisten Probleme bereitet. Sie ist verantwortlich dafür, dass schon bei normalem Tageslicht, ohne starke Sonneneinstrahlung, der ohnehin geringe Sehrest kaum noch genutzt werden kann. Vereinfacht gesagt: Je heller es wird, desto weniger sieht der Farbenblinde. Eine gute Umschreibung, die allerdings nicht wissenschaftlich anerkannt ist, wäre „Tagblindheit“. So wird der Achromat auch im geschützten Umfeld von Sehbehinderteneinrichtungen schnell zum „Exoten“, zumal er sich ausgesprochen gut orientieren kann und bei Dämmerung kaum anders agiert als ein Sehender. 

Auch die Bezeichnung Farbenblindheit sorgt für Irritation, da in der Bevölkerung die relativ weit verbreitete Rot-Grün-Schwäche mit diesem Begriff belegt ist. Selbst heute noch wird in der medizinischen Literatur nicht immer exakt zwischen diesen beiden Phänomenen unterschieden. Siehe beispielsweise Klassifizierung von Krankheiten nach dem ICD-Diagnoseschlüssel. Der Achromat ist wirklich farbenblind. Er kann zwar auswendig lernen, dass Zitronen gelb sind und Tomaten rot; empfinden aber kann er es nicht. 

Statistisch gesehen gibt es unter 30.000 Menschen einen Betroffenen, was für Deutschland nur etwa 3.000 Achromaten bedeutet. So war in der Vergangenheit die Erkrankung selbst Fachleuten fremd, und noch vor wenigen Jahren erhielten Farbenblinde abenteuerliche Phantasie-Diagnosen, wie beispielsweise „Lidschwäche“, womit wohl gemeint war, dass der Erkrankte zum Schutz vor dem einfallenden Licht die Augen stets halb geschlossen hielt. Diese Unwissenheit, auch unter Experten, wie Augenärzten, Optikern und Sonderschulpädagogen, war sicher auch ein Grund dafür, dass Farbenblinde häufig nur unzureichend mit Hilfsmitteln ausgestattet waren. So nützt ihnen beispielsweise eine braun getönte Sonnenbrille gar nichts. Die geringe Sehkraft, die sich, wie bereits erwähnt, um die zehn Prozent bewegt, kann durch angemessene Brillen nicht verbessert werden, da diese keinen Einfluss auf die Ursache der Erkrankung nehmen, sie reparieren nicht die funktionsuntüchtigen Sehzellen im Zentrum der Netzhaut. Es hält sich jedoch hartnäckig die Ansicht, jede Form schlechten Sehens könne durch entsprechende Gläser ausgeglichen werden. „Kauf dir doch mal eine Brille!“, ist auch heute noch ein beliebter Standardspruch.

Eltern, deren Kinder in einem gewissen Alter noch Schwierigkeiten mit der Farberkennung haben, werden panisch. Zu Recht. Aber hier wird dann fälschlicherweise schnell von einer kognitiven Schwäche ausgegangen, da das Kleinkind ansonsten ja zu sehen scheint.

Kam ein Achromat nicht zufällig selbst dahinter, was ihm im Alltag helfen konnte, so fristete er wahrscheinlich ein Dasein als isolierter Einzelgänger. Schon in frühester Kindheit mied er das Licht, hielt sich am liebsten in dunklen Räumen auf und blieb zeitlebens für bestimmte Lebensbereiche untauglich, da er in einer Welt, die ausschließlich visuell und farblich geprägt, war nicht zurechtkam. Er zeigte also Merkmale, die nicht gerade hilfreich waren, um soziale Kontakte zu knüpfen. Bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wird das wahrscheinlich für die meisten Betroffenen in Deutschland so geblieben sein, bis ein verbessertes Schulsystem und umfangreichere Aufklärung ihre Lage etwas erträglicher machten. 

Im Zuge der interaktiven Vernetzung hat sich die Situation in den vergangenen 15 Jahren deutlich verbessert. Achromaten und deren Angehörige fanden über das Internet zueinander und tauschten wichtige Informationen aus. So wird man heute kaum noch einen Optiker finden, der nicht weiß, was eine polarisierende Kantenfilterbrille ist und Augenärzte in ganz Deutschland können mit dem Begriff „Achromatopsie“ oder „Achromasie“, wie die Krankheit in der Augenheilkunde auch genannt wird, etwas anfangen.

Der größte Fortschritt dürfte aber darin bestehen, dass jetzt die richtige Diagnose schon sehr früh gestellt werden kann, so dass wertvolle Zeit nicht durch Verharmlosen und Hoffen auf Wunder vergeudet wird. Und die Diagnose ist sicher, denn sie ist nicht mehr länger ein Verdacht, der sich aus den Symptomen herleitet. Seit Anfang 2000 etwa sind nämlich einige der Gene bekannt, die Achromatopsie verursachen. Eine Blutuntersuchung bringt hier Gewissheit.   

Im Juli 2005 gründeten Eltern betroffener Kinder den Verein „Achromatopsie Selbsthilfe e.V.“. Dessen Vorsitzender, Dr. med. Olav Hagemann, ist selbst Vater eines Jungen, der an Achromatopsie leidet. Nils Hagemann ist elf Jahre alt und besucht die fünfte Klasse eines Regel-Gymnasiums. Schon seine Grundschulzeit hat er an einer normalen Schule absolviert. Neben Lupe und Monokular nutzt er ein Notebook mit angeschlossener Kamera, das ihm als Bildschirm- und Tafellesegerät dient. Der Umgang mit den verschieden stark getönten Kantenfilter-Brillen ist ihm bereits als kleinem Jungen in Fleisch und Blut übergegangen. Als Nils‘ Eltern die Diagnose ihres jüngsten Sohnes erhielten, zogen sie sich nicht zurück, sondern suchten gezielt die Öffentlichkeit. In diesem Zusammenhang kam es zu mehreren Berichten in verschiedenen Medien. Ihnen und den anderen Eltern, welche die ersten Jahre des Vereins begleitet haben, ist es zu verdanken, dass das Krankheitsbild Achromatopsie nun immer mehr an Bekanntheit gewinnt. Wissenschaftlich betreut wird der Verein von Dr. Barbara Käsmann von der Universitäts-Augenklinik des Saarlandes, von Prof. Dr. rer. nat. Bernd Wissinger und Dr. rer. nat. Susanne Kohl vom Molekulargenetischen Labor der Universitäts-Augenklinik Tübingen.

„Und Heilung?“ Das wird der erste Gedanke gewesen sein, der Anja und Olav Hagemann durch den Kopf schoss, als sie von der Krankheit ihres Sohnes erfuhren. „Kann man nichts dagegen tun?“ „Nein!“, hieß es ganz klar von Seiten der Medizin. Und auch die anderen Eltern mussten sich mit dieser knappen, aber ehrlichen Antwort abfinden. Jedem, der in Biologie aufgepasst hatte, muss klar gewesen sein: Wenn überhaupt, könnte nur die Gentechnik einmal Hilfe bringen. Und so wird die nächste Frage gelautet haben: „Und irgendwann vielleicht?“ Die Antwort war Achselzucken und Kopfschütteln. Das lag in weiter Ferne!

Und nun? Mitte 2014…? Gerade einmal 15 Jahre sind vergangen, seitdem Frau Dr. Kohl, in ihrer Doktorarbeit, „Wenn auch bei Tag alle Katzen grau sind“, erstmals Mutationen auf dem CNGA3 Chromosom für die Achromatopsie verantwortlich machen konnte. Auch an der Identifizierung von Mutationen an den anderen wichtigen Achromatopsie-Genen, CNGB3, GNAT2 und PDE6C, war sie, zusammen mit Prof. Wissinger, maßgeblich beteiligt. Die Wissenschaftler selbst staunen, angesichts der rasanten Entwicklung, welche die Genforschung in den letzten zehn Jahren gemacht hat. 

Fest steht, dass Forscher des Departments für Augenheilkunde der Universität Tübingen und der Ludwig-Maximilians-Universität München derzeit einen Antrag auf  Zulassung zur Anwendung der Gentherapie bei Achromatopsie stellen. 

Während die deutschen Forscher sich auf das CNGA3-Gen konzentrieren, das bei etwa 25 % der Erkrankten zur Farbenblindheit führt, wird in London und  Philadelphia an den anderen genetischen Unterformen der Erkrankung gearbeitet.

Anfang 2015 könnte es so weit sein: Wenn das Paul-Ehrlich-Institut, die deutsche Zulassungsbehörde für Arzneimittel, grünes Licht gibt, wird, an drei mal drei Patienten, der individuell hergestellte Gen-Cocktail, in verschieden hoher Wirkstoff-Konzentration, erprobt.

Das Auge ist ein geschlossenes System und daher prädestiniert für die Anwendung der neuen Technologie, bei der die natürliche Erbinformation für das fehlende oder defekte Gen mit Hilfe unschädlicher Virenhüllen in ihre Zielzellen , in die Zapfen, im Zentrum der Netzhaut eingeschleust werden. 

Hier soll sie auch nachhaltig wirken, indem sie dauerhaft die Herstellung des normalen Proteins gewährleistet. Bei Tierversuchen, an Mäusen und Hunden hat das nachweislich funktioniert. Ob dies auch beim Menschen der Fall sein wird, kann sich frühestens im Verlauf des nächsten Jahres herausstellen. Wird es ein „Blaues Wunder“ geben?

Weitere Informationen gibt es auf der Internetseite des Vereins „Achromatopsie Selbsthilfe e. V.“: www.achromatopsie.de

Anfragen über die Tübinger/Münchner Studie: „Gentherapie bei Achromatopsie“ kann man an folgende E-Mail-Adresse richten: rd-cure@med.uni-tuebingen.de

Zum Autor

Atilla Peken besuchte von 1982 bis 1987 die blista. Danach studierte er zunächst drei Semester Germanistik und Geschichte an der Philipps-Universität Marburg, bevor er an die Fachhochschule für Bibliotheks- und Dokumentationswesen in Köln wechselte, mit dem Ziel, Bibliotheksinspektor an einer wissenschaftlichen Bibliothek des Landes Nordrhein-Westfalen zu werden. Als sich gegen Ende der Ausbildung abzeichnete, dass seine Sehbehinderung zu gravierend war, um eine angestrebte Planstelle zu erhalten, schlug er den Vorschlag des Landes aus, in den gehobenen Verwaltungsdienst zu wechseln und begann 1991 eine Umschulung zum Masseur in Düren und Mainz. Seit 1993 arbeitet er in diesem Beruf, in einem Remscheider Krankenhaus. Er leidet selbst an Achromatopsie und hat die in seinem Bericht geschilderten „Irrfahrten“ hautnah miterlebt. Vor fünf Jahren wurde er Mitglied im Verein „Achromatopsie Selbsthilfe e.V.“ und erfuhr vor zwei Jahren erstmals von der Studie zu diesem Thema, an der Universitäts-Augenklinik Tübingen. Er ist mit einer Sehbehinderten verheiratet, die an Albinismus leidet und hat zwei erwachsene Kinder, die keinerlei Seheinschränkung besitzen.

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Recht


Andreas Carstens: EGovG in Sachsen als Vorbild zur Barrierefreiheit

von Andreas Carstens

Die Welt wird immer digitaler. Zukünftig soll es möglich werden, mit allen Behörden auch elektronisch zu kommunizieren, von der Antragstellung über das Einreichen von Nachweisen und Belegen bis zur Bescheiderteilung. Hierzu hat der Bundestag bereits im letzten Jahr das E-Government-Gesetz (EGovG) des Bundes verabschiedet. Es enthält in § 16 EGovG eine eigene Regelung zur Barrierefreiheit des E-Government, die allerdings mehr als unzureichend ist. Deshalb hat der Bundesrat schon bei der Verabschiedung des Gesetzes gefordert, das Gesetz in Sachen Barrierefreiheit so bald als möglich nachzubessern (BR-Drs. 356/13). 

Inzwischen gibt es auch in etlichen Bundesländern Bestrebungen, eigene Landesgesetze zum E-Government zu erlassen. Im Gesetzgebungsverfahren für ein Sächsisches E-Government-Gesetz, das im August dieses Jahres in Kraft getreten ist, wurde der DVBS e.V. angehört. Das Gesetz ist hinsichtlich der Barrierefreiheit deutlich besser als das Bundesgesetz und enthält hierzu zwei Regelungen, die als beispielgebend angesehen werden können. Zum einen gibt es in § 7 SächsEGovG eine klare und eindeutige Regelung, die zur Barrierefreiheit des E-Government verpflichtet. Sie lautet: „Die staatlichen Behörden und die Träger der Selbstverwaltung gestalten die elektronische Kommunikation und elektronische Dokumente schrittweise so, dass sie auch von Menschen mit Behinderungen grundsätzlich uneingeschränkt und barrierefrei … genutzt werden können.“ Zum anderen enthält § 12 Abs. 6 SächsEGovG eine Regelung zur Barrierefreiheit elektronischer Akten. Die Vorschrift lautet: „Verfahren zur elektronischen Vorgangsbearbeitung und Aktenführung sind technisch so zu gestalten, dass sie auch von Menschen mit Behinderungen grundsätzlich uneingeschränkt genutzt werden können.“ Hierdurch soll gewährleistet werden, dass Barrierefreiheit nicht nur im Außenverhältnis zwischen Verwaltung und Bürger, sondern auch im Innenverhältnis zu den Beschäftigten hergestellt wird (Die Vorschriften sind abrufbar im kostenlosen Gesetzesportal des Landes Sachsen unter: www.revosax.sachsen.de).

Das Beispiel Sachsen zeigt, dass sich Engagement lohnt. Ohne diesen Einsatz besteht die Gefahr, dass die schlechte Regelung im EGovG des Bundes unverändert in die E-Government-Gesetze der Länder übernommen wird. Mit dem entsprechenden Engagement besteht – wie das Beispiel Sachsen zeigt – die Chance, in den Ländern zu einer deutlich besseren Regelung zu kommen, die dann wiederum für eine Änderung des EGovG des Bundes als Vorbild dienen könnte. Es ist daher wichtig, jetzt in jedem einzelnen Bundesland zu klären, wie weit die Vorbereitungen für ein Landes-E-Government-Gesetz sind und sich für die Aufnahme entsprechender Regelungen zur Barrierefreiheit in die Gesetzentwürfe einzusetzen. Das Engagement vor Ort wird der DVBS e.V. auch weiterhin unterstützen.

Zum Autor

Andreas Carstens ist Richter am Finanzgericht Niedersachsen, Vertrauensperson der schwerbehinderten Richterinnen und Richter und Mitglied der Fachgruppe Jura im DVBS.

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Dorothea Schönemann-Koschnick: Das BGG in der Diskussion

von Dorothea Schönemann-Koschnick

Im Jahr 2002 trat das Bundesbehindertengleichstellungsgesetz (kurz: BGG) in Kraft. Zusammen mit dem 2006 verabschiedeten Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) regelt es u. a. Ansprüche behinderter Menschen im Hinblick auf Barrierefreiheit. Während das BGG sich auf das Verhältnis zwischen Bundesbehörden und behinderten Menschen konzentriert, gibt das AGG Handhaben gegen Diskriminierung auf dem Gebiet des Privatrechts. Im Anschluss an das BGG haben auch die Bundesländer eigene Behindertengleichstellungsgesetze erlassen, die aber nicht in allen Punkten mit dem BGG übereinstimmen. Insbesondere fehlt häufig die Einbeziehung der Kommunen.

Nach jetzt mehr als zehn Jahren seit Inkrafttreten des BGG war es Zeit, dessen Auswirkungen zu evaluieren. Dazu liegt seit Kurzem ein umfangreicher Bericht von Prof. Felix Welti von der Universität Kassel vor, der mit dieser Aufgabe betraut wurde. Der Bericht ist als PDF-Datei inzwischen auf der Homepage des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) veröffentlicht und soll auch in leichter Sprache und in Gebärdensprache erscheinen. Um über die Ergebnisse des Gutachtens von Welti zu diskutieren, fand am 16. September d. J. eine Veranstaltung im BMAS statt, an der ich für den DVBS teilnehmen konnte. 

In ihrer Begrüßung erklärte die zuständige Staatssekretärin, Gabriele Lösekrug-Möller, dass das BMAS begonnen habe, die Ergebnisse der Evaluation mit anderen betroffenen Ressorts zu bewerten, da die Fragen der Barrierefreiheit alle politischen Dimensionen und Lebensbereiche beträfen. Auch erklärte sie, dass sie die Notwendigkeit, das BGG „an der einen oder anderen Stelle nachzujustieren“, durchaus sehe. 

Im darauf folgenden Referat zu seinem Bericht ging Prof. Welti zunächst auf die Barrieren ein, die einer Umsetzung des zentralen Begriffs der Barrierefreiheit durch das BGG entgegenstehen. Solche Barrieren sind für ihn u. a. fehlende Ressourcen und ungeklärte Verantwortlichkeiten, nicht korrekte Interpretation des von der Behindertenrechtskonvention vorgegebenen Begriffs der Behinderung und Verkürzung des Begriffs der Barrieren auf Mobilitätsbarrieren im Sinne von Stufen etc. Nach Weltis Ansicht kann man das BGG durchaus BRK-konform auslegen. Tatsächlich aber zeige die Erfahrung, dass dies nicht geschehen werde, wenn nicht eine Klarstellung im Gesetz selbst erfolge.

Zum Thema behinderte Frauen führte Welti aus: Behinderte Frauen in Einrichtungen und Abhängigkeitsbeziehungen sind besonders betroffen in Bezug auf Anfälligkeit für Belästigung und Gewalt. Hier fehlt es an der notwendigen Festschreibung entsprechender Schutzpflichten.

Das Instrument der Zielvereinbarungen hat sich nach Weltis Einschätzung als nicht erfolgreich erwiesen. Das wurde auch in der anschließenden Diskussion bestätigt, da die Wirtschaft einfach hieran kein Interesse habe. Das zentrale Hemmnis sei die Freiwilligkeit dieses Instrumentes.

Die Schwerbehindertenvertretungen werden als erste Ansprechpartner in den Behörden angesehen. Es besteht jedoch eine Diskrepanz darin, was das BGG einerseits für die Nutzer der Behörden fordert und was andererseits für die Beschäftigten selbst gefordert wird. Die Schwerbehindertenvertretungen seien lediglich faktisch auch für die Nutzer zuständig, dies ergebe sich aber noch nicht aus dem Gesetz und müsse aufgenommen werden. Zudem hätten sie keine Ressourcen für die insoweit erwachsenden zusätzlichen Aufgaben.

Danach formulierte Welti verschiedene Handlungsempfehlungen. Ohne dass hierfür eine Änderung des BGG notwendig wäre, plädierte er für die Verbesserung der Zusammenarbeit staatlicher Stellen mit den Behindertenverbänden, für eine Förderung der Fortbildung – auch für die Justiz – beispielsweise in der Deutschen Richterakademie – und für die Schaffung einer Stelle zwischen Staat und Zivilgesellschaft, etwa einer Agentur für Barrierefreiheit in Form z.B. einer Stiftung, in der soziale, medizinische, technische und rechtliche Fachkompetenz gebündelt werden solle.

Darüber hinaus machte Welti verschiedene Vorschläge für eine Gesetzesverbesserung. Das Gesetz sollte auch für Landes- und Kommunalbehörden und beliehene Personen gelten, soweit sie Bundesrecht ausführen. Es sei nicht akzeptabel, wenn bei der Ausführung von Bundesrecht in den Ländern ganz unterschiedliche Standards für die Barrierefreiheit gelten würden, die z.T. hinter dem BGG zurückblieben, da beispielsweise die BITV 2.0 bislang nur in Bremen und Hessen übernommen worden sei.

Als Vorbild für die notwendige Neuformulierung des Behinderungsbegriffs könne der neue § 3 des Brandenburgischen BGG dienen. Auch das Benachteiligungsverbot müsse BRK-konform formuliert werden. Das BGG und das AGG seien aufeinander abzustimmen. Dabei will Welti es als Indiz für eine Diskriminierung behandeln, wenn sich jemand gar nicht in Richtung Barrierefreiheit bewegt (z.B. Nichtverhandeln, Nichtabschluss einer Zielvereinbarung oder Verletzung einer Zielvereinbarung). Weiter sei Barrierefreiheit im EGovG sicherzustellen. 

Integrationsvereinbarungen nach § 83 SGB IX sollten dreiseitig sein, indem in sie auch die Verbände eingebunden werden.

Schließlich empfiehlt er ein Schlichtungsverfahren nach österreichischem Vorbild, und zwar sowohl für den öffentlichen als auch für den privaten Bereich als erfolgreich (siehe dazu auch noch unten die Anmerkungen aus der Diskussion). 

In seinem anschließenden Vortrag bewertete Andreas Bethke Weltis Vorschläge aus Sicht des Bundeskompetenzzentrums Barrierefreiheit (BKB) positiv. Er unterstützt dringend, es als Diskriminierung anzusehen, wenn angemessene Vorkehrungen zur Schaffung von Barrierefreiheit  unterlassen werden. Dies müsse gesetzlich geregelt und verbandsklagefähig werden. Auch er fordert eine gesetzliche Klarstellung der Begriffe der Barrierefreiheit und Behinderung, da man auf eine BRK-konforme Interpretation nicht bauen könne. Die Evaluation habe nämlich gezeigt, dass die UN-BRK in der Einschätzung der Befragten bisher tatsächlich für am unwichtigsten gehalten wird. 

Eine Beteiligung der Verbände an der Konkretisierung von Barrierefreiheit sei zu begrüßen. Solche Vereinbarungen ergäben Rechtssicherheit für alle Seiten (Beispiel: Was bedeutet Barrierefreiheit von Wahlräumen?). Dies erfordere jedoch von den Verbänden ein hohes Maß an Kompetenz, die dafür mit den entsprechenden Ressourcen ausgestattet werden müssten. Der Vorschlag von Welti, diese Ressourcen über eine Agentur für Barrierefreiheit zur Verfügung zu stellen, werde vom BKB unterstützt. Man werde jedoch in der Privatwirtschaft allein über Vereinbarungen nach den gemachten Erfahrungen keine Barrierefreiheit erreichen können. Hier seien unmittelbare gesetzliche Regelungen erforderlich. So sei es z.B. nicht einzusehen, warum die BITV nicht auch für den privaten Internethandel gelten solle.

Danach betonte Adolf Bauer, Vorsitzender des Sprecherrats des Deutschen Behindertenrats und Präsident des Sozialverbands Deutschland e.V., ebenfalls, dass die Privatwirtschaft, die Güter und Dienstleistungen anbiete, per Gesetz zur Barrierefreiheit verpflichtet werden müsse. Auch der UN-Fachausschuss zur Überprüfung der BRK fordere dies. Deshalb müssten die Überwachungs- und Durchsetzungsmechanismen verstärkt werden; denn eine Schwachstelle sei die mangelnde Durchsetzbarkeit der Barrierefreiheit. Bei den Verbandsklagen müssten auch Beseitigungsklagen gegen Barrieren möglich sein. Bauer forderte zudem eine zeitnahe Evaluierung auch anderer Gesetze.

Im Anschluss ging Jürgen Dusel, Beauftragter für die Belange der Menschen mit Behinderungen des Landes Brandenburg, auf die Entstehung des dortigen BGG ein. Dessen Anwendungsbereich ist jetzt auch auf die kommunale Ebene erweitert worden. Der Landesbehindertenbeauftragte und der Landesbehindertenbeirat sind nunmehr an jedem Gesetz, das Behindertenfragen betrifft, beteiligt (und das sind so gut wie alle). Dass bei jedem Gesetz nicht nur z.B. die Frage der „Gender“-, sondern auch die Frage der „Behinderten-Relevanz“ gestellt werden müsse, wirke zusätzlich in anderen Ressorts bewusstseinsbildend.

Dusel plädierte dafür, Fragen der Barrierefreiheit in Fachgesetzen zu regeln und nicht nur übergreifend im BGG oder das BGG mit Einzelregelungen zu überfrachten. Sein Argument: In die Fachgesetze schauen die, die sie anwenden, tatsächlich auch hinein, lesen die Regeln zur Barrierefreiheit und wenden sie dann auch an.

In seinem anschließenden Statement betonte Dr. Rolf Schmachtenberg, Abteilungsleiter V (Belange behinderte Menschen, soziale Entschädigung, Sozialhilfe) im BMAS, dass das Benachteiligungsverbot und die Barrierefreiheit alle Ressorts angehe, ebenso alle gesellschaftlichen Gruppen. Da es sich um „Querschnittsfragen“ handele, könne das BMAS die Konsequenzen aus der Evaluation nicht im Alleingang bewerten, sondern müsse mit allen Ressorts eine Abstimmung herbeiführen und zu einer einheitlichen Meinung der Bundesregierung kommen. So seien erste Gespräche, etwa mit dem BMJ, dem BMFi und dem BMI erfolgt. Auch er sah die Notwendigkeit, Maßnahmen zur Verbesserung der Kenntnis über das Gesetz zu ergreifen. 

Zwar könne er den Wunsch für eine Agentur für Barrierefreiheit nachvollziehen. Dies sei aber nicht der Ansatz des BMAS. Man wolle keine Doppelstrukturen schaffen. Es gebe viele Verantwortlichkeiten in vielen Bereichen, es sei nichts damit gewonnen, noch eine Zentralstelle hinzuzufügen. Eine solche Agentur könne den großen Querschnitt nicht bündeln. Er sah auch ein Problem darin, in welchem Verhältnis eine solche Agentur zu den bestehenden Einrichtungen, insbesondere Landeseinrichtungen und Kommunen, stehen würde und meinte, die eigentlich Verantwortlichen würden sich dann nur unter Verweis auf diese Agentur zurücklehnen und gar nichts tun. Besser sei es, mit vorhandenem Know-how und bestehenden Strukturen zu arbeiten. Aktuell erarbeite das BMAS mit weiteren Ressorts hierzu einen Leitfaden. Auch würden die Länder in die Bund-Länder-Besprechung bald hierzu eingeladen werden. Dagegen könne er sich vorstellen, dass man zentral Unterstützungen für die zuständigen Behörden anbieten könne mit bestimmten Dienstleistungen – z.B. Testung von Barrierefreiheit. Statt der Schaffung einer Agentur für Barrierefreiheit denke er daran, die Verbände zu stärken, etwa durch die Schaffung eines Budgets zur Förderung der ehrenamtlichen Tätigkeit von Menschen mit Behinderungen. Hier sei man in der Abstimmung mit der Haushaltsabteilung schon relativ weit. Er favorisiere, diese Form der Förderung im BGG zu regeln. Dies sei aber noch im Streit.

Auf Landes- und Bundesebene sollten Verantwortliche für die Barrierefreiheit in den einzelnen Ressorts festgelegt werden.

Wenig konnte Schmachtenberg dem Vorschlag abgewinnen, Privatunternehmen zur Schaffung von Barrierefreiheit zu verpflichten. Durch die immer älter werdende Gesellschaft werde sich ohnehin vieles durch Angebot und Nachfrage regeln, so meinte er.

Nach Schmachtenbergs Vorstellungen soll das novellierte BGG zum 1.Januar 2016 in Kraft treten. Zunächst werde jetzt der NAP (nationaler Aktionsplan)- Ausschuss und der Behindertenbeirat beteiligt. Zeitgleich gibt es einen Prozess zur Fortschreibung des NAP und eines Bundesteilhabegesetzes. 

In der abschließenden Diskussionsrunde betonten alle Beteiligten ihr Interesse an der zentralen Bündelung von Wissen und Kompetenzen zur Hilfestellung bei der Umsetzung von Barrierefreiheit. Die Bundesbehindertenbeauftragte Verena Bentele befürwortete hierzu ausdrücklich eine Schiedsstelle zur Durchsetzung von Barrierefreiheit. Hier meldete sich die anwesende Vertreterin der Bundesbehindertenanwaltschaft in Österreich zu Wort und berichtete, dass in Österreich seit zehn Jahren auch private Unternehmer zur Schaffung von Barrierefreiheit verpflichtet seien. Damals habe man von allen Seiten lauthals befürchtet, dass dies den Weltuntergang bedeute. Sie aber sei am Tag zuvor aus Wien gekommen und könne versichern, dass dort die Welt nicht untergegangen sei. Auch die 2006 eingeführte Schlichtungsstelle sei ein „Riesen-Erfolg“ geworden, wie die Evaluation im Jahre 2012 ergeben habe. Lösungen würden dort oft einvernehmlich und erfolgreich erzielt. Dies verhelfe Barrierefreiheit konkret zum Erfolg.

In seinem Abschlussstatement zog dann auch Schmachtenberg die Einführung einer solchen Schlichtungsstelle durchaus in Betracht und dankte ausdrücklich für den vom DVBS gemachten Vorschlag zu einer Neuformulierung von Barrierefreiheit im Gesetz zur Förderung der elektronischen Verwaltung des Bundes (EGovG).

Zur Autorin

Dorothea Schönemann-Koschnick ist Richterin am Landgericht Wuppertal und gehört dem Leitungsteam der Fachgruppe Jura im DVBS an. 

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Bücher


Sabine Hahn: Hörtipps

von Sabine Hahn 

Wenn Augen und Ohren nachlassen: Aufklärung und Hilfen für ältere Menschen

Wenn das Sehen im Seniorenalter immer mehr nachlässt, können Lebensqualität und Lebenserwartung stark sinken. Sehstörungen fördern den sozialen Rückzug, das Suizidrisiko und die Sturzgefahr. Gesellen sich zum Sehverlust noch weitere Krankheiten, stehen Betroffene vor besonderen Herausforderungen. Das Magazin der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO) widmet daher seine aktuelle Ausgabe dem Schwerpunktthema „Sehen und Hören“. 

Die Autoren sind sich einig, dass die Früherkennung von Augenerkrankungen ebenso wichtig ist wie ihre Behandlung, auch wenn viele Menschen im höheren Alter Arztbesuche scheuen. Darüber hinaus sollten Seniorinnen und Senioren weitere Hilfen für den Alltag nutzen, wie sie z. B. eine barrierefreie Wohnung darstellt. Die Beiträge der „BAGSO-Nachrichten“ geben Impulse und informieren über Augenkrankheiten im Alter, Therapieverfahren und wie Selbständigkeit trotz Sehverlust erhalten bleiben kann. Vorgestellt wird unter anderem das Projekt „Sehen im Alter“, eine Initiative des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes e. V. (DBSV) in Zusammenarbeit mit der BAGSO, und natürlich auch das DBSV Beratungs- und Unterstützungsangebot „Blickpunkt Auge“ (http://www.blickpunkt-auge.de).

Auch Schwerhörigkeit kann zu sozialem Rückzug führen, vor allem wenn Gesprächspartner nicht wissen, dass die Verständigung wegen dieser „Leistungsminderung“ schief läuft. Leider bleibt Schwerhörigkeit öfter unerkannt und unberücksichtigt, sogar in der klinischen Geriatrie. Hier betont der Deutsche Schwerhörigenbund (DSB) unter Hinweis auf die UN-Behindertenrechtskonvention das Recht, in allen Bereichen der Pflege angemessen kommunizieren zu können. Was muss getan werden? Wie kann Kommunikation bei Schwerhörigkeit unterstützt werden? Wie sieht eine für Hörbehinderte barrierefreie Umgebung aus? Die BAGSO-Nachrichten liefern erste Antworten. Das Beispiel eines Krankenhaus-Besuchsdienstes für hörgeschädigte Patienten zeigt, wie Verständigung gelingen kann.

Zu den weiteren Themen der aktuellen „BAGSO-Nachrichten“ gehören: Soziales Ehrenamt im Tierschutz, das BAGSO-Positionspapier „Wohnen im Alter – oder: Wie wollen wir morgen leben?“, Schlaganfall-Vorsorge und Beiträge zum Stichwort Technik und Internet. Ein Blick auf die Situation älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Norwegen zeigt, welche Anreize es geben kann, damit Menschen auch über den Rentenbeginn hinaus gerne arbeiten.

Die BAGSO vertritt die Interessen pflegebedürftiger und behinderter Menschen sowie von pflegenden Angehörigen. Sie gehört zu den sechs Verbänden, die Mitberatungsrechte gegenüber Kassen und Leistungserbringern haben. Die „BAGSO-Nachrichten – Zeitschrift für Aktive in Seniorenarbeit und Seniorenpolitik” ist eine Empfehlung für alle, die sich für das Leben im Alter oder für Seniorenpolitik interessieren. 

Die DAISY-Ausgabe der BAGSO-Nachrichten bietet die ungekürzte Lesung aller Beiträge. Ein DAISY-Einzelheft ist zum Preis von 10 Euro, das DAISY-Jahresabonnement mit vier Ausgaben jährlich für 25 Euro erhältlich. 

Bestellungen der DAISY-Ausgabe richten Sie bitte an: DVBS-Textservice, Frauenbergstraße 8, 35039 Marburg, Telefon 06421 94888-22, E-Mail: textservice@dvbs-online.de (Internet: www.dvbs-online.de).

Übrigens: Auf Initiative der DVBS-Gruppe Ruhestand wurde eine DAISY-CD zum Thema „Sicherheit für Seniorinnen und Senioren“ zusammengestellt. Sie enthält Infos der Polizei und des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Hier wird unter anderem aufgeklärt über die Tricks an der Haustür, Chancen und Risiken des Internets, Taschendiebe, den Enkeltrick, Kaffeefahrten, Gewalt in der Pflege oder wie jeder in Notsituationen helfen kann, ohne sich selbst zu gefährden. Die CD ist 3 Stunden und 19 Minuten lang und zum Sonderpreis von 16 Euro im DVBS-Textservice erhältlich, Bestellnummer: 17184.

Blut und Ehre: Geschichte und Gegenwart rechter Gewalt in Deutschland. Herausgegeben von Andrea Röpke und Andreas Speit.

Ist unsere Gesellschaft im übertragenen Sinne auf dem rechten Auge blind? Schließlich wurde Beate Zschäpe, Mitglied des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), nur zufällig entdeckt. Seit Mai 2013 findet in München der NSU-Prozess statt, der Pannen bei Polizei und Behörden zutage bringt, die aufhorchen lassen. Der rechtsradikalen Untergrundgruppe wird die Ermordung von neun Menschen mit türkischen und griechischen Wurzeln vorgeworfen, Zschäpe soll Sprengstoffanschläge und andere Gewalttaten verübt haben.

Die Beiträge der fünf Autorinnen und Autoren dieses Bandes – allesamt freie Journalisten oder Redakteure – verdeutlichen Strukturen der rechtsextremen Szene der Bundesrepublik, ihre Verflechtungen und Ziele. Die militanten Gruppen und ihr „Terror von Rechts“ werden für den Zeitraum von 1945 bis 2013 skizziert, ebenfalls die verflochtenen Lebensläufe des Trios Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhard. Klarer werden auch Ereignisse der letzten Tage vor Zschäpes Verhaftung. 

„Die Bundesrepublik braucht dringend eine andere Kultur in der kritischen Auseinandersetzung mit rechtsextremem Gedankengut und rechter Gewalt“, bilanzieren Andrea Röpke und Andreas Speit. 

Wer sich die Zeit nimmt, um etwas über die Hintergründe der rechtsextremen Szene in Deutschland zu erfahren, wird ihre Präsenz so schnell nicht wieder unterschätzen.

Blut und Ehre: Geschichte und Gegenwart rechter Gewalt in Deutschland. Bonn, Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, 2013. 286 Seiten.

Die DAISY-CD ist rund 18 Stunden lang und zu den üblichen Bedingungen beim DVBS-Textservice erhältlich (Sonderpreis 49,90 Euro, Bestellnummer 17012). Sprecher: Manfred Duensing.

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Savo Ivanic: Buchtipps aus der blista

von Savo Ivanic

Hynek, Françoise / Urban-Halle, Peter: Jahreszeiten der französischen Küche. Eine kulinarische Reise mit 77 Rezepten

Berlin: Wagenbach, 2013

Bestell-Nr. K4738, reformierte Kurzschrift (KR), 2 Bde., 268 S., 43 €; auch als Blindenschrift-DAISY-Ausgabe  mit synthetischer Stimme erhältlich 

Dieses Kochbuch führt mit vielen Anekdoten und Rezepten genussvoll durch Frankreichs Küche und Regionen. So kann sich der geneigte frankophile Leser nun kulinarisch hochwertig durch die Jahreszeiten kochen. Nebenbei erfährt er allerlei über die Ursprünge der französischen Küche, über die Bedeutung von Brot, Käse und Wein, über die perfekte „composition“ eines Menüs und diverse Eigenheiten der französischen „cuisine“. Es fehlen weder die Rezepte für Froschschenkel, Schweinskopfsülze oder Mousse au chocolat noch das klassische Omelette, die Birnentarte oder das eingewanderte Couscous. Die beiden Autoren lassen ihre Leser nicht nur an ihrem reichen Schatz von Geschichten und Geheimtipps teilhaben, sondern auch an den Lieblingsrezepten einiger französischer Kollegen. 

Schilling, Peter: Völlig losgelöst 

Weinheim: Beltz & Gelberg, 2013

Bestell-Nr. K4731, reformierte Kurzschrift (KR), 2 Bde., 294 S., 43 €; auch als Blindenschrift-DAISY-Ausgabe mit synthetischer Stimme erhältlich 

1983 gehörte sein Titel „Major Tom“ zu den meistverkauften Platten des Jahres und wurde im darauffolgenden Jahr zum Welthit. 1989 – Schilling war in Deutschland schon fast wieder in Vergessenheit geraten, international aber immer noch erfolgreich – dann der Absturz: Burnout. In seiner Autobiographie beschreibt der gebürtige Stuttgarter seinen Weg in die Erkrankung – und wieder heraus. Seine Schilderung führt ihn vom Kind aus sozial schwachen Verhältnissen mit durchlebter häuslicher Gewalt zum gefeierten Popstar – und in den anschließenden Zusammenbruch. Heute ist Schilling, resultierend aus seiner eigenen Erfahrung, für den Deutschen Kinderschutzbund aktiv und steht wieder auf großen Bühnen. In seinem „autobiographischen Ratgeber“ beschreibt er, wie man sich vom Gefühl, „nichts wert zu sein“, befreien und zu einem erfüllten Leben finden kann. 

Caesar, Gaius Iulius: Commentarii Belli Civilis 

Freiburg: Teubner, 1969

Bestell-Nr. K4576, reformierte Kurzschrift (KR), 2 Bde., 318 S., 43 € 

Im wahrsten Wortsinn ein „Klassiker“: In seinen „Commentarii Belli Civilis“ – lateinisch für „Aufzeichnungen über den Bürgerkrieg“ – berichtet der ebenso geachtete wie gefürchtete römische Feldherr und Politiker Gaius Iulius Caesar über den Krieg, den er gegen die Senatsmehrheit unter Führung seines früheren Verbündeten Gnaeus Pompeius Magnus in Italien, Hispanien, Nordafrika und Makedonien führte.

Caesar verfasste den Urtext wahrscheinlich um 48 bis 47 v. Chr. Einige Historiker vertreten aber auch die Ansicht, er habe erst in seinen letzten Lebensmonaten mit der Niederschrift begonnen.

Freund, Wieland: Wecke niemals einen Schrat!

Weinheim: Beltz & Gelberg, 2013

Bestell-Nr. K4730, reformierte Kurzschrift (KR), 2 Bde., 276 S., 43 €; auch als Blindenschrift-DAISY-Ausgabe mit synthetischer Stimme erhältlich 

Hätte der junge Elf Jannis geahnt, in welcher Gefahr die Elfen schweben, hätte er möglicherweise Amsel Salamanders „Buch über alles“ gelesen. Doch stattdessen ist er lieber nachts durch den Wald geturnt, sehr zum Missfallen seines Lehrers, Storch Eibert. So weiß Jannis auch nicht, was ihm blüht, als er Wendel, den Schrat, weckt. Dieser klebt fortan wie Pech an ihm. Nicht mal seine beste Freundin Motte kann verhindern, dass Jannis und Wendel als Strafe aus dem Elfenwald verbannt werden. Doch kaum ziehen sie davon, beschwört der fiese Zauberer Holunder einen Sturm herauf, der die Elfen überallhin zerstreut. Auch das Buch von Amsel Salamander, das dieser so kunstvoll auf Baumblätter gemalt und geschrieben hat, scheint verloren! Nun ruht alle Hoffnung der Elfen auf Jannis und Wendel… - Für Kinder ab 9 Jahren.

Schäfer, Karl-Matthias: Erblindung im Alter. Ursachen – Bewältigungsmöglichkeiten – Rehabilitation

Köln: Kuratorium Deutsche Altenhilfe, 1997

DAISY-CD zum Ausleihen, Laufzeit: 2 Std. 57 Min., Sprecherin: Cornelia Bernoulli

Der Anteil der Menschen, die im Alter erblinden, wird mit zunehmender Lebenserwartung immer höher. Wie werden diese Menschen mit der neuen Situation fertig? Wo bekommen sie Hilfe, wo können sie eine Rehabilitation in Anspruch nehmen, wie können ihre Angehörigen dabei helfen? Karl-Matthias Schäfer, selbst blind und seit Jahren in der Blindenselbsthilfe tätig, gibt auf diese und andere Fragen kompetente und fundierte Antworten.

Schulze, Hans-Eugen: Sehbehinderten und blinden alten Menschen professionell begegnen und helfen. Ratgeber für pflegerische und soziale Dienste und für Studierende

Köln: Kuratorium Deutsche Altenhilfe, 2003

DAISY-CD zum Ausleihen, Laufzeit: 2 Std. 51 Min., Sprecher: Enrico Petters

Dieser Ratgeber richtet sich an alle, die nicht ständig mit sehbehinderten und blinden Menschen umgehen, aber aus beruflichen Gründen Kontakt mit ihnen bekommen. Er gibt nützliche Tipps für die Alltagsgestaltung, wie z.B. Kommunikation, Ernährung oder Orientierung. Darüber hinaus liefert er zahlreiche Anregungen zu Themen wie Sport, Spiel und Gedächtnistraining. 

Berger, Margot: Blindes Vertrauen. Eine wahre Pferdegeschichte

Würzburg: Ensslin, 2007

Punktschrift-Buch zum Ausleihen, reformierte Kurzschrift (KR), Bestell-Nr. C.I-2489

In Monas Leben dreht sich alles um ihr Pferd Vitus. Sie sind ein starkes Team und haben schon viele Preise im Dressurreiten gewonnen. Doch dann geschieht das Unfassbare: Bei einem Reitunfall verliert Mona ihr Augenlicht. Von nun an ist nichts mehr, wie es war. Mona verschließt sich vor ihren Freunden und Eltern. Sie zieht sich in ihre dunkle Welt zurück und sieht keine Zukunft mehr. Doch die Sehnsucht nach ihrem Pferd lässt ihr keine Ruhe. Langsam schafft es Mona, Hilfe anzunehmen und zu erkennen, dass das Leben nicht vorbei ist. Und es ist vor allem Vitus, der ihr dabei eine Hilfe ist. – Für Leser ab 13. 

Diese und andere DAISY- und Punktschrift-Bücher zum Thema „Umgang mit Hilfe“ sowie zu vielen weiteren Themen finden Sie in unserem neuen Online-Katalog unter katalog.blista.de.

Ihre Bestellung richten Sie bitte an: Deutsche Blindenstudienanstalt e.V., Postfach 1160, 35001 Marburg, Telefon: 06421/606-0, E-Mail: info@blista.de 

Es gelten unsere Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB).

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Andrea Katemann: Hör- und Punktschriftbücher

von Andrea Katemann

Neuer blista Onlinekatalog komfortabel für Smartphone, Tablet und PC

„Über Ihre Suche findet man jetzt mehr Buchtitel als in Ihrem alten System", berichteten uns aufmerksame Hörerinnen und Hörer, kurz nachdem der neue Katalog zur Online-Nutzung bereitstand. Komfortabler und leichter zu handhaben ist jedoch nicht nur die Suche, sondern auch die Anmeldung bzw. Registrierung für Neukunden. Jede blinde oder sehbehinderte Person, die bei uns Mitglied werden möchte, muss einen Nachweis über ihre Sehbeeinträchtigung erbringen. Dazu benötigen wir entweder ein ärztliches Attest oder eine Kopie des Schwerbehindertenausweises. Früher musste man uns diese grundsätzlich per Post zusenden. In unserem neuen System kann man die Vorder- und Rückseite des Ausweises über das Registrierungsformular im Katalog als Datei an uns schicken. Benutzt man ein Smartphone, lässt sich der Ausweis bequem mit der Kamera fotografieren. Über den PC kann er als Bild eingescannt und hochgeladen werden.

Insbesondere für die optimale Nutzung mit Smartphones bietet der Katalog zahlreiche Möglichkeiten, Informationen ein- bzw. auszublenden und somit die sichtbaren Bildschirminhalte an individuelle Bedürfnisse anzupassen. 

Natürlich stehen unseren Nutzerinnen und Nutzern aber an erster Stelle zahlreiche Informationen zu unserem Bücherangebot zur Verfügung. Man hat die Möglichkeit: 

  • nach Hör- und Punktschriftbüchern zu suchen, dabei kann der Autor oder ein anderer Suchbegriff direkt angegeben werden.
  • in einer Autorenliste zu stöbern.
  • sich durch unsere „Sachgruppensuche“ inspirieren zu lassen, oder sich gezielt an Themen zu orientieren, die man spannend findet.

Als Nutzer unserer Bibliothek stehen den Hörerinnen und Hörern über ihr individuelles Konto noch weitere Funktionen zur Verfügung. Man kann:

  • Buchtitel über den Link „Ausleihliste“ für eine Ausleihe vorbestellen.
  • sehen, was man bereits gelesen hat.
  • seine Adressdaten einsehen und tauschen.
  • sich „Merklisten“ erstellen mit Titeln, die man evtl. einmal ausleihen möchte.

Im Gegensatz zu unserem alten System sind nicht mehr viele Aktionen nötig, um ein Buch ausleihen zu können. Außerdem kann man seine „Ausleihliste“ immer direkt einsehen und sich somit schnell einen Überblick darüber verschaffen, wie viel Lesestoff man sich noch zuschicken lassen kann. Im Gegensatz zu unserem alten Katalog erhält man keine Bestätigungsmail mehr, wenn man ein Buch auf die „Ausleihliste“ gesetzt hat. In dem Moment, wo man es auf seiner „Ausleihliste“ sieht, ist für unsere Kundenbetreuung klar, dass ein Nutzer dieses gerne lesen möchte. Wenn die Ausleihliste nicht mehr als 50 Titel enthält, kann man über den Link „vormerken“ gezielt 4 Bücher auswählen, die einem dann mit der nächsten Hörbuchsendung zugeschickt werden. 

Wir freuen uns über Anregungen, Lob oder Kritik unserer Nutzerinnen und Nutzer. Zu diesem Zweck befindet sich auf der Startseite des Kataloges ein „Feedback-Formular“. Aber selbstverständlich nehmen wir Rückmeldungen auch gerne telefonisch unter Tel.: 06421/6060 oder per E-Mail an info@blista.de entgegen.

Bildbeschreibung: Dem Artikel ist ein Screenshot des Online-Katalogs beigefügt, der die Funktion „erweiterte Suche“ zeigt. Angegeben sind verschiedene Formularfelder für die Suche nach Autor, Titel, Verlag und anderen Angaben. Screenshot: DVBS/Christina Muth

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Panorama


„Bitte Weg frei!“

blista und DVBS unterstützten Aktion zum Tag des weißen Stockes

Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Tags des weißen Stockes hatten DVBS und DBSV die Aktion „Bitte Weg frei!“ gestartet, um die sehende Bevölkerung darauf aufmerksam zu machen, Leitsysteme im Boden nicht mit Gepäck, Fahrrädern oder anderen Gegenständen zu blockieren. Auf den Bahnhöfen von 14 deutschen Städten waren am 15. Oktober 2014 Vertreter der beteiligten Organisationen mit Infoständen vor Ort, die trotz des Lokführerstreiks auf große Resonanz stießen. 

Die blista beteiligte sich mit einer Sensibilisierungsaktion am Marburger Hauptbahnhof. So führte ein Mobilitätstrainer der blista Passantinnen und Passanten unter der Augenbinde durch die Bahnhofshalle und ließ sie mit dem Blindenstock die wichtige Rolle von Bodenindikatoren zur Orientierung nachspüren. Marburgs Oberbürgermeister Egon Vaupel ließ sich ebenfalls auf das Experiment ein und war danach tief beeindruckt: „Für mich gab es drei vorherrschende Gefühle: Angst, Verunsicherung und Probleme mit dem Gleichgewichtssinn“, fasste Vaupel seine Erfahrungen zusammen.

Auf dem Frankfurter Hauptbahnhof informierte ein Team der DVBS-Geschäftsstelle die Passanten über die Bedeutung der Bodenindikatoren aufzuklären. Ausgestattet mit Augenbinde und Langstock wagten zahlreiche Reisende den Selbstversuch und tasteten sich entlang des Leitstreifens in der Haupthalle des Bahnhofs. Die mitgebrachten Simulationsbrillen, die den Seheindruck bei Erkrankungen wie AMD, Retinitis pigmentosa und Grauem Star simulieren, konnten ausprobiert werden und am Stand ergaben sich zwischen sehenden Passanten und Betroffenen interessante Gespräche. Dabei wurde deutlich, dass die Mehrheit der sehenden Personen nicht weiß, welchen Zweck die im Boden verlaufenden Rillen und Noppen erfüllen: Gestaltungs-Element, „irgendetwas Technisches“ oder „Warnstreifen der Bahn“ wurden dahinter vermutet. „Es ist erstaunlich, dass so viele Menschen die Bedeutung der Leitstreifen nicht kennen“, fasst Wilhelm Gerike, EDV-Assistent in der DVBS-Geschäftsstelle, die Eindrücke des Tages zusammen.

Weitere Informationen zu Bodenindikatoren und der Geschichte des weißen Stocks gibt es auch im Internet unter www.weisser-stock.de .

Bildbeschreibung: Die beiden Fotos sind während der blista- und DVBS-Aktionen zum Tag des weißen Stockes auf den Bahnhöfen Marburg und Frankfurt entstanden. In Marburg steht Oberbürgermeister Egon Vaupel unter anderem mit blista-Direktor Claus Duncker, Mitarbeiter Thorsten Büchner, Mobilitäts-Trainer Gert Willumeit vor dem Infotisch. Die Gruppe unterhält sich. Am rechten Bildrand ist eine Noppenplatte des Bodenleitsystems in der Bahnhofshalle zu sehen. Foto: blista
Auf dem zweiten Foto ist DVBS-Mitarbeiterin Birgit Stolz mit einem Passanten in der Haupthalle des Frankfurter Hauptbahnhofs zu sehen. Der sehende junge Mann trägt eine schwarze Augenbinde aus Stoff mit „DVBS“-Aufdruck und hält einen Langstock in der rechten Hand, mit dessen Spitze er eine Leitlinie auf dem Boden ertastet. Zur Unterstützung führt Birgit Stolz den Stock mit der Hand in Richtung Linie. Foto: DVBS/Christina Muth

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Begleitung fährt im Fernbus frei

Die Bundesregierung informiert mit BT-Drucksache 18/742, S.12 auf Anfrage von Abgeordneten der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen über die Unentgeltliche Mitnahme einer Begleitperson durch einen schwerbehinderten Menschen mit Merkzeichen „B“ im Fernbuslinienverkehr: „... Anders als der schwerbehinderte Mensch kann die Begleitperson auch im Fernverkehr unentgeltlich befördert werden. Dieser Anspruch besteht auch bei den Fernbuslinien. § 147 Absatz 2 SGB IX definiert den Begriff Fernverkehr im Hinblick auf die Verpflichtung zur unentgeltlichen Beförderung von Begleitpersonen. Danach ist Fernverkehr der  öffentliche  Personenverkehr mit Kraftfahrzeugen im Linienverkehr nach § 42 PBefG. ... Linienverkehr ist eine zwischen bestimmten Ausgangs- und Endpunkten eingerichtete regelmäßige Verkehrsverbindung, auf der Fahrgäste an bestimmten  Haltestellen ein- und aussteigen können. Damit gehört auch der Verkehr mit Fernbussen zum Linienverkehr. Die unentgeltliche Mitnahme einer Begleitperson für schwerbehinderte Menschen ist daher auch in Fernbuslinien möglich.“

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Neue Inklusionslandkarte der Bundesbehindertenbeauftragten

Bereits seit 2011 werden auf der Inklusionslandkarte der Bundesbehindertenbeauftragten im Internet Praxisbeispiele für gelungene Inklusion dargestellt. Jetzt präsentiert sich diese Inklusionslandkarte in neuem Gewand. http://www.behindertenbeauftragte.de/DE/Landkarte/0Vorschaltseite/Landkarte-Neu_Vorschaltseite_node.html

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BBSB-Inform

Wer informiert ist, hat die Nase vorn. Das gilt auch bei Seh-Not. Mit den richtigen Infos lebt es sich leichter. BBSB-Inform bringt bis zu fünfmal in der Woche via Internet und Telefon Informationen und Tipps für das Leben mit Sehverlust, nicht nur für Bayern. Probieren Sie es aus. Wenn sie online sind, genügt eine Mail an bbsb-inform-subscribe@lists.bbsb.org und Sie erhalten kostenlos den Newsletter. Unangemeldet haben Sie jederzeit telefonisch Zugriff auf die aktuellen und bereits gesendeten Informationen.

Wählen Sie 0871 und dann 7000-14000. Es gilt das für Ihren Anschluss vereinbarte Verbindungsentgelt in das deutsche Festnetz. Judith Faltl und Gustav Doubrava sorgen dafür, dass Sie gut informiert sind.

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Tierschutzgerechte Ausbildung von Blindenführhunden gefordert – Film startet

Blindenführhunde – oft „Blindenhunde“ genannt – faszinieren mit ihren Fähigkeiten, doch leider haben viele von ihnen in ihrer Ausbildung harte körperliche Strafen erlebt. Immer wieder gehen beim Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) Berichte ein, dass Führhunde von ihren Trainern geschlagen, getreten und sogar mit Stromschlägen gequält werden. In der Folge verlieren die Tiere ihr Selbstbewusstsein und auch die Qualität ihrer Leistung leidet. Der Verband startet deshalb auf der Internetseite www.hundetraining.dbsv.org einen Film, der den schwarzen Schafen unter den Ausbildern zeigt, wie es richtig gemacht wird. Unter dem Titel „Belohnen statt Bestrafen“ wird in zwölf Minuten erläutert, wie ein Hund durch unzählige Wiederholungen in Verbindung mit Erfolgserlebnissen die kompliziertesten Aufgaben erlernt und Freude dabei hat. 

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Barrierefreiheit und Mobilität


Rudi Ullrich: „Sehbehindert, – nicht dement“

von Rudi Ullrich

Das blista-SEHmobil vor Ort im Seniorenheim „Maria“

Seit September 2013 verfügt die blista über ein „SEHmobil“, das bei unterschiedlichen Anlässen und vor allem bei den zahlreichen Terminen der Seniorenberatung eingesetzt wird. Der Kleinbus, der von der Stiftung Deutsche Blindenstudienanstalt angeschafft wurde, konnte dank der großzügigen Unterstützung der Commerzbank-Stiftung mit einer Vielzahl von Hilfsmitteln ausgestattet werden. Vom großen Nutzen dieser Förderung konnte sich die Geschäftsführerin der Commerzbank-Stiftung, Astrid Kießling-Taskin, bei einem Beratungstermin im Seniorenheim „Haus Maria“ in Breidenbach im Landkreis Marburg-Biedenkopf selbst überzeugen. 

Ca. 25 bis 30 der 80 Bewohnerinnen und Bewohner sind laut Harald Tomann, Leiter der Senioreneinrichtung, von einer gravierenden Sehbeeinträchtigung betroffen. „Als bekannt wurde, dass die Experten der blista heute hier sein werden, haben uns viele Angehörige dringend gebeten, einen Termin für ihren Vater oder ihre Mutter zu machen, und auch von den Bewohnerinnen und Bewohnern wurde großes Interesse signalisiert“, ist Tomann von den Möglichkeiten der Beratung vor Ort begeistert. „Wir könnten es niemals organisieren, mit allen von einer Sehbeeinträchtigung betroffenen Bewohnerinnen und Bewohnern zur blista nach Marburg zu fahren. Außerdem erhalten wir hier gleich noch wichtige Anregungen für die sehfreundlichere Gestaltung im Hause.“ blista-Direktor Claus Duncker bedankt sich herzlich bei Astrid Kießling-Taskin für die Unterstützung der Arbeit der blista in den letzten Jahren durch die Commerzbank-Stiftung. Duncker betont, wie dringend notwendig diese Förderung ist. „Wir haben das Projekt ‚Rat und Hilfe bei Sehverlust im Alter‘ ins Leben gerufen, um die Lebenssituation von Senioren im Landkreis Marburg-Biedenkopf nachhaltig zu verbessern, unabhängig davon, ob sie zu Hause oder in einer Alten- oder Pflegeeinrichtung leben. Augenerkrankungen bei Senioren, so Duncker weiter, würden oft nicht erkannt oder falsch eingeschätzt. Oft fehle es schlicht an Sensibilität. Nicht selten würden Symptome von Sehstörungen etwa mit Anzeichen von Demenz verwechselt. „80 Prozent aller Informationen, die unser Gehirn erreichen, nehmen wir über das Sehen auf. Fällt dieser Informationskanal aus, hat das starke Auswirkungen auf die Psyche“, so Duncker.

Im Alltag von sehbehinderten Menschen sind bereits einfache Mittel sehr wirksam, unterstreicht Bernd Wilhelm, Seniorenberater der blista. So einfarbige Tischdecken, die gemeinsam mit weißem Geschirr für die nötigen Kontraste sorgen, damit Essen und Trinken leichter fällt, oder das Entfernen von Teppichkanten und anderen Stolperfallen. „Tageslichtleuchten blenden nicht so stark wie normale Lampen und erleichtern die Orientierung in den eigenen vier Wänden oder in der Senioreneinrichtung. Brille oder spezielle Lupen und Lesegeräte sind ebenso wichtig“, betont Christian Gerhold von der blista Low Vision-Beratung, der mit seinen mobilen Untersuchungsgeräten ebenfalls für die Bewohnerinnen und Bewohner an diesem Tag zur Verfügung steht. 

„Nach einer Knie- oder Hüftoperation oder nach einem Herzinfarkt gibt es eine Reha, aber nicht nach einem massiven Sehverlust. Deshalb gibt es für diese dringend notwendige Hilfe für Seniorinnen und Senioren mit einem Sehverlust bisher keine geregelte Finanzierung durch die Krankenkasse, sondern es muss durch Spenden finanziert werden“, weist Duncker auf eine Versorgungslücke hin. 

Astrid Kießling-Taskin überreicht zum Abschluss des Besuchs erneut einen Scheck in Höhe von 10.000 Euro an Claus Duncker und betont das Bemühen der Stiftung, die Arbeit von sozialen Einrichtungen nachhaltig zu unterstützen. „Haben wir in der Vergangenheit vor allem Projekte im Bereich der blista-Frühförderung mit unseren Zuwendungen bedacht, passt auch dieses Projekt ausgezeichnet zum Leitmotiv der Commerzbank-Stiftung, ‚Teilhabe‘ zu fördern.“ 

Bildbeschreibungen: Dem Artikel sind zwei Fotos beigefügt. Das eine zeigt den Seniorenberater Bernd Wilhelm im Gespräch mit einem älteren Mann im SEHMobil. Die seitliche Schiebetür des Kleinbusses ist geöffnet, auf dem Sitz hinter dem Beifahrer sitzt Bernd Wilhelm, der ältere Mann sitzt ihm gegenüber. Wilhelm hat sich vorgebeugt und stützt den Kopf auf den linken Arm. Der Senior sitzt entspannt zurückgelehnt und hat die Beine ausgestreckt. Beide sind ins Gespräch vertieft. Foto: blista/Archiv
Das zweite Foto ist bei der Scheckübergabe der Commerzbankstiftung vor dem „Haus Maria“ entstanden. Zu sehen sind von links nach rechts Harald Tomann (Leiter “Haus Maria”,), blista-Direktor Claus Duncker, Astrid Kießling-Taskin (Geschäftsführerin Commerzbankstiftung), Lars Leonhard (Commerzbank). Astrid Kießling-Taskin und Claus Duncker halten einen symbolischen, großen Scheck in den Händen. Am linken Bildrand ist das SEHMobil der blista zu sehen. Foto: Haus Maria

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Dr. Johannes-Jürgen Meister: Sehen im Alter

von Dr. Johannes-Jürgen Meister

Fachtagung des DBSV in Kooperation mit der BAGSO vom 27./28. Juni 2014

Am 27. und 28. Juni 2014 fand in Bonn die Fachtagung des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (DBSV) „Sehen im Alter“ statt. 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus den Bereichen Augenheilkunde, Pflege, Rehabilitation, Beratung und nicht zuletzt vor allem der Selbsthilfe waren mit hohen Erwartungen nach Bonn gekommen. Das Tagungsprogramm war vielversprechend. Es sollte eine Kooperationsveranstaltung von DBSV und BAGSO sein. Die BAGSO war zur Eröffnungsrunde durch ihre Vorsitzende, Prof. Ursula Lehr, mit einem Statement zur Situation und Zukunft der Generation der Älteren vertreten sowie durch Dr. Claudia Kaiser, die einen Workshop moderierte. Der DVBS war durch den Berichterstatter und Dr. Rose-Marie Lüthi aus Zürich vertreten. 

Inhaltlich betrachtet gab es in den Referaten keine besonders neuen Erkenntnisse. In ihrem Begrüßungsstatement hob DBSV-Präsidentin Renate Reymann die wesentlichen Schwerpunkte hervor, die das „Sehen im Alter“ in Deutschland kennzeichnen:

- Defizite bei der Versorgung der Menschen in Pflegeeinrichtungen und der Pflegebedürftigen zu Hause, 
- Defizite in der Zusammenarbeit der verschiedenen Versorger, 
- Defizite in der Aus- und Fortbildung, 
- und Defizite bei den Zahlen über Augenerkrankungen im Alter und in den Pflegeeinrichtungen.

Zwar seien in den letzten Jahren Fortschritte in der Forschung und Therapie von Augenerkrankungen im Alter erzielt worden, aber es mangele vielfach an der notwendigen Umsetzung dieser Erkenntnisse in der Praxis. Prof. Focke Ziemssen von der Universitätsaugenklinik Tübingen, Präsident der Tagung, betonte in seiner Einführung: „Durch den Verlust oder die Einschränkung der Sehkraft werden viele Senioren unselbständiger und ihre Lebensqualität verschlechtert sich. Einer australischen Studie zufolge verkürzt sich dadurch auch die Lebenserwartung dramatisch. Früherkennung und eine rechtzeitig einsetzende Behandlung können Abhilfe schaffen.“ Augenerkrankungen und Sehverlust im Alter schränken die aktive Teilhabe am Leben ein und führen bei vielen älteren Menschen zum Gefühl des Ausgeschlossenseins, der Einsamkeit und der sozialen Isolation. Aus der Perspektive der Augenheilkunde wurden zwar Zahlen über Erkrankungen genannt, aber zugleich betont, dass es keine exakten Statistiken über Augenerkrankungen im Alter gebe. 

Beeindruckend, aber in Hinblick auf den demographischen Wandel nicht sehr überraschend, war die Feststellung, dass es vornehmlich in der Altersgruppe über 65 Jahre mehr als fünf Millionen Glaukom- und AMD-Betroffene gibt. Aufgrund der therapeutischen Fortschritte sinke zwar die Zahl der Erblindungen im Alter, aber gleichzeitig steige die Zahl der Sehbehinderungen stark, vor allem im Alter über 80 Jahre. Speziell bei der feuchten AMD bleibe die Therapie weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. 

Selbstständigkeit und Selbstbestimmung zu erhalten, gehöre auch zu den Kernkompetenzen der Pflege. Hier gebe es sowohl in der ambulanten als auch in der stationären Altenpflege großen Nachholbedarf. Einerseits seien Checklisten zur Erkennung von Seheinschränkungen notwendig, andererseits aber seien Bewältigungsstrategien im Alter schwierig. Neben die Sehbeeinträchtigung treten oft noch andere Beeinträchtigungen, wie z.B. Demenz. Besonders bemängelt wurde, dass das Thema Sehverlust im Alter in der Aus- und Weiterbildung so gut wie nicht berücksichtigt werde. 

In einem weiteren Impuls diskutierten Dr. Michael Richter und Jürgen Nagel die rechtlichen und praktischen Möglichkeiten einer Rehabilitation und Hilfsmittelberatung. 

Breiten Raum nahmen am zweiten Tag fünf Workshops ein, in denen Aspekte der Plenumsveranstaltungen vertieft wurden, das Erkennen und die Verbreitung von Sehbeeinträchtigungen im Alter ebenso wie die Möglichkeiten von Rehabilitation, Angebote und Nutzung von Hilfsmitteln und die Berücksichtigung psycho-sozialer Probleme bei Sehverlust im Alter. Im Workshop „Ältere sehbehinderte Menschen in ihrem Wohnumfeld“ plädierte Erika Mühlthaler vom Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund (BBSB) für Mindeststandards bei Wohnungsneubauten. Die Regelungen von DIN-Normen zur Barrierefreiheit seien gescheitert und fänden bei Architekten und Planern daher keine Berücksichtigung. Sicherheit, Orientierung und Zugänglichkeit sind die Maßstäbe, nach denen sie das Thema Barrierefreiheit bzw. Barrierearmut angehe. Zwar seien heute nur etwa zehn Prozent des Wohnraumbestandes, für Nutzer von Rollstühlen gar nur ein Prozent, senioren- und behindertengerecht bzw. „barrierefrei“, aber Lösungen, wie der weitaus größte Anteil an Wohnraum den Bedarfen und Bedürfnissen älterer und beeinträchtigter Menschen angepasst werden können, hatte sie keine. Bei ihrem Blick auf notwendige barrierefreie Anforderungen an Neubauten ließ sie allerdings auch den Standort und das sozio-ökologische Umfeld außer Acht. Was aber nützt ein „goldener Käfig“ irgendwo am Stadtrand oder „auf der grünen Wiese“, wenn der ÖPNV in weiter Ferne ist und auch eine Versorgung mit Angeboten des täglichen Lebens und wichtige Dienstleistungen fußläufig nicht erreichbar sind? Zudem von der Referentin ihr Mindestkatalog lediglich auf Neubauten ausgerichtet. Gänzlich unberücksichtigt dagegen blieben barrierefreie Anpassungen bei Sanierungen im Wohnungsbestand, der bekanntermaßen den Hauptanteil des Wohnangebots ausmacht. Hier schweigt allerdings auch die BAGSO in ihrem Positionspapier zur Zukunft des Wohnens im Alter. Zum anderen wurde in einem eindrucksvollen und interessanten Referat sehr abstrakt und theoretisch über das Licht, seine Funktion und Bedeutung für das tägliche Leben und eine gute Raumausleuchtung und -gestaltung referiert.

Auf der Website www.sehenimalter.org können auch über die übrigen Workshops Berichte nachgelesen werden. Zum Abschluss der Tagung wurde die nachstehende „Bonner Erklärung“ verlesen und verabschiedet. 

Zum Autor

Dr. Johannes-Jürgen Meister ist Leiter der DVBS-Gruppe Ruhestand. 

Bildbeschreibungen: Das Autorenfoto zeigt Dr. Johannes-Jürgen Meister während eines Vortrags am Rednerpult. Er trägt einen grauen Anzug, schwarzen Pullunder mit schwarzer Krawatte und ein weißes Hemd. Er blickt am Mikrofonständer vorbei in Richtung seiner Zuhörer. 

Das zweite Foto zeigt Teilnehmer der Tagung „Sehen im Alter“, die eine Diskussion auf der Bühne verfolgen. Die Zuhörer sitzen mit dem Rücken zum Fotografen, auf der Bühne sind sechs Männer und Frauen in dunklen Anzügen zu sehen, die sprechen. Links im Hintergrund ist auf einer Leinwand der Titel der Tagung „Sehen im Alter“ zu lesen. Foto: DBSV/Mädje

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DBSV und BAGSO gründen mit der „Bonner Erklärung“ das Aktionsbündnis „Sehen im Alter“

Das Risiko einer Augenerkrankung, die das Sehen bedroht, steigt mit zunehmendem Alter rapide an. Die Wissenschaft geht mittlerweile von mehr als sieben Millionen Betroffenen in Deutschland aus. Die Dimension von Volkskrankheiten ist erreicht. Menschen, die einen Sehverlust erleiden, verlieren bis zu 80 Prozent der zuvor verfügbaren Informationen und in der Folge die Handlungsfähigkeit in beinahe allen Lebensbereichen. Dabei gibt es Wege, den Menschen Selbstbestimmung, Aktivität und gesellschaftliche Teilhabe zu sichern: Neue diagnostische Verfahren und Therapien können in vielen Fällen Erblindung verhindern – Hilfsmittel, Rehabilitation, barrierefreie Gestaltung und Beratungsangebote können helfen, entstandenen Sehverlust zumindest teilweise auszugleichen. Viele Personen, Initiativen, Projekte und Berufsgruppen haben sich bereits auf den Weg gemacht. Es ist Zeit für eine gemeinsame Strategie!

Aus vielen losen Enden wird ein engmaschiges Netz

Die Fachtagung „Sehen im Alter“ am 27. und 28. Juni 2014 hat Akteure zusammengeführt, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Thema befassen. Trotz exzellenter Konzepte Einzelner besteht nach wie vor ein großer Bedarf für konkrete Verbesserungen. Die Fachtagung soll deshalb der Beginn eines gemeinsamen, abgestimmten Handelns sein. So können die Stärken der Partner zusammengeführt und zwei gemeinsame Ziele erreicht werden: vermeidbaren Sehverlust verhindern und Menschen mit Sehverlust eine optimale Unterstützung sichern!

Ziel 1: Vermeidbaren Sehverlust verhindern

  • durch Aufklärung, Prävention und Früherkennung
  • durch konsequente Therapie bereits beim zuerst betroffenen Auge 
  • durch Sicherstellung der augenärztlichen Versorgung der Bewohner von Alten- und Pflegeeinrichtungen 
  • durch die systematische Beseitigung aller Hindernisse und Versorgungslücken, die einer erfolgreichen Therapie im Wege stehen 

Ziel 2: Menschen mit Sehverlust optimal unterstützen

  • durch barrierefreie Gestaltung von Produkten, Wohnung, Wohnumfeld und öffentlichen Räumen
  • durch sofort einsetzende Reha-Leistungen bei Sehverlust 
  • durch angemessene Nachteilsausgleiche und Versorgung mit Hilfsmitteln 
  • durch mehr Unterstützung für Mobilität und Transport, beispielsweise durch Begleitdienste 
  • durch die konsequente Berücksichtigung des Sehvermögens in der Altenpflege 
  • durch die systematische Beseitigung aller Hindernisse, die einer erfolgreichen Rehabilitation und umfassenden Versorgung im Wege stehen 

Personen und Organisationen aus allen Fachgebieten, die zur Verhinderung von Sehverlust und zur Versorgung sehbehinderter Menschen im Alter beitragen, sind zur Mitarbeit eingeladen. Aus vielen einzelnen Leistungen muss ein engmaschiges Unterstützungsangebot werden, das den Menschen folgendes bietet:

  • Beratung und sinnvolle Maßnahmenpakete 
  • Ineinandergreifen der Leistungen 
  • Orientierung und Klarheit für die Betroffenen und ihre Angehörigen 
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Berichte und Schilderungen


Rita Schroll: Unterwegs mit Tour de Sens

von Rita Schroll

Überrascht auch schon vor Reisebeginn 

Wer kennt es nicht: Trotz der zunehmenden Reiseangebote, auch für blinde und sehbehinderte Menschen, ist das Thema „Urlaub“ häufig mit einem mulmigen Gefühl verbunden: Hierbei spielt es erfahrungsgemäß nur eine untergeordnete Rolle, wie mobil der einzelne Reisende ist. 

Werden die Begleitungen nett und engagiert sein? 

Oder sind es Menschen, die uns nicht als Kunden, sondern als Klientel sehen, für das sie glauben, handeln und ggf. auch mal Entscheidungen treffen zu müssen? 

Inwieweit besteht die Möglichkeit, sich auch mal von der Gruppe zurückzuziehen? 

Werden das Haus und die Umgebung so ausführlich gezeigt, dass eine selbstständige Orientierung in der unmittelbaren Umgebung möglich ist? 

Besteht genug Raum für individuelle Interessen und Wünsche oder ist außerhalb des angebotenen Reiseprogrammes nichts möglich? 

All dies sind Fragen, die sich fast jeder blinde und sehbehinderte Reisende vor seinem Urlaub stellt, so meine Erfahrung aus verschiedensten Beratungsgesprächen, die ich als Mitglied der Koordinationsstelle Tourismus im Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband sowie als Beauftragte für barrierefreies Reisen im Deutschen Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf führte.

Selbst vollblind, war auch ich schon mit verschiedensten Dienstleistern, die Reisen für blinde und sehbehinderte Menschen anbieten, unterwegs. Da ich auf diesen Reisen schon die unterschiedlichsten Erfahrungen machte und Erlebnisse hatte, stellten sich natürlich auch für mich die oben aufgeführten Fragen. 

Bisher einmalige und für mich sehr besondere Erfahrungen, von denen ich hier in diesem Artikel berichten möchte, machte ich mit dem seit 2011 auf dem Markt existierenden Reiseanbieter „Tour de Sens“, der aufgrund seines inklusiven Konzeptes übrigens mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, z. B. die Auszeichnung als „Beispiel guter Inklusionspraxis“ des Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen und des Inklusionsbeirates. 

Ziel von „Tour de Sens“ ist es, nicht nur die Barrieren im Tourismus, sondern auch bestehende Barrieren zwischen blinden/sehbehinderten und sehenden Menschen zu minimieren. So zahlen Reisegäste mit Hilfebedarf einen höheren Reisepreis, sehende Reisegäste zahlen einen niedrigeren Preis, fungieren aber gleichzeitig als Begleitperson für Reisegäste mit Hilfebedarf. Damit alle Reisegäste die größtmögliche Abwechslung und Vielfalt auf den Reisen erleben, wechselt die Begleitperson täglich, es sei denn, ein Team wünscht keinen Wechsel. 

Grundsätzlich wird Eins-zu-Eins-Reisebegleitung angeboten. Dies führt, so meine Erfahrung, zu wesentlich mehr Reisekomfort für alle Beteiligten, und der Preis für Reisegäste mit Hilfebedarf ist keineswegs höher als bei den sonstigen Anbietern von Reisen für blinde und sehbehinderte Menschen.

Vom 28. Juni bis 5. Juli 2014 nahm ich, gemeinsam mit 16 Teilnehmer/innen und zwei Reiseleiterinnen, an einer Wanderreise ins Trentino teil, die von „Tour de Sens“ angeboten wurde. Schon im Vorfeld der Reise war ich sehr positiv überrascht, denn auf der uns vorab zugesandten Literaturliste wurde vermerkt, welche der angegebenen Literatur es auch als Hörbuch, kommerziell oder im DAISY-Format, gibt. Sicher keine großartige Aufgabe für die Anbieter von Reisen für unseren Personenkreis dies zu recherchieren, doch außer bei tour de sens erlebte ich dieses noch bei keinem anderen Reiseanbieter. 

Während der gemeinsamen Zugreise wurden wir anhand eines Rätsels mit Wissenswertem aus unserer Reiseregion vertraut gemacht. Im Hotel angekommen, wurden uns sehr ausführlich Orientierungshilfen gezeigt, sodass wir uns im Haus und in der unmittelbaren Umgebung zurechtfinden konnten. So gab es vom Hotel ausgehend z. B. eine Abwasserrille, die wir als Leitlinie durch die Fußgängerzone und bis zu einem Park nutzen konnten. 

Ein taktiler Plan, der uns mit unseren Wanderrouten und der Umgebung vertraut machte, wurde ebenfalls von tour de sens extra in Auftrag gegeben. 

Wir unternahmen verschiedene Wanderungen mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden und meist mit einer großen Picknickpause in schöner, sonniger Umgebung. Durch das exzellente Fachwissen der Reiseleiterinnen Laura Kutter und Gisela Moser lernten wir vieles über die Region. Eine Stadtbesichtigung und ein Besuch einer Kräuterfarm sowie das Angebot eines Segelkurses und die Möglichkeit zum Baden und shoppen boten eine gute Abwechslung zwischen organisiertem Tagesprogramm und Entspannungsmöglichkeiten für müde Füße. 

Abends erhielten wir einen kurzen Ausblick auf den nächsten Tag und alle Reisegäste wurden immer wieder gefragt, ob besondere Wünsche bestehen und aufgemuntert zu sagen, wenn etwas verbessert werden könnte. 

Im Gegensatz zu sonstigen Reisen war die Reisegruppe ein Team und es entstand keine Kluft zwischen sehenden, sehbehinderten und blinden Reisegästen, wie dies häufig bei Reisen anderer Reiseanbieter mit anderen Reisekonzepten der Fall ist. 

Leider ist bei manchen Reisen das Gleichgewicht zwischen blinden und sehenden Reisegästen bisher nur schwer erreichbar. Deshalb bleibt zu hoffen, dass sich auch in Zukunft genug sehende Reisegäste finden, denn ohne diese kann ein noch so gutes Reisekonzept, das sicher im Interesse aller blinden und sehbehinderten Menschen ist, trotz Bemühen von „Tour de Sens“ nicht aufrechterhalten werden. 

Zur Autorin

Rita Schroll ist Beauftragte für barrierefreies Reisen im Deutschen Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf e.V. (DVBS) sowie Mitglied in der Koordinationsstelle „Tourismus“ im Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband e.V. (DBSV).

Bildbeschreibungen: Auf dem Autorenfoto blickt Rita Schroll lächelnd in die Kamera. Zum schwarzen Blazer trägt sie eine weiße Bluse sowie eine kurze Halskette mit einem großen, runden Silberanhänger und passende Ohrringe. Die grauen Haare sind gut schulterlang, der Pony ist fransig in die Stirn frisiert. 

Das zweite Foto ist während der Reise nach Italien entstanden und zeigt die Reisegruppe bei der Besichtigung des Castel Buonconsiglio. Die Gruppe steht in einem Gang, der von steinernen Säulen begrenzt ist. Zwischen den Rundbögen fällt der Blick auf bewaldete Berge. Foto: Tour de Sens

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Aus der Arbeit des DVBS


Christina Muth: Klaus Winger übernimmt die Geschäftsführung des DVBS

von Christina Muth

Am 1. September hat Klaus Winger die Geschäftsführung des DVBS in der Geschäftsstelle in Marburg übernommen. Der 63-jährige studierte Theologe und Pädagoge war zuletzt als Unternehmensberater für Beschäftigungs-, Reha- und Bildungsunternehmen tätig. Über seine ersten Wochen im neuen Umfeld sagt der selbst nicht blinde oder sehbehinderte Winger: „Ich befinde mich noch in der Phase des Jagens und Sammelns“ – vor allem eine Sammlung an Informationen und Wissen strebt er an. „Ein näheres Ziel ist es, das bei den Mitarbeitern der Geschäftsstelle und der Experten in den Fach- und Bezirksgruppen reichlich vorhandene Wissen für die Beratungs- und Informationsarbeit zu systematisieren.“ Auf längere Sicht sei es angesichts der besonders für blinde und sehbehinderte Menschen relevanten vielfältigen demografischen, technologischen und politischen Entwicklungen wichtig, den „Verein zukunftsfähig zu machen und die Frage zu beantworten, welche Menschen übermorgen unsere Mitglieder sein können und wie wir sie erreichen.“ 

Obwohl er selbst nicht betroffen ist, hat Klaus Winger eine persönliche Verbindung zur Arbeit mit blinden und sehbehinderten Menschen. Nach seinem Abitur war er für ein Jahr lang als Erziehungshelfer an der blista tätig. Diese „emotionale Grundlage“ sei mit ausschlaggebend für die Bewerbung beim DVBS gewesen. „Und es ist richtig schön, auch nach so langer Zeit jetzt unter den DVBS-Mitgliedern schon auf ein paar alte Bekannte gestoßen zu sein.“ Nach Stationen beim Industriepfarramt Frankfurt und der Technologieberatungsstelle des Gewerkschaftsbundes in Hessen arbeitete Winger beim Flughafenbetreiber Fraport als „ Weiterbildungsplaner im Schulungszentrum und später als Leiter Ablauforganisation im Geschäftsbereich Informations- und Kommunikationstechnik". Vor etwas mehr als zehn Jahren wechselte er nach Nordhessen und übernahm die Geschäftsführung eines Berufsbildungswerkes, das der Diakonie angehörte. Junge Menschen mit Lern- und/oder körperlichen Behinderungen bzw. psychischen Erkrankungen werden in der Einrichtung ausgebildet,gefördert und in den Arbeitsmarkt integriert. „Soziales Engagement war schon immer ein wichtiger Punkt für mich“, erklärt Winger, „und mich jetzt noch einmal hineindenken und -fühlen können in ein neues/altes Arbeitsfeld, in Sorgen und Wohlbefinden, aber auch Chancen, Barrieren und deren Überwindung von blinden und sehbehinderten Mitgliedern des DVBS, das erlebe ich für mich als eine prima Möglichkeit und Herausforderung.“

Klaus Winger ist verheiratet, Vater einer erwachsenen Tochter und lebt in Bad Arolsen. 

Bildbeschreibung: Das Foto zeigt Klaus Winger an seinem Schreibtisch in der DVBS-Geschäftsstelle. Die rechte Hand liegt auf der Maus, am linken Bildrand ist der Bildschirm zu sehen. Zum hellblauen Hemd trägt er eine schwarze Weste. Er hat kurze, graue Haare und einen grauen Vollbart. Das Gestell seiner Brille ist silber, die Gläser rechteckig. Foto: DVBS/Christina Muth

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Christina Muth: ICC 2014 oder: Ein 20. Geburtstag mit mehr als 100 internationalen Gästen

von Christina Muth

Blinde und sehbehinderte Jugendliche profitieren seit 20 Jahren vom „International Camp on Communication and Computers“ 

Wenn rund 70 blinde und sehbehinderte Jugendliche und 30 Betreuer/innen aus 17 Nationen für zehn Tage zusammenkommen, verspricht das eine spannende Zeit zu werden – und dieses Versprechen hat das 20. „International Camp on Communication and Computers“ (ICC) 2014 gehalten. Aus Deutschland traten fünf Jugendliche und drei Betreuer die Reise nach Riga, der Europäischen Kulturhauptstadt 2014, an – organisatorische Unterstützung des DVBS und finanzielle Förderung seitens der Reinhard-Frank-Stiftung machten die Teilnahme möglich. Vom 3. bis 12. August fand das ICC in der Strazdumuiza Residential School, einer Schule mit angeschlossenem Trainingszentrum für Blinde und Sehbehinderte, am Stadtrand von Riga statt. 

Kommunikation und der Umgang mit dem Computer – von der google-Suche für Fortgeschrittene bis zur Dokumenterstellung mit Word – sind die zentralen Bausteine des ICC. Blinden und sehbehinderten jungen Menschen im Umgang mit technischen Hilfsmitteln wie Sprachausgabe, Software und neuen Technologien wie Tablets wertvolle Tipps zu geben und ihnen gleichzeitig soziale Kompetenz zu vermitteln, sind seit 20 Jahren feste Bestandteile des ICC-Konzepts. Dass dieses Konzept bei den 16- bis 21-jährigen Teilnehmenden bestens ankommt und angenommen wird, erkennen auch sehende „ICC-Anfänger“ bereits nach kurzer Zeit. 

Schwülheiße 37 Grad, die Anreise war teils turbulent bis chaotisch, viele sind zum ersten Mal dabei und aufgeregt, was sie in den kommenden zehn Tagen erwarten wird – doch schon auf der Busfahrt vom Flughafen zur Schule kommen schwedische und deutsche Jugendliche ins Gespräch. Die erste Anspannung fällt ab, und spätestens am Abend im Park hinter dem Schulgebäude macht sich Ferienlagerstimmung breit. „Where are you from?“ ist die wohl am häufigsten gestellte Frage in diesen Stunden, kaum weniger oft ist zu hören „Are you on Facebook?“. 

Am Montag beginnt nach einer Einführung in die Technik und dem Auswählen der Workshops das obligatorische Programm. Erstmals wurden in diesem Jahr Pflichtworkshops angeboten, bestehend aus je drei Einheiten „Networking“ und „Presentation Technics“. Diese Neuerung soll den Jugendlichen dabei helfen, nicht nur ihre eigene Situation zu reflektieren und in der Diskussion mit anderen blinden und sehbehinderten Schülern und Studierenden Gemeinsamkeiten oder auch andere Herangehensweisen kennen zu lernen, sondern ihnen auch ermöglichen, ein eigenes Netzwerk zu jungen Menschen in ähnlichen Lebenssituationen aufzubauen. In „Presentation Technics“ lernen die Teilnehmenden zudem, Stärken und individuelle Merkmale ihrer Persönlichkeit herauszuarbeiten und vor einer größeren Gruppe zu präsentieren – eine Übung, die besonders Studienanfängern die Angst vor dem ersten Referat in einer neuen Lernumgebung nehmen kann. Dass die kurzen Vorträge und Diskussionen in der Campsprache Englisch geführt wurden, erhöhte für viele der Jugendlichen den Schwierigkeitsgrad, kostete die große Mehrheit jedoch nur in den ersten Stunden des Camps Überwindung. 

In diesem Jahr standen mehr als 60 Workshops zur Auswahl: Angebote, die die berufliche Entwicklung in den Fokus rückten, wie „Studium im Ausland“, „Powerpoint Präsentationstechnik“ und „Arbeiten mit dem Screenreader JAWS“, wurden ebenso gut angenommen wie „Lettische Küche“, „Goalball“, „Judo“ und ein DJ-Workshop. In der Freizeit gab es Gelegenheit, Riga in einem Stadtrundgang kennen zu lernen, zu rudern oder Tandem zu fahren und Karaoke zu singen. Dank der Rekordtemperaturen und der fast schon tropisch-warmen Nächte war der Park am Abend der bevorzugte Treffpunkt für Teilnehmende und Betreuer. Hier erklang Gitarrenmusik, dort wurde gesungen und lange, intensive Gespräche geführt. 

Die offene Atmosphäre und der respektvolle Umgang miteinander machen den Reiz des ICC sowohl für die Jugendlichen als auch für die erwachsenen Begleiter aus – beste Voraussetzungen, um neue Kontakte zu knüpfen und die Scheu vor dem Austausch in einer fremden Sprache zu verlieren. Was sich bereits während der Zeit in Riga andeutete, hat sich jetzt, Monate nach dem ICC, bestätigt: Netzwerke wurden geknüpft und der Austausch über die Zeit und die Landesgrenzen hinaus hält an. Im sozialen Netzwerk Facebook wird gepostet und geschrieben, es gibt eine Gruppe im Messenger-Dienst „whats app“ und bereits kurze Zeit nach dem Rückflug haben sich Jugendliche aus Belgien, Polen und Deutschland zu einem kleinen „ICC-Revival“ in Belgien getroffen. 

Das nächste ICC findet im Sommer 2015 in Zeist (Niederlande) statt, 2016 wird es voraussichtlich in Dresden stattfinden. 

Bildbeschreibung: Das Gruppenfoto zeigt Teilnehmer, Organisatoren und Helfer des ICC vor der Strazdumuiza Residential School in Riga. Sie sitzen bzw. stehen auf den Treppenstufen vor dem Eingang. Alle tragen Sommerkleidung und ihren „ICC-Teilnehmerausweis“ an einem Band um den Hals. Foto: privat

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Rechtzeitig die Ermäßigung des Mitgliedsbeitrags beantragen!

Der Antrag auf Ermäßigung des DVBS-Mitgliedsbeitrages für das Jahr 2015 muss bis spätestens 28. Februar 2015 formlos schriftlich, per Fax oder per E-Mail (geschaeftsfuehrung@dvbs-online.de) in der Geschäftsstelle eingegangen sein. Fristgerechte Anträge werden bestätigt und die Mitgliedsdaten in der Datenbank angepasst. Die Bestätigung, und ausschließlich sie, gilt als Nachweis gegenüber dem Verein. Anträge, die nicht fristgerecht bei uns eintreffen, können nachträglich leider nicht mehr genehmigt werden. Mitglieder, denen im vergangenen Jahr eine Ermäßigung bis auf Widerruf gewährt wurde (z.B. Mitglieder, die im Ausland leben, oder Ruheständler, die eine Beitragsermäßigung beantragen), sind von der jährlichen Antragstellung ausgenommen. Auskunft erteilt Stefanie Görge, Tel.: 06421 94 888-16, montags bis freitags, von 8 bis 12 Uhr, E-Mail: goerge@dvbs-online.de

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Terminvorschau

Seminartermine 2015:

30. bis 31. Januar 2015: Notennetzwerktagung der  Fachgruppe Musik in Leitershofen

5. bis 8. März: Seminar „Nicht sehend - nicht blind“ der Fachgruppe Sehbehinderte in Herrenberg

16. bis 19. April: Seminar der Fachgruppe Wirtschaft in Herrenberg

17. bis 19. April: Seminar der Fachgruppe Verwaltung in Bad Meinberg

24. bis 29. August: Fachgruppe Musik - Chorwoche in Wernigerode

3. bis 6. September: Fachgruppe Studium und Ausbildung - Bundesweites Treffen blinder und sehbehinderter Studierender und Auszubildender in Kassel

5. bis 12. Oktober: Seminar der Gruppe Ruhestand in Bad Liebenzell

Weitere Informationen zu den Terminen finden Sie unter www.dvbs-online.de/php/aktuell.php

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Aus der blista


Thorsten Büchner: „Türöffner in die Literatur“

von Thorsten Büchner

blista-Abend feiert 60. Geburtstag der „Deutschen Blindenhörbücherei“

Der diesjährige „blista-Abend“ hatte alles, was zu einem 60.Geburtstag dazugehört: gutes Essen, ein Wiedersehen mit neuen und alten Freunden sowie ein musikalisch-literarisches Programm, bei dem alle Geburtstagsgäste auf ihre Kosten kamen. Unter dem Motto „Gaumenfreuden und Ohrenschmaus“ lud die blista knapp 100 Gäste, die sich mit der blista und ihrer Arbeit verbunden fühlen, in die, wie immer treffsicher und geschmackvoll dekorierte, Aula der Carl-Strehl-Schule ein, um den 60. Geburtstag der „Deutschen Blindenhörbücherei“ (DBH) in entspannter Atmosphäre zu feiern. blista-Direktor Claus Duncker ging in seiner Begrüßung auf die wichtige Rolle der ältesten Blindenhörbücherei Deutschlands, besonders für spät erblindete Menschen im Seniorenalter, ein. „Wir öffnen damit wieder die Tür zur Literatur, zum Lesen“, verdeutlichte Duncker. Obwohl jährlich rund 2.000 neue Hörbücher, egal ob Krimi, Roman, Jugendbuch oder Fach- und Sachbuch in den mittlerweile 42.000 Titel umfassenden Bestand der DBH hinzukommen, sei das immer noch eine äußerst geringe Zahl, im Vergleich zu den jährlich neu erscheinenden Schwarzschrifttiteln, erläuterte der Direktor der blista. Daher sei der „Hunger nach zugänglicher Literatur“ nach wie vor groß und ungebrochen.

Hunger brachten auch die Festgäste mit, erwartete sie doch dieses Mal ein ganz besonderes Menü. Der türkische und mehrfach preisgekrönte Spitzenkoch, Ömür Akkor, präsentierte mehrere Gänge aus verschiedenen Jahrhunderten osmanischer und türkischer Kochkunst. So gab es etwa Muhammara, eine scharfe Nusspaste, als Vorspeise. Zum Zwischengang erwartete die neugierigen Gäste Herise, eine Art Fleischbrei aus dem 6. Jahrhundert, bevor dann ein köstlich duftendes und ebenso gut schmeckendes Tandoori-Lamm mit ungewöhnlich gewürztem Reis die Hauptspeise bildete.

Anlass für Akkors Besuch an der blista war die Produktion seines Kochbuchs „Gerichte aus der türkischen und internationalen Küche“ in Punktschrift und auch als Hörbuch. Das besondere dabei ist, dass alle in diesem Kochbuch vorgestellten Gerichte „blind“ gekocht werden können. Akkor hat dies selbst mehrfach ausprobiert und das Buch gemeinsam mit dem türkischen Blindenverband erarbeitet. Der „Main-Donau-Verlag“, der Akkors Kochbücher in Deutschland verlegt, sowie der Akademikerverein „Colloquium“ aus Marburg hatten dann die Idee, dieses nur in der Türkei existierende Buch, gemeinsam mit der blista, auch für Blinde und Sehbehinderte in Deutschland zugänglich zu machen. In einem Interview mit Rudi Ullrich, Leiter „Kommunikation und Teilhabe“ der blista, stellten Serdan Öszoy von „Colloquium e.V“ und Abdulah Caluc vom „Main-Donau-Verlag“ ihre Idee vor und erzählten über die gut funktionierende Zusammenarbeit bei der Produktion des Hör- und Punktschriftbuches. Die DAISY-CD kann ab sofort kostenlos bei der DBH bestellt werden und muss auch nicht – quasi als Geburtstagsgeschenk an die Hörerinnen und Hörer – zurückgeschickt werden. In Punktschrift ist das Kochbuch gegen eine Schutzgebühr zu den üblichen Konditionen bei der blista bestellbar.

Den Nachtisch mit dem geheimnisvollen Namen „Paradiesschlamm“ bereitete Ömür Akkor dann live mit verbundenen Augen zu, während er vom Moderator des Abends, Thorsten Büchner, über die Herausforderungen „blind zu kochen“ befragt wurde. Akkor rührte im heißen Topf, gab die Pistazien hinzu, bevor die duftende Süßspeise an die Gäste verteilt wurde.

Zwischen all den Leckereien gab Moderator Thorsten Büchner einen kurzweiligen Rückblick auf die zurückliegenden 60 Jahre DBH. Gegenwart und Zukunft kamen in Form des neuen, barrierefreien Online-Katalogs ins Spiel, der von Andrea Katemann, Leiterin der Deutschen Blindenbibliothek (DBB), kurz in seinen wichtigsten Funktionen vorgestellt wurde. Marburgs Oberbürgermeister Egon Vaupel gab den offiziellen Startschuss und schaltete den Katalog frei. Dabei verriet Vaupel auch, dass er zwar kaum noch zum Lesen komme, vor kurzem aber „ein tolles Buch über die Geschichte der Bundesliga“ gelesen habe. Dieses Buch, Ronald Rengs „Spieltage“, ist als ungekürztes Hörbuch ebenfalls in der DBH ausleihbar. 

Wie schön es sein kann, sich von gekonnten Sprecherinnen und Sprechern etwas vorlesen zu lassen, demonstrierten Jürgen Rupprath und Lisa Schmidt. Beide, der eine Lehrer der Carl-Strehl-Schule, die andere Schülerin der Jahrgangsstufe 13, sind blind und trugen zwei satirische Kurzgeschichten vor. „Ein Ehepaar erzählt einen Witz“ von Kurt Tucholsky und „Kontakt mit dem Jenseits“ von Ephraim Kishon sorgten für Gelächter und viel Applaus.

Musikalisch begleitete eine vierköpfige Band aus blista-Schülern und einer Schülerin der Marburger Martin-Luther-Schule den Abend mit Interpretationen bekannter Popsongs. Balier Saberi, Luca Schwartz, Jim Kleuser und vor allen Dingen Sängerin Carmen Mega konnten bereits nach wenigen Tönen die Gäste auf ihre Seite ziehen.

Gegen 22 Uhr endete der offizielle Teil des Abends, so mancher Gast blieb noch ein wenig, um sich beispielsweise die Kochbücher von Ömür Akkor zu kaufen oder sich an den aufgebauten Infoständen rund um die Hörbücherei und Medienproduktion für Blinde zu informieren. Oberbürgermeister Vaupel fasste bereits während des Abends die Veranstaltung prägnant zusammen. „Da stimmt der Titel: ‚Gaumenfreuden und Ohrenschmaus‘. Dazu noch eine tolle Atmosphäre. Ich komme immer sehr gerne an die blista.“ 

Bildbeschreibung: Dem Artikel sind zwei Fotos beigefügt. Das erste zeigt von links den türkischen Koch und Kochbuchautor Ömür Akkor, Serdan Öszoy von „Colloquium e.V.“ und Abdulah Kaluc vom Main-Donau-Verlag, die das neue Braille-Kochbuch von Rudi Ullrich erhalten haben. Sie stehen auf der Bühne der Aula und blicken in die Kamera. Jeder Gast hält das überreichte Buch vor dem Körper, rechts im Bild steht Rudi Ullrich mit einem Mikrofon in der rechten Hand. Das zweite Foto zeigt Andrea Katemann und Egon Vaupel bei der Freischaltung des Online-Katalogs. Sie sitzen nebeneinander an einem Tisch, auf dem ein aufgeklappter Laptop steht. Beide lachen. Fotos: Bruno Axhausen. 

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Rudi Ullrich: Steinbildhauerei, 3D-Druck oder Fingerfood?

von Rudi Ullrich

Bei der Projektwoche der Carl-Strehl-Schule hatten die Schülerinnen und Schüler wieder die Qual der Wahl

Die Projektwoche am Ende des Schuljahres hat an der Carl-Strehl-Schule eine lange Tradition. Nachdem die Noten feststanden, konnte man sich endlich eine Woche lang mit dem beschäftigen, was einen wirklich interessiert. Doch in diesem Jahr war das Spektrum der Angebote besonders groß und breit gefächert. So hatten die Schülerinnen und Schüler von Klasse fünf bis zwölf wirklich die Qual der Wahl, um unter den insgesamt 32 Vorschlägen für sich das Richtige zu finden. Da wurden Steine behauen, gedruckt, was die Düsen des 3D-Druckers hergaben, sich an „American Cooking“ oder der Herstellung von Fingerfood erfreut, die neuesten Schminktrends ausprobiert, sich beim Judo, Reiten, Klettern oder Bumerangbauen und -werfen ausprobiert, Geschichtliches zum „Alten Orient als Wiege der Kultur“ erkundet, sich mit der Lahn und ihrer Rolle zwischen „Ökologie und Tourismus“ auseinandergesetzt, die nächste Party in der Tontechnik-AG vorbereitet, beim Umgang mit Nadel und Faden Nützliches mit Kreativität verknüpft und, und, und… Die Ergebnisse des intensiven Schaffens wurden dann beim Sommerfest eindrucksvoll demonstriert. 

Schreibbegeisterte und angehende Schriftsteller fanden sich im Projekt „Schreibwerkstatt“ zusammen. Doch bevor Mann und Frau sich dem kreativen Schaffensprozess zuwenden konnten, hatten sich die Anleiter etwas Besonderes ausgedacht. Kurzerhand ging‘s mit der Bahn nach Frankfurt, mit der Aufgabe im Gepäck, sich eine Stunde lang an einem bestimmten Ort im Hauptbahnhof aufzuhalten und das Geschehen aus dieser Perspektive aufzunehmen. Aus ihren Beobachtungen, Gedanken und Gefühlen entstanden Kurzgeschichten. 

Lesen sie hier die Erlebnisse eines Koffers.

„Der Ausgesetzte“

Nun stehe ich hier auf dem Bahnsteig am Frankfurter Hauptbahnhof und bin ganz allein. Meine Besitzerin hat mich stehen lassen und ich weiß nicht, was ich tun soll. Um mir die Zeit zu vertreiben, versuche ich zu erfassen, was um mich herum passiert. Dabei hatte ich mich schon so auf die Reise gefreut.

Gerade kommt ein ICE nach München aufs Gleis und bläst erst einmal eine Menge Dampf durch die Gegend. Leute steigen hektisch aus und verziehen sich. Ein Mann redet in einem seltsamen Dialekt, aber ich verstehe kein einziges Wort, dafür ist der Zug viel zu laut. 

Hinter mir ist auch so einiges los, die Menschen wissen nicht, ob sie auf dem richtigen Gleis gelandet sind. Ich frage mich, wo meine Besitzerin bleibt. Holt sie mich ab oder muss wegen mir noch das Gleis abgesperrt werden, weil ein Polizist glaubt, in mir sei eine Bombe? Dabei sind in mir nur langweilige Klamotten. Ein paar Frauen unterhalten sich mit russischem Akzent und gehen weg. Der ICE steht immer noch da. Hoffentlich ist der bald weg, der ist mir eindeutig zu laut.

In meine Angst mischt sich die Stimme eines sehr gebrechlich wirkenden Mannes. Wie alt er wohl ist? Ich schätze mal um die 90. Ob der gerade seine letzte große Reise unternimmt? 

Endlich fährt der Zug wieder ab und es wird ruhiger um mich. Immer wieder klappern Frauen mit Stöckelschuhen hinter mir vorbei. Wohin die wohl alle wollen? Fashion Week ist doch längst vorbei. Das weiß ich, weil der Rucksack, der zu Hause immer neben mir steht, mir erzählt hat, dass unsere Besitzerin dort mit ihm war.

Ansagen von verspäteten ICs dringen an mein Ohr, aber keiner scheint darauf zu reagieren. Ich bekomme immer mehr Angst. Jetzt stehe ich schon eine Stunde hier und niemand kommt, mich zu holen. Da klappert irgendein Karren hinter mir vorbei und ich frage mich, ob der gleich auseinanderfällt? Viele andere Koffer und Taschen verschiedenster Größen kommen hinter mir vorbei, aber sie alle haben keine Zeit, sich mit mir zu unterhalten. Ich würde ja einen Menschen ansprechen, aber ich kann kein Menschisch sprechen und die Menschen verstehen keine Koffersprache, also muss ich hier weiter ausharren.

Oh, endlich kommt jemand auf mich zugehastet und nimmt meinen Griff in die Hand. Ich bin sehr erleichtert, dass wegen mir doch kein Aufruhr gemacht werden muss und es nun endlich auf die Reise geht.

Bildbeschreibung: Die Fotos sind während der Projektwoche an der Carl-Strehl-Schule entstanden. Auf einem ist eine Gruppe beim Steinbildhauerei-Workshop zu sehen. Eine Schülerin im Vordergrund arbeitet mit Unterstützung des Lehrers mit Hammer und Meißel an einem Sandsteinblock, der vor ihr auf dem Tisch liegt. In der linken Hand hält sie den Meißel auf der Steinoberfläche, die rechte Hand ist mit dem schlagbereiten Hammer erhoben. Im Hintergrund sind fünf weitere Schülerinnen und Schüler zu sehen, die zuschauen. Alle tragen Schutzbrillen aus durchsichtigem Kunststoff. Das zweite Foto zeigt eine Gruppe beim Kanufahren auf der Lahn während des Angebots „Ökologie und Tourismus“. Jeweils zwei Personen sitzen in einem Kanu und paddeln. Alle tragen Schwimmwesten, im Wasser spiegelt sich die Sonne. Fotos: blista-Archiv

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Impressum

Herausgeber

Deutscher Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf e.V. (DVBS) und Deutsche Blindenstudienanstalt e.V. (blista)

Redaktion

  • für den DVBS: Uwe Boysen, Andrea Katemann und Christina Muth
  • für die blista: Isabella Brawata, Thorsten Büchner, Rudi Ullrich und Marika Winkel

Koordination

Christina Muth, Geschäftsstelle des DVBS, Frauenbergstraße 8, 35039 Marburg, Tel.: 06421 94888-13, Fax: 06421 94888-10, E-Mail: horus@dvbs-online.de, Internet: www.dvbs-online.de.

Beiträge und Bildmaterial schicken Sie bitte ausschließlich an die Geschäftsstelle des DVBS, Redaktion. Wenn Ihre Einsendungen bereits in anderen Zeitschriften veröffentlicht wurden oder für eine Veröffentlichung vorgesehen sind, so geben Sie dies bitte an. Nachdruck ‑ auch auszugsweise ‑ nur mit Genehmigung der Redaktion.

Verantwortlich im Sinne des Presserechts (V. i. S. d. P.) 

Uwe Boysen (DVBS) und Rudi Ullrich (blista)

Erscheinungsweise

Der „horus“ erscheint alle drei Monate in Blindenschrift, in Schwarzschrift und auf einer CD-ROM, die die DAISY-Aufsprache, eine HTML-Version und die Braille-, RTF- und PDF-Dateien enthält. 

Jahresbezugspreis

  • 22 Euro (zuzüglich Versandkosten) für die Schwarzschriftausgabe,
  • 35 Euro für alle übrigen Ausgaben.

Die Kündigungsfrist beträgt sechs Wochen zum Ende eines Kalenderjahres. Für Mitglieder des DVBS ist der Bezug im Jahresbeitrag enthalten.

Bankkonten des DVBS

Sparkasse Marburg-Biedenkopf 
IBAN: DE42 5335 0000 0000 0002 80
BIC: HELADEF1MAR

Postbank Frankfurt
IBAN: DE95 5001 0060 0149 9496 07
BIC: PBNKDEFFXXX

Verlag

Deutscher Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf e. V., Marburg, ISSN 0724-7389 

  • Punktschriftdruck: Deutsche Blindenstudienanstalt e. V., Marburg
  • Digitalisierung und Aufsprache: Geschäftsstelle des DVBS, Marburg
  • Schwarzschrift-Druck: Druckerei Schröder, 35081 Wetter/Hessen

Die Herausgabe der Zeitschrift „horus“ wird vom Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband aus Mitteln der „Glücksspirale“ unterstützt.

horus 4/2014, Jg. 76 

Titelbild: Stefanie Hofschlaeger/pixelio

Nächste Ausgabe (horus 1/2015)

Schwerpunktthema: „Sozialleistungen auf dem Prüfstand“
Erscheinungstermin: 23. Februar 2015
Anzeigenannahmeschluss: 30. Januar 2015
Redaktionsschluss: 6. Januar 2015

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Anzeigen


Kleinanzeigen

Verschenke: altgriechisches Neues Testament, griechische Grammatik u. griechisch-deutsches Wörterbuch in Braille. Kontakt: Tel.: 030 4212055, E-Mail: ufw.borchert@t-online.de

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Gewerbliche Anzeigen

IM ABONNEMENT: DIE BAGSO-NACHRICHTEN

Die BAGSO-Nachrichten, die Zeitschrift der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen für Aktive in Seniorenarbeit und Seniorenpolitik, erscheinen vierteljährlich, jeweils mit einem Schwerpunktthema und aktuellen Informationen zu: Seniorenpolitik und Seniorenarbeit, Gesundheit und Pflege, Technik und Internet, Verbraucherfragen, Finanzen … 

Sie können die BAGSO-Nachrichten abonnieren – für 16 €/Jahr inklusive Versand, Mitglieder eines BAGSO-Verbandes zahlen nur 12 €/Jahr. Wir senden Ihnen gern ein Probeheft oder ein Abonnement-Formular zu.

Baum Retec AG

Einfach ultra cool: Die neue Braillezeile VarioUltra. Ab Herbst 2014 auf dem Markt!

VarioUltra ist unsere neue mobile Braillezeile mit 20 oder 40 Brailleelementen und 8-Punkt Brailleeingabe. VarioUltra verfügt über eine leistungsfähige Textverarbeitung, die auch die Ein- und Ausgabe in Kurzschrift beherrscht. VarioUltra kann Word DOC und DOCX Dateien öffnen und bearbeiten sowie PDF- und Excel-Dateien anzeigen. Sie kann sich gleichzeitig mit 4 Bluetooth-Geräten und einem USB-Gerät verbinden. Die Umschaltung zwischen den verbundenen Geräten erfolgt einfach jederzeit mit einem Tastendruck. So kann man gleichzeitig am PC, mit Tablet und Smartphone arbeiten. Einfach ultra cool!

  • mobil arbeiten und kommunizieren
  • besonders handlich und leicht
  • Brailleelemente mit Cursorrouting
  • Lautsprecher und Vibrationsmodul
  • Textverarbeitung mit Kurzschrift Ein-Ausgabe
  • Taschenrechner, Uhr und Timer
  • einfache Bedienung
  • cooles Design mit hochwertiger Optik
  • (Gehäuse Aluminium gebürstet)

BAUM Retec AG 

In der Au 22

D-69257 Wiesenbach

Tel.: 0 62 23 / 49 09 - 0

Fax: 0 62 23 / 49 09 - 399

E-Mail: info@baum.de

Internet: www.baum.de

BBSB

BBSB-Inform – Wer informiert ist, hat die Nase vorn – Newsletter mit tagesaktuellen Infos für das Leben mit Sehverlust

Anmeldung: E-Mail: bbsb-inform-subscribe@lists.bbsb.org oder 0871 7000-14000 ohne Aufschlag.

BFW Würzburg

Berufsförderungswerk Würzburg gGmbH, Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte, Fon: 0931 900 10, E-Mail: info@bfw-wuerzburg.de, www.bfw-wuerzburg.de

Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO), Bonngasse 10, 53111 Bonn, Tel: 0228 24 99 93 15, Fax: 0228 24 99 93 20, www.bagso.de

blista

Für eine faire Schulausbildung brauchen blinde und sehbehinderte Schülerinnen und Schüler gute Lehr- und Lernmittel. Einen sehbehindertengerechten Globus für den Erdkundeunterricht, eine Gallus-Zeichentafel für das Fach Geometrie, ein Euro-Town-Kit zur blindengerechten Auszeichnung, viele weitere Unterrichtsmaterialien und eine breite Palette an Ausbildungsangeboten – das alles gibt es bei der blista. 

Wir beraten Sie gern

Deutsche Blindenstudienanstalt e.V.

Am Schlag 8, 35037 Marburg

Telefon: 06421 / 606-0, Fax: 606-229

E-Mail: info@blista.de

www.blista.de

Handytech

Active Star – Der neue Star am Braillezeilenhimmel

Die ersten Schneeflocken tanzen vor dem Fenster, ein kalter Wind weht durch die Straßen und es duftet nach Glühwein. Machen Sie es sich zu Hause gemütlich und stimmen Sie sich auf das Fest ein. Am besten geht das mit der neuen ergonomischen Braillezeile Active Star. In diesem mobilen Braillesystem stecken viele innovative Funktionen. Ausgestattet mit einem Smartphone-Zugang, mit interaktiven Spielen und mit MusikBraille. MusikBraille lässt jede ertastete Musiknote erklingen. Sie können sogar Ihr Lieblingsinstrument wie Klavier oder Gitarre auswählen. Übrigens finden Sie unter www.MusikBraille.de beliebte Weihnachtslieder, die Sie auf der Active Star und auch der Active Braille abspielen können. 

Ein frohes Fest wünscht Ihnen Ihr Handy Tech Team. 

Handy Tech Elektronik GmbH

Brunnenstraße 10

72160 Horb-Neustetten

Telefon: 07541 5546-0

info@handytech.de

www.handytech.de

IPD

Sprechen Sie uns an – wir beraten Sie gerne!

Die IPD GmbH bietet Ihnen alles aus einer Hand. Individuelle und fachkundige Beratung, zuverlässige Lieferung und Installation, sowie verschiedene Schulungsformen. 

Neu: Die Vocatex Full HD

  • höhere Auflösung: 1920 x 1080 (1080/60)
  • jetzt mit optimaler Laufschriftanzeige am unteren Bildschirmrand
  • Echtfarbdarstellung sowie 28 Falsch-Farb-Kontraste
  • 79 Stimmen in 37 verschiedenen Landessprachen für Sprachausgabe bei Bestellung wählbar

Ihr kompetenter Ansprechpartner rund um Hilfsmittel für Sehgeschädigte. 

IPD Infosystem Produktion and Distribution GmbH

Telefon: 01802 473473 (6ct/Anruf)

post@ipd-hannover.de

www.ipd-hannover.de

Papenmeier

Wie lesen Sie Ihre aktuelle Tageszeitung?

Mit der NewsReader Software von Papenmeier geht das ganz ohne fremde Hilfe! Tagesaktuelle Schlagzeilen überfliegen oder den Lokalteil durchstöbern. Startvoraussetzungen sind Ihr Windows PC, eine DFÜ-Verbindung sowie beliebige Screenreader und Großschriftprogramme.

Interesse? Nutzen Sie unsere kostenlose Info-Hotline: 0800-7273663 und rufen Sie am besten gleich an!

F.H.Papenmeier GmbH & Co. KG, Talweg 2, 58239 Schwerte
Telefon: 02304-946-0, E-Mail: info.reha@papenmeier.de,
Internet: www.papenmeier.de

RTB

Sicher geleitet. 

Taster „Berlin“

  • Verdeckte Anforderung (z. B. Verlängerung Grünphase / Zuschaltung Blindensignal)
  • Taktile Signalisierung / Pilotton im Taster Akustik „Berlin“
  • Lautstärkeabhängige Regelung
  • Optimaler Lärmschutz durch Schallausrichtung
  • Gemäß den gängigen Richtlinien net.1
  • Kostengünstige Ausstattung von Altanlagen
  • Vermeidung aufwendiger Erdarbeiten
  • Effektive Nutzung vorhandener Erdkabel

RTB GmbH & Co.KG, Tel. 05252 9706-0, www.rtb-bl.de

SynPhon

EinkaufsFuchs der Firma SynPhon

Haben Sie auch bei sich zu Hause gerne Ordnung, Klarheit und Übersicht? Kennzeichnen Sie mit dem EinkaufsFuchs zum Beispiel Ihre Einmachgläser, Leitzordner, Lernmaterialien, Ihre Tiefkühlbestände und alles, was Sie sonst noch leicht wiederfinden möchten. Lassen Sie sich vom EinkaufsFuchs ansagen, was in einer Dose ist, bevor Sie sie öffnen. Oder genießen Sie es, mit dem EinkaufsFuchs endlich ohne fremde Hilfe selbständig im Supermarkt oder im CD-Laden zu stöbern.

Der EinkaufsFuchs hat eine umfangreiche Datenbank von weit über zwei Millionen Artikeln und kann auch von Vollblinden spielend leicht eingesetzt werden.

SynPhon GmbH, Herr Lüder Tideman, Tel. 07250 929555, E-Mail: synphon@t-online.de, Internet: www.synphon.de

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