Von Franz Josef Breiner

Das Altern beginnt unabwendbar schon mit der Geburt und endet mit dem Tod, wenn wir ein mögliches nächstes Leben oder Weiterleben nicht dazurechnen.

Bei unserem Enkelchen beobachten meine Frau und ich jeden Abschnitt seines Älterwerdens mit Begeisterung, bei uns selbst mit Verwunderung über Falten, graue Haare, Rückenschmerzen und sonstige kleinere oder größere Zipperlein. "Herr Breiner, was wollen Sie denn", sagt meine Hausärztin, "Sie sind keine 20 mehr", und attestiert mir einen altersgemäß guten Zustand. So scheine ich doch jedenfalls normgerecht gealtert zu sein. Aber war und ist das "gelungenes Altern"?

Zum Altern gehört ja nicht nur die Physis, sondern auch der psychische Zustand. Kurzum alles, was rund um den Altersprozess herum abläuft: das Leben mit all seinen Facetten. Wie kann ich also, soweit das überhaupt allein in meiner Hand liegt, mein Leben führen, um gelingend zu altern?

Das haben sich schon Generationen vor uns gefragt und die verschiedensten Rezepte erdacht. Beginnend bei den alten Griechen bis hin zu unseren neuzeitlichen philosophischen Schulen. Etwas allgemein Gültiges finde ich darunter nicht. Veranlagung und Lebensumstände sind doch enorm subjektiv. Und ich denke, es ist sehr wichtig, dies zu berücksichtigen. Doch woran könnte ich mich denn orientieren?

Nach dem Arztbesuch hole ich noch meine Medikamente. Die Apothekerin steckt mir auch die Rentnerbravo (Apothekenumschau) in meine Arzneitüte. Vielleicht steht ja da was Sinniges für ein gelingendes Altern drin: Werbung, neueste Erkenntnisse, wie man mit dem Präparat XY fröhlich und angeblich gesund auf die 100 zusteuert, verschiedene Untersuchungsberichte, worin die "einen soo, die anderen sooo" sagen. Das hilft nicht weiter.

Wie haben es denn die Altvorderen gemacht? Da war doch immer wieder bei Familienfeiern, in alten Papieren (nicht immer in Schulzeugnissen) und spätestens bei Begräbnissen die Rede von einem guten, erfolgreichen, ja gottgefälligen, also gelungenen Leben.

Jetzt, glaube ich, bin ich auf der richtigen Spur.

Ein guter Wegweiser könnten die Ideale unserer Vorfahren und Mitmenschen sein, die sich teils in jahrhundertealten Sprichworten und Volksweisheiten komprimiert finden lassen. Die sind millionenfach erprobt und sicher nicht weniger valide als so manche hochwissenschaftlichen Untersuchungsergebnisse. Wir müssen sie nur auf die passende Situation und die richtigen Umstände anwenden. Das macht die Aufgabe auch nicht leichter. Aber ein Psychologe hat mal zu mir gesagt: "Wer sagt denn, dass immer alles leicht sein muss ..."

Sofort fällt mir der Lieblingsspruch meiner Patentante ein: "Wer rastet, der rostet", mit dem sie sich selbst und uns, meine große Schwester und mich, ermunterte und motivierte, unsere Pflichten und Aufgaben zu erledigen. Sie forderte uns nicht nur, wie auch unsere Eltern, zur ernsthaften Pflichterfüllung auf, sondern auch zu aktivem Sport und Spiel. Von ihr habe ich u.a. im richtigen wie auch übertragenen Sinn gelernt, wie ich auch mit schlechten Karten gute Ergebnisse erzielen, ja sogar gewinnen kann. Sie wurde froh und munter fast 92 Jahre alt.

Für jede Lebenssituation kann, nach meiner Erfahrung, die passende Lebensweisheit hilfreich sein.

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie ihren Arzt oder Psychotherapeuten 

Doch was hilft bei einschneidenden Veränderungen der Lebensumstände, wie etwa Krankheit, Behinderung, Eintritt in den Ruhestand? Auch für solche Fälle haben sich kluge Leute schon manches einfallen lassen. Gerade in letzter Zeit ist mir immer wieder die Aufforderung begegnet: "Fange nie an aufzuhören, höre nie auf anzufangen". Stammt jedenfalls ursprünglich nicht aus der Rentnerbravo. Wer hat's gemacht? Nein, kein Schweizer! Vor meinem Inneren sehe ich aber schon meinen verehrten Lateinlehrer freudig lächeln: Marcus Tullius Cicero hat diesen nunmehr zum geflügelten Wort gewordenen Ratschlag erdacht.

Als ich vor 36 Jahren plötzlich meinen noch verwertbaren Sehrest verlor, bin ich, im Widerstreit der Emotionen, unbewusst diesem Rat gefolgt. Das war auch im Beruf machbar, weil ich als stark Sehbehinderter eine Blindenschule besucht hatte. Im Privatleben kostete mich der Neuanfang etliche Schrammen und eine grundlegende Neuorientierung.

Ciceros Weisheit hat mir auch nach meiner Pensionierung geholfen.

Zuerst aus Frust, später mit Freude, mutierte ich vom Juristen zum Bildhauer und gab Kurse bei VHS und FBS, gründete und leitete lange Jahre eine Selbsthilfegruppe; hinzu kam ehrenamtliche Arbeit in verschiedenen Gremien mit Schwerpunkt barrierefreies Bauen und zum körperlichen Ausgleich ein bisschen Sport. Letzteres in Maßen, denn: "Sport und Turnen füllt Gräber und Urnen".

Entlastend empfinde ich dabei die Überlegungen eines Frankfurter Philosophen. Dr. Rainer Weiß verriet dem "Stern", dass er sich als Ruheständler nicht mehr beweisen müsse; was er jetzt noch mache, sei wie eine Zugabe. Das kann ich gut nachvollziehen.

Wird mir mal alles zu viel, gönne ich mir als gebürtiger Schwabe eine Pause, nach dem Motto: "Und so mittladrei, des muaß sei, legt ma halt a kloine Schnaufpaus ei, und dann wird weiterg'schafft". Ich gebe zu, die Pausen dürfen auch schon einmal etwas länger sein.

Dann denke ich gelegentlich darüber nach, ob ich gelungen gealtert bin. Aber ich versuche, den "Blick zurück im Zorn" zu vermeiden, denn dann macht der Rückblick keinen Spaß. Da passt ein Sprichwort, das meine Mutter gern verwendete: "Es ist unnütz, verschütteter Milch nachzuweinen". Zum besseren Verständnis hätte es schon als Kind etwas anderes als "Milch" sein müssen, denn mit Milch und Butter stehe ich bis heute auf Kriegsfuß. Doch der Sinn dieser Volksweisheit ist nicht zu bestreiten!

Drum halte ich es letztlich gern mit Wilhelm Buschs Lehrer Lämpel: Ich nehme einen Krug, (keine Milch), meine Pfeife und setze mich in meinen Schaukelstuhl auf unsere Terrasse. "Ach", denk ich, - dabei erscheinen vor meinem inneren Auge meine Frau und unser Sohn mit Familie - "die größte Freud' ist doch die Zufriedenheit". Und voll Dankbarkeit sodann zünde ich mein Pfeifchen an. ...

Wenn dann duftender Rauch aufsteigt und eine Explosion, wie bei Max und Moritz, ausbleibt, habe ich das Gefühl, dass das Altern auch weiterhin einigermaßen gelingen könnte. ...  "läuft"!   

Zum Autor

Franz Josef Breiner, Jahrgang 1952, ist seit rund 50 Jahren DVBS-Mitglied und seit 2019 Vorsitzender des Behindertenbeirats der Stadt Marburg.

Der blista-Alumnus hat Rechtswissenschaften studiert und als Verwaltungsjurist bei der Deutschen Bahn gearbeitet.

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