Von Cordula von Brandis-Stiehl

Leider war nach meiner Erblindung meine Arbeitsbiographie durch den Amtsschimmel sehr ins Stolpern geraten. Doch als dann die Erlaubnis zum Betreiben einer kassenärztlichen Praxis als psychotherapeutische Ärztin gekommen war, hatte ich allmählich immer mehr bekümmerte Menschen betreut. Mein Leben war sehr gut ausgelastet. Aber so brauchte es ja nicht bis an mein Lebensende weiterzugehen! Ich hatte im Laufe der Zeit für mein Gefühl gut verdient, mir ein gutes Polster für die schmale Rente zugelegt. Nun, im 7. Lebensjahrzehnt, wollte ich geruhsamer leben. Ich begann allmählich, Luftschlösser für die Zeit des Ruhestandes zu bauen.

Da kam allerdings die amtliche Erlaubnis, nach meinem 65. Geburtstag noch einige Jahre tätig sein zu dürfen. Nun, ich brauchte ja nicht mehr den Turbogang aufzunehmen.

In dem langsameren Gang fand ich Zeit, konkreter zu träumen, aber noch nicht gleich die Muße, alles umzusetzen. Ich träumte vom selbst gebackenen Brot, von einem wöchentlichen Kuchen statt der gekauften Kekse, vom wöchentlichen Kinobesuch mit Hilfe einer App mit verbalen Beschreibungen, von einem Opern- und Theaterabonnement, von der Ausbildung als Gästeführerin im Historischen Museum in Frankfurt, von vielen Reisen. Ich träumte von einem fundierten Wissen über philosophische Medizinethik ...

Der Anteil der freien Zeit in meinem einst so proppenvollen Alltag schien größer zu werden. Also los mit der Umsetzung der Pläne!

So begann ich mit dem Wissenserwerb zur Ethik im Wintersemester 2019/20; Puh! Wie war mein Gehirn eingerostet! Weit vorausschauend hatte ich dem Dozenten der philosophischen Einführungsvorlesung gemailt, dass er in wenigen Wochen eine blinde Zuhörerin haben werde, dass er also bitte nicht ansagen möge, dass da an der Wand alles zu lesen sei. Der ausgesprochen nette Herr nahm wirklich sehr auf mich Rücksicht - ein schiefes Gesicht von mir während seiner Ausführungen ließ ihn aufwachen; er buchstabierte mir Namen. Seine Folien, die er mir auf meine regelmäßigen Anfragen stets prompt zur Verfügung stellte, boten mir einen gewissen rötlichen Faden. Ich fühlte mich aufgehoben.

Schon anders war es bei den Tutorien. Hier musste ich mehr als einmal hören, dass ich doch bitte nicht immer so viele besondere Verbalisierungen einfordern möge, es könne nicht immer Rücksicht auf mich genommen werden. Beispielsweise stieß ich bei einer jungen Tutorin im Alter der Enkelkinder meines Mannes auf restloses Unverständnis für diesen Wunsch nach Erläuterungen des spontanen Tafelbildes. Weder meine direkte Ansprache noch Mails brachten Entspannung in das Miteinander, denn es gebe ja gar keine Spannungen .... Oh weh! Zum Glück gab es eine wirklich aufmerksame Tutorin für eine Parallelvorlesung. Danke Dir, Verena, für dieses gelungene Gegenmodell!

Ich stellte mich der Klausur mit all dem behinderungsbedingten Nachteilsausgleich: Es gab eigenartige Fragen, auf die ich mit meinem erworbenen Wissen irgendwie antwortete. Eine Frage bezog sich jedoch auf ein Zitat aus "Platons Po". Jetzt stutzte ich wirklich! Ich ließ mir das Wort buchstabieren. Und siehe da: "Platons Politeia", das heißt "Platons Staat" war gemeint. In meinem Stress schrieb ich weiter. Zuhause kam ich ins Grübeln. Ich rief die Datei auf dem Stick nochmals auf, wieder "Platons Po". Jetzt, im entspannten Gemütszustand, musste ich immer mehr über die Frage lachen. Später stellte sich heraus, dass die Sekretärin des netten Professors die Datei mit den Fragen minimiert hatte, was mein schlaues "Vorleseprogramm" mir nicht verraten hatte. Ich bestand die Klausur trotzdem und lache noch heute über dieses Ereignis.

Das folgende Semester war durch den "Lockdown" der Pandemie geprägt. Ich litt sehr unter angeblich "sprechenden Folien", die für mich einfach nicht sprechen wollten. Ich war damals sehr, sehr verzweifelt, bis ich in etwa zehn verschiedenen Schritten lernte, wie ich die Tonspur von der Schrift trennen und so mein Wissen erweitern konnte. Allen mitdenkenden Köpfen von damals mein Dank!

Diese vielen digitalen Stolpersteine ließen die Träume vom selbstgebackenen Brot, vom wöchentlichen Kuchen ganz in den Hintergrund treten. Mein lieber Mann übernahm ohne Murren die alltägliche Versorgung. Er nahm mehr als einmal ein verzweifeltes Häuflein Elend in den Arm: "Die Selbsthilfeorganisationen erkämpften doch schon vor über 20 Jahren den Rechtsanspruch auf eine barrierefreie Lehre! Du hast ein Anrecht auf die Beseitigung dieser Hindernisse!"

In den nächsten Semestern gestaltete es sich weiterhin extrem schwierig, weil es Folien und schlaue philosophische Texte gab, die ich innerhalb von 48 bis 60 Stunden barrierefrei umarbeiten und in meinen armen alten Kopf hineingepresst hätte haben sollen, obendrein noch zu Wochenendzeiten. Das sei doch an einer Universität ganz normal, später im angestrebten Masterstudiengang sowieso. NEIN! Ich war leistungsbereit, aber nicht bereit, neben der immer noch gefragten ärztlichen Praxis wieder den Turbogang einzulegen. Ich brauchte einen anderen Lernort für meine Philosophie, für die Ethik.

Inzwischen hatte ich ausreichend viele Scheine für den Übergang in den Masterstudiengang erworben. Also: Warum nicht an die Fernuniversität in Hagen wechseln? Dort gab es doch Studienbriefe, die digital waren und damit sicherlich auch lesbar für mich. Doch Pustekuchen!

Die verpflichtenden Texte für das erste Studienmodul konnte ich von der Webseite der Hochschule herunterladen. Leider war etwa die Hälfte nicht zugänglich, weil sie in der altdeutschen Frakturschrift gedruckt war. Ich fragte bei dem Dozenten an, welche Teile von den vielen, vielen Seiten für ihn besonders wichtig seien, ob er eventuell andere Übersetzungen empfehlen könne, da meine Technik mit der angegebenen Literatur nicht zurechtkäme. "Nein! Für Philosophiestudierende gehört die altdeutsche Frakturschrift zum allgemeinen Wissenskanon wie all die anderen Theorien." Ich fühlte mich schrecklich blind, machtlos und in den Schmutz geworfen. Als (noch gut sehende) Drittklässlerin hatte ich doch mein Lieblingsmärchen ganz alleine in dieser altdeutschen Frakturschrift fließend zu lesen vermocht! ICH in meinem Kopfe konnte ja noch alles perfekt lesen, nur meine dumme Technik nicht!

Die Vorlesung dazu bestand aus fertigen Videos mit den altdeutsch gedruckten Texten im Hintergrund. Das Videoprogramm war absolut nicht barrierefrei. Ich konnte vor allem nicht zurückspulen. Die Vorlesungsvideos waren schreibgeschützt, waren damit also auch nicht in ein anderes Format konvertierbar. Ich musste sie per Hand akustisch aufnehmen; normalerweise geschah dies des Nachts, wenn keine Nachbarn Bilder mit einem Hammer an die Wand nagelten, wenn die Bundeswehr mit keinem Luftgeschwader über unser Haus donnerte. Dabei durfte ich während der 90 Minuten Aufzeichnungszeit nach einem vollen Tag auch nicht einschlafen, weil ich sonst meinen kleinen MP3-Player schlecht hielt, dadurch die Aufzeichnung zu leise wurde ...

Mir gelang dies am Ende wirklich 13-mal mit Erfolg, ebenso wie die schriftliche Klausur, dieses Mal ohne "Platons Po". Allerdings, allein für den behinderungsbedingten Nachteilsausgleich hatte ich insgesamt fünf kämpferische Mails verfassen müssen unter Androhung der Beteiligung durch die Rechte behinderter Menschen gGmbH (rbm).

Das Bestehen meiner ersten Masterklausur wurde dem "Student 21" bestätigt. Mir widerstrebte dieser männliche Bezug. Also wieder eine Mail an das Studienbüro. Die Erklärung war, dass ich durch meinen Sonderzugang zu dem Prüfungssystem in ein uraltes Schema geraten war, lange vor der Geschlechtsdifferenzierung. Ich war erleichtert, dass ich zumindest auf dieser Ebene nicht noch ein weiteres Kampffeld eröffnen sollte.

Aber warum hatte mich die männliche Anrede so betroffen gemacht? 53 Jahre zuvor beim Wettbewerb "Jugend forscht" war ich bei solchen Gelegenheiten doch ganz entspannt gewesen, sogar mit Stolz erfüllt. Ich grübelte lange nach und fand des Pudels Kern: Vor über 50 Jahren war ich stolz darauf gewesen, eine anerkannte Person unter all den vielen, vielen anderen klugen Köpfen sein zu dürfen, die zufälligerweise allesamt männlichen Geschlechts waren. Alleine dabei zu sein, war schon eine Auszeichnung für mich als Person, ganz unabhängig von meinem Geschlecht. Heute ist das Geschlechterverhältnis unter den Studierenden viel ausgeglichener und spiegelt sich in der Wortwahl wider.

Im 2. Mastersemester gab es nur Dateien - ich sah dem Wissen entspannt entgegen und kam vom Regen in eine große Traufe: Die angeblich barrierefrei aufgearbeiteten Studienbriefe waren dies leider, leider nicht. So gab es viele, viele verstreut gelegene uralte ASCII-Zeichen, die sich beim reinen Überfliegen mit den Augen nicht zeigten, sondern nur, wenn die "Leerzeichenfunktion" eingeschaltet ist. Aber mein Screenreader stolpert hier, erzeugt unverständliche Wortfetzen. Nicht vorgelesene Anführungszeichen verwirren, wenn ich die wissenschaftlich wichtigen Zitate verfolgen will und muss. Auch viele der für Sehende so hilfreichen Stichworte am Rande des Textes waren mal als eigene Bereiche formatiert mit der Folge von einer maßlosen Überfrachtung der dadurch extrem langsam gewordenen Datei. Dann wieder hatte dieselbe Datei ein solches Stichwort am Rande, das nur mit einem Tab von der daneben liegenden Zeile getrennt war - die Folge war, dass mein Screenreader mir viel Unsinn vorlas. Mir taten ja die helfenden Köpfe der Universität leid, weil sie sicherlich viel Konzentration aufgewendet hatten für ein Ergebnis, das ich verfluchte. Wieder kämpfte ich mit den Texten, erheblich mehr als mit den Inhalten. Aber irgendwie setzte sich mit viel, viel Verspätung doch noch mein Dickschädel erfolgreich durch.

Brauche ich wirklich noch so viel Adrenalinausschüttung mit über 70 Jahren? Ja, denn wenn ich eine reine Gasthörerin wäre, hätte ich keinen Anspruch auf einen barrierefreien Zugang zur Lehre. Wenn ich viel philosophisches Wissen für die Medizinethik erworben habe, ist meine Neugier befriedigt, die Prüfung ist dann nur ein Nebenprodukt. Mein Adrenalin wird nur für einen kurzen Augenblick aktiviert.

Jetzt habe ich Zeit, diese Zeilen zu verfassen: Denn angesichts der angegebenen Überbelastung des Büros für die barrierefreien Medien muss ich langfristig planen. Also melde ich meinen Bedarf stets ein Semester im Voraus an, d. h. mit sechs Monaten Vorlauf. Leider warte ich im Augenblick schon 12 Monate auf schlaue Unterlagen zu Kant, zu Descartes und Leibniz. Also: Auf in die Küche, an den Backofen für einen leckeren Kuchen!

Nein, mein Kuchen, mein Brot müssen noch einmal warten: Denn der DVBS löste sein uraltes Kassettenarchiv auf. Ich durchstöberte die lange Excel-Liste nach möglicher philosophischer Literatur für mein Studium. Ich erhielt einen großen, großen Schatz von sicherlich sehr klugen Gedanken von Theodor Adorno, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und vielen anderen schlauen Köpfen. Diese müssen jetzt sortiert und gut archiviert werden. Eines Tages im Laufe meines Philosophielebens werde ich das eine oder das andere davon sicherlich noch brauchen können. MEIN ureigener Kuchen kommt später dran. Jetzt geht es erst einmal ab zur leckersten Konditorei Marburgs! Denn mein Mann hat als Dank für all seine Unterstützung mir gegenüber mehr als eine besondere Einladung verdient.

Zur Autorin

Cordula von Brandis-Stiehl, geb. 1951, studierte Medizin als Zweitstudium in Spanien. Sie erblindete während des letzten Examens. Trotzdem schaffte sie es, eine ärztliche Psychotherapiepraxis in Marburg zu führen. Der Drang nach einer menschlicheren Medizin in unserem Gesundheitswesen führte sie zur Medizinethik und damit zur Philosophie.

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