Von Dr. Eberhard Hahn

Würde ich sagen, mir sei das Altern gelungen, so hieße das doch: "Seht mich an, ich habe es geschafft, ich habe diese Leistung vollbracht!" Dabei ist es zum allergrößten Teil einfach Glück, Geschenk, "des Himmels wunderbare Fügung", wie es bei Kleist heißt, dass ich so alt werden durfte und mich immer noch einer einigermaßen guten Gesundheit und glücklicher Lebensumstände erfreuen darf. Und wenn's nicht so wäre, wenn ich jetzt krank darniederliegen würde, müsste ich mir dann sagen lassen, ich hätte eben mehr Sport treiben sollen? Oder wenn mein Verstand aussetzen würde, hätte ich das durch nochmaliges Erlernen einer Fremdsprache oder durch tägliches Kopfrechnen vermeiden können? Wir brauchen ja leider nicht lange nach Beispielen zu suchen, die diese wohlfeilen Ratschläge gründlich ad absurdum führen. Wenn ich also heute positiv über mein Altern schreiben kann, so verdanke ich das nur zum allergeringsten Teil mir selbst.

Das Altern ist ein Prozess, der alle Menschen auf ihrem Lebensweg begleitet. Wir sehbehinderten und blinden Menschen machen da keine Ausnahme. Bei uns kommen lediglich einige Aspekte dazu, um die es mir im Folgenden gehen soll.

Es hat mich schon sehr seltsam berührt, als mir ein lieber Freund vor einigen Jahren schrieb, er müsse wohl dem Schicksal dankbar sein, dass er nicht sehen könne. Er sei sich nämlich sicher, dass ihn seine Blindheit vor vielen Dummheiten bewahren würde. Er führte zwar nicht näher aus, welche Dummheiten er sich als Sehender zugetraut hätte, und ich hielt ihn auch für vernünftig genug, um gefährlichen Verlockungen zu widerstehen. Aber er hat mich doch dazu gebracht, über das Thema "Blindheit als gnädiges Schicksal" nachzudenken.

Nein, ich glaube, für meine Blindheit konnte ich nie so etwas wie Dankbarkeit empfinden. Ich habe ihm damals geantwortet, ich wäre überglücklich, wenn ich einfach die Partitur einer Symphonie vor mich hinlegen und sie ohne großen technischen Aufwand studieren könnte. Ebenso würde ich mich liebend gern in die Bibliothek des mathematischen Instituts meiner Uni setzen und ein beliebiges Buch mit all seinen Formeln ohne Assistenz durcharbeiten.

Stimmte natürlich alles. Trotzdem bin ich mir nicht sicher, ob meine Reaktion damals richtig war. Hat es nicht doch auch sein Gutes, dass wir schon gar nicht auf die Idee kommen können, mit dem Motorrad wie verrückt durch die Gegend zu rasen und uns selber und andere damit zu gefährden? Ist es so schlimm, dass wir die Leuchtreklame nicht sehen können, mit der man uns zum Kauf von allerlei unnützem Zeug animieren will? So gesehen, kann man der Sehbehinderung oder Blindheit wirklich etwas Positives abgewinnen.

Letztlich geht es darum, eine geeignete Strategie zu finden, um mit den objektiven Einschränkungen umzugehen, die eine starke Sehbehinderung oder Blindheit nun mal mit sich bringt. Wenn mein Freund darin Trost gefunden hat, dass ihn sein Handicap davor bewahrte, auf dumme Gedanken zu kommen, so hat er damit zumindest einen Weg zu größerer innerer Zufriedenheit für sich entdeckt. Ich tue mir dagegen wahrscheinlich keinen Gefallen, wenn ich mir vorrechne, was mir die Blindheit doch alles verbaut hat.

Ein Patentrezept dafür, wie man psychisch am besten damit zurechtkommt, dass man nicht oder nicht richtig sehen kann, wird's wohl einfach nicht geben. Unser verehrter Prof. Strehl hat uns seinerzeit immer wieder gepredigt, wir müssten auf jeden Fall besser sein als unsere sehenden Konkurrenten. Unser Handicap lasse sich weitgehend durch höhere fachliche Qualifikation kompensieren. Da mag ja was dran sein, aber mir scheint, dass man bei dieser Betrachtungsweise sehr aufpassen muss, nicht überheblich zu wirken: "Du kannst zwar sehen, aber ich bin trotzdem besser als du." Eine solche arrogante Haltung kann schon eine Möglichkeit sein, seine Sehbehinderung zu verdrängen, aber man kann sich damit auch ziemlich unbeliebt machen.

Vielleicht sind wir gut beraten, wenn wir versuchen, unsere Möglichkeiten in aller Ruhe auszuloten, also zu entdecken, was geht, und klar zu erkennen, was nicht geht. Stimmt, das ist oft leichter gesagt als getan. In der Ausbildung und erst recht im Berufsleben passiert es einem ja immer wieder, dass man vor Aufgaben gestellt wird, die einen schlicht überfordern. Gut, wenn man dann auf Hilfsangebote beispielsweise vom DVBS zurückgreifen kann.

Zugegeben, seit ich Ruheständler bin, genieße ich es sehr, nicht mehr dauernd von Verpflichtungen getrieben zu sein. Jetzt kann ich doch weitgehend selbst entscheiden, womit ich mich beschäftigen will, und da können geeignete Beschäftigungen sogar richtig Spaß machen. Es ist zwar nicht zu leugnen, dass die körperlichen und vielleicht auch die geistigen Fähigkeiten allmählich abnehmen und, wenn schon mal die neunte Dekade angebrochen ist, manches nicht mehr funktioniert, was früher problemlos klappte. Aber umso bewusster erlebe ich das, was noch möglich ist.

Dabei frage ich mich, ob das nicht eine Grundhaltung ist, die man schon in jüngeren Jahren einüben kann: Nicht an dem hängen bleiben, was einem verwehrt ist, sondern das mit Freude genießen, was man trotz allem noch kann. Aus meiner heutigen Perspektive möchte ich schon sagen, dass so auch uns blinden und sehbehinderten Menschen das Altern ganz gut gelingen kann.

Und wem mein Fazit zu dürftig erscheint, dem hilft vielleicht das Studentenliedchen weiter, das mir mal im Kirchenchor ein Pfarrer vorsang:

"Der David und der Salomo,
das waren große Sünder,
die lebten frei und lebten froh
und zeugten viele Kinder.
Und als sie nicht mehr konnten so
von wegen hohem Alter,
da schrieb die Sprüche Salomo,
und David schrieb den Psalter."

Zum Autor

Dr. rer. nat. Eberhard Hahn, Jahrgang 1941, ist seit über 60 Jahren DVBS-Mitglied. Er engagiert sich im Leitungsteam der Interessengruppe Ruhestand und ist Redakteur des Audiomagazins "IM Ruhestand", das viermal jährlich erscheint. Nach seinem Besuch der Blindenschule in Stuttgart legte er sein Abitur 1962 an der blista ab und studierte in Tübingen Mathematik und Theoretische Physik. Später arbeitete er als Wissenschaftlicher Angestellter im Zentrum für Datenverarbeitung an der Uni Tübingen.

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