Teil 1: Üben schafft den Durchblick
Prismenmonokulare Keplerscher Bauart, d.h. kleine Handfernrohre, nutzen Menschen mit Sehbehinderungen zum Vergrößern entfernter Objekte, aber im speziellen auch als eine Art Lupe für die Nähe, wenn das Monokular einen Nahfokus von unter 1 m hat.
Nicht immer gelingt deren Gebrauch jedem Betroffenen intuitiv sofort oder in allen Bereichen effektiv, was an verschiedenen Gründen liegen kann, z.B. wackelndes Bild aufgrund der normalen Muskelspannung, Gesichtsfeldausfällen oder Augenzittern. Durch eine gezielte Schulung der Handhabungstechniken kann der Betroffene das Monokular gewinnbringend für viele Sehaufgaben in der Schule und Ausbildung, im Beruf und im Alltag einsetzen.
Folgende Sehaufgaben kann der Sehbehinderte mit einem Monokular erledigen
- Im Bereich "Orientierung & Mobilität"
- Orientierungspunkte auf Wegen finden
- Straßenschilder lesen
- Fahrpläne (hinter Glas) lesen
- Dinge in Schaufenstern erkennen
- Bus- und Bahnnummern lesen
- Laufschriften/Anzeigetafeln lesen
- Laden-Schilder-/Warenbezeichnungen lesen
- Im Bereich "Freizeit"
- Speisekarten hinter Theken lesen
- Veranstaltungen (Theater, Konzerte, Sport) beobachten
- Freunde/Bekannte finden
- Dinge in der Natur/Umwelt oder im Museum/Zoo usw. beobachten und erkennen
- Im Bereich "Schule/Ausbildung"
Erkennen, Lesen und Kopieren von ...- Texten und Bildern an der Tafel
- projizierten Texten und Bildern
- Versuchsaufbau und Experimenten
- Lehrenden und deren Gestik (zeigende Hinweise etc.)
Die benötigten Handhabungstechniken sind:
- Grundfertigkeiten
- Kennenlernen des Monokulars und seiner Teile
- Halten des Monokulars
- Mitnahme und Pflege des Monokulars
- Ausrichten zum Seh-Objekt
- Scharfstellen
- Spezielle Techniken
- Dinge finden und suchen
- Erkennen in unterschiedlichen Entfernungen
- Verfolgen von Linien
- bewegte Dinge verfolgen und erkennen
- Dinge erkennen bei eigener Bewegung (z.B. Beobachten vom bzw. im Bus, Schiff, Auto)
- Abschreiben/-malen von der Tafel
- Kombinierte Techniken für Sehaufgaben im Alltagsbereich
Schulungsplan
Eine erfolgreiche Schulung der Techniken basiert auf einem Schulungsplan, der sich an verschiedenen Bedingungen orientiert:
- dem Beginn einer Schulung (Lebensalter und Vorerfahrungen)
- den benötigten Techniken
- dem Gesamtzeitraum der Schulung
- der zur Verfügung stehenden Trainingszeit pro Einheit/Technik
- dem Umfang der Einführungs-, Wiederholungs- und Festigungsphasen
- den Anforderungen an den Übenden
Dabei sind folgende Schulungsprinzipien zu beachten:
- eine adressatengerechte Anpassung der Übungen,
- optimale Lernbedingungen zu Anfang (Blendfreiheit, kontrastreiche Ausleuchtung, ruhige und entspannte Atmosphäre, Druck nehmen, indem es keine Zuschauer gibt),
- zu sehende Objekte und deren Standort benennen lassen, um sicher zu gehen, dass der Übende das erkannt hat, was zu beobachten vorgegeben war,
- erst ein individuelles Lerntempo, dann auf Schnelligkeit für Realsituationen hin üben,
- spielerische oder wettbewerbsähnliche für jüngere Betroffene und an Interessen geknüpfte Situationen als Motivation schaffen.
Geeignetes Monokular
Bei der Auswahl eines Monokulars müssen neben dem subjektiven Empfinden des Nutzers auch objektive Kriterien in Erwägung gezogen werden:
- Wird ein oder werden mehrere Monokulare für unterschiedliche Aufgabenbereiche (Tafelablesen und Orientierung draußen, Erkennen bei Dämmerung) benötigt?
- Wird ein Monokular mit Nahfokus für Leseaufgaben in der Nähe benötigt?
- Ist die Vergrößerung groß genug, um im Alltag auch auf größerer Entfernung Straßenschilder oder anderes erkennen zu können?
- Kommt der Betroffene schnell mit der Schärfeeinstellung zurecht? (Drehtubus, Auszugstubus, Drehrad/-ring, Schieberegler)
Auf dem deutschen Markt sind leider nicht alle teilweise sehr interessanten oder zweckmäßigen Modelle im Handel erhältlich. Online-Shops und Verkaufsplattformen im Internet in Kombination mit online-Bezahlmöglichkeiten oder Kreditkarte machen es jedoch möglich, auch weltweit Monokulare zu kaufen. Erwähnenswerte Exemplare sind Zoom-Monokulare (auch mit Nahfokus), Monokulare mit Fokussierungskipphebel (Fa. Pentax "VM 6x21 WP", Carson "Bandit") oder Drehrad (z.B. auch bei motorischen Einschränkungen), Geräte mit Messinstrumenten (z.B. Minox MD6x16A; für Wanderer), mit vorsetz- oder -klappbarer Lupe (Nikon 6x15 II, Leica Monovid 8x20).
Nicht unerwähnt sollen optische Zusatzteile bleiben:
- Die Vorsatz-Lupenlinse (mit Acrylständer) zur Nutzung des Monokulars als Mikroskop, die zusätzliche Sehaufgaben z.B. im Freizeit-/Hobbybereich (Münzensammeln) erschließt. Als Vorsatzlinse lassen sich auch Foto-Makrolinsen mit Adapterring an Monokularen mit Objektivgewinde nutzen.
- 2x-Konverter bzw. sogenannte Doppler, die sich am Okular oder am Objektiv anbringen lassen, um einen erhöhten Vergrößerungsfaktor, z.B. bei Naturbeobachtungen, zu erzielen; auch dies lässt sich durch Anbringen eines 2fach-Foto-Televorsatzes mittels Adapterring bei allen Monokularen mit Objektivgewinde erreichen - oder kleine 2fach- oder 3fach-Monokulare lassen sich als "Okulardoppler" (ggf. durch Anbringen einer Verbindungshülse) nutzen.
Beide optischen Zusatzteile lassen sich auch gut nutzen, um den Betroffenen von den Vorteilen eines Einsatzes zu überzeugen und zu schulen. - Polarisationsfilter zum Reduzieren von Reflexionen auf Glasscheiben etc. (erhältlich für ein Kenko Monokular oder als Kamerafilter mit Adapterring an Monokularen anbringbar).
Als Beobachtungsgeräte haben Monokulare gegenüber Smartphones die Vorteile, dass sie batterieunabhängig und auch bei hellen Lichtverhältnissen genutzt werden können. Sie sind stromunabhängig sofort einsatzbereit sind haben kein spiegelndes oder von Sonneneinstrahlung überblendetes Display. Da heutzutage Handys i. d. R. sowieso mitgeführt werden, kann auf deren nutzbringende Funktionen, wie Abfotografieren, dann Vergrößern der Bilder, oder Speichern von Informationen, wie Busfahrpläne, parallel zurückgegriffen werden.
Die Finanzierung einer Schulungsmaßnahme zum Hilfsmittel "Monokular" ist nicht fest verankert oder bei den Krankenkassen vorgesehen. Schulungen können von Rehabilitationslehrern für Orientierung und Mobilität im Rahmen ihrer Maßnahmen erbracht werden. Diese O&M-Schulungsmaßnahmen müssen wiederum mittels einer Verordnung und eines Kostenvoranschlages bei der Krankenkasse beantragt werden. In Schulen für Sehgeschädigte oder bei der Betreuung in der Integration kann eine Monokular-Schulung durch den Lehrer erfolgen.
(Teil 2 des Beitrags erscheint unter der Überschrift "Bücher - Lernen, Lehren, Lesen und der Fernrohr-Fuchs" in horus 4/2024)
Zum Autor
Ulrich Zeun studierte in den 1980er-Jahren in Dortmund Rehabilitation und Sondererziehung der Seh- und Lernbehinderten sowie Englisch und Diplomerziehungswissenschaften. Danach arbeitete er an der Uni Dortmund in Projekten zum Großdruck, der Umsetzung von hochschulinternen Materialien und als Dozent. Seit 1996 ist er Förderschullehrer an der Martin-Bartels-Schule, einer Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Sehen in Dortmund. Er hat eine Geschichte der Prismenmonokulare ("Monokulare - Entwicklungen und Modelle") und eine "Monokular-Schulung" verfasst. Kontakt: webmaster@monocular.info