Von Anette Bach
Solange man lebt, gelingt auch das Altern. Diese Erkenntnis gehört ja wohl in den Ordner mit den Binsenweisheiten. Danach ist sicher nicht gefragt. Aber wonach ist gefragt? Wann gelingt oder misslingt altern? Bedeutet Blindheit dabei eine besondere Herausforderung oder ist es vielleicht sogar eine Gnade?
Stellen wir doch ausnahmsweise mal für einen Moment die Frau in den Mittelpunkt der Betrachtung. Ist sie als junger Mensch stark eingeschränkt und viel auf Hilfe angewiesen, so sitzt sie im Alter mit den meisten Sehenden in einem Boot. War sie früher fit und mobil, ist es im Alter dasselbe. Könnte man da sagen: "2 : 0 für eine späte Inklusion?" - Nein, so richtig glücklich macht das nicht. Da ist nämlich immer noch die Sache mit dem Selbstbild. Sagt man mir mit 40, dass ich zehn Jahre jünger aussehe, ist es mir egal, wie ich mit 30 ausgesehen habe, ich freue mich über das Kompliment. Jedenfalls nehme ich an, dass es eines ist. Sagt man mir das gleiche mit 60, fange ich doch an zu grübeln. Wie mag ich wohl mit 50 ausgesehen haben. Vielleicht wie mit 40? Ich fürchte, das geht heutzutage nicht mehr als Kompliment durch. Jetzt bin ich 70! Ich vermute, das Problem ist erkannt. Sollte ich jetzt aussehen wie mit 60, hilft mir das kein bisschen weiter. Lange Haare? Nein, dafür bist Du doch langsam zu alt. Haare ab und Dauerwelle? Na komm, so alt bist Du ja nun auch nicht! Färben? Na klar, welche Frau in Deinem Alter tut das nicht? Nein, würde ich nicht. Dein Grauton ist ganz nett. Und die Klamotten? Von der Generation Beige habe ich ja schon oft gehört. Da gehöre ich wohl altersgemäß dazu. Nun gut, dann ist das mit den Farben ja geklärt. Aber wie ist das mit der Rocklänge? Und wie knackig darf die Hose sitzen?
Wie soll, wie kann bei solchen Problemen das Altern gelingen? Dazu kommt die immer noch unbeantwortete Frage, ob es bei mir schon angefangen hat.
Zur Autorin
Anette Bach, Jahrgang 1951, engagiert sich seit vielen Jahren in der Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe. Dem DVBS gehört sie seit rund 45 Jahren an, seit 2018 ist sie im Leitungsteam der Interessengruppe Ruhestand aktiv.
Zu den Anliegen der begeisterten Theater- und Museumsbesucherin gehört u. a. die Entwicklung inklusiver Museen, da sie Malerei schätzt und Kunst auch für blinde Menschen interessant und erlebbar sein sollte.