horus 3/2022
Schwerpunktthema: "IT - Digitale Herausforderungen"

Das Inhaltsverzeichnis und ausgewählte Beiträge stehen Ihnen ab sofort zur Verfügung. Die gesamte Ausgabe wird nach Erscheinen von horus 4/2022 freigeschaltet. Eine kostenlose Probeausgabe (Print, Braille, digital) erhalten Sie gerne in der DVBS-Geschäftsstelle, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


Inhalt

  • Vorangestellt
  • Aus der Redaktion
  • Schwerpunkt: "IT - Digitale Herausforderungen"
  • Barrierefreiheit und Mobilität
    • D. Böhringer: Bordsteine - Sicherheitsaspekt oder Ärgernis?
  • Berichte und Schilderungen
  • Aus der Arbeit des DVBS
  • Aus der blista
  • Bücher
    • C. Otto: Die behinderten Blumen der Inklusion - wie ein Buch meine Erwartungen positiv enttäuschte
    • T. Büchner: Hörbuchtipps aus der blista
    • W. Gemril und J. Schäfer: Sachbücher aus der Braille-Druckerei
    • Netzlektüre: Linktipp aus dem Internet
  • Panorama
    • Kontaktstelle für geflüchtete Menschen mit Behinderungen und Pflegebedürftige aus der Ukraine
    • Kostenlos zugänglich: DIN-Norm zur Barrierefreiheit von Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT)
    • BAGSO-Projekt "Digital souverän mit KI"
    • "Die Arbeit an der Rolle" mit Hörspielpreis der Kriegsblinden - Preis für Radiokunst 2022 ausgezeichnet
    • DBSV mit neuem Präsidium
    • Aktionswoche Selbsthilfe 2022
    • Online-Veranstaltungen für AMD-Patient*innen und Angehörige
    • Fahrkarten im Zug kaufen für behinderte Menschen weiterhin möglich
  • Impressum
  • Anzeigen

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Titelbild

Collage dreier Fotos: Ein blinder Redakteur arbeitet im Homeoffice an der Computertastatur mit Braillezeile. Er hat einen grauen, kurz geschnittenen Haarkranz, trägt eine dunkel getönte Brille, Kopfhörer und lächelt (Foto links: privat). Eine blinde Frau mit dunklem, lockigem Haar spricht lächelnd Richtung iPhone, das sie in der linken Hand hält. (Foto rechts oben: privat). Ein sehbehinderter Projektmitarbeiter blickt im Büro von seinem Computerarbeitsplatz mit großem Bildschirm auf und lächelt, im Hintergrund lehnt sein weißer Langstock an der Wand. (Foto rechts unten: DVBS.

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Vorangestellt

Liebe Leserinnen und Leser,

Digitales ist in unser Leben eingedrungen und aus ihm nicht mehr wegzudenken. Viele Programme und Geräte bringen uns die Welt näher, machen sie verstehbarer. In einigen Bereichen überfordern sie uns aber auch mit ihrem enormen Tempo. Zeit zur kreativen Reflexion wird dabei rar, wenn wir sie uns nicht ganz bewusst nehmen. Reflektieren kann man sinnvoll aber nur das, was man verstanden hat. Deshalb ist es wichtig, sich Entstehung und Hintergründe von Digitalisierung bewusst zu machen.

Das gilt auch beim Thema digitale Barrierefreiheit, das den Schwerpunkt des vorliegenden Heftes bildet (siehe etwa den Beitrag von Andreas Carstens, der uns die Normen und Standards näher bringt, die dabei zu beachten sind). Dass auch das nicht immer genügt, um unsere Arbeit effektiv und für uns selbst zufriedenstellend zu gestalten, macht Matthias Klaus in seinem Stoßseufzer deutlich, dem viele von uns, gerade wenn sie intensiv mit digitalen Medien arbeiten müssen, sicher zustimmen werden. Für den Bereich der Schulbildung zeigt der Beitrag von Flach u. a. auf, wie es gelingen kann, digitale mit förderpädagogischen Anforderungen zu kombinieren, wenn nicht in Einklang zu bringen.

Wir können heute noch nicht abschätzen, wie sich die Arbeitsbedingungen in Deutschland in den kommenden Jahren entwickeln und ob sie im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention tatsächlich inklusiv sein werden. Was wir aber wissen, ist, dass ein Ausschluss von Information und Kommunikation, ständige Arbeitsplatzunsicherheit, Armut durch Arbeitslosigkeit und geringere Bildungs- und Fortbildungschancen für sehbehinderte und blinde Menschen nichts mit inklusiver Teilhabe zu tun haben. Ähnliche Forderungen sind aber auch im Reproduktionssektor von erheblicher Bedeutung, sei es im Bereich der Finanzdienstleistungen, der Buchproduktion, der Medien ganz allgemein oder der privaten Kommunikation, um nur einige Sektoren herauszugreifen.

Insgesamt müssen wir nach Lösungen suchen und sie finden, um nicht beim Konkurrenzkampf um attraktive Arbeits- und Ausbildungsplätze stets den Kürzeren zu ziehen. Das Erkämpfen digitaler Barrierefreiheit wird immer wieder diese und neue Herausforderungen an die Selbsthilfe stellen. Barrierefreiheit zu erreichen, zu gewährleisten und zu verstetigen bleibt eine wesentliche Zielvorgabe unserer Organisationen und Institutionen, soll gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen erreicht werden.

Abschließend noch ein Wort für meinen Co-Autor in dieser Rubrik, Claus Duncker, mit dem ich mir die Aufgabe, Sie und Euch ein wenig in das jeweilige Heft des horus einzuführen, nun 15 Jahre geteilt habe. Wie in dieser Ausgabe zu lesen ist, wurde er bei einer schwungvollen Feierstunde am 29. Juni in den Ruhestand verabschiedet. Die Zusammenarbeit für den horus hat mit Claus immer zuverlässig geklappt, und ich habe seine Einführungen ins jeweilige Heft immer gern gelesen. Ich bin sicher, dass das auch mit dem neuen Chef der blista, Patrick Temmesfeld, ähnlich gut funktionieren wird. Freuen wir uns gemeinsam auf weitere spannende Hefte des horus und danken wir Claus Duncker für seine auch auf diesem Gebiet geleistete vorbildliche Arbeit.

Das wünscht sich

Ihr und Euer

Uwe Boysen

Bild: Uwe Boysen trägt einen roten Pullover und eine dunkle Brille, sein Haar ist weiß. Das Sonnenlicht wirft gerade Flächen von Licht und Schatten an die Wand, auf Uwe Boysen fällt Licht. Er lächelt. Foto: DVBS

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Schwerpunkt: "IT - Digitale Herausforderungen"

Blick in alle Richtungen - Die Herausforderungen digitaler Barrierefreiheit für die Selbsthilfe

Von Uwe Boysen

Zur Erinnerung

2016 veranstaltete der DVBS im Rahmen der Feierlichkeiten zu seinem 100-jährigen Geburtstag die mit über 130 Teilnehmenden sehr gut besuchte Fachtagung "Megatrend Digitalisierung".

Viele der in der Abschlussresolution enthaltenen Forderungen sind nach wie vor aktuell, weshalb ich hier einige zur Erinnerung wiedergeben möchte:

"Die öffentliche Verwaltung muss die gesetzliche Verpflichtung zur barrierefreien Gestaltung ihrer digitalen Angebote einhalten. Wo eine solche Verpflichtung noch nicht besteht, muss sie geschaffen werden. (...)

Öffentliche und private digitale Bildungsangebote - einschließlich abzulegender Prüfungen und zu erbringender Leistungsnachweise - müssen barrierefrei sein. Dazu gehört auch die barrierefreie Zugänglichkeit elektronisch publizierter Zeitungen, Zeitschriften und Bücher ebenso wie die ungehinderte grenzüberschreitende Nutzung von für sehbehinderte und blinde Menschen adaptierter Literatur (...).

Barrierefreiheit muss schon bei der Entwicklung digitaler Angebote durch geeignete Vorkehrungen hergestellt sowie bei deren Veränderungen berücksichtigt werden. Die dazu vorhandenen Standards sind einzuhalten und dürfen nicht verwässert werden. (...)

Menschen mit Behinderungen müssen im Rahmen der Teilhabeforschung an der Entwicklung barrierefreier digitaler Produkte entscheidend mitwirken. Ihre Qualifizierung ist entsprechend zu fördern." (1)

Thema der vorliegenden Abhandlung soll aber in erster Linie sein, was seither im Bereich digitaler Barrierefreiheit von Seiten des DVBS geschehen ist, und das ist nicht wenig.

Internetseiten und mobile Anwendungen öffentlicher Stellen

Die erste Herausforderung, die seit 2017 auf der Tagesordnung stand, war die Umsetzung der EU-Richtlinie zur digitalen Barrierefreiheit von Internetseiten und mobilen Anwendungen öffentlicher Stellen. In ihr sind umfangreiche Vorkehrungen zur Durchsetzung dieses Prinzips enthalten, wie Carstens in diesem Heft darstellt.

Hier will ich beschreiben, wie wir versucht haben, die Umsetzung der Richtlinie in deutsches Recht in Bund und Ländern zu begleiten, bzw. soweit möglich zu beeinflussen.

Die Richtlinie, veröffentlicht im Amtsblatt der EU am 2.12.2016, musste von den Mitgliedstaaten bis 23.9.2018 in nationales Recht umgesetzt werden. Das war ein Zeitraum von mehr als eineinhalb Jahren. Wiederholt hat der DVBS die Verantwortlichen im Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) auf diese Frist hingewiesen, jedoch nur mit sehr mäßigem Erfolg; denn erst im Februar 2018 ging uns ein erster Entwurf mit einer Stellungnahmefrist von sage und schreibe knapp einer Woche zu, unseres Erachtens ein klarer Verstoß gegen die Beteiligungspflicht von Selbsthilfeverbänden, wie sie sich in Art. 4 Abs. 3 der UN-Behindertenrechtskonvention findet.

Da waren wir längst selbst aktiv geworden und hatten im Oktober 2017 in Frankfurt eine Tagung zum Thema für DVBS-Mitglieder und befreundete Interessierte durchgeführt, um uns Klarheit über die Reichweite der Richtlinie und ihre Umsetzung zu verschaffen. Das führte in der Folge zu einer öffentlichen Veranstaltung in Berlin, bei der wir über 80 Teilnehmende, unter anderem aus Ministerien und Verwaltungen, über die rechtlichen Rahmenbedingungen und technischen Voraussetzungen digitaler Barrierefreiheit informieren konnten.

Dabei kam erstmals der schon erwähnte Entwurf eines Umsetzungsgesetzes auf den Tisch, der nach unserer Auffassung viele Lücken enthielt und bei uns erhebliche Kritik auslöste. Gleichwohl ging der Galopp weiter, angeblich getrieben von der Angst der Bundesregierung, bei nicht rechtzeitiger Umsetzung ein sog. Vertragsverletzungsverfahren gegen die Bundesrepublik zu gewärtigen, mit der Folge, von der EU-Kommission zu Strafgeldern herangezogen zu werden. Diese Angst machte eine tiefergehende Diskussion mit dem BMAS fast unmöglich. Wenngleich von uns unter immensem Zeitdruck noch eine Stellungnahme zu diesem Entwurf innerhalb der Frist verfasst wurde (man bedenke, dass das alles auf ehrenamtlicher Basis geschieht!), verhallten unsere Anregungen und Präzisierungen zunächst ungehört.(2) Kurioserweise war ursprünglich nicht einmal der Gesetzentwurf, wie er dann im März 2018 dem Bundesrat zugeleitet wurde, für uns barrierefrei verfügbar.

Im parlamentarischen Verfahren nahmen wir erneut Stellung, waren durch zwei Personen in einer Anhörung des Ausschusses für Arbeit und Soziales vertreten, konnten jedoch nur noch wenige positive Veränderungen in den dann verabschiedeten §§ 12a-12f BGG 2018 erreichen.(3)

Unsere Hauptkritikpunkte bezogen sich auf die zunächst gestrichene Erwähnung grafischer Benutzeroberflächen, auf die mangelhafte Präzisierung unzumutbarer Belastungen als Grund, keine Barrierefreiheit zu schaffen, sowie auf die fehlende Erwähnung einer Verletzung der Verpflichtung aus § 12 b des Entwurfs, d.h. der Erklärung zur Barrierefreiheit, in den Klagemöglichkeiten von §§ 14, 15 BGG.(4)

Aus zwei Gründen verfolgten wir diese Ziele mit besonderer Beharrlichkeit, zum einen natürlich, um gute Regelungen auf Bundesebene zu realisieren, zum anderen aber auch, weil die Richtlinie ebenso die Bundesländer zu ihrer Umsetzung verpflichtet und wir mit Recht davon ausgehen durften, dass die neu geschaffenen Normen des BGG auf die Aktivitäten in den Ländern ausstrahlen würden. Deshalb bemühten wir uns in der Folge, auch hier Einfluss zu nehmen. Das gelang unterschiedlich gut. So waren viele Länder nicht in der Lage, die Umsetzungsfrist einzuhalten und kamen auch dadurch zu qualitativ sehr unterschiedlichen Ergebnissen, die hier nicht im Einzelnen dargestellt werden sollen. Hervorzuheben ist jedoch, dass insbesondere die Vorschriften im Bremischen Behindertengleichstellungsgesetz vom 18. Dezember 2018 (BremBGG) sich positiv gegenüber den anderen Ländergesetzen abheben, z.B. was die Präzisierung einer unzumutbaren Belastung oder die Pflicht zu einer schnellen Reaktion auf Beschwerden von Nutzern betrifft. Kurze Wege zu Entscheidungsträgern, die uns hier zur Verfügung standen, lohnen sich eben!

Digitale Barrierefreiheit muss kritisch begleitet werden

Die Arbeit zur Verwirklichung von digitaler Barrierefreiheit ist damit aber bei Weitem nicht abgeschlossen. So bemüht sich die Selbsthilfe, auch die Implementation der jetzt erlassenen Vorschriften kritisch zu begleiten. Das ist ohne verlässliche Finanzierung von Hauptamtlichkeit allerdings nur mit enormem persönlichen Engagement Einzelner möglich. Und auch dann können wir nicht alle inzwischen zahlreichen Aktivitäten und Gremien, die sich nunmehr erfreulicherweise die Umsetzung von digitaler Barrierefreiheit zur Aufgabe gemacht haben, mit unserem erheblichen Sachverstand sowohl auf juristischem als auch auf technischem Gebiet angemessen begleiten und beeinflussen. Von der öffentlichen Hand geförderte Projekte der Selbsthilfe, so sinnvoll sie auch sein mögen, sind kein adäquater Ersatz für die Schaffung verlässlicher und das heißt auf Dauer angelegter Strukturen, für die auch finanzielle Mittel zur Verfügung stehen müssen. Das gilt umso mehr, als nunmehr der European Accessibility Act (EAA) mit seinen Anforderungen an digitale Barrierefreiheit von ausgewählten Produkten und Dienstleistungen für private Unternehmen mit Hilfe des 2021 verabschiedeten Barrierefreiheitsstärkungsgesetzes (BFSG) in innerstaatliches Recht umgesetzt werden musste. Durch seine Vorschriften kommen nicht nur erhebliche Herausforderungen auf die betroffenen Unternehmen zu, sondern auch neue Aufgaben auf Bund und Länder. Sie müssen in diesem Bereich eine effektive Marktüberwachung organisieren, ohne die die Anforderungen des BFSG möglicherweise leerlaufen werden.

Weiterbildung zu Expert*innen in eigener Sache als Hilfe zur Selbsthilfe

Eine weitere Säule der Arbeit von Selbsthilfeorganisationen ist die Weiterbildung unserer Mitgliedschaft zu Expert*innen in eigener Sache, ganz im Sinne der Hilfe zur Selbsthilfe. Auch dazu gab es in den vergangenen knapp sechs Jahren erhebliche Aktivitäten des DVBS. Zu nennen sind hier neben den bereits erwähnten Tagungen von Oktober 2017 und Februar 2018 zum einen ein weiteres Seminar vom 31. August / 1. September 2019 in Frankfurt, bei dem es um die Anforderungen ging, die Ausschreibungen für IT-Projekte im Rahmen des sog. Vergaberechts enthalten müssen,(5) und zum anderen die Initiierung einer kleinen Expertendigitalarbeitsgruppe seit Ende 2019, die ein DVBS-Webinar zum Thema "Barrieren erfolgreich melden" plante und dann am 26. Juni 2021 mit ca. 60 Teilnehmenden durchführte. Daraus ist inzwischen eine Mailingliste entstanden, in der das wichtige Thema weiterverfolgt wird.

Die Mitglieder der Digitalarbeitsgruppe beteiligten sich weiter am Auswahlprozess zur Testung von Webseiten öffentlicher Stellen für den ersten deutschen Bericht zur Umsetzung der EU-Richtlinie zu digitalen Webseiten und mobilen Anwendungen. Außerdem erstellten sie eine Handreichung mit dem Ziel, sehbehinderten und blinden Nutzer*innen aufzuzeigen, welche Möglichkeiten Sie nunmehr haben und nutzen sollten, Barrierefreiheit mitzugestalten und voranzubringen. Darin sind - möglichst einfach - wichtige Prinzipien zu digitaler Barrierefreiheit beschrieben.(6)

Derzeit liegt dem DVBS-Vorstand ein Antrag vor, innerhalb des DVBS eine - inzwischen satzungsmäßig mögliche - Interessengruppe zu schaffen. Deren Ziele werden dort wie folgt beschrieben: Digitalisierung ist "auch für den DVBS eine Querschnittsaufgabe, die in all seinen Gliederungen auf unterschiedliche Weise diskutiert wird. Diese Diskussion auf breiterer Basis und nicht bloß bezogen auf einzelne Gruppen vernetzt zu führen, ist Ziel der Gründung der von uns vorgeschlagenen Interessengruppe. Sie kann und soll künftig eine Plattform bieten, um Informationen und Erfahrungen auszutauschen und gemeinsame Aktivitäten voranzubringen, damit Motor für Veränderungen im Auftritt des DVBS nach innen wie nach außen sein, Weiterbildungen organisieren und Zielvorgaben für das Selbstverständnis des Vereins im digitalen Wandel formulieren."

Blick nach vorn

Der gesellschaftliche Wandel durch Digitalisierung geht mit ungebremster Intensität weiter. Er erfasst Ausbildung an Schulen, Hochschulen und Universitäten ebenso wie die Arbeitswelt mit ihren ständig steigenden Anforderungen an IT-Kompetenz, aber selbst - scheinbar - rein private Bereiche unseres täglichen Lebens wie Mobilität sowie gesellschaftliche und politische Partizipation sind unmittelbar betroffen.

Auch wenn die vollmundigen Versprechen von einer ultimativen staatlichen Digitalisierungsstrategie und die Horrorszenarien einer "entmenschlichten" Gesellschaft lange eher publizistische Blütenträume bleiben dürften, so müssen wir die Entwicklungen, z. B. im Bereich "Virtual Reality", bei Spracherkennung und -synthese oder bei fortschreitender Implementierung von Chips als Ersatzkörperteilen, aufmerksam verfolgen und uns, wo es Not tut, zu gegebener Zeit einmischen.

Verwaltung, Rechtsprechung, wirtschaftliche Aktivitäten und vieles mehr ohne digitale Barrierefreiheit darf es zukünftig nicht mehr geben. Das ist die Erfahrung, die die Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe in den letzten 25 Jahren, in denen sie sich auf diesem Gebiet engagiert hat, sammeln konnte, und diese Forderung muss sie auch weiter auf den verschiedensten Plattformen der Informationsgesellschaft erheben, damit wir nicht die Hinterbliebenen der Digitalisierung werden.

Anmerkungen

(1) Die Tagung "Megatrend Digitalisierung" einschließlich der Referate, der Impulse aus den Workshops sowie der Abschlusserklärung ist dokumentiert in horus spezial Bd. VIII: Digitalisierung und Teilhabe, abrufbar unter https://dvbs-online.de/index.php/publikationen-2/horus-spezial/horus-spezial-8-2017. Siehe auch horus 4/2016.zurück zum Text

(2) Stellungnahmen zu den einschlägigen Gesetz- und Verordnungsentwürfen von Seiten des DVBS und teilweise des DBSV finden sich unter https://dvbs-online.de/index.php/aktuelles/stellungnahmen. Siehe auch Boysen, EU-Richtlinie zu barrierefreien Websites und mobilen Anwendungen - Rückenwind für Barrierefreiheit oder nur laues Lüftchen? in: horus 2/2018.

(3) Siehe - durchaus polemisch - Boysen, Verwunderte Gedanken beim Lauschen einer Bundestagsdebatte, in: horus 3/2018.

(4) Siehe dazu das Wortprotokoll der 10. Sitzung des Bundestagsausschusses für Arbeit und Soziales am 11.6.2018, https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2018/kw24-pa-arbeit-soziales-556706

(5) Dazu Boysen, Erfolgreicher Workshop zu digitaler Barrierefreiheit im Vergabeverfahren, in: horus 4/2019.

(6) Diese Handreichung kann in der Geschäftsstelle des DVBS angefordert werden.

Bild: Haupt- und Ehrenamtliche des DVBS setzen sich beharrlich für digitale Barrierefreiheit auf allen Ebenen ein - z. B. durch das Projekt agnes@work, für das Savo Ivanic arbeitet. Er selbst ist sehbehindert und arbeitet nah am großen PC-Bildschirm, Kopfhörer und Mikro hängen um seinen Hals. Er blickt von seiner Arbeit auf und lächelt. Foto: DVBS

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Mehr Lernerfolg durch Digitalisierung?

Von Sabine Zimmermann

Die voranschreitende Digitalisierung im Bildungswesen weckt große Erwartungen hinsichtlich einer Verbesserung der Lernbedingungen für Schülerinnen und Schüler mit Blindheit oder Sehbehinderung. Die Lernbedingungen werden jedoch von weitaus mehr Faktoren beeinflusst als nur von den technischen Voraussetzungen.  Um Schülerinnen und Schülern mit Blindheit oder Sehbehinderung gleichberechtigte Teilhabe am digitalisierten Lernen zu ermöglichen, ist ein komplexes Set an Gegebenheiten auf den Ebenen der Politik, der Schule, der Lehrkräfte und der Schüler*innen Voraussetzung.

Schüler*innen

Zunächst müssen die Schüler*innen mit auf ihre Bedürfnisse abgestimmten Endgeräten mit entsprechender zusätzlicher Hardware wie Braille-Zeile und Software (Screenreader) ausgestattet sein. Diese müssen robust mit der Schultechnologie zusammenarbeiten. Wie effizient die Lernenden damit arbeiten können, hängt von ihren individuellen informationstechnischen Fertigkeiten ab. Deshalb müssen sie im spezifischen Curriculum und/oder im Regelunterricht die Bedienung ihrer Technik erlernen und üben können. Möglicherweise muss durch die Erweiterung der benötigten Anwendungskompetenzen durch eine breitere Palette an Anwendungen mehr Zeit im spezifischen Curriculum zur Verfügung gestellt werden.

Damit die Schüler*innen selbständig arbeiten können, müssen jedoch Dokumente und Anwendungen die definierten Kriterien für Barrierefreiheit erfüllen.

Die angestrebte stärkere Individualisierung und Selbststeuerung des Lernens setzt auf Schüler*innenseite eine erhöhte Fähigkeit zur Selbstorganisation voraus. Diese kann nicht von vornherein erwartet werden und muss nach und nach aufgebaut werden.

Schule

Die Implementierung inklusiver digitaler Bildung muss als Schulentwicklungsprozess verstanden und angegangen werden (vgl. Schulz 2021, S. 33). Hierbei kann an den veränderbaren institutionellen Voraussetzungen wie Zielen, Konzepten, materiellen und personellen Ressourcen angesetzt werden.

Technische Ausstattung / materielle Ressourcen

Über den DigitalPakt wurde und wird massiv in IT-Infrastruktur (Internetverbindung, Hard- und Software) investiert.

Bei allen Hard- und Softwareanschaffungen sollte darauf geachtet werden, dass die Produkte die vier WCAG-Prinzipien erfüllen:

  1. Die Benutzer-Oberfläche muss für blinde und sehbehinderte Nutzer*innen wahrnehmbar, also per Screenreader oder Braille-Zeile auslesbar bzw. vergrößert oder farblich angepasst darstellbar sein.
  2. Sie sollte auch über die Tastatur oder Spracheingabe bedienbar
  3. Die Bedienung sollte einfach verständlich sein und zu verständlichen Informationen führen und
  4. robust mit einer breiten Palette von Betriebssystemen, Browsern und assistiven Technologien zusammenarbeiten. Dies ist auch für die Fachkräfte aus Förderzentren wichtig, die blinde und sehbehinderte Schüler*innen an verschiedenen Regelschulen begleiten, damit die Anzahl potenzieller Probleme und Lösungsmöglichkeiten überschaubar bleibt.

Zusätzlich müssen Anwendungen mit den Datenschutzvorgaben der Bundesländer konform sein, was bei großen kommerziellen Anbietern mit Sitz außerhalb der EU nicht gewährleistet ist (vgl. Rüger 2020, S. 189 ff.).

Auch bei barrierefreien Lernplattformen sollte auf eine klare Struktur geachtet werden, damit keine Orientierungsprobleme entstehen. Da Lernplattformen die zentralen Speichersysteme für Lerninhalte sind, steht es dem Förderziel Autonomie entgegen, wenn Schüler*innen nicht selbständig darauf zugreifen können. Lernplattformen müssen nach der BITV barrierefrei sein.

Das gilt auch für deren Inhalte, wie z.B. digitale Schulbücher.

Manche gängige Videokonferenzsysteme wie Zoom oder BigBlueButton sind in grundlegenden Funktionen barrierefrei zugänglich. Allerdings sind nicht alle Detailfunktionen für Nutzer*innen mit Sehbeeinträchtigungen sinnvoll oder überhaupt benutzbar, etwa weil deren Bedienung im Vergleich mit sehenden Nutzer*innen zu lange dauert. Dies ist bei der Unterrichtsplanung im Distanzunterricht zu bedenken. Mit der Verwendung von Open-Source-Software, die auf schuleigenen Servern gehostet wird, können zusätzliche datenschutzrechtliche Probleme umgangen und die Barrierefreiheit optimiert werden (Mahnke, Hellwig 2020, S. 192 f.). Nachteil ist jedoch der Arbeitsaufwand und der hohe Bedarf an Fachwissen, das in derartige Lösungen gesteckt werden muss, und dass dabei Insellösungen entstehen.

Schul-Webseiten sollten nach WCAG 2.2-Standard aufgebaut sein, so dass sie wie oben beschrieben über alle Arten von Endgeräten für alle wahrnehmbar, verstehbar und bedienbar sind.

Für die Kommunikation zwischen Lehrkräften, Schüler*innen und Eltern ist es außerdem notwendig, dass die Schule Lehrkräften und Schüler*innen E-Mail-Konten zur Verfügung stellt. Diese können gleichzeitig als Zugang für die Nutzung einer Schulcloud oder den Schulserver dienen, so dass ortsunabhängig darauf zugegriffen werden kann (Rüger 2020, S. 188).

Personelle Ressourcen

Die wichtigste Ressource einer Schule stellen ihre Lehrkräfte mit ihrem Wissen und ihren Kompetenzen dar. Von ihrer positiven Einstellung zu Inklusion und Digitalisierung, ihrer Innovationsoffenheit, ihrem Wissen über Technik, Didaktik und Pädagogik und deren Schnittmengen (Hartung, Zschoch u.a. 2021, S. 64) hängt es ab, inwieweit sie digitalen und inklusiven Unterricht umsetzen (können).

Durch den Ausbau von Inklusion und Digitalisierung verändern sich die Anforderungsstrukturen für die Lehrkräfte massiv. Die eigene Medienkompetenz erlangt zentrale Bedeutung: Lehrkräfte müssen die Handhabung neuer Soft- und Hardware beherrschen, ihre jeweiligen Einsatzmöglichkeiten und -grenzen auch im Hinblick auf Barrierefreiheit kennen, Schüler*innen bei technischen Schwierigkeiten unterstützen können und sich Kompetenzen im Erstellen digitaler barrierefreier Dokumente/Lehrmaterialien aneignen und Konzepte für den sinnvollen Einsatz digitaler Medien im inklusiven Unterricht erarbeiten. Zusätzlich benötigen die Lehrkräfte mediendidaktische Kompetenzen, so dass sie ihren Schüler*innen den Umgang mit digitalen Medien vermitteln und sie an eine adäquate Mediennutzung heranführen können. Für diesen Kompetenzerwerb brauchen die Lehrkräfte ein umfassendes Fortbildungsangebot. Schulintern bietet sich eine gesteigerte Kooperation unter den Lehrkräften "in professionellen Lerngemeinschaften" (Sliwka und Klopsch 2020, S. 225) an, um voneinander und miteinander zu lernen.

Um all die technischen Neuerungen zu planen, zu installieren und zu warten und um den Lehrkräften technischen Support anzubieten, benötigen die Schulen dauerhaft IT-Fachkräfte wie Administrator*innen oder vom Unterricht dafür freigestellte Lehrkräfte mit Fachkenntnissen.

Auch die blinden- und sehbehindertenpädagogische Unterstützung, sei es durch Fachkräfte aus Förderzentren oder an den Schulen, muss die Entwicklung mitvollziehen, ihre spezifische Medienkompetenz hinsichtlich der Interaktion von assistiver Technologie mit neuen Anwendungen auf aktuellem Stand halten und für den Transfer zu den Fachlehrkräften und Schüler*innen sorgen (Schulz 2021).

Ideelle Ressourcen

Hilfreich ist - wie beim DigitalPakt Schule eingefordert - ein Medienbildungskonzept, das die systematische Vermittlung von Anwendungsfertigkeiten abgestimmt mit dem Curriculum sicherstellt und einen kompetenten Umgang mit medialen Inhalten im Sinne einer kritischen Reflexion vermittelt (Ferraro, Gasterstäd & Wahl 2021, S. 9).

Da der bloße Einsatz digitaler Medien anstelle analoger nicht per se zu besseren Lernergebnissen führt (Eickelmann, Gerick 2020, S. 157), empfiehlt es sich, neue Konzepte für den digital gestützten Fachunterricht zu entwickeln. Empirisch belegt ist ein positiver Einfluss digitaler Medien auf die Lernleistung in Verbindung mit konstruktivistischen Unterrichtsmethoden (vgl. Eickelmann, Gerick 2020).

Politik

Auf politischer Ebene werden sowohl die Digitalisierung als auch schulische Inklusion propagiert, aber eher separat verfolgt (vgl. Hartung, Zschoch, Wahl 2021, Schulz 2021).

In ihrem Strategiepapier "Bildung in der digitalen Welt" erklärt die KMK (2017) umfängliche digitale Bildung klar zum schulischen Bildungsauftrag. Dabei wird die Verbesserung der Teilhabe für die heterogene Schülerschaft betont, barrierefreie Zugänglichkeit jedoch nur impliziert. Bund und Länder fördern die Digitalisierung der Schulen über den DigitalPakt Schule 2019 bis 2024 mit über 5 Milliarden Euro, ohne Barrierefreiheit explizit als Fördervoraussetzung zu nennen. Die zu beschaffenden Infrastrukturen sollen lediglich "grundsätzlich technologieoffen, erweiterungs- und anschlussfähig an regionale, landesweite oder länderübergreifende Systeme" (Verwaltungsvereinbarung DigitalPakt Schule 2019 bis 2024 § 3 (1)) sein. Um das Bewusstsein für digitale Barrieren bei den Planenden zu schaffen, so dass diese den Aspekt der Barrierefreiheit bei ihren Entscheidungen einbeziehen, sollte Barrierefreiheit klar zur Fördervoraussetzung erklärt und die in Förderzentren oder in der Selbsthilfe vorhandene Expertise genutzt werden.

Für sachgemäße Installation und dauerhafte Wartung der digitalen Infrastruktur an den Schulen müssen über die Zusatz-Verwaltungsvereinbarung zum DigitalPakt Schule "Administration" hinaus langfristige Mittel bereitgestellt werden.

Sowohl der allgemeine digitalisierungsbezogene Weiterbildungsbedarf der Lehrkräfte als auch der spezifische hinsichtlich digitaler Barrierefreiheit sollte von den Ländern aufgegriffen und über Fortbildungsprogramme aufgefangen werden.

Ein Beispiel, wie die Qualifizierung zu inklusiver digitaler Lehre für Lehrkräfte an Förderzentren und Regelschulen systematisch umgesetzt werden kann, ist das Programm zur diklusiven (= digital inklusiven) Schulentwicklung in Schleswig-Holstein. Über die Zertifikatskurse "Lernen mit digitalen Medien an Förderzentren" werden pro Förderzentrum zwei Mitarbeitende als Multiplikator*innen geschult. Diese tragen ihre digitale und sonderpädagogische Expertise sowohl in die eigene Einrichtung als auch in die kooperierenden Regelschulen (vgl. Schulz 2021, S. 33 f.).

Weiterer Handlungsbedarf besteht bei der Entwicklung barrierefreier digitaler Lehrmedien. Es besteht derzeit noch Entwicklungsbedarf für barrierefreie und datenschutzkonforme Anwendungen wie Lernplattformen usw., der von bildungspolitischer Seite angegangen werden muss. Außerdem sollten die Kultusministerien ihren Einfluss auf die Schulbuchverlage nutzen und bei der Digitalisierung von Schulbüchern auf die Einhaltung des national vereinbarten E-Buch-Standards hinwirken. Dieser unterscheidet sich von den Formaten gängiger E-Books, indem eine einheitliche Gestaltung Orientierung, Austausch und mehrfache Verwendung der Bücher erleichtert (vgl. augenbit.de).

Fazit

Wie stark Schülerinnen und Schüler mit Blindheit oder Sehbehinderung von der Digitalisierung der Schulen profitieren können, hängt zu einem großen Teil von den Rahmenbedingungen ab. Wie im analogen Unterricht sind die Verfügbarkeit barrierefreier Lernmedien sowie Kompetenz und Engagement der Lehrkräfte entscheidend. Diese können jedoch nur aufgebaut und weiterentwickelt werden, wenn den Lehrkräften die Weiterbildung leichtgemacht wird. Voraussetzung hierfür sind zeitliche Ressourcen, technische Ausstattung und ein verfügbares Fortbildungsangebot auch zu Themen wie digitale Barrierefreiheit und inklusive Unterrichtsgestaltung.

13 Jahre nach der Ratifizierung der UN-BRK durch die Bundesrepublik Deutschland sollte anerkannt werden, dass die Themen Inklusion und Barrierefreiheit in den Mainstream gehören und bei allen pädagogischen und technischen Neu- und Weiterentwicklungen im Bildungsbereich mitgedacht werden müssen.

Literaturverzeichnis

Eickelmann, Birgit / Gerick, Julia (2020): Lernen mit digitalen Medien. Zielsetzungen in Zeiten von Corona und unter besonderer Berücksichtigung von sozialen Ungleichheiten - In: Fickermann, Detlef [Hrsg.]; Edelstein, Benjamin [Hrsg.]: "Langsam vermisse ich die Schule ...". Schule während und nach der Corona-Pandemie. Münster; New York : Waxmann, 153-162. DOI: 10.31244/9783830992318.09

Ferraro, Estella/ Julia Gasterstädt/ Johannes Wahl (2021): "Anforderungsstrukturen inklusiv-medialen pädagogischen Handelns". MedienPädagogik 41, (Inklusive digitale Bildung), 1-14. DOI: 10.21240/mpaed/41/2021.02.01.X.

Hartung, Julia/ Zschoch, Elsa/ Wahl, Michael (2021): "Inklusion und Digitalisierung in der Schule. Gelingensbedingungen aus der Perspektive von Lehrerinnen und Lehrern sowie Schülerinnen und Schülern". MedienPädagogik 41, (Inklusive digitale Bildung), 55-76. DOI: 10.21240/mpaed/41/2021.02.04.X.

KMK - Kulturministerkonferenz (2017): Bildung in der digitalen Welt. www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2016/2016_12_08-Bildung-in-der-digitalen-Welt.pdf, Abruf 29.11.2021.

Mahnke, Tobias/ Hellwig, Marc (2020): Unterricht auf Distanz - Technische Voraussetzungen und deren Nutzung an der blista. In: blind - sehbehindert 4/2020, 192-195.

Rüger, Erich (2020): Fernunterricht aus organisatorischer Sicht einer Schule für Menschen mit Sehbeeinträchtigung. In: blind - sehbehindert 4/2020, 187-191.

Schulz, Lea (2021): Diklusive Schulentwicklung. Erfahrungen und Erkenntnisse der digital-inklusiven Multiplikatorinnen- und Multiplikatorenausbildung in Schleswig-Holstein. In: MedienPädagogik 41, 32-54. DOI: 10.21240/mpaed/41/2021.02.03.X

Sliwka, Anne/ Klopsch, Britta (2020): Disruptive Innovation! Wie die Pandemie die "Grammatik der Schule" herausfordert und welche Chancen sich jetzt für eine "Schule ohne Wände" in der digitalen Wissensgesellschaft bieten. In: Die Deutsche Schule Beiheft 16, 216-229. CC-BY-NC-ND 4.0, 2020 Waxmann. DOI: 10.31244/9783830992318.14

Zur Autorin

Sabine Zimmermann ist BA Erziehungs- und Bildungswissenschaftlerin und koordiniert an der blista verschiedene Projekte, z. B. den 37. Kongress für Blinden- und Sehbehindertenpädagogik, der unter dem Motto "Leben. Bildung. Partizipation (Individuell - spezifisch - flexibel)" vom 31.07. - 04.08.2023 auf dem blistaCampus stattfinden wird.

Bild: Sabine Zimmermann lächelt. Sie hat dunkle Augen, trägt eine Brille und hat ihr braunes langes Haar zurückgebunden. Foto: privat

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Berichte und Schilderungen

Zeitenwende - Vom Leben nach der blista: Von der Regelschule an die Förderschule

von Lisa Wolf, Abitur 2015

Bis Juli 2012 besuchte ich die Realschule an meinem Heimatort und machte dort auch den Realschulabschluss. Anschließend wollte ich gerne Abitur machen, wobei mir jedoch klar war, dass das an einer Regelschule für mich nicht zu schaffen wäre. Schon die Realschulzeit war für mich als einzige blinde Schülerin mit enormen Anstrengungen, Frustrationen und oft auch mit Abstrichen verbunden. Trotz regelmäßiger Begleitung durch eine Fachkraft der Förderschule Düsseldorf, die mit mir verschiedene Arbeitstechniken einübte und sowohl mich als auch die Lehrer*innen vor Ort unterstützte, war es doch sehr anstrengend und kräftezehrend. Neben sehr visuell orientierten Unterrichtsmethoden und -materialien sowie logistischen Problemen, wie dem regelmäßigen Raumwechsel mit meinen gesamten Hilfsmitteln, war mir auch die Teilnahme u. a. am Sport- und Kunstunterricht am Ende nicht mehr möglich. Aus diesen Gründen entschloss ich mich, das Abitur an der blista in Marburg zu machen. Dort waren die im Wesentlichen barrierefreien Lernbedingungen nach 10 Jahren Inklusion eine große Entlastung für mich. Positiv habe ich auch die Möglichkeit des selbstverständlichen Austauschs mit gleichaltrigen blinden und sehbehinderten Schüler*innen sowie die damit verbundenen Freundschaften und Freizeitaktivitäten in Erinnerung behalten.

Ein Jahr voller praktischer Erfahrungen

Im Juli 2015 hatte ich endlich mein Abiturzeugnis in der Hand, aber noch keine wirkliche Idee, was ich später einmal machen wollte. Während der Schulzeit lag mein Interessenschwerpunkt im sprachlichen Bereich, und so dachte ich kurz über ein entsprechendes Studium, wie zum Beispiel der Germanistik, nach. Mehr noch interessierte mich allerdings der soziale Bereich, den ich in der Schulzeit während zweier Hospitationen in einer Frühförderstelle sowie in einer Kindertageseinrichtung kennenlernen durfte. Auch wollte ich nicht nahtlos von der Schule in ein Studium wechseln, sondern zunächst lieber erst mal etwas Praktisches machen. Daraus entstand schließlich die Idee, einen einjährigen Freiwilligendienst in einer sozialen Einrichtung zu absolvieren. Also nahm ich Kontakt zu verschiedenen Trägern von Freiwilligendiensten auf (DRK-Schwesternschaft, Diakonie, Internationaler Bund und Paritätischer Wohlfahrtsverband). Dort traf ich mit meinen Bewerbungen zunächst auf einige Skepsis und Unsicherheit, ob ich als blinde Person den Anforderungen in einer Kita oder einer vergleichbaren Einrichtung überhaupt gewachsen sein würde. Von einigen Trägern habe ich erst gar keine Möglichkeit erhalten, mich in einer ihrer Einrichtungen vorzustellen, während mir andere offen und interessiert begegneten. Kurz: Ich brauchte einen langen Atem und einige Frustrationstoleranz, bis ich schließlich den Bundesfreiwilligendienst in der Evangelischen Kinderkrippe in Marburg-Cappel antreten durfte. Es wurde ein spannendes und interessantes Jahr. Mit vielen der mir dort übertragenen Aufgaben, wie zum Beispiel dem Wickeln oder Füttern von Kindern oder dem Anleiten und Begleiten verschiedener Spiele und Aktivitäten, hatte ich vorher noch nie zu tun, sodass ich neue Erfahrungen sammeln und viel dazulernen konnte. Im Laufe der Zeit wurde ich immer sicherer und wuchs an den Herausforderungen. Gleichzeitig bin ich auch an Grenzen gestoßen, vor allem wenn es darum ging, größere Gruppen von Kindern selbstständig zu beaufsichtigen oder aus der Ferne zu interagieren. Entsprechend wurde mir einiges an Kreativität und Eigeninitiative abverlangt, und ich musste immer wieder eigene Ideen entwickeln, wie ich mich im Rahmen meiner Möglichkeiten produktiv in den Krippenalltag einbringen kann.

Im Rahmen des Freiwilligendienstes fanden auch Seminartage statt. Gemeinsam mit Freiwilligen aus anderen Einrichtungen bearbeiteten wir unter Anleitung pädagogische Themen und Aufgaben, und auch Ausflüge und Selbsterfahrung sowie die gemeinsame Reflexion der Arbeit in den Einrichtungen standen auf dem Programm. Da ich die einzige Nicht-Sehende war, waren auch hier einige Probleme nicht zu vermeiden. So lagen Texte und Materialien meist nur in Papierform vor und Gruppenaufgaben oder -spiele setzten oft ein gutes Sehvermögen voraus. Dennoch habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich jederzeit um Hilfe bitten konnte und wir dann gemeinsam nach einer Lösung suchten. Dazu musste ich allerdings aktiv auf die anderen zugehen, mein Problem schildern und Vorschläge machen - denn Erfahrungen mit nicht-sehenden Menschen gab es im Unterschied zur blista keine.

Die Entscheidung für den Freiwilligendienst habe ich nie bereut und würde diese jederzeit wieder treffen. Nach Beendigung des Freiwilligendienstes habe ich noch für einige Zeit in der Kinderkrippe als Aushilfskraft weitergearbeitet, bis die zunehmende Arbeitsbelastung im Studium mir dieses Engagement leider nicht mehr erlaubte.

Von der Krippe an die Uni

Und nun? Wie weiter? Am liebsten wäre ich ja in diesem Bereich in genau dieser Krippe geblieben. Jedoch war mir auch klar, dass der Beruf der Erzieherin aufgrund verschiedener Hürden langfristig keine erfolgsversprechende Alternative für mich darstellte. Dennoch wollte ich später gerne im sozialen Bereich arbeiten - nur eben nicht unbedingt im klassischen Kita-Bereich. Also fragte ich mich, welches Studium zu meinen Stärken und Vorlieben passen könnte. Ich schwankte zwischen Erziehungs- und Bildungswissenschaften und - um damit unter anderem auch das Problem der Aufsichtspflicht zu umgehen - einem Studium der Psychologie. Schließlich schreckte mich das Naturwissenschaftliche sowie die Statistik von letzterem ab. Im Oktober 2016 nahm ich folglich das Studium der Erziehungs- und Bildungswissenschaften in Marburg auf, um so meinen Weg in den pädagogischen Bereich weiter zu verfolgen und meine Möglichkeiten über den Erzieherberuf hinausgehend zu erweitern.

Anfangs war es für mich eine enorme Umstellung, von einer getakteten 39-Stunden-Woche in der Kita in einen weitgehend selbstständig zu strukturierenden, wesentlich freieren Studienalltag zu wechseln und mich an der Uni und in meinem neuen Alltag zurechtzufinden. Inhaltlich gefiel mir mein Studium sehr, und ich konnte einige Themen, die in den Begleitseminaren im Rahmen meines Freiwilligendienstes angeschnitten wurden, weiter vertiefen. Da ich den größten Teil meiner Schulzeit an einer Regelschule verbracht und dadurch Erfahrung im Umgang mit nicht barrierefreien Materialien sowie mit eigenverantwortlichem Lernen hatte, fiel mir dies nicht allzu schwer. Dennoch sind die Anforderungen an Eigenständigkeit im Studium viel höher und mit mehr Aufwand verbunden als in der Schule.

Ich arbeite mit Laptop und Sprachausgabe sowie mit einer speziellen Software zur Umwandlung von Bilddateien in Textdateien, da die meisten Texte und Materialien aus dem Studium als Bild eingescannt werden und damit nicht ohne Weiteres lesbar sind. Auch habe ich eine Studienassistenz, die mir bei der Beschaffung und Umarbeitung von Literatur, der Formatierung von Hausarbeiten und der Beschreibung von Abbildungen behilflich ist. Es hat eine Weile gedauert, bis ich die für mich richtige Arbeitstechnik gefunden hatte. Vom selbstständigen Einscannen über das Vorlesen von Texten durch meine Studienassistenz bis hin zum Anfertigenlassen von Tonaufnahmen habe ich verschiedene Alternativen ausprobiert, und auch heute noch muss ich immer mal wieder ein bisschen rumprobieren, um die beste Möglichkeit zu finden.

Draufgesattelt

Im 3. Semester kam noch ein Nebenfach hinzu, das ich mir selbst aussuchen konnte. Mir war sofort klar, dass es das Fach Psychologie sein sollte, also fing ich an, dort Vorlesungen zu belegen. Dabei habe ich schnell Feuer gefangen und viel Energie und Lernaufwand hineingesteckt, oft sogar mehr als in mein Hauptfach. Bald reifte in mir der Gedanke, es doch - entgegen meiner vorherigen Bedenken - mit Psychologie als Hauptfach zu versuchen. Nach gründlicher Überlegung (Faktor Studienzeit, Abbruch oder Fortführung meines Studiums der Erziehungswissenschaft, Arbeitspensum) begann ich schließlich ab Oktober 2018 neben der Erziehungswissenschaft noch das Fach Psychologie zu studieren.

Und - doch noch im Fachbereich Psychologie gelandet

Wie erwartet erwies sich meine Entscheidung als enorm arbeitsintensiv. Im Vergleich zur Erziehungswissenschaft war der Studiengang Psychologie mit sehr viel mehr Lernaufwand und höheren Anforderungen verbunden, sodass sich mein Studienalltag drastisch änderte. Von einem eher entspannten Leben mit vielen Freiheiten entwickelte ich mich zur Frühaufsteherin mit strikten Lernzeiten. Gerade in der Anfangszeit, in der ich die Veranstaltungen beider Studiengänge stemmen musste, bedeutete dies für mich viel Arbeit und Disziplin, wobei ich manches Mal an meine Grenzen kam. Wie befürchtet musste ich mich natürlich auch mit Statistik sowie mit naturwissenschaftlichen Fächern auseinandersetzen, was mir bis heute nicht immer leichtfällt. Neben den naturwissenschaftlichen Fächern wie biologische Psychologie, Wahrnehmung und Kognition oder Neurowissenschaftliche Psychologie gibt es aber auch Bereiche wie die Sozialpsychologie, Entwicklungspsychologie, Pädagogische Psychologie, Klinische Psychologie und Diagnostik, die mich sehr viel mehr begeistern und für die ich den Lernaufwand - meistens - gerne in Kauf nahm und immer noch nehme.

Natürlich stoße ich als blinde Studentin immer wieder auf Schwierigkeiten. So ist der Umgang mit der Software, die wir benötigen, sehr herausfordernd und oft nicht barrierefrei. In vielen Vorlesungen wird zudem mit Abbildungen gearbeitet, was für mich zusätzlichen Aufwand und Assistenzbedarf zur Folge hat. Wichtig ist nach meiner Erfahrung auch hier, sich nicht zu verstecken, sondern offen und sachlich das Gespräch mit Lehrenden oder anderen Betroffenen zu suchen und die Bereitschaft zu zeigen, sich selbst aktiv einzubringen. Es gibt immer Lösungen, und gerade in Marburg trifft man dabei auch immer wieder auf Gleichgesinnte und kann voneinander profitieren. Auch die Lehrenden sind immer bemüht, zu unterstützen und möglich zu machen, was geht, um den Studienalltag zu erleichtern.

Und dann kam Corona

Seit März 2020 hat sich nochmal einiges für mich geändert. Vorlesungen und Seminare fanden nur noch als Videokonferenzen statt, die man von zu Hause aus verfolgte, oder es wurden einfach nur Lernmaterialien hochgeladen, die man dann selbstständig bearbeiten sollte. Mein bisheriger Lernort, die Unibibliothek, blieb lange geschlossen, öffnete anschließend nur mit begrenzter Platzanzahl und unter strikten Vorgaben. Dazu kam, dass ein Großteil der Studierenden zurück in ihre Heimatorte ging. Das studentische Leben fand nur noch sehr eingeschränkt statt und fehlte mir sehr. Zwar war ich dankbar, dass ich die Möglichkeit bekam, wenigstens die Prüfungen ablegen zu können, dennoch habe ich nach wie vor mit den geltenden Einschränkungen und Auflagen zu kämpfen und bin wahnsinnig froh, wenn es endlich wieder besser wird.

Aktueller Stand und weitere Pläne

Mittlerweile stehe ich kurz vor meinem Bachelor in Erziehungs- und Bildungswissenschaft und kann mich somit mehr und mehr auf das Fach Psychologie fokussieren. Meine aktuellen beruflichen Vorstellungen gehen in Richtung Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie oder alternativ Erziehungs- und Familienberatung als Schnittstelle meiner beiden Studienfächer. Beides wäre mit teils sehr teuren Weiterbildungen verbunden. So bin ich weiterhin gespannt, wo mich mein Weg letztlich hinführen wird.

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Aus der Arbeit des DVBS

Die Ukraine-Mailingliste braucht unser Engagement!

Von Werner Wörder

Um blinden und sehbehinderten Menschen innerhalb und außerhalb der Ukraine helfen zu können, hat der Deutsche Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf e. V. (DVBS) am 21. März 2022 eine Mailingliste eingerichtet (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!). Sie diente und dient von Anfang an der gesamten Selbsthilfe als Plattform, um gemeinsame Ziele zu formulieren sowie kurz- und langfristige Hilfe für blinde und sehbehinderte Menschen aus der Ukraine planvoll zu organisieren. Denn: "Wir wollen unsere Aktivitäten zugunsten blinder und sehbehinderter Menschen in und aus der Ukraine koordinieren, damit das ‘Chaos im Kopf’ (Tetiana aus der Ukraine) unser Handeln nicht beeinträchtigt", wie es in der Willkommensmail der Liste heißt.

Wir rufen daher dazu auf, dass sich auch weiterhin Menschen aus der gesamten Selbsthilfe in die gemeinsame Mailingliste eintragen. Dafür müsst Ihr/müssen Sie nur in der DVBS-Geschäftsstelle anrufen (Telefon: 06421 948880) und uns Eure/Ihre E-Mail-Adresse mitteilen - oder eine Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! schicken.

Zurzeit werden dringend Personen gesucht, die blinden und sehbehinderten Geflüchteten Deutschunterricht anbieten können. Es gibt noch viel zu tun, damit unsere Solidarität und aktive Unterstützung bei blinden und sehbehinderten Menschen aus der Ukraine ankommt. Denn Putins Angriffskrieg wird nicht so schnell enden, und danach steht der Wiederaufbau zerstörter Infrastruktur, von Städten, Häusern und Höfen, von Schulen und Krankenhäusern als riesige Aufgabe auf der Agenda.

Dank der Anregungen aus der Mailingliste entstand bereits eine Hilfsmittelbörse. Sie ist per E-Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! zu erreichen.

Ich freue mich auf Eure/Ihre Mitarbeit in der Mailingliste "dvbs-ukraine-hilfe", also über zündende Ideen und viele gemeinsame Aktionen, um blinden und sehbehinderten Menschen in und aus der Ukraine gemeinsam und solidarisch in dieser für sie schwierigen und bedrohlichen Zeit zur Seite zu stehen.

Bild: Solidaritätsschleife in den Farben der ukrainischen Flagge Blau und Gelb. Bild: pixabay

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Aus der blista

Abschied mit stehendem Applaus - Feierliche Staffelübergabe im Vorstand

Ob im Vorstandsbüro, in den Schulen, dem Zentrum für Barrierefreiheit, der blista-ÖA, auf dem blistaCampus, im Verwaltungsrat oder im fernen München, überall liefen die Vorbereitungen auf Hochtouren, die Übergabe des Staffelstabes von Direktor Claus Duncker an Patrick Temmesfeld stand auf dem Plan. Es wurde organisiert, diskutiert und geübt, geprobt, produziert und gefilmt. Bis zuletzt wirbelte Corona durch die Gästeliste. Aber dann, am 29. Juni 2022, pünktlich um 10:30 Uhr, war es so weit.

Mit rund 700 Gästen aus Stadt und Land, Schüler*innen, Azubis, Rehabilitand*innen, Eltern, Kolleg*innen, Alumni, Partnerorganisationen und Freund*innen feierte die Deutsche Blindenstudienanstalt e.V. (blista) die Staffelübergabe im Vorstand mit einer bunten, stimmungsvollen Veranstaltung im Erwin-Piscator-Haus. Nach 15 erfolgreichen Jahren wurde Direktor Claus Duncker verabschiedet und Patrick Temmesfeld in seinem neuen Amt als Vorsitzender der blista herzlich willkommen geheißen. Mit starker Stimme, Charme und Witz führte Moderator Thorsten Büchner durch die Veranstaltung.

Als erster Redner skizzierte Andreas Bethke, der stellvertretende Vorsitzende des Verwaltungsrats der blista, das Wirken des Ausscheidenden: "Claus Duncker kam im September 1991 als Lehrer für Mathematik an die blista und folgte damit seiner Frau Jutta." Der Geschäftsführer des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (DBSV), blista-Alumnus und Paralympics-2000-Teilnehmer Andreas Bethke unterstrich, dass Claus Duncker bereits bei seiner Berufung zum Vorsitzenden im Jahr 2007 als ein zentrales Ziel seiner Arbeit die enge Verzahnung mit der Selbsthilfe der Menschen mit Blindheit oder Sehbehinderung definiert habe. Weiterhin habe er von Anfang an die Schaffung eines attraktiven Lernumfeldes durch Sanierung, Erweiterung und Neubau von Schulgebäuden sowie den Ausbau der digitalen Infrastruktur in den Blick gefasst.

"Chancen der Weiterentwicklung erkannt"

"Als im Jahr 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention (BRK) in Kraft trat, erkannte er die Chancen der Weiterentwicklung und verfolgte die Öffnung der blista für sehende Schüler*innen. Das Motto der 100-Jahrfeier ‘Inklusion braucht Qualität’ war zugleich Programm", erinnerte Bethke. Der Ausbau zu einem inklusiven Bildungscampus sei in enger Kooperation mit der Philipps-Universität erfolgt, die sich zeitgleich zu einem wichtigen Wissensstandort zum Thema Blindheit und Sehbehinderung entwickelt habe.

Mit der Integration der Montessori-Schule und dem Aufbau des Montessori-Kinderhauses sei der inklusive Campus gewachsen. Auch der mediale Bereich der blista habe sich mit seiner Unterstützung zu einem der bedeutendsten Zentren für Barrierefreiheit entwickelt. "Dank Deiner Führung ist mit der Seniorenberatung, dem Standort Frankfurt und nicht zuletzt durch die Entwicklung zum Paralympischen Nachwuchszentrum eine Erweiterung der Angebote erfolgt. Die blista hat Dir so viele Impulse und Meilensteine zu verdanken, dafür unseren herzlichen Dank!", sagte Bethke und richtete anschließend den Blick in die Zukunft: "Mit Patrick Temmesfeld hat die blista einen wunderbar kompetenten und engagierten Nachfolger für den Vorsitz gewinnen können, der sich bereits durch seine Tätigkeiten in Friedberg, Schleswig, Nürnberg und als Co-Vorsitzender des Verbandes für Blinden- und Sehbehindertenpädagogik einen Namen gemacht hat."

Auch das Grußwort des Bundespräsidenten a.D. Horst Köhler brachte großen Dank für das Engagement für die blista und ihre Schüler*innen zum Ausdruck. Er verfolge die Arbeit der blista mit Aufmerksamkeit und wünsche Claus Duncker alles Gute.

Selbstständig und selbstbestimmt leben und lernen - stimmt das alles denn? Humorvoll und gut gelaunt "beamte" sich Moderator Büchner sogleich per Video auf den blistaCampus, landete mal im naturwissenschaftlichen Unterricht, mal beim Goalballturnier der Klasse 5 und fand allerorts Bestätigung.

"Die Sehenden das Sehen gelehrt"

"Dass es bei Ihnen immer lustig wird, das weiß ich inzwischen ja schon", sagte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies zu Beginn seiner Ansprache schmunzelnd. Da könne sich manch eine Schule ein Vorbild nehmen. Für die Stadt Marburg sei die Zusammenarbeit mit blista-Direktor Claus Duncker sehr fruchtbar und vertrauensvoll gewesen. "Sie haben die Sehenden das Sehen gelehrt, wenn es um Inklusion geht", betonte er und fuhr dankend fort: "Sie haben das Bewusstsein für die Belange blinder und sehbehinderter Menschen in die Stadtgesellschaft getragen und die Stadt besser gemacht." Er vertraue auf eine weiterhin so gute Zusammenarbeit mit seinem Nachfolger Patrick Temmesfeld, der als Geschenk fürs nächste Jahr den VBS-Kongress des Verbands für Blinden- und Sehbehindertenpädagogik e. V. (VBS) mitgebracht habe.

Das Grußwort von Jürgen Dusel, dem Behindertenbeauftragten der Bundesregierung, wurde verlesen: "Mit der blista verbindet mich viel. Einige von Ihnen wissen es vielleicht: Mein Vater, der als kleiner Junge im Krieg blind wurde, ist hier zur Schule gegangen. Ich selbst habe an einer Regelschule Abitur gemacht - zu einer Zeit, in der viele noch gar nicht wussten, wie man das Wort ‘Inklusion’ schreibt." Er sei fest davon überzeugt, dass das gemeinsame Lernen wichtig sei: wichtig für Schüler*innen mit Behinderungen, aber vor allem für die ohne Behinderungen; wichtig für eine offene, diverse und inklusive Gesellschaft und wichtig für Menschen, die später einmal Personalverantwortung übernehmen, damit sie wissen, welche Potenziale in Menschen mit Behinderungen stecken.

"Demokratie braucht Inklusion!"

Deshalb laute das Motto seiner Amtszeit: "Demokratie braucht Inklusion!" "Nur ein Staat, der inklusiv denkt und inklusiv handelt, ist aus meiner Sicht wirklich demokratisch", führte Dusel aus. Der inklusive Bildungscampus unter dem Dach der blista als bundesweit anerkanntes Kompetenzzentrum für Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung sei ein absolutes Vorbild. Er freue sich darauf, hoffentlich bald seinen Marburg-Besuch nachholen zu können und sich von Herrn Temmesfeld, der jetzt in große Fußstapfen trete, das inklusive Konzept der blista zeigen zu lassen.

Der frisch gewählte DBSV-Präsident Hans-Werner Lange hob hervor: "Die Faszination und Einzigartigkeit der blista, die bei ihrer Gründung als erste Einrichtung blinden Menschen einen gymnasialen Abschluss ermöglichte, diese Faszination gelang es Claus Duncker fortzusetzen." Als bundesweites Kompetenzzentrum für Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung gelinge es, Talente zu fördern und jungen Menschen mit Behinderungen ein selbstständiges und selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Inklusive Bildung sei ohne die blista und ohne spezielle Angebote mit Fachkompetenz nicht vorstellbar. Die Zusammenarbeit habe ihm all die Jahre immer Spaß gemacht.

Ulrike Bauer-Murr, Co-Vorsitzende im VBS, erinnerte sich daran, dass Claus Duncker als Leiter des VBS-Arbeitskreises der Einrichtungsleiter*innen den Austausch der 70 Einrichtungen im deutschsprachigen Raum gefördert und dabei die Interessen der Schüler*innen in den Mittelpunkt gestellt habe. Sie dankte für die gute Zusammenarbeit. Ihrem VBS-Vorstandskollegen, Patrick Temmesfeld, wünschte sie für die neuen Aufgaben von Herzen alles Gute und viel Erfolg.

Im zweiten Video-Beam "landete" Moderator Thorsten Büchner auf dem blistaCampus zunächst im Büroschrank der Verwaltungsleiterin Irene Noll und erkundigte sich aus Schabernack danach, wie denn die Finanzen der blista aussähen. "Für den Neubau reicht es!", stellte die für die Finanzen der blista Verantwortliche fest und hielt ihm unerschrocken einen klimpernden Sparstrumpf entgegen.

Ich würde es wieder tun!

Nun stand der scheidende Direktor selbst auf der Rednerliste: "Vor 15 Jahren und 98 Tagen stand ich zu meiner Amtseinführung hier", berichtete Claus Duncker und fuhr fort: "Wenn ich mich noch einmal entscheiden müsste, ob ich das Amt annehme, ich würde es wieder tun! Junge Menschen in ihrem Lebensweg zu unterstützen, ist eine schöne und wichtige Aufgabe. Und wenn es darum geht, dass blinde und sehbehinderte die gleichen Chancen haben wie sehende Menschen, dann besonders."

Der blistaCampus setze keine Grenzen für Menschen mit und ohne Behinderung und biete alle Möglichkeiten für ein gemischtes und buntes Miteinander. Gleichwohl dürfte dies nicht auf Kosten der Qualität gehen. Da habe die Kooperation mit der Philipps-Universität Hervorragendes ermöglicht. Neben der Gestaltung der Angebote im Zuge des technischen Fortschritts und der medialen Versorgung blinder und sehbehinderter Menschen sei es der Sport, der zu seinen schönsten Aufgaben gezählt habe. Seinen besonderen Dank richtete er an dieser Stelle an den hessischen Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband e.V. (HBRS): "Die Entwicklung zum Paralympischen Nachwuchszentrum wäre ohne den HBRS nicht möglich gewesen." Claus Duncker zeigte sich zuversichtlich: "Wir leben in stürmischen Zeiten, aber die blista ist auch für die hohe See gut gerüstet. Es war mir eine Freude und eine Ehre, mit dem blista-Team zusammenzuarbeiten." Sein abschließender Dank und ein großer bunter Blumenstrauß galten Ehefrau Jutta. Es folgte ein langanhaltender Applaus mit stehenden Ovationen.

Schließlich ergriff Patrick Temmesfeld das Wort: "Ja, wir feiern ein besonderes Moment, den Abschied und den Respekt vor einem Lebenswerk. Das ist für uns alle sehr emotional." Seine Ansprache gliederte er in: DU, WIR, ICH, SIE, DANKE. "DU, lieber Claus,", führte er aus, "hast einen stabilen, festen Weg gebaut. Den gehen wir sehr gerne weiter. Allgegenwärtig, blitzgescheit und ausgestattet mit einem unglaublichen Gedächtnis - wir werden dich schrecklich vermissen! WIR sehen uns dank dir gut aufgestellt und vorbereitet. ICH freue mich unglaublich, hier zu stehen und die neue Aufgabe anzunehmen. Ich glaube, es ist kein Zufall, für mich schließt sich ein Kreis. In Hessen habe ich meine Arbeit als Blinden- und Sehbehindertenpädagoge aufgenommen, nun, nach 26 ½ Jahren Berufsleben und drei Jahren Vorarbeit an der blista ist es ein schönes Gefühl angekommen zu sein. SIE: Die Bandbreite der Herausforderungen ist groß, und dafür gibt es im Miteinander tolle Potenziale - an der blista, in unserer Stadt, im Landkreis und einem Bundesland, das sich für uns einsetzt." Sein herzliches DANKE an Claus Duncker unterstrich Moderator Thorsten Büchner mit der Bitte an den Verwaltungsrat, die Leitungskonferenz, die Vorsitzende des Betriebsrats, die Schüler*innen- und die Schwerbehindertenvertretung, sich stellvertretend für alle Gäste auf der Bühne zum "Irischen Segen" als Abschlusslied zu versammeln. Vorher aber wurde er noch von Claus Duncker an Patrick Temmesfeld übergeben: Der Staffelstab in Form eines kleinen weißen Blindenstocks.

... ohne Musik? Undenkbar!!

Was wäre eine Staffelübergabe ohne Musik? Undenkbar!! Da hatten sich junge Musikerinnen und Musiker aufgemacht und wochenlang unter der Leitung von Olaf Roth vier Stücke für diesen Tag eingeübt. Chor und Band "Blind Gold" spielten zusammen mit den Schüler*innen der Gitarrenklassen 5 unter Leitung von Karl Reissig das Stück "HYMN" von Barcley James Harvest. Auch "Have you ever seen the rain", der Klassiker der US-amerikanischen Rockband Creedence Clearwater Revival, hob die Stimmung der vielen Besucher*innen. Danach überzeugte der Pharell Williams-Song "Happy" durch seine Leichtigkeit und viele der Gäste klatschten im Rhythmus mit. Die Staffelübergabe wurde mit dem irischen Segen von der Lieblingsinsel des scheidenden Vorsitzenden abgeschlossen.

Bild: Zum Abschied als blista-Direktor übergibt Claus Duncker auf der Bühne des Erwin-Piscator-Hauses als Staffelstab einen weißen Blindenstock an seinen Nachfolger Patrick Temmesfeld. Beide halten eine Karikatur in Händen, die sie beide bei der Übergabe zeigt. Blick auf die Bühne mit stehenden Akteurinnen und Akteuren. Foto: blista

Bild: DBSV-Präsident Hans-Werner Lange spricht stehend am Rednerpult. Hinter ihm sitzen Mitglieder der blista-Band "Blind Gold" sowie ganz rechts Moderator Thorsten Büchner mit seiner Assistentin Sabine Zimmermann. Foto: blista

Bild: Drei Generationen blista-Vorsitzende stehen anlässlich der Staffelübergabe Schulter an Schulter gemeinsam am runden Bistro-Tisch: Jürgen Hertlein war von 1978 bis 2007 erster Vorsitzender der blista, Patrick Temmesfeld übernimmt ab August 2022 und Claus Duncker leitete die blista 15 Jahre, von 2007 bis 2022. Foto: blista

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