horus 4/2020
Schwerpunktthema: "Zukunft"

horus titelblatt

Inhalt

  • C. Duncker: Vorangestellt
  • Aus der Redaktion
  • Schwerpunkt: "Zukunft"
  • Beruf, Bildung und Wissenschaft
  • Recht
    • U. Boysen: Erhöhung der Steuerfreibeträge für Menschen mit Behinderungen
  • Barrierefreiheit und Mobilität
    • R. Heuer gen. Hallmann: HBS-Tools für Word
    • E. Kemper: in Markt im Wandel Probleme im Hilfsmittelmarkt für blinde und sehbehinderte Menschen in Deutschland (Teil 2)
    • Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen: Barrierefreiheit im Netz - Ohne Wenn und Aber
  • Berichte und Schilderungen
    • U. Boysen: Widerstand der Verwundbaren - Das Beispiel Otto Weidt und seiner Helfer (Teil 1)
  • Aus der Arbeit des DVBS
  • Aus der blista
    • Ausbildungen mit guten Zukunftsaussichten
    • Produktionsteam von "Sendung mit der Maus" für zwei Tage bei der blista zu Besuch
    • "Lebendig - Vielfältig - Nachhaltig": Hessischer Aktionstag auf dem blistaCampus
  • Bücher
  • Panorama
    • Ringvorlesung zu den Chancen neuer Technologien und einer gerechten Gesellschaft
    • Th. Mittag: Achter Altersbericht veröffentlicht: Ältere Menschen und Digitalisierung
    • Der Rehabilitationsbegriff im Wandel - DVfR legt Begriffsdefinition vor
    • 10 Jahre discovering hands: Medizinisch-Taktile Untersucherin - Ein ärztlicher Assistenzberuf gewinnt an Attraktivität
    • LEGO®Braille-Steine für Leseanfänger - dzb lesen ist offizieller Partner der LEGO Stiftung
  • Impressum
  • Anzeigen
Bis zum Erscheinen der nächsten Ausgabe finden Sie an dieser Stelle Auszüge aus horus 4/2020 und unser Online Additiv. Sämtliche Beiträge werden ab 1. März 2021 freigeschaltet.
Ein Probeexemplar des horus erhalten Sie bei Bedarf gerne als Printausgabe, in Braille oder als horus digital (Textdateien und Hörversion). Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!; Tel.: 06421 94888-0.

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Sozialstaat der Zukunft: Grundeinkommen oder solidarische Bürgerversicherung?

Von Prof. Dr. Christoph Butterwegge

Der deutsche Sozialstaat hat nach seinen rudimentären Anfängen im 19. Jahrhundert eine bewegte Geschichte mit vielfältigen Wandlungen hinter sich gebracht, für die ökonomische wie ideologische Einflussfaktoren maßgebend waren. Man kann davon ausgehen, dass sich diese Entwicklung auch in den kommenden Jahren und Jahrzehnten fortsetzen wird. Schon lange wird etwa über das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) kontrovers diskutiert.[1] Gegenwärtig haben BGE-Modelle auch deshalb Hochkonjunktur, weil sie dem neoliberalen Zeitgeist entsprechen, also die Freiheit des (Wirtschafts-)Bürgers nicht gefährden, vielmehr "Privatinitiative", "Eigenverantwortung" und "Selbstvorsorge" glorifizieren sowie die tradierten Mechanismen der kollektiven Absicherung von Lebensrisiken problematisieren, auf die sozial Benachteiligte angewiesen sind. Auch schreit jene Spaltung der westlichen Wohlstandsgesellschaften in Arm und Reich, die sich auch in Deutschland beobachten lässt und durch die Covid-19-Pandemie verschärft wurde,[2] geradezu nach einer radikalen Alternative. Hier soll dargelegt werden, warum das Grundeinkommen trotzdem keine Lösung der skizzierten Probleme darstellt und andere Wege zu mehr sozialer Gerechtigkeit beschritten werden müssen.

Modelle eines bedingungslosen Grundeinkommens

Das medienwirksamste Modell eines bedingungslosen Grundeinkommens stammt von Götz W. Werner, dem Gründer der "dm"-Drogeriemarktkette. Dieser erfolgreiche Großunternehmer nannte zuerst 1.500 Euro als monatlichen Zahlbetrag eines Grundeinkommens, das allerdings mit dem Erwerbseinkommen verrechnet werden soll. Später forderte er in einem Buch gleichen Titels aber bloß noch "1000 € für jeden",[3] deren Finanzierung rätselhaft blieb. Werner möchte das Grundeinkommen über die Erhöhung der Mehrwertsteuer auf deutlich über 50 Prozent refinanzieren, obwohl sie kinderreiche Familien von Geringverdiener(inne)n und Transferleistungsbezieher(inne)n besonders hart träfe, weil diese praktisch ihr gesamtes Einkommen vor Ort in den Alltagskonsum stecken (müssen).

Werner beschwört das Grundeinkommen zwar sehr pathetisch als "Bürgerrecht", versteht darunter aber letztlich nur einen "bar ausgezahlten Steuerfreibetrag", der nötig ist, weil in seinem Modell alle direkten Steuern entfallen, was nicht die Armen, sondern die Vermögenden - besonders Milliardäre wie Werner - entlasten würde. Wenn man das Grundeinkommen als bloße "Rücküberweisung des Grundfreibetrages" interpretiert, wie dies Werner tut,[4] degeneriert es zum Abfallprodukt einer bestimmten steuerpolitischen Reformkonzeption, die eine Restauration früherer Gesellschaftszustände darstellen würde.

Ähnliches gilt für ein von Thomas Straubhaar entwickeltes Modell, das dieser als "fundamentale Steuerreform" bezeichnet, gleichfalls einen Zahlbetrag von 1.000 Euro pro Person vorsieht und alle Einkommen in Form einer Flat Tax mit dem Einheitssteuersatz von 50 Prozent belegt,[5] wodurch vor allem gut verdienende Mittelschichtangehörige stärker als bisher belastet würden. Zwar müssten Besserverdienende einen höheren Nettosteuersatz als Normalverdienende bezahlen, Geringverdiener/innen, deren Bruttoeinkommen 2.000 Euro im Monat überschreitet, dem Finanzamt allerdings von jedem Euro, den sie mehr einnehmen, die Hälfte abgeben.

Zwar versichert Straubhaar, es gehe ihm nicht um Sozialabbau. Sein BGE-Modell lässt jedoch vom Wohlfahrtsstaat bis auf Menschen mit schweren Behinderungen zugestandene Sonderleistungen wenig übrig. Dieser beschränkt sich aber gerade nicht - wie das Grundeinkommen - auf eine Geldleistung, sondern umfasst auch Sach- und Dienstleistungen, die bei einer Zerschlagung der Sozialversicherung entfielen, was Millionen Menschen der Möglichkeit berauben würde, durch verschiedene Beratungs-, Betreuungs- und Behandlungsangebote oder Maßnahmen der beruflichen Rehabilitation wieder in den Arbeitsprozess zurückzufinden bzw. sich aus prekären Lebenslagen zu befreien.

Richard David Precht, der ein bedingungsloses Grundeinkommen von 1.500 Euro pro Monat fordert und die enormen Kosten über eine Finanztransaktionssteuer refinanzieren möchte, lehnt Modelle à la Straubhaar vehement ab: "Das wäre ohne Zweifel kein Menschheitsfortschritt, sondern ein Verhängnis; eine soziale Kahlschlagfantasie, die nichts verbessert, aber vieles verschlimmert."[6] Prechts eigener Vorschlag wiederum entspricht so wenig den gesellschaftlichen Herrschafts-, politischen Macht- und parlamentarischen Mehrheitsverhältnissen, dass sich eine detaillierte Auseinandersetzung damit erübrigt. Selbst eine "abgespeckte" Form der Finanztransaktionssteuer, die nach Angaben des zuständigen Bundesministeriums nur 17,6 Milliarden Euro pro Jahr in die Staatskasse spülen würde, liegt nach der massiven Intervention von Wirtschaftslobbyisten auf Eis.

Verringerung der sozialen Ungleichheit und der Armut?

Im bedingungslosen Grundeinkommen bündeln sich gegensätzliche, miteinander unvereinbare Interessen, wodurch es einer politischen Wundertüte gleicht, aus der sich jede/r heraussucht, was sie/er an Wünschen und Hoffnungen bezüglich der Gesellschaftsentwicklung hineinprojiziert. Die heterogene Anhängerschaft des Grundeinkommens umfasst einen in der Tradition von Milton Friedman stehenden Ökonomen (Thomas Straubhaar), einen bekannten Großunternehmer (Götz W. Werner) sowie einzelne Spitzenmanager deutscher Konzerne wie BMW, SAP und Telekom), Vertreter der Unionsparteien, die ehemalige AfD-Vorsitzende Frauke Petry, erhebliche Teile der Bündnisgrünen, die Piratenpartei sowie Mitglieder von Erwerbsloseninitiativen und Frauenverbänden, aber auch manche SPD-Untergliederungen und einen Teil der LINKEN mit ihrer Parteivorsitzenden Katja Kipping an der Spitze.

Ein derart breit gefächertes und buntscheckiges politisches Spektrum verbindet mit einer Reformidee wie dem Grundeinkommen natürlich ganz unterschiedliche Motive: Während die einen durch eine solche Pauschalierung staatlicher Transferleistungen vor allem Bürokratiekosten sparen, die "Lohnnebenkosten" der Unternehmer senken, den Niedriglohnsektor erweitern und die Steuerprogression zulasten von Massensteuern abmildern wollen, möchten die anderen die Bezieher/innen staatlicher Transferleistungen von Kontroll- und Sanktionsmechanismen befreien, durch die Erhöhung von Kapital- und Gewinnsteuern für mehr Steuergerechtigkeit sorgen und die soziale Ungleichheit zurückdrängen. "Die Modelle reichen von einem emanzipatorischen Grundeinkommen bis zu einer Umwandlung der Sozialhilfe in eine Pauschale für Bedürftige, die zum einen Verwaltungskosten spart und zum anderen nebenbei den Sozialstaat weitgehend abbaut."[7]

Bedarfsgerechtigkeit schafft das Grundeinkommen deshalb nicht, weil es alle Bürger/innen über einen Kamm schert, ohne deren spezifische Arbeits-, Wohn- und Lebenssituation (z.B. als Schwerstbehinderte/r) zu berücksichtigen. Statt den spezifischen Bedarf von Hilfesuchenden zu ermitteln und ihn durch ein differenziertes Sozialleistungssystem zu erfüllen, würde der Staat nur mehr eine Sozialpolitik nach dem Gießkannenprinzip betreiben. Eine solche Gleichbehandlung aller Bürger/innen im Sinne der "Nivellierung nach unten" führt zwangsläufig zu individueller Ungerechtigkeit, weil sie gerade die Menschen in den schwierigsten Lebenslagen, etwa Schwerstbehinderte mit hohen Extrakosten, prinzipiell benachteiligt.

Leistungsgerechtigkeit verwirklicht das Grundeinkommen deshalb nicht, weil es alle Bürger/innen unabhängig von ihrer jeweiligen Arbeits- oder Lebensleistung in gleicher Höhe erhalten. Verteilungsgerechtigkeit ermöglicht das Grundeinkommen deshalb nicht, weil keine Umverteilung von Oben nach Unten dadurch stattfindet, dass jeder (Wohn-)Bürger denselben Geldbetrag erhält.

Die solidarische Bürgerversicherung - eine sinnvolle Alternative

Ein so hoch entwickelter Industriestaat wie die Bundesrepublik Deutschland benötigt ein funktionsfähiges Sozialsystem, das die unterschiedlichen Arbeits- und Lebensbedingungen seiner (Wohn-)Bürger/innen berücksichtigt, also möglichst bedarfsgerecht ist und nicht alle Personen, unabhängig von ihrer spezifischen materiellen Lage, über einen Leisten schlägt. Behinderungen und Haushaltszusammenhänge darf es genauso wenig ignorieren wie Unterhaltsverpflichtungen der Menschen. Durch das auf eine Geldleistung beschränkte Grundeinkommen würden diese zudem sämtlicher Dienst- und Sachleistungen verlustig gehen, die der moderne Sozialstaat für sie bereithält - von der medizinischen Grundversorgung über Maßnahmen der Rehabilitation bis zur beruflichen Weiterbildung.

Um den Weg zu einem inklusiven Sozialstaat zu ebnen, der eine gleichberechtigte Partizipation aller Wohnbürger/innen am gesellschaftlichen Reichtum wie am sozialen, politischen und kulturellen Leben ermöglicht, ist die Schaffung einer solidarischen Bürgerversicherung nötig.[8] Es handelt sich nicht wie beim bedingungslosen Grundeinkommen um einen Systemwechsel, sondern um eine konstruktive Weiterentwicklung des bestehenden Sozialsystems.

Solidarisch zu sein heißt, dass die Bürgerversicherung zwischen den ökonomisch unterschiedlich leistungsfähigen Wohnbürger(inne)n einen sozialen Ausgleich herstellt. Nicht bloß auf Löhne und Gehälter, sondern auf sämtliche Einkunftsarten (Zinsen, Dividenden, Tantiemen sowie Miet- und Pachterlöse) wären Beiträge zu erheben. Entgegen einem verbreiteten Missverständnis bedeutet dies nicht, dass Arbeitgeberbeiträge entfallen würden. Nach oben darf es weder Beitragsbemessungsgrenzen noch eine Versicherungspflichtgrenze geben, die es privilegierten Personengruppen erlauben würde, in exklusive Sicherungssysteme auszuweichen und sich ihrer Verantwortung für sozial Benachteiligte zu entziehen.

Die strukturellen Defizite des Sozialstaates (Erwerbsarbeits-, Ehe- und Erwachsenenzentrierung) könnten mittels einer solidarischen Bürgerversicherung beseitigt werden, in die eine armutsfeste, bedarfsdeckende und repressionsfreie Grundsicherung einzulassen wäre, die ohne Sanktionsdrohung auskommt. Dies heißt jedoch nicht, dass Erwerbsfähige von der moralischen Verpflichtung befreit würden, selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Auch die Beschränkung des in den Sozialstaat einbezogenen Personenkreises auf abhängig Beschäftigte und freiwillig Versicherte ist kein Naturgesetz: Freiberufler/innen, Selbstständige, Beamte, Abgeordnete und Minister/innen müssten gleichfalls inkludiert, sämtliche Einkunftsarten, mithin auch Zinsen, Dividenden und Tantiemen sowie Miet- und Pachterlöse, verbeitragt werden.

Einerseits geht es darum, die Finanzierungsbasis des bestehenden Sozialsystems zu verbreitern, andererseits darum, den Kreis seiner Mitglieder zu erweitern. Wer dazu finanziell in der Lage ist, muss Beiträge entrichten, um entsprechende Ansprüche zu erwerben. Da sich der Staat mit Steuergeldern am Auf- und Ausbau einer Bürgerversicherung beteiligen muss, kämen auf die öffentlichen Haushalte erhebliche finanzielle Belastungen zu. Diese lassen sich aber mit Hilfe einer sozial gerechteren, stärker an der ökonomischen Leistungsfähigkeit orientierten Steuer- und Finanzpolitik bewältigen. Auf der Leistungsseite muss die Bürgerversicherung das Risiko von Armut und sozialer Ausgrenzung beseitigen. Hierzu ist eine bedarfsgerechte, armutsfeste und repressionsfreie Mindestsicherung nötig, die alle Wohnbürger/innen nach unten absichert, auch solche, die im bisherigen System keine ausreichenden Anwartschaften erworben haben.

Welches der beiden hier erörterten Konzepte die Sozialstaatsentwicklung letztlich bestimmen und damit zu einer weiteren Veränderung führen wird, ist derzeit nicht absehbar. Während die deutsche Sozialdemokratie, die Gewerkschaften und kritische Ökonomen überwiegend das Modell der Bürgerversicherung favorisieren, stehen Wirtschaftskreise, sofern sie sich überhaupt dem Problem der Armutsbekämpfung widmen, dem Grundeinkommen eher aufgeschlossen gegenüber. Da aber beide Ansätze erhebliche fiskalische Eingriffe erforderlich machen, ist es auch gut möglich, dass sich in absehbarer Zukunft keiner von beiden durchsetzen wird. Entscheidend kann sein, ob und wie das Problem der sozioökonomisch auseinanderdriftenden Gesellschaft die Notwendigkeit grundlegender Veränderungen sowohl ins Bewusstsein der politischen Entscheidungsträger wie auch breiter Bevölkerungsschichten rücken wird.

Zum Autor

Prof. Dr. Christoph Butterwegge hat von 1998 bis 2016 Politikwissenschaft an der Universität zu Köln gelehrt und zuletzt das Buch "Ungleichheit in der Klassengesellschaft" veröffentlicht. Mehr über ihn und seine Arbeit erfahren Sie auf der Webseite www.christophbutterwegge.de

Foto 1: Prof. Dr. Butterwegge engagiert sich für eine Zukunft ohne Armut, in der Solidarität und Gerechtigkeit die Gesellschaft prägen. Foto: www.christophbutterwegge.de [Prof. Butterwegge steht vor einer großen, hellen Plakatwand mit vielen bunten Unterschriften, auf der in großen gedruckten Buchstaben das Wort "Gerechtigkeit" und das Wortfragment "arität" zu lesen ist. Er hält einen Edding in der Hand und wendet sich dem Betrachtenden zu.]

Foto 2: Prof. Dr. Christoph Butterwegge. Foto: Wolfgang Schmidt [Auf dem Portraitfoto stützt Prof. Butterwegge seinen Kopf in die rechte Hand. Er trägt eine randlose Brille und einen Ring. Dunkelgrau melierte Ponnysträhnen fallen über seine hohe Stirn.]

[1] Vgl. hierzu: Christoph Butterwegge/Kuno Rinke (Hg.), Grundeinkommen kontrovers. Plädoyers für und gegen ein neues Sozialmodell, Weinheim/Basel 2018

[2] Vgl. Christoph Butterwegge, Die zerrissene Republik. Wirtschaftliche, soziale und politische Ungleichheit in Deutschland, 2. Aufl. Weinheim/Basel 2020; ders., Ungleichheit in der Klassengesellschaft, Köln 2020

[3] Vgl. Götz W. Werner/Adrienne Goehler, 1000 € für jeden. Freiheit. Gleichheit. Grundeinkommen, Berlin 2010, S. 226

[4] Siehe ders., Einkommen für alle, Köln 2007, S. 211

[5] Vgl. Thomas Straubhaar, Was ist ein Grundeinkommen und wie funktioniert es?, in: Christoph Butterwegge/Kuno Rinke (Hg.), Grundeinkommen kontrovers, a.a.O., S. 21 ff.

[6] Richard David Precht, Frei leben! - Digitalisierung, Grundeinkommen und Menschenbild, in: ebd., S. 48 f.

[7] Eva Douma, Sicheres Grundeinkommen für alle? - Wunschtraum oder realistische Perspektive?, Berlin 2018, S. 165

[8] Vgl. hierzu: Christoph Butterwegge, Krise und Zukunft des Sozialstaates, 6. Aufl. Wiesbaden 2018, S. 410 ff.

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Beruf, Bildung und Wissenschaft

horus Online Additiv: Berufliche Qualifizierung und Eingliederung blinder und sehbehinderter junger Menschen - eine Langzeitbetrachtung (Ungekürzte Fassung)

Von Erwin Denninghaus und Kai Lammert

Zusammenfassung

Im Zeitraum von 1988-2016 hat das LWL-Berufsbildungswerk Soest insgesamt sechsmal langfristige Nachbefragungen seiner Absolventinnen und Absolventen durchgeführt, um ihren Erwerbsstatus zu erheben. Die Ergebnisse dieser sechs Befragungen werden nachfolgend dargestellt und diskutiert. Markant ist ein Rückgang der langfristigen Eingliederungsquote um 2004/2005, dem Zeitpunkt der Arbeitsmarktreform und der Einführung des SGB II.

1. Hintergrund

Das LWL-Berufsbildungswerk Soest, Förderzentrum für blinde und sehbehinderte Menschen (BBW Soest), ist eine berufsbildende Einrichtung für blinde und sehbehinderte junge Menschen, die seit 2015 auch junge Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung beruflich qualifiziert. Es bietet in Zusammenarbeit mit dem LWL-Berufskolleg berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen sowie Berufsausbildungen nach dem Berufsbildungsgesetz (BBiG) in den Berufsfeldern Wirtschaft und Verwaltung, Metalltechnik sowie Ernährung und Hauswirtschaft. Das BBW Soest ist eines von 52 Berufsbildungswerken bundesweit, von denen drei - die Berufsbildungswerke in Chemnitz, Soest und Stuttgart - auf die berufliche Qualifizierung blinder und sehbehinderter junger Menschen spezialisiert sind.

Mit dem Bewilligungsbescheid für den Neubau des LWL-Berufsbildungswerkes Soest vom 05.05.1986 hatte der Präsident des Landesarbeitsamtes, Olaf Sund, die folgenden Erwartungen formuliert:

"... Sie werden wissen, dass leider der Erfolg (bei der beruflichen Eingliederung) für den Jahrgang 1985 sehr zu wünschen übrigließ. Welche Gründe hierfür im Einzelnen mit welchem Gewicht maßgeblich waren, ist sicherlich schwer festzustellen, wird sich aber möglicherweise in der Zukunft besser beurteilen lassen, wenn der Gesamtprozess über einen längeren Zeitraum verfolgt wurde." (Sund 1986)

Olaf Sund mahnte eine engere Zusammenarbeit mit den Arbeitsämtern bei der beruflichen Eingliederung an und stellte verschiedene Aktivitäten des Landesarbeitsamtes dar, die zum Ziel haben, die Eingliederungsquote zu verbessern. Eine konkrete Maßnahme bestand darin, eine Stelle für einen Sozialarbeiter im BBW Soest zu schaffen, der sich in enger Abstimmung mit den Rena-Beratern der Arbeitsämter gezielt um die berufliche Eingliederung kümmern sollte. Diese Stelle konnte zum 01.01.1986 erstmals besetzt werden.

Das LWL-Berufsbildungswerk Soest hat sich die Worte, die Olaf Sund ihm "ins Gesangbuch geschrieben" hatte, zu Herzen genommen. Als eines der ersten Berufsbildungswerke bereitete es systematisch seine Absolventinnen und Absolventen auf die Arbeitsaufnahme vor und begleitete sie auch nach dem erfolgreichen Abschluss ihrer Berufsausbildung bei ihrer Arbeitsuche, lange bevor dies zur Pflichtaufgabe der Berufsbildungswerke wurde. Auch die von Olaf Sund angesprochene Evaluation wurde umgesetzt: Jährlich wurden die Vermittlungsergebnisse erhoben. Um festzustellen, ob die Arbeitsverhältnisse auch langfristig trugen, befragte das BBW Soest 1996 erstmals systematisch seine Absolventen der letzten acht Entlassjahrgänge hinsichtlich ihres beruflichen Status zum Stichtag 1. März 1996 (Denninghaus 2001).

Insgesamt sechsmal hat das BBW Soest von 1996 bis 2016 jeweils die letzten acht Entlassjahrgänge hinsichtlich ihres aktuellen Erwerbsstatus befragt, und zwar in den Jahren 1996, 2000, 2003, 2007, 2012 und 2016. Wurden die Befragungen 1996 noch im Wesentlichen über die Adressen und Telefonnummern der Eltern durchgeführt, erwies sich diese Vorgehensweise mit zunehmender Einführung des mobilen Telefonierens als unpraktikabel. Das Internet, insbesondere Facebook, gewann zunehmend an Bedeutung. Da der überwiegende Teil der Absolventen langfristig über Freundschaften vernetzt ist, konnten bis auf die Erhebung 2012 80 - 90 % der Absolventinnen und Absolventen erreicht werden. Es handelt sich also nahezu um eine Totalerhebung, die aufgrund der deutlich verschärften Datenschutzbestimmungen in dieser Vollständigkeit heute kaum noch realisiert werden könnte.

Abb. 1: Anteil erreichter Absolvent/innen

Abbildung 1

2. Ergebnisse

Die Grundgesamtheit der nachfolgend referierten Zahlen bildeten jeweils alle Auszubildenden, die im Befragungszeitraum erfolgreich ihre Prüfung vor der Industrie- und Handelskammer bzw. der Landwirtschaftskammer - einige wenige auch vor der Handwerkskammer - abgelegt haben.

Bei den ersten drei Nachbefragungen konnte festgestellt werden, dass die Zahl der erwerbstätigen Absolvent/innen über 70 % lag. Betrachtete man jeweils die Absolvent/innen, deren Abschluss länger als 2 Jahre zurücklag, so lag die durchschnittliche Erwerbsquote für die Entlassjahrgänge 1988 bis 2003 bei ca. 80 %. Damit entsprach die Erwerbsquote der Absolventinnen und Absolventen des BBW Soest der allgemeinen Erwerbsquote. Für die drei Erhebungen 2007, 2012 und 2016 sieht das Bild leider etwas anders aus: die Erwerbsquoten der Absolventinnen und Absolventen der Jahrgänge 2003 bis 2015 liegen nur noch um 60 %, wobei das Ergebnis der Befragung 2012 aufgrund der relativ geringen Beteiligung eher noch überschätzt sein dürfte.

Abb. 2: Erwerbsquoten zu den sechs Befragungszeitpunkten im Vergleich

Abbildung 2

Den Zahlen ist zu entnehmen, dass die Erwerbsquote der einzelnen Entlassjahrgänge bis 2003 ca. drei Jahre nach Abschluss der Berufsausbildung anstieg, d. h. dass dann erst alle Absolventinnen eines Jahrganges einen geeigneten Arbeitsplatz gefunden hatten. Dieser Effekt konnte nach 2003 nicht mehr beobachtet werden.

Abb. 3: Erwerbsquote nach Entlassjahr für die Erhebungen 2000 und 2003.

Abbildung 3

Über alle sechs Erhebungen hinweg kann festgestellt werden, dass es nur einen relativ geringen Unterschied hinsichtlich der Erwerbsquoten von Absolventinnen und Absolventen mit einer Berufsausbildung nach § 5 des BBiG und nach § 66 BBiG gibt. D. h.: Auch blinde und sehbehinderte junge Menschen mit Berufsausbildungen in sog. Helfer-, Werker- oder Fachpraktiker-Berufen konnten erfolgreich beruflich eingegliedert werden. Ausbildungen nach § 66 BBiG bzw. § 42 r HWO stellen für blinde und sehbehinderte junge Menschen, die den Anforderungen einer Berufsausbildung nach § 5 BBiG nicht entsprechen können, also durchaus eine erfolgversprechende Perspektive dar.

Abb. 4: Erwerbsquote nach § 5 / § 66 BBiG

Abbildung 4

Ein ähnliches Ergebnis zeigt sich beim Vergleich der Erwerbsquoten von männlichen und weiblichen Absolventen: Im Durchschnitt waren die männlichen Absolventen zwar zu einem höheren Prozentsatz erwerbstätig. In zwei Erhebungszeiträumen hatten jedoch die Absolventinnen die Nase vorn. Der Arbeitsmarkt steht also – eine entsprechende Qualifikation vorausgesetzt - sowohl blinden und sehbehinderten jungen Männern als auch jungen Frauen offen.

Abb. 5: Erwerbsquote nach Geschlecht

Abbildung 5

Ein anderes Bild zeigt sich allerdings, wenn man die Erwerbsquoten nach dem Grad der Behinderung (GdB) differenziert betrachtet: Die Erwerbsquote der Absolventinnen und Absolventen mit einem Grad der Behinderung von 100 hat von 2003 bis 2016 tendenziell abgenommen, während die Erwerbsquote der Absolventinnen und Absolventen mit einem GdB kleiner 50 zugenommen hat. Für blinde und hochgradig sehbehinderte Absolvent/innen des BBW Soest ist es offenbar schwerer geworden, einen Arbeitsplatz zu finden und eine versicherungspflichtige Tätigkeit aufzunehmen.

Abb. 6: Erwerbstätigkeit und Grad der Behinderung

Abbildung 6

Die nachfolgende Grafik veranschaulicht den Status der Absolventinnen und Absolventen der Entlassjahrgänge 2008 bis 2015 zum 01.09.2016: Von 162 erreichten Absolventen waren zu diesem Zeitpunkt 59,6 % in Arbeit, 28,6 % waren arbeitslos, und die restlichen 11,8 % verteilten sich auf Erwerbsunfähige, Teilnehmer/innen in Elternzeit oder in Weiterbildung sowie Sonstige.

Abb. 7: Ergebnis der Nachbefragung 2016: Quote der Absolvent/innen 2008 - 2015 zum Stichtag 01.09.2016 in Arbeit

Abbildung 7

Zusammengefasst kann festgestellt werden:

  1. Trotz ihrer schwerwiegenden Beeinträchtigungen gelang dem überwiegenden Teil der Absolventinnen und Absolventen des BBW Soest der Übergang in den allgemeinen Arbeitsmarkt.
  2. Dies gilt auch für Absolventinnen und Absolventen mit einer Ausbildung nach § 66 BBiG, sprich mit einer gesondert geregelten Ausbildung für junge Menschen mit Beeinträchtigung.
  3. Junge Männer und junge Frauen profitieren nahezu gleichermaßen von der Qualifizierung im BBW Soest.

Aber wo Licht ist, da ist auch Schatten:

  1. Die berufliche Eingliederung von Absolventinnen und Absolventen mit einem GdB von 100 - also blinden und hochgradig sehbehinderten jungen Menschen – ist im Laufe des Erhebungszeitraums schwieriger geworden.
  2. Die Eingliederungsquoten der einzelnen Entlassjahrgänge sind starken Schwankungen unterworfen.
  3. Die Eingliederungsquote ist sowohl kurzfristig - also innerhalb des ersten Jahres nach erfolgreicher Abschlussprüfung – als auch langfristig bei Betrachtung der ersten 8 Jahre nach Abschluss der Berufsausbildung – im Vergleich zum Zeitraum vor 2004 zurückgegangen von ca. 75 % auf etwa 60 %.

3. Diskussion

Zu 1:

Dass das BBW Soest nach wie vor den überwiegenden Teil seiner Absolventinnen und Absolventen in Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit innerhalb eines Jahres beruflich eingliedert, ist keine Selbstverständlichkeit. Sowohl die Klientel, die dem BBW Soest zugewiesen wird, als auch der Arbeitsmarkt, auf den die Absolventen vermittelt werden, hat sich massiv verändert. Durch das Angebot "MobiliS modular" zur Unterstützung einer betrieblichen Berufsausbildung durch das BBW Soest, aber vor allem durch den Aufbau der auf blinde und sehbehinderte Menschen spezialisierten Integrationsfachdienste im Rheinland und in Westfalen-Lippe, haben sehbehinderte junge Menschen deutlich bessere Rahmenbedingungen für eine betriebliche Berufsausbildung. Aus diesem - aber auch aus weiteren Gründen - ist die Zahl der Teilnehmenden mit einer Sehbeeinträchtigung an stationären Bildungsmaßnahmen bezogen auf die Platzzahl von vormals ca. 140 auf nunmehr ca. 90 gesunken. Der Anteil der blinden Teilnehmer ist von 15 % auf 30 % gestiegen. Parallel zu dieser Entwicklung ist die Zahl sog. irregulärer Beschäftigungsverhältnisse (Leiharbeit, Minijobs, Befristung etc.), die für blinde und hochgradig sehbehinderte junge Menschen kaum eine Beschäftigungsperspektive bieten, massiv gestiegen. Insbesondere sind zahlreiche Stellen im öffentlichen Dienst u. a. im Zuge der Einführung der bundesweit einheitlichen Behördenrufnummer (Projekt D 115), auf denen früher blinde Mitarbeiter beschäftigt wurden, gestrichen worden (vgl. Denninghaus und Große-Drenkpohl 2010). Allein in den Verwaltungen der Stadt und des Kreises Soest waren das 2 von 3 Stellen, die vormals mit vollblinden Angestellten besetzt waren.

Zu 2:

Die Sinnhaftigkeit von Berufsausbildungen nach § 66 BBiG wird mit Blick auf die meist geringere Qualifikation der Absolventen immer wieder in Frage gestellt. Auf der Grundlage unserer Erhe­bungs­ergebnisse kann festgestellt werden, dass eine Ausbildung nach § 66 BBiG für blinde und sehbehin­der­te junge Menschen keine Sackgasse, sondern ein probater Weg in den Arbeitsmarkt ist. Denn junge Menschen mit Blindheit oder Sehbehinderung haben ohne abgeschlossene Berufsausbildung praktisch keine Chance auf ein versicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Die leichte Vergrößerung der Differenz zwischen den Absolvent/innen mit Abschluss nach § 5 und nach § 66 BBiG könnte ihre Ursache in veränderten Qualifikationsanforderungen sowie in der Arbeitsmarktreform haben (s. u.). Geringer qualifizierte brauchen eher länger, um eine geeignete Arbeitsstelle zu finden, als höher qualifizierte Arbeitsuchende.

Zu 3:

Blinde und sehbehinderte Frauen werden zwar im Durchschnitt zu einem etwas geringeren Prozentsatz als junge Männer berufstätig. Sie nehmen häufiger die Elternzeit wahr als ihre Partner und kümmern sich um Haushalt und Kinder. Dies war in den 90er Jahren bei den Hauswirtschafterinnen noch sehr stark ausgeprägt. Sie wurden z. T. nur zu 50 % vermittelt. In den vergangenen Jahren führten sie aber aufgrund des Mangels in Pflege- und Service-Berufen die Vermittlungsstatistik in manchen Jahren an.

Zu 4.:

Sehr bedauerlich ist, dass es für blinde und hochgradig sehbehinderte junge Menschen in den vergangenen Jahren deutlich schwieriger geworden ist, auf dem allg. Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Hierfür werden vor allem zwei Gründe gesehen:

  • Blinde und hochgradig sehbehinderte junge Menschen haben auf unterem und mittlerem Bildungsniveau praktisch ausschließlich eine Chance auf berufliche Teilhabe im Berufsfeld Wirtschaft und Verwaltung, sofern eine Qualifizierung im Berufsfeld Physiotherapie für sie nicht in Betracht kommt. Der Anteil derjenigen, die fremdsprachig aufgewachsen sind, ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich angewachsen. Defizite in der Beherrschung der deutschen Sprache stellen jedoch in diesem Berufsfeld ein zusätzliches Vermittlungsrisiko dar. Darüber hinaus mag der Kulturkreis eine Rolle spielen hinsichtlich der Bereitschaft, den Wohnort zum Zwecke der Arbeitsaufnahme zu wechseln und sich räumlich vom familiären Umfeld zu entfernen.
  • Eine deutlich größere Bedeutung kommt jedoch der technischen Entwicklung zu: Waren blinde und sehbehinderte Mitarbeiter in den 80er Jahren häufig die ersten, die im Kollegenkreis einen Computer als Hilfsmittel bekamen und sich damit völlig neue Möglichkeiten erschlossen haben, so machen sie heute immer häufiger die Erfahrung, dass sie die Anwendungsprogramme, die ihre Kolleginnen und Kollegen benutzen, nicht bedienen können, weil sie nicht barrierefrei programmiert sind. Sehr hilfreich für die beruflichen Teilhabechancen blinder und sehbehinderter Menschen wäre es, wenn private und öffentliche Arbeitgeber wie Kreisverwaltungen oder Landesbehörden sich stärker um die Barrierefreiheit von Anwendungsprogrammen bemühen und die Barrierefreie Informationstechnikverordnung (BITV) vollumfänglich auch intern umsetzen würden. Aktuell birgt die Digitalisierung - im Gegensatz zu den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts - daher für blinde und sehbehinderte Menschen mehr Risiken als Chancen.
Zu 5:

Der Vermittlungserfolg ist unterschiedlichen Einflüssen unterworfen. Die Grundlage bilden einerseits die Leistungsstärke und die Soziale Kompetenz der Absolventinnen und Absolventen, die von Jahr zu Jahr schwankt und andererseits konjunkturelle Einflüsse bzw. die Nachfrage nach Arbeitskräften. Formal kann festgestellt werden, dass der Notendurchschnitt der Auszubildenden des BBW Soest in der Regel nah am Kammerdurchschnitt liegt, bei deutlichen individuellen Abweichungen. Eine weitere Variable sind die Kolleginnen und Kollegen, die mit der Vermittlung der Absolventinnen und Absolventen betraut sind. Sie unterscheiden sich in Mentalität und Arbeitsweise, was durchaus Einfluss auf die Vermittlungserfolge haben kann. Schließlich sind es die Konzepte und Ressourcen, die die BBW-Leitung für die Vermittlungsarbeit bereitstellt. An äußeren Faktoren sind vor allem die Arbeitsmarktsituation zu nennen, die in den vergangenen 30 Jahren erheblichen Schwankungen unterlegen ist, sowie die gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Arbeit der Berufsbildungswerke und deren Ausgestaltung durch das Bundesarbeitsministerium (BMAS) sowie die Bundesagentur und ihre Regionaldirektionen für Arbeit.

Zu 6:

Die Ergebnisse der langfristigen Nachbefragungen machen deutlich, dass sich die durchschnittliche Vermittlungsquote der drei Erhebungen vor 2005 deutlich von derjenigen nach 2005 unterscheidet. Betrachtet man zusätzlich die Statistik der Vermittlungsergebnisse nach einem Jahr, so stellt man fest, dass der absolute Tiefpunkt bei den Absolventenjahrgängen 2004 und 2005 liegt. Diese beiden Jahrgänge waren direkt von der Arbeitsmarktreform betroffen und haben sich - wie die Erhebungen 2007 und 2012 gezeigt haben - davon auch langfristig nicht wieder erholt.

Abb. 8: Prozentsatz der in Arbeit vermittelte Absolvent/innen nach Entlassjahrgang zum 15.10. des Folgejahres, also ca. 15 Monate nach Abschluss der Berufsausbildung für die Jahrgänge 1992 - 2018

Abbildung 8

4. Entwicklung der rechtlichen Rahmenbedingungen und ihre Effekte

Gravierende Veränderungen hinsichtlich der rechtlichen Rahmenbedingungen vollzogen sich um die Jahrtausendwende: Hier sind insbesondere zu nennen:

  • Die Überführung des Arbeitsförderungsgesetzes in das SGB III 1998,
  • Das Inkrafttreten des SGB IX 2001 und
  • Das Inkrafttreten des SGB II zum 01.01.2005

Zu dieser Zeit lag die Zahl der Arbeitslosen deutlich über dem heutigen Niveau, was die damalige Bundesregierung unter Gerhard Schröder zur Erarbeitung und Umsetzung der Agenda 2010 veranlasst hat. Parallel dazu waren im Zeitraum von 1998 bis 2004 die Kosten für Leistungen der beruflichen Rehabilitation bei der Bundesanstalt für Arbeit um 54 % auf 2,9 Mrd. € (Pflicht- und Ermessensleistungen) gestiegen, so dass es geboten erschien, hier gegenzusteuern.

Für 2005 wurden Mittel für die Rehabilitation in gleicher Höhe wie für 2004 in den Haushalt eingestellt, allerdings flössen 330 Mio. € in das Eingliederungsbudget der neu eingerichteten Jobcenter. Dies führte dazu, dass zu Beginn des Jahrs 2005 bereits 77 % der Reha-Mittel der Bundesagentur für Arbeit gebunden waren. Hatten Menschen mit Behinderungen gehofft, dass durch die Verabschiedung des SGB IX die Verfahren für sie deutlich vereinfacht und beschleunigt würden, passierte nun genau das Gegenteil: Reha-Anträge bei Arbeitsagenturen und Jobcentern – sie waren zunächst auch für die Berufsausbildung junger Menschen mit Behinderungen zuständig – wurden in Ermangelung ausreichender Haushaltsmittel und aufgrund ungeklärter Verfahrensfragen nicht gesetzeskonform bearbeitet, obwohl es sich um Pflichtleistungen handelte, die keinem Haushaltsvorbehalt unterliegen. Parallel dazu wurden die Ermessensleistungen mehrfach drastisch gekürzt, was vor allem zur Folge hatte, dass die Eingliederungszuschüsse bei Vermittlung in den Arbeitsmarkt zusammengestrichen wurden (vgl. hierzu Deutscher Bundestag 2005). Zu allem Überfluss lief auch noch die Aktion 5 des LWL-In­te­grations­amtes aus, durch die der Eingliederungszuschuss der Agentur für Arbeit aufgestockt werden konnte. Dies schlug sich nachhaltig in den Vermittlungsergebnissen des BBW Soest nieder. Mit dem Teilhabe-Chancen-Gesetz (SGB II § 16 i) steht heute zwar wieder ein Instrument zur Verfügung, das umfangreiche Eingliederungszuschüsse (EGZ) ermöglicht, aber nicht für junge Menschen mit Behinderungen. Dasselbe gilt für EGZ gem. § 16 e SGB II.

Eine weitere Gesetzesänderung im Kontext der Arbeitsmarktreform 2005 hat nachhaltigen Einfluss auf die langfristige berufliche Eingliederung der Absolventinnen und Absolventen des BBW Soest genommen: Bis 2003 konnte beobachtet werden, dass das Potential der eingliederungsfähigen und -willigen Absolventen erst nach 3 Jahren voll ausgeschöpft ist (vgl. Abb. 3). Wurden früher im zweiten und dritten Jahr nach Abschluss der Berufsausbildung noch 5 – 10 % der Absolventen vermittelt, so sind es heute nur noch Einzelfälle. Die Autoren gehen davon aus, dass ein wesentlicher Grund dafür in der Regelung liegt, dass die Arbeitsagenturen nur noch ein Jahr für arbeitslose Absolventen verantwortlich sind. Danach werden sie in den Rechtskreis SGB II überführt, sprich: Das Jobcenter ist für sie zuständig und erbringt offenbar nicht mehr die Eingliederungsleistungen in dem Umfang, wie es die Dienststellen der Bundesanstalt für Arbeit vor 2005 getan haben. Hier besteht also deutlicher Handlungsbedarf. Auf der Basis dieser Daten wäre es zur Sicherung des Rehabilitationserfolges zweckmäßig, wenn die Verantwortung für die berufliche Eingliederung der Absolventinnen und Absolventen von Berufsbildungswerken für mindestens drei Jahre bei den Dienststellen der Bundesagentur für Arbeit verbliebe, um den Rehabilitationserfolg zu sichern.

5. Ausblick

Leider wird das Berufsbildungswerk Soest zukünftig keine langfristigen Nachbefragungen mehr durchführen können, denn es ist nun verpflichtet, die Daten seiner Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach zwei Jahren zu vernichten. Auch von der Bundesagentur für Arbeit gibt es mit Verweis auf den Datenschutz keine Zahlen zur beruflichen Teilhabe einzelner Gruppen von Menschen mit Behinderungen. Es gibt also keine aktuellen Zahlen zur beruflichen Teilhabe blinder und sehbehinderter Menschen und deren Qualifikationswege, die als Grundlage für eine Weiterentwicklung der Bildungsangebote sowie Leistungen und Strategien zur beruflichen Eingliederung dienen könnten. Daher erscheint es nach 25 Jahren, die die letzte Erhebung zur "beruflichen Integration der Blinden" des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) mittlerweile zurückliegt, angezeigt, wieder eine entsprechende Erhebung durchzuführen (LVR 1995). Im Jahr 1987 hatte der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) eine entsprechende Studie vorgelegt. Sie offenbarte eine erschütternd niedrige Erwerbsquote von ca. 20 % gesetzlich blinder Menschen und wurde in dem Satz zusammengefasst: "Die Arbeitsmarktbenachteiligung der Blinden ist in weiten Bereichen so krass, dass selbst die mögliche Fehlertoleranz sie nicht in Frage stellt." (Ritz, 1987 S. 5, vgl. hierzu auch Bach 2017)

Für die Sicherung der beruflichen Teilhabe blinder und sehbehinderter Menschen ist es von zentraler Bedeutung, dass ihre Bedarfe im Zuge der zunehmenden Digitalisierung berücksichtigt werden. Anwendungsprogramme, die nicht barrierefrei programmiert sind, führen dazu, dass blinde und sehbehinderte Menschen zukünftig nicht bzw. nicht wirtschaftlich arbeiten können. Was hinsichtlich der barrierefreien baulichen Gestaltung mittlerweile flächendeckend umgesetzt wird, muss auch für die Softwareentwicklung realisiert werden.

Die dargestellten Zahlen zur beruflichen Integration der Absolventinnen und Absolventinnen des BBW Soest machen aber auch deutlich, wie stark sich Veränderungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen auf die Teilhabechancen von Menschen mit Behinderungen auswirken. Rechtliche und organisatorische Maßnahmen sollten ergriffen werden, um die Teilhabechancen zu verbessern. Die Verantwortlichkeit für den Rehabilitationsprozess bis zur erstmaligen beruflichen Eingliederung sollte neu geregelt werden und wieder - wie vor 2005 – durchgängig bei den Dienststellen der Bundesagentur für Arbeit liegen, die im Gegensatz zu den Jobcentern flächendeckend über einschlägig qualifiziertes Fachpersonal verfügen.

Literatur

Bach, Heinz Willi: Teilhabechancen an Arbeit und Beruf: Was muss geschehen, um die Erwerbsbeteiligung blinder und sehbehinderter Menschen zu verbessern? in: horus - Marburger Beiträge zur Integration Blinder und Sehbehinderter (2017), H. 4 S. 177-181 SW: Arbeit# Integration, berufliche#

Denninghaus, Erwin: Die berufliche Eingliederung von Absolventinnen und Absolventen des Berufsbildungswerkes Soest von 1991-1999. In: blind-sehbehindert, Ausgabe 3/2001, S. 174-182.

Denninghaus, Erwin; Große-Drenkpohl, Michael: Projekt D 115 - Das Aus für blinde Telefonisten? In: blind-sehbehindert, Ausgabe 3/2010, S. 197-201.

Deutscher Bundestag, Ausschuss für Bildung, Forschung und Technologieabschätzung: Bericht des BMWA für die Sitzung des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung am 1. Juni 2005 – TOP 2: Berufliche Ausbildungsförderung behinderter Menschen. Berlin, 24.05.2005, A-Drs. 15(17)312

Landschaftsverband Rheinland (Hrsg.): Blinde und Arbeit – eine Untersuchung zur beruflichen Integration Blinder im Rheinland. Rheinland-Verlag, Köln 1995.

Ritz, Hans-Günther: Berufliche Situation der Blinden in Westfalen-Lippe. Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Münster 1987

Sund, Olaf, Landesarbeitsamt Nordrhein-Westfalen: Bewilligungsbescheid für die institutionelle Förderung für das Berufsbildungswerk Soest vom 05.05.1986, unveröffentlicht.

Autoren

Erwin Denninghaus
Auf der Klocksborg 14
59494 Soest
Tel.: 02921 943007
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Kai Lammert
LWL-Berufsbildungswerk Soest
Hattroper Weg 57
59494 Soest
Tel.: 02921 684-251
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Aus der Arbeit des DVBS

DVBS-Projekt agnes@work:
"Akteure einer neuen Diversity-Kultur"

Von Savo Ivanic

"Wir stehen am Rande der vierten industriellen Revolution" lautet die einhellige Meinung der Fachwelt. In den vergangenen zwei Jahrhunderten haben erst die Dampfmaschine (erste industrielle Revolution), dann die Elektrizität und danach die Elektronik die Warenproduktion immer weiter automatisiert. Nun führen Big Data, Künstliche Intelligenz (KI) und digitale Vernetzung - die sogenannte Industrie 4.0 - zu einem neuen Quantensprung, der die gesamte Arbeitswelt umkrempelt. Verstärkt wird dieser Trend zur Digitalisierung durch die Corona-Krise und ihre Folgen: Home Office, Telearbeit und Einsatz digitaler Konferenzsoftware gehören zum Alltag vieler Berufstätiger.

Digitalisierung trifft Sehbeeinträchtigte besonders

Auch sehbeeinträchtigte Menschen profitieren davon - sofern die nötigen Unterstützungssysteme vorhanden sind. Gleichzeitig sind sie von den Risiken besonders betroffen: Sprachcomputer ersetzen zunehmend Call-Center-Agents. Routinetätigkeiten wie Erfassungsvorgänge bei Versicherungen, die häufig von seheingeschränkten Mitarbeitenden ausgeübt werden, fallen der Digitalisierung zum Opfer. Smarte Bürosoftware ersetzt Angestellte. Aber auch Hochqualifizierte und Akademiker*innen sind betroffen: KI findet sich in Gesetzestexten mitunter besser zurecht als jeder Einserjurist.

Neue Diversity-Kultur

Das neue DVBS-Projekt agnes@work sieht Digitalisierung hingegen als Chance. Das Akronym "agnes" steht für "Agiles Netzwerk für sehbeeinträchtigte Berufstätige - Beratungs- und Kompetenznetzwerk am Arbeitsplatz." Der Name ist Programm: "Wir können die Digitalisierung nicht aufhalten, aber gestalten", sagt Projektleiter Dr. Klaus-Peter Pfeiffer (Köln). Dabei sieht er blinde und sehbehinderte Arbeitnehmer*innen als Akteure einer neuen Diversity-Kultur. Mit anderen Worten: Sehbeeinträchtigte sind weit mehr als ihr Handicap und können eine Bereicherung für ihren Arbeitgeber und ihr Umfeld sein. Bestenfalls profitieren alle von ihren Kompetenzen und Fähigkeiten, nicht zuletzt sie selbst. Deshalb richtet "agnes" den Fokus auf Stärken, Potenziale und Ressourcen, ohne Beeinträchtigungen und Begrenzungen zu beschönigen. Speziell geschulte Expert*innen, sogenannte Task Forces, unterstützen dabei vor Ort.

Barriereabbau

Flankiert wird diese Hilfe zur Selbsthilfe, neudeutsch "Empowerment", durch Informationen, Schulungen und Vernetzung von Unterstützungsakteuren wie Schwerbehindertenvertretungen (SBV), Arbeitsagentur, Jobcenter oder Deutscher Rentenversicherung. Deren Mitarbeitende sind meist guten Willens, haben aber wenig Erfahrung mit der adäquaten Betreuung seheingeschränkter Kund*innen. Dabei versteht sich agnes nicht als Konkurrenz zu Integrationsfachdiensten oder Berufsförderungswerken, sondern sieht sich als Ergänzung und Teil eines größeren Ganzen. Auch hinsichtlich des Themas Barrierefreiheit. "Die Barrieren sind häufig in den Köpfen der Menschen", sagt Projektleiter Dr. Pfeiffer. Deshalb ist Barriereabbau ein weiteres agnes-Ziel - technisch wie mental, und nicht nur auf Sehbeeinträchtigte beschränkt. agnes definiert Barrierefreiheit behinderungsübergreifend und nimmt wo möglich andere Betroffene mit in den Blick.

Nationale Weiterbildungsstrategie

Ein weiterer agnes-Schwerpunkt ist die kritisch-konstruktive Begleitung der Nationalen Weiterbildungsstrategie (NWS) der Bundesregierung. Diese berücksichtigt bislang kaum das Thema Barrierefreiheit. Die Einbindung der im mittlerweile abgeschlossenen DVBS-Projekt iBoB entwickelten Weiterbildungsplattform (https://weiterbildung.dvbs-online.de) in die NWS soll das ändern.

Laut Experten werden künftig jene Tätigkeiten am sichersten vor Jobabbau sein, die Kreativität und soziale Kompetenz erfordern - beispielsweise Sozialarbeit oder Beratung. Felder, in denen sehbeeinträchtigte Menschen durchaus punkten können.

Umfrage

Um die Wünsche und Bedarfe blinder und sehbehinderter Berufstätiger zu kennen und seine Angebote besser darauf abzustimmen, hat das agnes-Team eine Umfrage entwickelt. Sie steht unter https://www.surveymonkey.de/r/NDJLS3S

Die Befragung ist bis zum 31. Januar 2021 geöffnet. Bitte nehmen Sie daran teil.

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!

Kontakt

Projekt agnes@work
c/o DVBS e.V.
Frauenbergstraße 8
35039 Marburg
Telefon: 06421 94888-33
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Foto: Dr. Klaus-Peter Pfeiffer leitet das DVBS-Projekt agnes@work. Foto: privat [Dr. Pfeiffer trägt zum weißen Hemd ein schwarzes Jackett mit rotem Einstecktuch sowie eine rote Krawatte. Er hat braune Augen und meliertes Haar, Ponnyfransen fallen über seine hohe Stirn. Er lächelt.]

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European Accessibility Act für die Selbsthilfearbeit nutzen

Von Christian Axnick

Die Ehrenamtsakademie wurde 2020 vom Corona-Virus in eine Zwangspause geschickt. Nachdem Aktion Mensch dankenswerterweise zugestimmt hat, den Durchführungszeitraum für dieses Projekt bis Oktober 2021 zu verlängern, nehmen wir das Seminarprogramm wieder auf und beginnen am 16./17. Januar 2021 mit einer Veranstaltung, die sich schwerpunktmäßig mit dem European Accessibility Act beschäftigt.

Richtlinien der Europäischen Union spielen für das Leben von Menschen mit Behinderung eine wachsende Rolle. Gerade für ehrenamtlich in der Selbsthilfe tätige Menschen ist es wichtig, die Prozesse und Mechanismen auf europäischer Ebene und die Umsetzungsprozeduren zu verstehen, um darauf Einfluss nehmen zu können.

Am 28. Juni 2019 trat die EU-Richtlinie 2019/882 in Kraft. Dieser European Accessibility Act legt Barrierefreiheitsanforderungen für bestimmte Produkte und Dienstleistungen fest. Dies betrifft zum Beispiel Hardware und Betriebssysteme, Geld- und Fahrkartenautomaten, Smartphones, elektronische Kommunikationsdienstleistungen, bestimmte Personenbeförderungsdienste, Bankdienstleistungen und den Online-Handel.

Die Richtlinie ist bis zum 28. Juni 2022 in deutsches Recht umzusetzen und muss ab dem 28. Juni 2025 angewandt werden, wobei allerdings umfangreiche Ausnahmen möglich sind. Außerdem sind wichtige Bereiche, wie etwa Gesundheitsdienstleistungen und Bildung, ohnehin aus dem Geltungsbereich der Richtlinie ausgenommen. Wirtschaftsakteuren wird unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt, die Barrierefreiheitsanforderungen nicht oder nur teilweise zu erfüllen. Die Fristen, die zur Schaffung von Barrierefreiheit eingeräumt werden, sind sehr lang.

In unserem Seminar wollen wir uns einen vertiefenden Überblick über die Regelungen der Richtlinie sowie die Vorarbeiten zu deren Umsetzung in der Bundesrepublik verschaffen. Wo gibt es aus Sicht der Selbsthilfe Lücken? Wie können wir den Umsetzungsprozess begleiten und in ihn eingreifen? Welche Ansätze zur Koordination von Stellungnahmen oder Aktivitäten gibt es bereits?

Mit dem gleichen Ziel wird kurz über weitere Richtlinien informiert werden, deren Umsetzung ansteht oder deren Novellierung geplant ist.

Die vollständige Ausschreibung finden Sie auf unserer Webseite dvbs-online.de unter Projekte - Ehrenamtsakademie. Die Veranstaltung soll als Web-Seminar stattfinden.

Ihr Ansprechpartner in der DVBS-Geschäftsstelle ist Christian Axnick, Telefon: 06421 94888-28, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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Kinderbuchtipps aus der Braille-Druckerei

Von Wencke Gemril und Jochen Schäfer

Weihnachten steht vor der Tür. Daher stellen wir einige unserer neu erschienenen Kinderbücher vor - inklusiv, lecker, lustig.

Birgit Wenz: Kinderleichte Becherküche

Mit dem Konzept der "Kinderleichten Becherküche" wird backen und kochen zum Kinderspiel. Die Bücher aus dieser Reihe enthalten ausführliche Anleitungen für die jeweiligen Rezepte. Jedes Rezept wird mit einer Schritt-für-Schritt-Bildanleitung präsentiert und unter den jeweiligen Bildern stehen die einzelnen Arbeitsschritte nochmal als Text. Zu den Bildern gibt es kurze, übersichtliche Bildbeschreibungen. Zu den Büchern gehört ein Becherset aus fünf Bechern, die sich in Größe und Farbe voneinander unterscheiden. Damit der farbliche Unterschied auch für blinde Menschen erfassbar wird, sind die Becher an ihrem Stiel in Blindenschrift mit der jeweiligen Farbe so beschriftet, dass die Beschriftung auch nach einem Spülmaschinendurchlauf noch wunderbar zu lesen ist. Die Zutaten müssen nicht mit einem Messbecher oder der Küchenwaage umständlich abgemessen werden, sondern können ganz einfach mit den verschiedengroßen Bechern dosiert werden. So steht dann Beispielsweise im Text, dass man erst 2 blaue Becher Mehl in die Rührschüssel schütten und anschließend 3 rote Becher Zucker hinzufügen soll. Die Becher werden bis zum Rand gefüllt und so muss auch kein Markierungsstrich beachtet werden.

Kinder können mit der Becherküche die Farben, das Zählen und auch das Lesen üben. Jugendliche und Erwachsene können sich über die verschiedenen Rezeptideen freuen und von den einfachen Anleitungen profitieren. Es ist also ein Konzept, das sinnvoll für Groß und Klein ist. Mit unserer Adaption können nun auch blinde Menschen die "Kinderleichte Becherküche" nutzen und allein oder zusammen mit Sehenden backen und kochen, was dadurch zu einem inklusiven Erlebnis wird.

Wir haben jetzt alle fünf großen Bücher übertragen, die es momentan von der Becherküche gibt. Sie können als Komplettset (Preis: jeweils 49,90 €) oder nur als Punktschriftbuch wahlweise in Voll- oder Kurzschrift (Preis: jeweils 19,90 €) erworben werden. Zum Komplettset zählt neben dem Punktschriftbuch das Schwarzschriftbuch, bei dem wir die Rezeptanfänge und den Titel mit Selbstklebefolie beschriftet haben und außerdem das wichtigste: die fünf Becher. Das Becherset ist für alle fünf Bücher identisch.

Die ersten Bände sind für das Kochen und Backen mit Kindern ausgelegt. Doch es ist nun auch ein Buch für Erwachsene erschienen, und auch die anderen Bücher sind durchaus genauso für Jugendliche und Erwachsene geeignet, die sich für dieses Konzept interessieren.

Bd. 1: "Kinderleichte Becherküche für die Backprofis von morgen" (Bestell-Nr. 4890): Rezepte für verschiedene Kastenkuchen sowie für Muffins, Waffeln, Dinkelbrot, Vollkornkekse, Pizza Margherita, verschiedene Brötchen, Hefegebäck und sogar für selbstgemachtes Knuspermüsli.

Bd. 2: "Ofenrezepte für die ganze Familie" (Bestell-Nr. 4902): Rezepte u.a. für zwei Nudelaufläufe, einen Tomaten-Zucchini-Auflauf, verschiedene Fleisch-, Fischgerichte und Salate. Bis auf die Salate werden alle Rezepte im Ofen zubereitet, und für die Nudelaufläufe werden rohe Nudeln verwendet, sodass der Herd nicht benötigt wird.

Die Becherküche "Gesund und lecker" (Bestell-Nr. 4903) beinhaltet u.a. Rezepte für verschiedene Suppen, Gemüse, Salate, Fischgerichte, einen Couscous-Topf, eine Hirsepfanne und einen Schokoladenpudding.

Der Band "Meine Becherküche vegetarisch" (Bestell-Nr. 4904) ist für Erwachsene erschienen, kann aber auch von Kindern und Jugendlichen genutzt werden. Er beinhaltet u.a. Rezepte für Suppen, Pestos, Gemüse, Salate, verschiedene Gerichte mit Reis, Mais und Kartoffeln.

Ganz neu erschienen ist der Band "Kreative Motivkuchen" (Bestell-Nr. 4972). Er enthält 14 Rezepte für Motivkuchen und Cupcakes, passend zu den verschiedenen Jahreszeiten.

Abb.: Rezepte für leckere Gerichte liefert die "Becherküche". Abb.: Open Clipart-Vectors auf pixabay [Zeichnung eines pausbäckigen Kochs mit Schnurrbart und hoher Kochmütze, der mit der Handgeste "exzellent" signalisiert.]

Margit Auer: Die Schule der magischen Tiere

Wer glaubt, Schule sei doof oder langweilig, kennt diese Kinder-Fantasy-Serie noch nicht. Hier geht es um die Wintersteinschule und die ganz besondere Klasse von Miss Cornfield. Dort gibt es 24 Kinder, und einige von ihnen haben magische Tiere, die sprechen können, ihren Besitzern in jeder Lebenslage helfen und echte Freunde für die Ewigkeit sind. Die Tiere kommen von Miss Cornfields Bruder, Mister Morrison von der magischen Zoohandlung. Die Lehrerin weiß genau, wer von ihren Schülern Hilfe braucht, und wählt danach die magischen Tiere aus. Gemeinsam erleben die Kinder mit ihren Tieren spannende Abenteuer. So wundern sie sich z. B. über die vielen Löcher im Schulgarten oder warum in der Schule ständig das Licht ausgeht, und wie es auf einer Klassenfahrt zugeht, wird auch geschildert. Mehr darf aber nicht verraten werden, denn die magischen Tiere sind ein großes Geheimnis.

In dieser Serie werden Alltagsprobleme von Kindern angesprochen, die mit Hilfe der magischen Tiere auf besondere Weise gelöst werden. Eine spannende, fantasieanregende Lektüre, vor allem für Grundschulkinder, erhältlich in Voll- und Kurzschrift. Erschienen sind bisher: "Die Schule der magischen Tiere" (Bestell-Nr. 4941), "Voller Löcher" (Bestell-Nr. 4944), "Licht aus" (Bestell-Nr. 4945) und "Abgefahren" (Bestell-Nr. 4946). Jedes dieser Bücher umfasst einen Band in Kurz- und zwei Bände in Vollschrift (Preis: je 21,50 € in Kurz-, 43 € in Vollschrift).

Alle Bücher können bestellt werden bei

Deutsche Blindenstudienanstalt e.V.
Am Schlag 2-12
35037 Marburg.
Telefon: 06421 6060
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
oder über unseren barrierefreien Online-Katalog
unter https://katalog.blista.de

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