horus 3/2020
Schwerpunktthema: "Technik im Alltag"

Inhalt

  • U. Boysen: Vorangestellt
  • Aus der Redaktion
  • Schwerpunkt: Technik im Alltag
  • Beruf, Bildung und Wissenschaft
  • Recht
    • Spürbar mehr Teilhabe durch barrierefrei zugängliche Produkte und Dienstleistungen! Forderungspapier des DBSV und DVBS zum European Accessibility Act
  • Barrierefreiheit und Mobilität
    • F. E. Kemper: Ein Markt im Wandel - Probleme im Hilfsmittelmarkt für blinde und sehbehinderte Menschen in Deutschland, Teil 1/li>
  • Zeitfragen
    • U. Boysen: "Unter dem Radar" - Mainstream versus Minderheiten?
  • Berichte und Schilderungen
    • E.-M. Glofke-Schulz: Eine halbe Tonne treuer Gefährte in guten und schlechten Zeiten Rückblick auf 20 Jahre Reiten mit blindem Vertrauen
    • G. Dyballa: Schach - ein guter Zeitvertreib für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen
    • W. Groen: Mein Weg zu Esperanto bis Luminesk5 in Nördlingen
  • Aus der Arbeit des DVBS
    • M. Preis-Dewey: Krise als Chance
    • P. Krines: Einarbeitung während der Corona-Pandemie
    • Neue DVBS-Broschüren: Leitfaden "Fragen kostet nix!" und Anforderungsprofil für barrierefreie Weiterbildungen
    • C. Axnick: Seminare in (hoffentlich) ausgehenden Corona-Zeiten
  • Aus der blista
    • S. Sommer: Erste Schritte im Dunkeln
    • Th. Büchner: KulTür Bühne frei - Barrierefrei
    • Dr. I. Troltenier: Außergewöhnlichste Abifeier in über 100 Jahren blista-Geschichte
  • Bücher
    • Th. Büchner: Hörbuchtipps aus der blista
    • Th. Büchner: Buchtipps aus der Braille-Druckerei
    • J. Schäfer: Franziska Sgoff: Wozu braucht man Jungs? - ein Jugendbuch
  • Panorama
    • Deutscher Hörfilmpreis 2020
    • U. Boysen: Dreimal lesenswert!
    • J. Schäfer: Neue Broschüren der PRO RETINA erschienen
    • Pro Retina: "Ich sehe nicht, was Du noch siehst" Netzhauterkrankungen besser verstehen mit neuem Kurzfilm zum Lebensalltag
    • Auch Filme sind förderfähig Schleswig-Holstein unterstützt Modellvorhaben zur Teilhabe von Menschen mit Behinderungen
    • PETZE: "Darüber spricht man doch!" - Angebote zur Prävention sexualisierter Gewalt
    • VBS-Kongress auf 2023 verlegt
  • Impressum horus 3/2020
  • Anzeigen

Lesen Sie im folgenden ausgewählte Beiträge. Die gesamte Ausgabe wird am 30. November 2020 an dieser Stelle freigeschaltet. Das aktuelle Heft erhalten Sie aber auch gerne als kostenlose Probeausgabe wahlweise im Printformat, in Braille oder als digitale Ausgabe inklusiv DAISY-Hörversion. Abonnementbetreuung und Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

nach oben


Schwerpunkt: Technik im Alltag

"Hallo Computer" - Möglichkeiten und Grenzen der Spracheingabe als digitaler Arbeitstechnik

Von Oliver Nadig

Diktieren statt tippen, Fragen und Befehle in den Raum rufen, anstatt sie zeichenweise auf einer Tastatur zu schreiben, oder gar einen Computer vollständig mit der eigenen Stimme steuern; das sind die Verheißungen der Spracheingabe. Was diesbezüglich heute schon möglich ist, will der vorliegende Artikel näher beleuchten.

Einige Begriffsklärungen vorweg

"Blinde haben ein iPhone, weil da Siri drauf ist." Missverständnisse dieser Art haben bestimmt schon viele von uns mehrfach aufgeklärt. Nur selten steckt dahinter mangelndes Einfühlungsvermögen in die spezifischen Bedürfnisse schlecht oder nicht sehender Menschen; vielmehr können ähnlich klingende Begriffe wie Spracheingabe, Spracherkennung, Sprachassistent, Sprachausgabe und Bildschirmausleseprogramm (Screenreader) leicht durcheinandergebracht werden. Werfen wir also kurz einen Blick aufs Fachvokabular. Das wird umso verständlicher, wenn wir uns am in der Informatik gebräuchlichen EVA-Prinzip (Eingabe, Verarbeitung, Ausgabe) orientieren und uns fragen "Was tut die Maschine und was der Mensch?".

Um eine PC-Tastatur schnell und sicher zu bedienen, muss man sie nicht sehen. Wie jede gute Sekretariatskraft beherrschen auch Menschen mit Sehbehinderung oder Blindheit nach intensivem, spezifischem Training das Zehnfinger-Tastschreiben, also das fehlerfreie Betätigen jeder Taste ohne visuelle Kontrolle aus der "Grundstellung" heraus anhand festgelegter, routinierter Fingerbewegungen. Für alle stark sehbehinderten bzw. blinden Personen ohne zusätzliche erhebliche motorische oder kognitive Einschränkung ist Spracheingabe neben der Texteingabe deshalb immer eine Option, aber kein Muss. Text- und Spracheingabe sind zwei von Menschen ausgeführte Eingabetechniken. Im Falle von Spracheingabe kommt ein Sprachverarbeitungssystem zum Einsatz. Dieses muss ein Mikrofon und einen Speicher haben, um zunächst einmal die Sprachbotschaft eines Menschen digital aufzuzeichnen. Anschließend erfolgt mit Hilfe einer Software die Spracherkennung. Dies ist der Verarbeitungsschritt, der nötig ist, damit die Maschine das Gesagte überhaupt "verstehen" kann. Manchmal wird der Vorgang der Spracherkennung vom eigentlichen System selbst auf leistungsstarke Server eines Rechenzentrums ausgelagert. Die Sprachdaten werden dann ins Internet übertragen, was Datenschutzfragen aufwirft, die beim Einsatz von Spracheingabe immer mitschwingen. Erst nach der Spracherkennung ist das System in der Lage zu reagieren, beispielsweise Sprache in Text umzuwandeln oder eine Frage zu beantworten. In der Regel wird das System also eine Rückmeldung geben. Um dabei die Mensch-Maschine-Kommunikation möglichst natürlich wirken zu lassen, erfolgt dieses Feedback bei den meisten Sprachverarbeitungssystemen über gesprochene Sprache. Einfache Varianten wie HiTech-Kuscheltiere spielen hierbei oft eine passende, vorab hinterlegte "Sprachkonserve" über einen Lautsprecher ab, komplexere Systeme verfügen über eine "echte" Sprachausgabe, die beliebigen Text ausgeben kann.

Jeder Computer und jedes Smartphone ist also entweder bereits ein Sprachverarbeitungssystem oder lässt sich im Handumdrehen dazu machen, denn die Zutaten Mikrofon, Speicher, Software und Lautsprecher sind vorhanden. Außerdem haben findige Tüftler das Naheliegende getan: Den reichlich vorhandenen Platz in einer Lautsprecherbox dazu zu nutzen, um dort Mikrofone und Prozessoren unterzubringen, so dass Sprachassistenten wie Amazon Echo, Google Home oder Apple HomePod das Licht der Welt erblicken konnten.

Sprachverarbeitungssysteme sind für alle Menschen gemacht! Bildschirmausleseprogramme, also Screenreader wie etwa VoiceOver, NVDA und JAWS, die ebenfalls eine Sprachausgabe verwenden, wurden dagegen gezielt als assistive Technologien für die Gruppe sehbehinderter und blinder Menschen entwickelt. Darum sollte man beispielsweise Siri (als Sprachassistenten des iPhones) und VoiceOver (als Screenreader auf dem selben Gerät) nicht in einen Topf werfen.

Spracheingabe kann für die drei folgenden, getrennt zu betrachtenden Zwecke genutzt werden:

  1. Diktat: Umwandlung von Sprache in Fließtext,
  2. Sprachassistenz: Unterstützung im Alltag, beispielsweise durch Beantwortung von Fragen oder Stellen eines Weckers,
  3. Sprachsteuerung: Veranlassen von Aktionen eines externen Geräts.

Fräulein Smartphone, bitte zum Diktat!

Natürlich ist die Bildschirmtastatur auf dem Touchscreen eines Mobiltelefons blind beherrschbar, aber ihre Bedienung wird im fahrenden Auto oder Bus schnell zum Balance-Akt. Schön, wenn ich da links neben der Leertaste das Mikrofonsymbol antippen und die Tatsache einer verspäteten Ankunft ins Smartphone diktieren kann. Beim Einsprechen längerer Texte, zum Beispiel für ein Referat oder einen Zeitschriftenartikel, werden Sprachkommandos zum Formatieren von Text relevant. So kann ich Satz- und Sonderzeichen wie runde, eckige und geschweifte Klammern explizit diktieren. Mit dem Befehl "neuer Absatz" wird ein Absatzwechsel, mit "neue Zeile" ein Zeilenwechsel eingefügt. Über das Kommando "Großbuchstaben" wird das nächste Wort komplett großgeschrieben. Ich kann also diktieren: "Im Großbuchstaben de vau be es bin ich seit 1993 Mitglied" - und der Vereinsname wird korrekt dargestellt.

Fazit und Vorsicht: Das Erkennen von gesprochenem Fließtext gehört mittlerweile zu den Brot-und-Butter-Leistungen von Computern, Smartphones und Tablets. Die entsprechende Software muss nicht mehr wie noch in den 1990er Jahren im Vorhinein durch langwieriges Training in einer schallisolierten Sprechkabine auf die Stimme einer bestimmten Person vorbereitet werden. Auch muss man nicht mehr abgehackt und überbetont sprechen, als wollte man einem Regenwurm das Lösen von Gleichungen beibringen. Vielmehr lernen die Systeme im laufenden Betrieb dazu und haben auch in lauten Umgebungen eine erstaunlich geringe Fehlerrate, wenn man sie in völlig natürlicher Sprechweise zutextet. Allerdings sind sie manchmal übereifrig und ersetzen Eigennamen mit ganz ähnlich klingenden Gebrauchswörtern. So wurde unsere Hundeseniorin Delphy stets zum Delphin, bis ich dem alten Labrador einen eigenen Eintrag in meinen Kontakten spendiert habe (weil ich mir bis heute unsicher bin, ob das eingebaute Wörterbuch des iPhones auch bei ausgeschalteter Autokorrektur noch seinen Dienst verrichtet).

Katinka, mach mich schlau und ordne mein Chaos!

Kommen wir zum derzeit wohl populärsten Einsatzgebiet der Spracheingabe: Den Sprachassistenzsystemen.

Habe ich etwa den Sprach-Butler "Siri" auf meinem iPhone aktiviert und die Person Maria Muster mitsamt umfangreicher Kontaktdaten dort hinterlegt, kann ich nach langem Drücken der Home-Taste des Geräts sagen: "Rufe Maria Muster an". Sind mehrere Nummern für meine Bekannte vorhanden, fragt Siri zurück: "Welche Telefonnummer soll ich für Maria Muster verwenden: Handynummer, Geschäftsnummer oder Privatnummer?". Ich werde dann eines der drei möglichen Stichwörter nennen oder mit "Abbrechen" den Kontaktaufnahmewunsch stornieren. Hätte ich auf Marias Kontaktkarte noch gar keine Telefonnummer hinterlegt, würde Siri auf das Kommando "Rufe Maria Muster an" bedauernd mit "Oje, ich habe keine Telefonnummer für Maria Muster" reagieren. Wäre Maria noch überhaupt nicht in meinen Kontakten gespeichert, könnte ich Siri die Telefonnummer auch ziffernweise ansagen und beispielsweise mit den Worten "Rufe 0 8 1 5 4 7 1 1 an" die Verbindung aufbauen lassen. Eine andere Möglichkeit der Kontaktierung wäre: "Schreibe eine E-Mail an Maria Muster". Wieder besteht die Möglichkeit, dass mehrere Mailadressen hinterlegt sind. Mit der Aufforderung "Welche davon soll ich für Maria Muster verwenden: Private E-Mail oder geschäftliche E-Mail" wird mich Siri dann bitten, die Adresse zu bestimmen. Nach meiner Entscheidung für "Private E-Mail" werde ich gefragt: "Was ist der Betreff der E-Mail?". Ich antworte: "Gemeinsames Frühstück". Siri fragt zurück: "OK, was soll in der E-Mail stehen?" Ich antworte: "Bin morgen um 9:00 Uhr da und bringe Brötchen mit." Siri reagiert mit: "Hier ist Deine E-Mail an Maria Muster. Sie lautet: Bin morgen um 9:00 Uhr da und bringe Brötchen mit. Bereit zum Senden?". Antworte ich mit "ja", wird die Nachricht verschickt. Antworte ich mit "nein", gibt Siri mir Gelegenheit, entweder den Betreff oder die Nachricht zu ändern. Will ich das Senden ganz stornieren, erreiche ich das mit "Abbrechen". Siri quittiert dies mit "OK, ich werde die Nachricht nicht senden".

Über vergleichbare Vorgänge lassen sich Kurznachrichten via SMS oder WhatsApp an Personen senden bzw. Beiträge an solche soziale Netzwerke schicken, die von Siri unterstützt werden. Dazu gehören Twitter und Facebook.

Reichen mir Siris Dienste nicht aus, hole ich mir kurzerhand andere Sprachassistenten per App aufs Smartphone. Da ich drei verschiedene intelligente Amazon-Lautsprecher aus der Reihe "Echo" besitze, in denen die Sprachassistentin Alexa wohnt, gibt es natürlich die Alexa-App auf meinem iPhone und ebenfalls den "Google Assistant". Kurze Frage zwischendurch - falls Sie gerade die Daisy-Ausgabe dieser Zeitschrift laut hören oder diese Zeilen vorgelesen bekommen und selbst einen intelligenten Lautsprecher (einen Smart Speaker) besitzen - hat der sich soeben aktiviert? Wenn ja, so liegt das daran, dass vor wenigen Augenblicken der voreingestellte Rufname des verbreitetsten Sprachassistenten zweimal gefallen ist ... und jetzt wissen Sie auch, warum ich in der letzten Zwischenüberschrift stellvertretend von "Katinka" geschrieben habe. Ersetzen Sie "Katinka" in den folgenden wörtlich wiedergegebenen Befehlen gedanklich bitte durch gebräuchliche Lautsprecher-Rufnamen wie "Alexa", "OK Google" oder "Hey Siri".

Wer mich als Freund kniffliger Fragen kennt, ist oft überrascht zu hören, dass ich persönlich am meisten von den einfachen Fähigkeiten meiner drei Echos profitiere, und das vor allem in der Küche. Die Frage "Katinka, wie spät ist es?" verschont meine Tast-Uhr vor ölverschmierten Händen. Mit den beiden nacheinander geäußerten Kommandos "Katinka, stelle einen Nudeltimer auf 10 Minuten" und "Katinka, stelle einen Gemüsetimer auf 8 Minuten", sind im Handumdrehen zwei parallel laufende Countdowns programmiert, die mich entspannt mit der Würstchenpfanne hantieren lassen. Mit "Katinka, spiele ARD von Striehm Plejer" starte ich dann kurz vor 20:00 Uhr beim Essen das Abspielen des Tonkanals der Tagesschau. Dabei kommt ein sogenannter Skill mit dem Namen "StreamPlayer" zum Einsatz. Skills sind auf intelligenten Lautsprechern das, was Apps für Smartphones sind: Praktische Erweiterungsprogramme. Diese versetzen Smart Speaker in die Lage, Musik, Radioprogramme, Podcasts, Hörbücher und Hörspiele wiederzugeben. Sie machen Echo und Co. schlauer, damit sie Fragen nach dem Wetter, dem aktuellen Fahrplan und nach allgemeinen Fakten beantworten können, und sie bringen interaktive Spiele bzw. Auskunftssysteme auf die pfiffigen Lautsprecher.

Fazit und Vorsicht: Sprachassistenten führen die Spracherkennung in der Regel nicht selbst aus, sondern schicken die Sprachbotschaft an Rechenzentren ihrer Hersteller. Sie funktionieren also nur dort, wo es einen Strom- und einen Internetanschluss gibt. Persönlich halte ich mein Smartphone im Vergleich zu meinen intelligenten Lautsprechern für die größere Datenschleuder - schließlich verfügt es über viel mehr Sensoren, insbesondere eine Kamera. Trotzdem zeigen Meldungen wie "Firma X schreibt Millionen von Sprachmeldungen mit und speichert sie in Datenbanken", dass Datenschutz kein Selbstläufer ist, sondern dass wir Verbraucher ihn wie den Umwelt- oder den Tierschutz immer wieder aktiv einfordern müssen.

Unsere Sprachassistenten sind nur so schlau wie diejenigen, die ihnen das Wissen eingegeben haben. Auf die an meine Echo-Lautsprecher gerichtete Frage "Katinka, wie alt ist Rosa Luxemburg?" erhalte ich heute, am 12.06.2020 die Antwort: "Rosa Luxemburg wurde am 05.03.1871 geboren. Sie ist 149 Jahre alt". Siri kann hier zwar mit "Rosa Luxemburg starb am 15.01.1919 im Alter von 48 in Berlin" das korrekte Todesdatum beisteuern, nennt dafür aber das urkundlich erwähnte, den Angaben von Rosa Luxemburg selbst zufolge jedoch falsche ältere Geburtsdatum, den 25.12.1870.

Sprachsteuerung oder: Achtung Haus, ich gehe jetzt

Zwischen Sprachassistenz und Sprachsteuerung existiert ein fließender Übergang. "Sprachsteuerung" soll den Aspekt betonen, dass mit Hilfe eines verbalen Kommandos ein physischer Vorgang wie das Drehen eines Heizungsventils ausgelöst oder kontrolliert wird.

Mehr und mehr Geräte der Haushalts- und Unterhaltungselektronik, etwa Mikrowellen, Waschmaschinen und Fernseher, erhalten Internetanschluss oder werden selbst mit Sprachassistenten ausgestattet. Dies wird für uns sehbehinderte und blinde Menschen so manches Mal die einzige Chance sein, ein ansonsten nicht barrierefrei bedienbares Gerät zu nutzen. Über das Internet beeinflussbare und damit potentiell über Spracheingabe schaltbare Steckdosen, Lampen, Türen, Fenster, Rollläden und Heizungsthermostate haben das Zeitalter der Heimautomatisierung längst eingeläutet. Sprachsteuerung bringt somit Vorteile nicht nur für Faulpelze, die den Fußweg zum Lichtschalter scheuen, sondern auch für uns blinde und sehbehinderte Menschen - schließlich findet ein Sprachassistent in einem mit Sensoren gespickten "intelligenten Haus" im Vergleich zu uns viel schneller und sicherer heraus, ob eine bestimmte Lampe noch brennt oder ein bestimmtes Dachfenster noch offen ist. Ganze Gruppen von Aktionen lassen sich auf einen Sprachbefehl legen. So ist mit einer Menge Technik heute schon realisierbar, dass ein smartes Haus nach dem Hinweis "Katinka, ich gehe jetzt" alle Fenster und Läden automatisch schließt, die Lichter löscht, die Heizungsanlage herunterregelt und die Alarmanlage aktiviert.

Fazit und Vorsicht: Das sprachverarbeitende System und die vielen Sensoren und Aktoren der zu steuernden Geräte müssen reibungslos miteinander kommunizieren. Dafür sind mitunter Überbrückungsgeräte erforderlich, die das Einrichten eines sprachgesteuerten Zuhauses nicht nur zu einer heimwerklichen, sondern auch zu einer informationstechnischen Herausforderung machen. Auch der Sicherheitsaspekt ist zu beachten: Kein Fremder sollte "böser Wolf" spielen können und sich mit "Katinka, mach die Tür auf" unbefugten Zutritt zu meiner Wohnung verschaffen dürfen.

Zusammenfassung

Spracheingabe ist eine Arbeitstechnik, die uns seheingeschränkten und blinden Menschen hilft, die Informationsbehinderung" zu kompensieren. Mag sie bezogen auf die Diktierfunktion noch wie ein Luxus anmuten, wird die Steuerung per Sprachassistent zukünftig wohl häufiger die einzige Möglichkeit sein, ein mit Touchscreen ausgestattetes Gerät innerhalb der eigenen vier Wände oder im öffentlichen Raum zu bedienen. Datenschutz- und Sicherheitsaspekte sind dabei stets mit wachem, aber ruhigen Verstand mitzudenken ... und vergessen Sie nicht: Stecker oder Akku raus - und schon dürfen Sie wieder selbst zu Fuß zum Regal mit der Papierausgabe von Meyers Taschenlexikon wandern.

Zum Autor

Dipl.-Psych. Oliver Nadig ist Rehabilitationslehrer für EDV und elektronische Hilfsmittel im Beratungs- und Schulungszentrum (BSZ) der Deutschen Blindenstudienanstalt (blista). Der 47-Jährige hat in den 1990er Jahren Psychologie und Informatik in Marburg studiert und engagiert sich seit vielen Jahren in der überregionalen Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe, unter anderem im gemeinsamen Fachausschuss für Informations- und Telekommunikationssysteme (FIT). Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Bild 1: Küche frei für Sprachassistenten! Klassische Kochbücher und Küchenwecker werden hier nicht benötigt. Foto: privat [Ein "Echo"-Lautsprecher mit türkis leuchtendem Ring steht auf der Küchenarbeitsplatte vor einem Elektroherd. Links sind die Hüftpartie und Hände des Kochs zu sehen. Er trägt eine dunkelblaue Schürze und hält einen roten Kochlöffel bereit, mit der anderen Hand hebt er den Deckel eines Topfes auf dem Herd leicht an.]

Bild 2: Die Antwort von Sprachassistenten fällt höflich aus, reicht manchmal aber nicht aus. Foto: DVBS / Hemmatian [Auf einem Zimmerregal steht ein Echo-Lautsprecher, sein leuchtender Ring zeigt seine Aktivität. Im Vordergrund rechts lächelt eine Frau mit lockigem Haar.]

Bild 3: Oliver Nadig. Foto: privat [Oliver Nadig hat dunkle Haare und braune Augen. Er trägt ein helles, fliederfarbenes Hemd und lächelt.]

nach oben


Beruf, Bildung und Wissenschaft

Digital Homeschooling: Vier Tipps aus der blista

Von Ulrich Kalina

So wird digitales Lernen für junge Leute mit und ohne Seheinschränkung spannend und interaktiv: Mit der Lernplattform "Moodle", dem kollaborativen Online-Editor "Etherpad", dem Audio- und Videokonferenz-System "Jitsi" und last, not least Podcasts machen wir an der blista prima Erfahrungen. Diese geben wir sehr gern an interessierte Lehrkräfte, Eltern, Schülerinnen und Schüler weiter.

Wenn Sie blinde und sehbehinderte Kinder und Jugendliche via Homeschooling unterrichten oder digital in Präsenzunterricht einbinden möchten, stehen wir gern zur Seite! Wir freuen uns über Ihre Nachricht (Tel. 06421 606-339).

1. Lernplattform "blistaMoodle"

Die digitale Lernplattform blistaMoodle ist eine über das Internet zugängliche Web-Anwendung, die verschiedene Informations- und Kommunikationsbausteine zur Unterstützung der Schulorganisation und des Unterrichtsbetriebs bereitstellt.

  • Die wichtigsten Funktionen von Moodle sind mit JAWS bedienbar. Kenntnisse zum Umgang mit Internet-Seiten sind erforderlich.
  • Moodle erlaubt eine sehr differenzierte Vergabe von "Rollen" und Rechten in Bezug auf Lerngruppen und Kurse. Die Entscheidung darüber, wer auf welche Daten in welcher Weise zugreifen darf, wird dezentralisiert auf die jeweiligen Lehrkräfte (Kurserstellende) übertragen. Im Vergleich zu EDU führt das zu höherer Datensicherheit und besserem Datenschutz. Trotz der hohen Flexibilität (z.B. bei Veränderungen in der Zusammensetzung der Lerngruppen) bleibt der Administrationsaufwand für das Rechte- Management durch das Delegieren der Aufgaben überschaubar.
  • Moodle stellt eine Vielzahl von so genannten Moodle-Objekten und Aktivitäten bereit, die von den Kurserstellenden für die individuelle Gestaltung der Informationspräsentation sowie die kursinterne Kommunikation und Kollaboration eingesetzt werden können. Dokumente können inhaltlich geordnet (zeitlich, thematisch, ...) und mit Kommentaren versehen eingestellt werden. Es gibt Moodle-Module für das sichere und übersichtliche Einsammeln von Arbeitsergebnissen, Ankündigungs-Boards mit automatischem E-Mail-Versand, Diskussionsforen, Chats, Online-Tests und vieles mehr. Alle Inhalte können über Links miteinander verknüpft werden.

2. Digitale Tafel "blistaPad"

Das blistaPad ist eine Implementierung der Open Source Web-Anwendung EtherPad - eines textbasierten Editors, in dem mehrere Nutzer zur gleichen Zeit an einem Textdokument arbeiten können.

In der blista wird das blistaPad erfolgreich als barrierefreie, digitale Tafel eingesetzt.

  • Barrierefreier Zugriff auch für JAWS-Nutzer
  • Besonders blinde und hörseheingeschränkte Schülerinnen und Schüler profitieren von der Möglichkeit, den Unterrichtsverlauf auch in schriftlicher Form in hoher Schriftqualität verfolgen zu können.
  • Das blistaPad kann gut mit dem Audio-Konferenzsystem "blistaMeet" kombiniert werden.

3. Audio- und Videokonferenz-System "blistaMeet"

blistaMeet ist eine Implementierung der Open Source Web-Anwendung Jitsi, eines internetbasierten Audio- und Videokonferenzsystems.

In der blista wird blistaMeet beim Digital Homeschooling eingesetzt, um Schülerinnen und Schüler, die nicht persönlich im Präsenzunterricht anwesend sein können, akustisch in den Unterricht einzubinden.

Als Ergänzung wird die digitale Tafel blistaPad für die schriftliche Kommunikation eingesetzt.

  • blistaMeet gewährt einen hohen Datenschutz, da keinerlei Daten über die Dauer einer Konferenz hinaus dauerhaft gespeichert
  • Der Funktionsumfang ist überschaubar, aber völlig Dadurch ist die Bedienung der Software sowohl für Lehrkräfte als auch für Schülerinnen und Schüler sehr einfach und der Schulungsaufwand gering.
  • Durch Anpassungen im Quellcode der Jitsi-Software konnte ihre Barrierefreiheit in der blista-Implementation so stark verbessert werden, dass sie auch im Unterricht mit JAWS-Nutzern problemlos eingesetzt werden kann.

4. Podcasts als Unterrichtsmedium

  • Podcasts sind gegenüber einem geschriebenen Lehrtext wegen der menschlichen Stimme viel persönlicher und authentischer. Man redet lockerer als man schreibt, baut vielleicht mal eine flapsige Bemerkung oder eine scherzhafte Randbemerkung Und wenn man nicht jedes "Ähh" und jeden kleinen Versprecher gleich wieder rausschneidet, dann trägt das alles dazu bei, dass der gesprochene "Stoff" leichter verdaulich rüberkommt als in geschriebener Form.
  • In Verbindung mit einem Begleittext können Podcasts die Unterrichtssituation eines Lehrvortrags recht gut wiedergeben: Die wichtigsten Formeln, Kernpunkte - kurz der übliche Tafelanschrieb - werden im Begleittext schriftlich festgehalten, wobei wichtige Stellen mit speziellen "Hashtags" (#01, #02, #03 ...) am Zeilenanfang markiert werden.
  • Im Podcast wird dann auf diese Marken Beispiel: "Durch diese Umformung gelangen wir zu der Gleichung in Zeile #07." Auf diese Weise kann man mehrere Wahrnehmungskanäle miteinander kombinieren.
  • Im Gegensatz zum realen Unterricht können die Schülerinnen und Schüler den Podcast-Vortrag - oder einzelne Passagen daraus - beliebig oft und zu beliebigen Zeiten anhören. Sie können dadurch also die Lernzeit und das Lerntempo selbst Dies erweist sich gerade in Lerngruppen mit heterogenen Arbeitstechniken als ein Vorteil.
  • Podcasts passen sehr gut in das "Inverted Classroom"-Konzept.
  • Im Vergleich zu Videos lassen sich Podcasts relativ leicht mit einfachen Hilfsmitteln selbst herstellen und sie benötigen deutlich weniger Speicherplatz, was B. beim Versenden per E-Mail wichtig sein kann.
  • Spontane Rückfragen oder Unterrichtsgespräche wie im Präsenzunterricht sind natürlich nicht möglich. Dafür ist ein Podcast also kein Ersatz - und so ist es ja bei der Idee des "Inverted Classroom" auch nicht Aber der Podcast bietet doch zumindest Anhaltspunkte für gezielte Nachfragen, die dann auf anderem Wege, z.B. in einem nachgeschalteten Online-Chat, einer Telefonkonferenz oder offline per E-Mail beantwortet werden können. Und vielleicht ist es für die bedächtigeren Schülerinnen und Schüler, die lieber erst noch mal nachdenken, bevor sie sich im Unterricht mit einer Frage melden, durchaus auch ein Vorteil, wenn sie bei dieser zeitversetzten Arbeitsform die notwendige Zeit bekommen.

Die aktuellen Tipps hat Ulrich Kalina, Lehrer an der Carl-Strehl-Schule, in Zeiten von Corona zusammengestellt.

Kontakt

Deutsche Blindenstudienanstalt e.V. (blista)
Carl-Strehl-Schule
Elternberatung
Am Schlag 2-12
35037 Marburg
Tel.: 06421 606-339
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Foto: blista-Schülerin Gina am Laptop. Foto: blista [Blick von oben über die linke Schulter der Schülerin auf Laptop und Bildschirm.]

nach oben


Aus der Arbeit des DVBS

Krise als Chance

Von Marianne Preis-Dewey

Viele von uns hat sie kalt erwischt, die Corona-Pandemie. Nahezu von einem Tag auf den anderen mussten wir uns in allen wichtigen Lebensbereichen umstellen: Vom Lebensmitteleinkauf über die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs und die Pflege unserer sozialen Kontakte bis hin zu einer völlig veränderten Situation im Studien- oder Arbeitsalltag. Persönliche Kontakte mussten vermieden werden, die Kommunikation wurde auf das Telefon und digitale Kanäle verlagert - nicht nur im privaten, sondern vor allem auch im beruflichen Umfeld. Das stellte jedes einzelne Mitglied unseres Vereins vor ganz individuelle Herausforderungen. Manche gaben an, dass sich für sie durch die Arbeit im Home-Office nur Vorteile ergaben, da in ihren Unternehmen mit zugänglicher Software gearbeitet wird und man sich nun den langen Arbeitsweg sparen konnte. Für die meisten aber ergaben sich Herausforderungen, für die man bestenfalls versuchen konnte, eine individuelle Lösung zu finden. Wie kann eine solche aussehen, wenn man vom Arbeitgeber freigestellt ist, weil dieser eben keine barrierefreie IT bereitstellt, wenn man nicht mehr mit der eigenen Arbeitsassistenz arbeiten kann, weil das im Home-Office nicht möglich ist, oder man die Assistenzkraft gar entlassen muss, weil das Integrationsamt die weitere Kostenübernahme verweigert?

Bei der Suche nach Lösungen hilft oft der Austausch mit anderen Personen, die in gleicher oder zumindest ähnlicher Weise betroffen sind. Das führte dazu, dass - insbesondere kurz nach Einführung der Kontakteinschränkungen bzw. -verbote - die Telefonkonferenzräume, die wir unseren Mitgliedern für den Austausch untereinander zur Verfügung stellen, fast allabendlich ausgebucht waren. Viele Bezirksgruppen verlegten ihre Stammtische kurzerhand ins heimische Wohnzimmer. Berufs- oder fachspezifische Themen wurden in unzähligen Telefonchats diskutiert, mal spontan, mal mit vorgegebenem Themenschwerpunkt. Und viele merkten, wie gut ihnen dieser Austausch tat und tut. Darunter auch Mitglieder, die bisher nur wenig in Erscheinung getreten waren, weil ihnen z.B. der Weg zum Stammtischlokal zu weit oder zu umständlich war. Für uns ist darum klar: Das Format Telefonchat soll auch weiterhin einen festen Platz in unseren Vereinsaktivitäten haben - nicht nur in Corona-Zeiten.

Und noch etwas ist zu beobachten: Um mit der nun noch rasanter stattfindenden Digitalisierung mithalten zu können, tun sich Vereinsmitglieder zusammen und geben sich gegenseitig Tipps oder probieren gemeinsam neue Technologien aus, wie z.B. diverse Videokonferenz-Tools. Gemeinsam voneinander lernen - das ist Selbsthilfe.

Auch auf die Planung und Organisation unseres Seminarprogramms werden sich die Erfahrungen und Entwicklungen der letzten Monate auswirken. So werden wir künftig unser beliebtes und abwechslungsreiches Seminarangebot durch Webseminare ergänzen, um noch mehr Menschen in Studium und Beruf, aber auch bei außerberuflichen Weiterbildungen erreichen und unterstützen zu können.

So hat die Krise für uns als Verein also auch positive Entwicklungen angestoßen oder vorangetrieben. Dabei wollen und dürfen wir aber nicht vergessen, dass sie für sehr viele unserer Mitglieder sowie andere Menschen mit Behinderung zahlreiche Herausforderungen mit sich bringt, von denen keine einzige trivial ist, sondern - im Gegenteil - oft schwerwiegende Folgen hat. Hier zeigt sich auch der erhebliche Nachbesserungsbedarf für die Politik im Hinblick auf geltende und demnächst umzusetzende Gesetze. Hier werden wir uns weiter einmischen, Aufklärungsarbeit leisten und unsere Interessen nachdrücklich vertreten. Die Politik hat nun die Chance zu beweisen, wie ernst es ihr mit der gleichberechtigten Teilhabe von Menschen mit Behinderungen ist.

Bild: Marianne Preis-Dewey. Foto: DVBS [Marianne Preis-Dewey hat lange braune Haare, die auf einer Seite nach vorne über ihre Schulter fallen. Zur pinkfarbenen Bluse trägt sie eine zierliche Kette mit einem Anhänger in Form eines horus-Auges, goldfarbene Creolen und lächelt. Portraitfoto der Autorin im Polaroid-Stil vor dunkelgrünen Büschen.]

nach oben