horus 2/2020
Schwerpunktthema: "Sport"

Inhalt

  • Vorangestellt
  • Aus der Redaktion
  • Zeitfragen
  • Schwerpunkt: "Sport"
    • Chr. Kaercher: Blindentennis - ein Erfahrungsbericht
    • F. Mehler: "Darf ich bitten?" - Als blinder Tänzer unter sehenden Tanzpaaren
    • T. Weber: Yoga als Weg
    • Dr. M. Giese: Motorische Fertigkeiten von blinden und sehbehinderten Kindern und Jugendlichen - internationale Perspektive und bildungspolitische Konsequenzen
    • S. Nashwan: Auf nach Japan! - Der Sport war ein Türöffner für mich
    • M. Zaumbrecher: Gezielte Talentförderung im Sport - blista wird mit dem Siegel "Schule des paralympischen Leistungssports" ausgezeichnet
    • S. Janatzek: Platte schieben nicht erlaubt: Showdown - ein Sport, der verbindet
    • M.-E. Peter: Pack-Poi - Eine aufstrebende Sportart für blinde und sehbehinderte Menschen
    • R. Narjes: Den Rasselball laufen lassen: Blindenfußball überwindet Grenzen
    • Ph. Weiß: Sportklettern als Freizeitbeschäftigung
    • J. Schäfer: Sportliche "Beiträge" - ein historischer Überblick
  • Beruf, Bildung und Wissenschaft
  • Recht
    • Dr. M. Richter und U. Boysen: Das neue Rehabilitations- und Teilhaberecht nach dem BTHG
    • Erfolgreiche Verfassungsbeschwerde wegen verweigerter Mitnahme eines Blindenführhundes
  • Barrierefreiheit und Mobilität
    • M. Carvalho Rodrigues: Blindenreportage bei Live-Events - Interview mit Florian Schneider
  • Berichte und Schilderungen
    • Dr. J. Bally: Die richtige Stimmung: Intonateur einer traditionsreichen Pianomanufaktur
  • Aus der Arbeit des DVBS
    • M. Preis-Dewey: ...und dann kam die Corona-Krise
    • M. Preis-Dewey und S. Ivanic: Abschluss ohne Schlussstrich: iBoB - ein Projekt mit Folgen
    • N. Bongartz: Durch den Spiegel nach vorn blicken: DVBS-Arbeitsausschuss 2019
  • Aus der blista
    • G. Vecchione: Homeoffice an der blista
    • Firma Help Tech macht's möglich: Neue Ausstattung für die Ausbildungsräume der blista
  • Bücher
    • Th. Büchner: Hörbuchtipps aus der blista
    • Th. Büchner: Buchtipps aus der Braille-Druckerei
  • Panorama
    • SightCity Forum: Online-Konferenz "Wert der Versorgungsforschung"
    • J. Schäfer: Linktipp: Wie erleben blinde Fußballfans die Bundesligaspiele?
    • Universität zu Köln: Neue Internetseite für Erfahrungsberichte
    • Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung: Broschüre: Beratung im Profil
    • Herzlichen Glückwunsch, Brailleschrift!
    • "Silbertelefon" für Ältere - Ein Mittel gegen die Einsamkeit
  • Impressum
  • Anzeigen

Lesen Sie im folgenden einen Auszug aus der Ausgabe. Sämtliche Beiträge des horus 2/2020 werden ab dem 31.08.2020 freigeschaltet. Eine kostenlose Probeausgabe in Print, Braille oder digital erhalten Sie schon jetzt in der DVBS-Geschäftsstelle, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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Zeitfragen

Wir, Corona und die Gesellschaft

Von Uwe Boysen

Wie geht es Ihnen heute? Sind Sie gesund? Haben Sie Angst für sich, für Ihre Familie, für Ihre Arbeit, für Ihr Leben? Sind Sie frustriert?

Natürlich ist es ungewöhnlich, dass hier vor unserem Schwerpunkt noch ein Artikel steht. Aber ungewöhnlich ist ja auch all das, was uns derzeit widerfährt. Deshalb möchte ich Ihnen, den Leserinnen und Lesern, einige Gedankenfragmente vortragen, die es vielleicht verdienen, näher bedacht zu werden.

Eine der Fragen, die ich mir stelle, ist, welche besonderen Auswirkungen die ergriffenen Maßnahmen für Blinde und Sehbehinderte haben. Eine endgültige Antwort verbietet sich natürlich so lange, wie wir voneinander nicht wissen, wie es uns geht. Aber einige Fingerzeige sind doch möglich. Einerseits sind blinde und sehbehinderte Menschen immer in ihrer Mobilität eingeschränkt, so dass uns möglicherweise die jetzt getroffenen Maßnahmen gar nicht so schwerwiegend erscheinen wie den sehenden Zeitgenossen. Andererseits treffen uns die Einschränkungen noch mehr, weil wir vermehrt auf Kontakt und Hilfe angewiesen sind, die jetzt spärlicher werden. Wer sich der modernen Informationstechnik bedienen kann, den wird das nicht so schwer treffen. Aber für diejenigen, die damit nicht oder nur eingeschränkt umzugehen in der Lage sind, dürfte das doch ein wesentlicher Einschnitt sein.

Was können wir tun, um dem entgegenzuwirken? Im DVBS haben verschiedene Fach- und Bezirksgruppen zum Mittel der Telefonchats gegriffen, und das hilft offenbar, Isolation etwas zu lindern. Aber was können wir sonst noch unternehmen? Vielleicht hat sich diese Frage bereits erübrigt, wenn diese Zeilen in gedruckter Form vorliegen. Wenn es aber schlecht läuft, ist die Katastrophe dann schon zum Alltag geworden und die Frage immer noch aktuell.

Was wird nach der Krise in unserer Gesellschaft von diesem massiven Einschnitt übrig bleiben? Schon heute sagen viele Auguren, unsere Gemeinschaft werde nicht mehr dieselbe sein. Das ist aber nur halb wahr. Entscheidend wird es darauf ankommen, was wir aus der Krise zu lernen bereit sind. Psychologen bestätigen uns schließlich immer, dass Krisen auch Chancen enthalten. Eine Erkenntnis ist sicher die Wiederkehr des schon lange tot geglaubten Nationalstaats. Auch wenn er bereits im Sarg der Geschichte gelegen haben sollte, so hat er doch jetzt heftig an dessen Deckel geklopft und seine Wiederauferstehung begehrt. Soll man sich darüber freuen? Bei mir bleibt hier eher ein ungutes Gefühl, wenn Grenzen geschlossen werden und Solidarität unter den Einzelstaaten wieder kleingeschrieben wird, jeder seine eigenen Notstandspakete packt und keine Strategie für übergreifende Schutzmaßnahmen erkennbar wird.

Eine weitere Erkenntnis für mich liegt in der Zwiespältigkeit der Rolle, die die Technik in dieser Krise spielt. Einerseits müssen wir uns von dem vielfach verbreiteten Irrglauben lösen, dass technisch alles beherrschbar ist. Einen Virus kann man nicht mit Computern einfangen, und Computer sind auch kein Ersatz für Lebensmittel oder Toilettenpapier! Andererseits hilft die Technik natürlich, wie schon oben erwähnt, in Grenzen einer Vereinsamung der Menschen entgegenzuwirken. Und dafür darf man ihr getrost dankbar sein.

Wirtschaftlich führen Krisen nach ihrem Ende oder schon während ihres Daseins immer zu einem: Zu einer Konzentration des Kapitals, indem kleine Unternehmen auf der Strecke bleiben, aber die großen in der Lage sind, sich deren lukrative Teile einzuverleiben. Der Staat hat sich zwar gezwungenermaßen vom Fetisch der schwarzen Null verabschiedet und pumpt enorme Mengen von Geld in die Wirtschaft. Es bleibt aber abzuwarten, wem das letztlich wirklich zu Gute kommen wird.

Was bedeutet diese Entwicklung für uns als diejenigen, die erheblich auf Transferleistungen des Sozialstaates angewiesen sind? Bei drastisch steigenden Arbeitslosenzahlen wird es insbesondere für sehbehinderte und blinde Arbeitssuchende schwerer werden, sich in der verschärften Konkurrenzsituation durchzusetzen. Damit ist es durchaus denkbar (und leider nicht unwahrscheinlich), dass neue Verteilungskonflikte aufbrechen werden und das sowohl im Bereich der Arbeitsförderung für Menschen mit Beeinträchtigungen wie im Bereich von Sozialleistungen, etwa dem Blindengeld. Wird die Sozialgesetzgebung einem zu erwartenden Druck im Hinblick auf mögliche Kürzungen solcher Leistungen standhalten? Ich hoffe es, bin aber mangels prophetischer Qualitäten nicht in der Lage, es mit der nötigen Sicherheit vorauszusagen.

Was wir aber auf jeden Fall brauchen, ist etwas, das die Selbsthilfe schon immer ausgezeichnet hat, nämlich ein solidarisches Zusammenstehen für unsere Interessen. Vielleicht ergibt diese Krise ja - trotz manchmal gegenteiliger Zeichen - auch einen neuen Schub für diesen Begriff insgesamt. Dann wäre sie möglicherweise nicht so katastrophal, wie sie sich uns bisher präsentiert.

Abb: COVID-19 hat eine Krise ausgelöst. Abb.: pixabay [Stilisierter Coronavirus aus Flaggen verschiedenster Länder]

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Schwerpunkt: "Sport"

Den Rasselball laufen lassen: Blindenfußball überwindet Grenzen

Von Rasmus Narjes

Wir stehen Arm an Arm - hören, sind angespannt, das Herz rast, der Guide klopft die Pfosten ab, der Schiedsrichter pfeift an - der Schuss - der Ball prallt gegen den Torwart und ...

Riesenjubel! Gehalten! Deutscher Meister! Alle rennen auf unseren Torwart zu und umarmen ihn. Wir hüpfen, singen und tanzen und unser Herz schwebt im größten Fußballhimmel. Der FC St. Pauli Blindenfußball ist gerade Deutscher Meister 2017 geworden, da wir gerade das Penaltyschießen gewonnen haben. Schnell gehen wir aber auch zur unterlegenen Mannschaft, beglückwünschen und trösten sie. Als hätten wir bereits geahnt, dass wir zwei Jahre später, gegen die gleiche Mannschaft, Blista Marburg, das Endspiel der Blindenfußballbundesliga verlieren sollten, ebenfalls nach Penaltyschießen.

Ich bin Kapitän des FC St. Pauli im Blindenfußball, 20 Jahre alt, vollblind, und ich war bei diesen beiden dramatischen Spielen dabei. Bei unserem Meistertriumph habe ich meinen Penalty verwandelt, bei unserer Niederlage zwei Jahre später dagegen verschoss ich - so unterschiedlich können die Gefühlswelten sein.

Was ist Blindenfußball?

Blindenfußball spielt man für gewöhnlich auf einem Kunstrasenplatz, 40 x 20 Meter groß mit Seitenbanden. Wir schießen auf Hockeytore in der Größe von 3,66 x 2,14 Meter. Es spielen vier gegen vier Feldspieler, die nichts sehen dürfen. Dafür sorgt eine Dunkelbrille und Eyepads (Augenpflaster). Auch Personen, die eine starke Sehbehinderung haben, dürfen Blindenfußball spielen, deshalb auch die Augenpflaster und die Dunkelbrille.

Und der Ball? Der rasselt, ist also hörbar. Dafür sorgen Linsen mit Metallkugeln, die im Ball fixiert sind. Der Torwart kann sehen, darf aber seinen Torwartraum, der nur bis zwei Meter vor dem Tor reicht, nicht verlassen. Dazu steht hinter dem gegnerischen Tor ein Guide, der die Stürmer zum Tor ruft, also eine akustische Hilfe für den Torschuss darstellt. An der Seitenbande steht außerdem ein Trainer, der Anweisungen, z. B. für die Taktik, geben kann. Das wichtigste Wort im Blindenfußball ist "Voy!" und heißt auf Spanisch "Ich komme". Die Spieler, die den Ball nicht haben, sind nicht hörbar und müssen sich mit diesem Wort bemerkbar machen.

Wie läuft ein Blindenfußballspiel ab?

Natürlich wird sich zunächst vor dem Spiel aufgewärmt. Dann kontrolliert der Schiedsrichter die Eyepads jedes Spielers, denn alle sollen gleichblind sein. Man schwört sich dann noch einmal im Mannschaftskreis ein - und dann beginnt das Spiel. Unsere Spielzeit sind 2 mal 20 Minuten, wobei alle Spiel-Unterbrechungen gestoppt werden.

Im Spiel sieht man vor allem Dribblings der Spieler; damit wir den Ball gut kontrollieren können, führen wir ihn eng zwischen den Füßen. Mit dem Balldribbling versuchen wir, unsere gegnerischen Spieler auszutricksen und mit Richtungswechseln und schnellen Antritten an der Abwehr vorbei zu kommen, um wenn möglich aufs Tor zu schießen. Ganz wichtig ist aber auch das Passspiel, mit dem wir Ball und Gegner laufen lassen können. Dafür notwendig ist eine sehr gute Kommunikation "Ich bin hier", "Ball kommt", "Hab den Ball sicher", aber auch eine sichere Ballannahme, wenn möglich mit einem Fuß, die jahrelanges Training erfordert. Es ist sehr von Vorteil, wenn man immer genau weiß, wo die Mitspieler sich befinden, sonst nimmt man sich womöglich selbst noch den Ball weg oder behindert sich. Der Guide und der Trainer spielen im Offensivspiel eine entscheidende Rolle, sie sagen z. B., ob der Pass- oder Dribbelweg frei ist, oder wo der Raum sich befindet. Auch Spielzüge können von ihnen angesagt werden.

Für die verbale Defensivarbeit ist vor allem der Torwart zuständig: Er stellt die Abwehr, sagt, wer den Stürmer angreifen soll, oder wo sich weitere Gegenspieler befinden. Im Spiel fallen genauso Tore wie beim Fußball, es gibt aber auch Fouls. Bei einem Vergehen im Sechsmeter-Strafraum gibt es einen Penalty aus sechs Metern, da ist die Torwahrscheinlichkeit schon recht groß.

Das Spiel ist vom ständigen Umschalten von Offensive auf Defensive geprägt, von schnellen Dribblings, Pässen, Freistößen, aber auch von manchmal harten Zweikämpfen zwischen dem Stürmer und dem Abwehrspieler. Es geht körperlich schon zur Sache, aber man lernt dadurch auch, ein gutes Körpergefühl zu gewinnen. Insgesamt treffen beim Blindenfußball die physische Anstrengung, aber auch die Belastung im Kopf, die Konzentration aufeinander. Es gibt so viele Dinge, auf die man bei diesem Sport achten muss. Und natürlich kommt noch die Emotion dazu, bei Siegen wie auch bei Niederlagen - das ist nicht anders als bei anderen Sportarten auch.

Was gibt mir Blindenfußball?

Ich fühle mich frei und kann mich auf dem Fußballfeld total frei bewegen. Mit dem Ball kann ich machen, was ich möchte. Dabei ist es toll, für eine Mannschaft einstehen zu können. Es fühlt sich großartig an, neue Ziele vor Augen zu haben, sich mit der Mannschaft immer weiter zu entwickeln und Erfolge einzufahren. Es stärkt die Persönlichkeit, mit Siegen, aber auch mit Niederlagen im Team umzugehen. Am Ende eines jeden Spiels oder Trainings ist man immer total erschöpft, aber auch glücklich, sich ausgepowert zu haben und seinen Stress richtig abgebaut zu haben. Letztendlich bekomme ich durch Blindenfußball auch viel Selbstbewusstsein, mich im Alltag durchzusetzen und mich zu integrieren - vor allem in der jugendlichen Zeit hat mir das bei den pubertären Mitschülern in der Regelschule sehr geholfen.

Wie bin ich zum Blindenfußball gekommen?

Als ich ungefähr acht Jahre alt war, habe ich angefangen, im Radio die ARD Schlusskonferenz zu hören. Ich fing richtig an, mich für Fußball zu interessieren. Natürlich träumte ich auch davon, selbst den Ball rollen zu lassen. Meine Eltern merkten das und fuhren mit mir nach Hannover zu einem Workshop, den der damalige Bundestrainer leitete. Er zeigte mir das erste Mal den Blindenfußball, danach war ich Feuer und Flamme. Zunächst trainierte ich ein paar Jahre in Niedersachsen, bevor ich mit zwölf Jahren nach Hamburg zum FC St. Pauli kam. Dort lernte ich zum ersten Mal das richtige Blindenfußballfeld kennen, zog Schienbeinschoner an. Meine ersten Turniere folgten, und mit 12 Jahren spielte ich zum ersten Mal Bundesliga, gegen erwachsene Männer. So langsam entwickelte ich mich weiter. 2015 wurde ich Kapitän des FC St. Pauli. In diesem Jahr fragte dann die Nationalmannschaft, ob ich mit zur EM nach England kommen möchte, da so viele verletzt waren, das war natürlich ein Wahnsinnserlebnis für mich. Seitdem bin ich Nationalspieler und nahm bereits an zwei weiteren Europameisterschaften teil. 2017 wurden wir, wie bereits erwähnt, Deutscher Meister und gewannen danach weitere Turniere, aber die eigentliche Hauptsache für mich ist, Fußball spielen zu können und in einem Team zu sein!

Blindenfußball schafft Erlebnisse

Dieser Sport hat mir schon viele Erlebnisse geschenkt. Da wir in der Blindenfußball-Bundesliga spielen, müssen wir zu unseren Spielen durch ganz Deutschland reisen. Zwar wohne ich mittlerweile zum Jurastudium in Hamburg, wohnte aber bis zum Abitur bei meiner Familie in Bispingen (Niedersachsen) auf dem platten Land. Da bin ich durch den Blindenfußball das erste Mal so richtig rumgekommen: Ich lernte kennen, wie man mit der Bahn reist und habe viele Städte wie Marburg, Gelsenkirchen oder Stuttgart kennen gelernt. Die langen Bahnreisen mit der Mannschaft schweißen auch zusammen. Jedes Jahr reisen wir vom FC St. Pauli zum internationalen Turnier nach Tschechien, ich glaube, da waren schon Teams aus 20 verschiedenen Ländern. Da kann man sich mit ganz verschiedenen Menschen austauschen und so viel Neues erfahren. Es wird Musik gemacht, zusammen gefeiert und neue Freundschaften gegründet - der Sport verbindet. Wir haben mit der Mannschaft in weiteren Ländern wie Türkei, Belgien oder Italien gespielt, mein Horizont hat sich dort sehr erweitert.

Außerdem hat mir der Blindenfußball ermöglicht, mich mit Blinden austauschen zu können - vorher hatte ich selten einen blinden Menschen gesehen. Es gab auf einmal gemeinsame Themen, die wir im Team hatten.

Auch mit der Nationalmannschaft hatte ich viele schöne Erlebnisse: 2015, bei meiner ersten EM in England, als 15-Jähriger, da bekommt man schon Gänsehaut. Oder 2017 bei der Heim-EM in Berlin, als hunderte deutsche Zuschauer einem zugejubelt haben - oder 2019, als wir uns in Italien gegen Frankreich einen richtigen Kampf auf dem Feld geliefert haben - und überhaupt, die Nationalhymne singen zu können und Deutschland zu repräsentieren, ist schon etwas Besonderes.

Man darf aber nicht vergessen, wir sind trotzdem nur Freizeitsportler. Ich studiere gerade Jura, versuche aber selbstständig so gut es geht zu trainieren, ob individuell, mit einem Sport-Studenten auf dem Uniplatz oder im Liga-Training. Vor dem Liga-Training komme ich auch gern zur inklusiv trainierenden Basisgruppe. Dort gehe ich gerne mit meinem Trainingspartner Henry aufs Feld und helfe ihm, sich weiter zu entwickeln und zu lernen.

Wenn Teamsport wegen der Corona-Krise nicht möglich ist und alle Sportplätze geschlossen sind, trainiere ich individuell. Es ist für mich einfach normal, beim Spazierengehen mit meinem Bruder den Ball mitzunehmen und so meine Ballfertigkeiten zu trainieren.

Fußball ist eine tolle Sportart, die weltumspannend Grenzen überwindet, Verständigung ermöglicht und einfach Spaß macht. Seid neugierig, rafft Euch auf, probiert aus und... "Lasst es rasseln!"

Zum Autor

Rasmus Narjes gehört zum Team Deutschland Paralympics. Neben Fußball pflegt er noch eine zweite Leidenschaft: Er spielt Orgel und gibt manchmal Konzerte. Sein Linktipp: Die Vereinswebseite http://fcstpauli.info/ mit vielen Infos sowie Video- und Audiomaterial. Der FC St. Pauli ist erreichbar per E-Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Übrigens: Die Blindenfußball-Bundesliga soll am 12. September 2020 in Erfurt auf dem Domplatz wieder starten. Der Finalspieltag ist für den 24. Oktober in Magdeburg geplant. Aktuelle Infos gibt es unter https://blindenfussball.net

Foto 1: Die Mannschaft des FC St. Pauli Blindenfußball mit Trainer Wolf Schmidt (in rotem Shirt links) und Kapitän Rasmus Narjes (5. v. r.). Foto: Stefan Groenveld [Gruppenfoto im Tor.]

Autorenfoto: Rasmus Narjes. Foto: Stefan Groenveld [Rasmus Narjes hat kurze braune Haare und lächelt.]

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Beruf, Bildung und Wissenschaft

"Ich konnte mein Versprechen einhalten" - Interview mit PROJob-Absolvent Tobias Weber

Tobias Weber ist späterblindet. Er ist Psychologe, Yogalehrer und Seminarleiter.

horus (h): Herr Weber, wie sind Sie auf PROJob aufmerksam geworden?

Weber: Im Juni 2019 beendete ich die blindentechnische Grundrehabilitation. Da mir nun viele Berufswege offenstanden, machte ich mir Gedanken, welchen ich einschlagen sollte. Mir wurde bewusst, dass es für meine Entwicklung unbedingt nötig war, mich ausführlich mit meinen Berufsperspektiven auseinanderzusetzen.

Meine Arbeitsagentur hat sich anfangs gesträubt, die Kosten für PROJob zu übernehmen, aber ich habe meiner Sachbearbeiterin versprochen, dass sie mich nach PROJob für immer los sein wird.

h: Wie läuft PROJob ab?

Weber: Zunächst findet ein Profiling statt, bei dem genau geguckt wird, was man kann und wo noch Handlungsbedarf besteht. Die fachspezifischen Kompetenzen werden überprüft, also: Was kann ich? Was weiß ich?

Bei mir war es so, dass ich eigentlich Psychologe bin, mich aber in den letzten fünf Jahren im Yogabereich verwirklicht und mir als Freiberufler etwas hinzuverdient hatte. Auf diesen Gebieten, Yoga und Psychologie, wurden meine Fachkenntnisse systematisch ermittelt.

Besonders dankbar bin ich, dass die Fachkräfte bei PROJob meinen inneren Prozess, eine Berufsidentität zu entwickeln, sehr intensiv begleitet haben. Immer wieder wurde ich aufgefordert, mich mit der Frage "Was will ich in meinem Berufsleben erreichen?" auseinanderzusetzen. Ich sollte Ideen erarbeiten: Was möchte ich als Psychologe machen? Und was möchte ich als Yogalehrer tun?

Als sich allmählich herauskristallisierte, dass ich dazu tendierte, als Psychologe zu arbeiten, wurde meine Identität als Psychologe gezielt aufgebaut. Ich wurde bestärkt und ermutigt, auf diesem Wege weiterzumachen.

Sehr geholfen hat mir außerdem, dass uns behindertenspezifische Kompetenzen sowohl theoretisch als auch praktisch vermittelt wurden, also: Wie fit bin ich auf dem "Blindensektor"? Welche Rechte und Pflichten habe ich als blinder Mensch? Wir erfuhren, was das Integrationsamt macht, wie eine Arbeitsassistenz, unser "denkendes Auge" beantragt und angestellt wird und was man ihr zumuten kann. Außerdem bekam ich die Möglichkeit, eine Braillezeile zu nutzen, um herauszufinden, ob dieses Hilfsmittel für mich geeignet ist.

Auch unsere sozialen Fähigkeiten wurden ausgebaut. Wir waren eine Gruppe von drei sehr unterschiedlichen Teilnehmenden. Das gefiel mir, weil wir alle voneinander profitierten. Mir fällt beispielsweise Smalltalk leicht, aber mir fiel auf, dass das Anderen total schwer fällt und ich konnte ihnen Tipps geben. Ich hingegen habe an meiner Fähigkeit gearbeitet, für Andere ein offenes Ohr zu haben.

Ein großes Thema war für mich, wie man auf menschliche Art kommuniziert, was man braucht. Ich habe an mir gearbeitet, dass ich nicht fordernd rüberkomme, sondern höflich frage.

Das ausführliche Bewerbungstraining war für mich sehr förderlich. Wir verwandten viel Zeit auf das Anschreiben, auf den berühmten ersten Satz, das eigene Auftreten, das durch ein Videogestütztes Feedback sowie eine Image- und Outfitberatung verbessert wurde, auf das Erkunden barrierefreier Jobsuchmaschinen, ...

h: Was fanden Sie besonders gut an PROJob?

Weber: Mir persönlich hat PROJob sehr viel gebracht. Ich fand es toll, dass im Beratungs- und Schulungszentrum Fachleute für Fragen aller Art erreichbar waren. Ich konnte mich bei Bedarf an Rehafachleute für die Bereiche Orientierung und Mobilität sowie lebens- und berufspraktische Fähigkeiten und für EDV- und Hilfsmittelberatung und -Schulung wenden. Die Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen haben mich fachkundig und einfühlsam begleitet und meinen Entscheidungsprozess der Berufsfindung erheblich beschleunigt. Ohne ihren tatkräftigen Beistand hätte ich wahrscheinlich Jahre gebraucht, um so weit zu kommen, wie ich heute bin. Ich habe dank PROJob eine Arbeitsstelle gefunden und konnte tatsächlich das Versprechen, das ich meiner Sachbearbeiterin beim Kreisjobcenter gab, einlösen. Sie ist mich los!

 

Das horus-Interview führte Isabella Brawata.

Infos über PROJob an der blista in Marburg und in Frankfurt gibt es bei
Ute Mölter, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Tel.: 06421 606-500 und
Otfrid Altfeld, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Tel.: 06421 12139

Mehr von Tobias Weber als Yogalehrer gibt es in der Rubrik "Schwerpunkt" zu lesen.

Autorenfooto: Tobias Weber. Foto: privat [Tobias Weber trägt zu einem dunklen Jackett ein helles, blaues Hemd. Er hat hellblaue Augen und einen Bart, sein blonder Pony fällt ihm in die Stirn.]

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