horus 1/2021
Schwerpunktthema: "Wie wir gesehen werden"

horus titelblatt

Titelfoto: Stoppok. Foto: Tine Acke

Inhalt

  • Uwe Boysen: Vorangestellt
  • Aus der Redaktion
  • Schwerpunkt: "Wie wir gesehen werden"
    • Uwe Boysen: "Wie wir gesehen werden" - Ihr Beitrag für unsere Zeitschrift
    • Ministerpräsidentin Malu Dreyer: "Menschen mit Behinderungen sind ebenso vielfältig wie Menschen ohne Behinderungen"
    • Bodo Wartke: Trügerischer Sehsinn
    • Dr. Katarina Barley, Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments: Im Europäischen Parlament ist Diversität selbstverständlicher als in Berlin
    • Dota Kehr: Eine Art lässiges "Drüber-Stehen" über dem unbedeutenden Optischen
    • Ministerpräsident Volker Bouffier: Unser großes Ziel ist es, die Gesellschaft zusammenzuhalten und allen Menschen gleiche Chancen zu ermöglichen
    • Dr. Margot Käßmann: Erleuchtete Augen des Herzens
    • "Ich war als Kind eine gute Traviata": Konstantin Wecker im Interview über seine Leidenschaft für Hunde, über Farben und Musik
    • Jan Metzger: "Es gibt so Vieles jenseits des Sehens"
    • Dr. Gregor Gysi, MdB: Unser Land kann es sich nicht leisten, die Talente von Menschen mit Handicap nicht zum Tragen zu bringen
    • Stoppok: "Musik bekommt eine enorme Kraft und Intensität"
    • Hans-Ernst Böttcher: "Geht das? Und wie!"
    • Dr. Jens Bisky: Wie sie uns sehen
    • Bundesarbeitsminister Hubertus Heil, MdB: Es ist wichtig, dass sich Menschen mit Behinderungen nicht ins Private zurückziehen
    • Dr. Michael Richter: Phänomen oder Pflegefall
  • Recht
    • Andreas Carstens: EDV-Gerichtstag fördert Barrierefreiheit der Justiz
  • Barrierefreiheit und Mobilität
  • Berichte und Schilderungen
    • Uwe Boysen: Widerstand der Verwundbaren - Das Beispiel Otto Weidt und seiner Helfer (Teil 2)
  • Aus der Arbeit des DVBS
  • Aus der blista
    • Thorsten Büchner: "Ziemlich schnell, ziemlich gut" - blista-Judoka Leonie Botzek mit Jugendförderstipendium der Stadt Marburg ausgezeichnet
    • Mathe-Ass Mila Bödeker bei der Mathematik-Olympiade erfolgreich
    • André Tolzmann: Und es hat "Zoom" gemacht - Erste Online Live-Lesung der Deutschen Blinden-Hörbücherei übertrifft alle Erwartungen
    • Gelungener Saisonstart für Noemi Ristau
    • Dr. Imke Troltenier: "Ob es wohl Spaß macht, digital zu schnuppern?"
  • Bücher
    • Thorsten Büchner: Hörbuchtipps aus der blista
    • Wencke Gemril und Jochen Schäfer: Inklusive Kinderbücher zum Lesen und Vorlesen
  • Panorama
    • Ursula Weber: Ein cooles Sommer-Camp in Kranj, Slowenien
    • Deutscher Behindertenrat: Deutscher Behindertenrat begrüßt Vorstoß von Minister Heil zur Erhöhung der Ausgleichsabgabe für "Nullbeschäftiger"
    • Gwendolyn Stilling: Inklusion statt Einsamkeit - Paritätischer legt Teilhabebericht zur Situation von Menschen mit Behinderung vor
    • Jochen Schäfer: Looking at the Stars - Ein brasilianischer Dokumentarfilm
    • DBSV: Nominierungen für den Deutschen Hörfilmpreis 2021 stehen fest
    • "Ich möchte, dass es alles in Braille gibt!" - Botschaften blinder Kinder und Familienmitglieder anlässlich des Welt-Braille-Tages
    • Neues Duo an der Spitze des VBS
    • WBU-ICEVI Generalversammlung 2021
    • Menschen mit Behinderung als Zielgruppe
    • 50 Jahre "Sendung mit der Maus"
  • Impressum
  • Anzeigen
Bis zum Erscheinen der nächsten Ausgabe finden Sie an dieser Stelle Auszüge aus horus 1/2021. Sämtliche Beiträge werden ab 31. Mai 2021 freigeschaltet.
Ein Probeexemplar des horus erhalten Sie bei Bedarf gerne als Printausgabe, in Braille oder als horus digital (Textdateien und Hörversion). Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!; Tel.: 06421 94888-0.

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Vorangestellt

Liebe Leserinnen und Leser, liebe DVBS-Mitglieder,

das Jahr 2020 verabschiedete sich ohne große Knalleffekte. Aber die hatte es ja auch schon seit dem Frühjahr reichlich gegeben. Damit einher gingen neue Begriffe. Corona war nun kein Bier mehr, sondern etwas, das bald Epidemie und dann Pandemie genannt wurde. Ein bis dahin auch in der Juristenzunft fast unbekanntes Gesetz, das Infektionsschutzgesetz, bekam reichlich Aufmerksamkeit. Und neue Abkürzungen wie die AHA-Regel baten um Einlass in unseren Wortschatz.

Die Begriffe werden bleiben und ebenso die Erinnerung an ein Jahr, das vieles in unser aller Leben verändert hat und auch das jetzt angebrochene neue Jahrzehnt weiter prägen wird. Aber lamentieren ist nicht Sache des horus und seiner Herausgeber. Wir sind immer auf der Suche nach neuen Ideen und Aspekten, die diese Zeitschrift weiterhin lesenswert machen. Und da hatten wir uns für Heft 1/21 etwas Besonderes vorgenommen, was ich mir gewissermaßen als Abschiedsgeschenk zu meinem Ausscheiden aus der Redaktion selbst gemacht habe.

Im letzten Jahr hatte ich die Idee, dass die Rubrik "Schwerpunkt" diesmal aus Statements von bekannten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens bestehen könnte. Wäre es nicht spannend, sie nach ihren Erfahrungen mit blinden und sehbehinderten Menschen zu fragen? Daraus entwickelte sich das Projekt mit dem Titel "Wie wir gesehen werden", das wir hier vorstellen. Wir haben dazu im September und Oktober 2020 ca. 60 Personen, die ich ziemlich willkürlich ausgesucht habe, mit dem an der Spitze des Schwerpunktes abgedruckten Brief angeschrieben. Natürlich waren die Reaktionen unterschiedlich. Sie reichten von Schweigen über freundliche Absagen bis zu Ankündigungen, sich den Fragen zu stellen. So ist der bunte Mix des vorliegenden Schwerpunktes entstanden. Die Bandbreite der Antwortenden ist groß. Sie reicht von Politikerinnen und Politikern über Künstler und Künstlerinnen bis hin zu vielleicht weniger bekannten Protagonisten. Meist sind bei den Antworten keine Plattitüden, sondern sehr persönliche Erinnerungen und Reflektionen herausgekommen, die das Lesen lohnen. Ganz bewusst haben wir auch Michael Richter, der als blinder Rechtsanwalt viel in der Republik unterwegs ist, um seine Erfahrungen mit dem Thema gebeten, um den Spieß sozusagen einmal umzudrehen.

Einige Personen hatten Schwierigkeiten, unseren Zeitplan einzuhalten, waren aber bereit, später zu antworten. Deshalb hoffe ich, dass nach diesem Schwerpunkt noch einige weitere Artikel zum Thema entstehen werden.

Dies ist, wie schon angedeutet, die letzte Ausgabe des horus, die ich gemeinsam mit den anderen Redaktionsmitgliedern verantworte. In den 10 Jahren, in denen ich das Vergnügen hatte, der Redaktion anzugehören, haben wir die unterschiedlichsten Themen in den Mittelpunkt der Zeitschrift gestellt. Dabei waren die Diskussionen innerhalb der Redaktion stets von gegenseitigem Respekt, viel Sachkunde und Freundschaft geprägt, was die Arbeit für mich zu einem wirklichen Vergnügen gemacht hat. Dafür allen Beteiligten mein herzlicher Dank. Trotzdem ist es, so finde ich, für mich Zeit, den horus nunmehr eher von der Seitenlinie aus zu beobachten, um hier eine Fußballmetapher einzuführen. Aber auch außerhalb der Redaktion werde ich gelegentlich meine Textverarbeitung bemühen, um Ihnen und Euch kleinere Beiträge zu präsentieren, die hoffentlich Interesse finden. Das wird vor allem für die Rubrik "Vorangestellt" gelten, für die ich gern weiter schreiben werde. So werde ich dem horus weiter verbunden bleiben, was ich auch bei Ihnen und Euch ganz stark hoffe.

Das wünscht sich

Ihr und Euer

Uwe Boysen

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"Ich war als Kind eine gute Traviata":
Konstantin Wecker im Interview über seine Leidenschaft für Hunde, über Farben und Musik

horus (h): Lieber Konstantin Wecker (KW), erst einmal vielen Dank, dass Sie sich von mir interviewen lassen. Haben Sie denn schon einmal etwas vom horus gehört?

KW: Ich habe vor ein paar Wochen von einem jungen 25-jährigen blinden Dichter, Christoph Kornel, einen Gedichtband mit einem ganz tollen Brief bekommen. Mit dem bin ich jetzt in Mailkontakt und habe ihn anlässlich der Interviewbitte gefragt, ob er den horus kennt, was er natürlich bejaht hat.

h: Damit sind wir ja schon beim Thema. Gibt es bei Ihnen Bilder von Menschen, die nicht sehen können? Sind Ihnen auch früher schon welche begegnet? Ist es der blinde Akkordeonspieler am Bahnhof mit der Mütze, oder wer könnte es sein?

KW: Im privaten Kreis gar nicht. Aber im Laufe der Jahrzehnte sind mir natürlich viele blinde Menschen in meinem Publikum begegnet. Und da habe ich großartige Erlebnisse gehabt. Ich bin auch Pate eines Münchener Blindenhundes, den ich sehr schätze. Einmal wurde ich beim Soundcheck von einem jungen blinden Mann gebeten, während ich spiele, am Flügel stehen zu dürfen, um die Musik auch noch mit seinen Fingern am Flügel zu fühlen. Ich glaube, es gibt kaum ein Konzert, wo nicht auch eine blinde Frau oder ein blinder Mann, meist mit Begleitung oder mit einem Hund, da war. Vorher wurde ich oft angeschrieben, ob es mir recht sei, dass Hunde kommen. Und da stößt man bei mir auf viel Verständnis, denn ich bin ein Hundenarr und hätte am liebsten lauter Hunde in meinen Konzerten. Das gilt besonders für Blindenhunde. Außerdem gibt es ja auch noch die Begleithunde.

Ich glaube, einmal hat ein Haus gesagt, bei ihnen dürften keine Hunde rein. Aber von mir aus gibt es da immer ein ganz offenes Ohr.

h: Ich frage jetzt den Dichter, den Literaten, sind Sie auf Blindheit in der Literatur gestoßen? Verbinden Sie damit ein Erlebnis oder, um pathetisch zu sein, eine Erleuchtung?

KW: Schon als Kind bin ich durch meinen Vater, der Opernsänger war, mit italienischer Oper aufgewachsen. Verdi und Puccini waren meine Helden. Als Sopran habe ich noch die ganzen Frauenpartien gesungen. Also ich war wirklich eine tolle Traviata. Mit der Pubertät begann dann mein Sturz aus dem Paradies. Musik habe ich eigentlich fast immer blind wahrgenommen, auf jeden Fall mit geschlossenen Augen. Ich wollte nicht sehen, wenn ich in die Musik vertieft war.

Im Beethovenjahr habe ich auch so einen Brief an Beethoven geschrieben. sein Violinkonzert -

h: Mein Lieblingskonzert!

KW: - habe ich als Zwölfjähriger im Radio gehört.

h: Ich auch, und zwar als Zehnjähriger zu Weihnachten.

KW: Da war ich allein zu Haus und habe begonnen, die Musik in Farben zu sehen. Erst viel später habe ich erfahren, dass einige Musiker alle Töne in Farben sehen. Das war für mich ein unglaublich prägendes und mystisches Erleben. Das müsste es doch auch bei blinden Menschen geben?

H: Ja, davon habe auch ich schon gehört.

KW: Erst in den letzten Jahren habe ich erfahren, dass es auch Musiker gibt, die sich ihre Noten in Farben notieren. Wenn sie dann auswendig spielen, stellen sie sich nicht die Noten vor, sondern Farben. Mir war immer klar, dass auch wir Sehenden mit Grün, Rot oder anderen Farben völlig unterschiedliche Vorstellungen verbinden. Ich glaube, das gilt letztlich auch für unsere Ideen von Menschen. Im Gegensatz zu meiner Frau könnte ich mir nicht einmal meinen eigenen Sohn mit geschlossenen Augen vorstellen. Ich habe also keine Fotos im Kopf.

H: Jetzt möchte ich Ihnen noch diese andere Frage stellen, die wir in unserer Bitte um einen Artikel angesprochen hatten, nämlich, wie es für Sie wäre, wenn Sie nicht mehr sehen könnten.

KW (nach einer etwas längeren Pause): Ich habe keine Ahnung. Manchmal stellt man sich die Frage, was wärst Du lieber, taub oder blind? Als Musiker habe ich mich logischerweise gegen die Taubheit gewehrt. Aber ich habe keine Ahnung. Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Und vielleicht muss man sagen: Ich wollte es mir auch gar nicht vorstellen.

Aber da hat sich in unserer Gesellschaft doch für behinderte Menschen schon viel getan. Ich habe beispielsweise mehrere körperlich schwer behinderte Freunde, und wenn ich überlege - ich bin ab und zu auch in Asien gewesen -, wie sich Menschen in unserem Land bewegen können, dann möchte ich in Bangkok kein Rollstuhlfahrer sein! Diese Vorteile in unserer Gesellschaft gilt es, unbedingt zu bewahren und noch zu steigern.

H: Auch wenn es nicht zu unserem engeren Thema gehört, muss ich doch noch die Klassikerfrage stellen: Was macht und plant Konstantin Wecker gerade?

KW: Für den 24. Dezember (Anm. der Redaktion: Das Interview wurde am 21.12. geführt!) habe ich gerade ein Dankeschönkonzert für die Menschen zum Streamen vorbereitet, die Weihnachten allein sind. Das ist auch für diejenigen, die während der ersten Pandemiezeit so großzügig für meine Musiker, Techniker und sonstigen Begleiter über 60.000 Euro gespendet haben.

H: Wenn Sie noch Fragen haben, dann gern. Aber meine sind ungefähr erschöpft.

KW: Nein, das war ein sehr interessantes Gespräch. jetzt fällt mir aber doch noch eine Frage zur Blindenschrift ein: Ich wurde früher oft gefragt, ob Bücher oder Gedichtbände von mir in Blindenschrift erschienen sind. Ist die Blindenschrift in der heutigen IT-Zeit überhaupt noch ein Thema?

H: Für uns ist das absolut weiter ein Thema. Wenn man sich die Dinge nur noch mit einer Sprachausgabe vorlesen lässt, dann weiß ich z. B. nicht, ob Wecker sich mit "e" oder mit "ä" schreibt. Noch schwieriger wird es bei ungewöhnlichen Fremdsprachen, die möglicherweise von einer Sprachausgabe nicht richtig erfasst werden.

KW: Wenn ich gern hätte, das meine Gedichte in Blindenschrift erscheinen, könnte ich mich dann an einen Blindenschriftverlag wenden?

H: Natürlich. Entsprechende Kommunikationsdaten schicke ich Ihnen gern.

Lieber Konstantin Wecker, für mich, aber sicher auch für unsere Leserinnen und Leser, war das ein sehr interessantes Gespräch. Haben Sie dafür herzlichen Dank!

Das Interview führte Uwe Boysen. Eine Langfassung, bei der Wecker auch über andere Dinge spricht, gibt es demnächst im Podcast des DVBS auf www.podcast.dvbs-online.de.

Zur Person

Der Musiker, Komponist, Schauspieler und Autor Konstantin Alexander Wecker, Jahrgang 1947, zählt zu den bedeutendsten deutschen Liedermachern, die sich, ohne einer Partei anzugehören, politisch engagieren. Einem großen Publikum wurde er in den 1970er Jahren mit dem Album "Genug ist nicht genug" und der Ballade über einen von Rechtsradikalen erschlagenen Freund bekannt. Er arbeitet mit international bekannten Künstlern zusammen und hat mit "Sturm & Klang" ein eigenes Label. Das Weihnachtskonzert 2020 finden Sie auf YouTube. Zu aktuellen Terminen und Projekten siehe https://wecker.de

Bild: Konstantin Wecker, Musiker, Komponist, Schauspieler und Autor. Foto: Thomas Karsten [Portraifoto vor Graffiti-Mauer mit großem roten Farbklecks. Konstantin Wecker trägt ein weißes Hemd und eine graue Schirmmütze. Er hat eine Brille und einen kurzen, grauen Bart und lächelt.]

Weitere Abbildungen: Schattenriss eines Flügels sowie Schattenrisse zweier Hunde. Abb.: pixabay

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Barrierefreiheit und Mobilität

Umsetzung der digitalen Barrierefreiheit an Hochschulen

Von Ursula Weber und Prof. Dr. Gerhard Weber

Einführung

Ronja hat ihr Studium der Psychologie mit Elan begonnen. Sie ist hochgradig sehbehindert, nutzt eine passende Hilfsmittelausstattung und kann diese auch gut bedienen. Die Einführung eines neuen Formulars zur Anmeldung für die nächsten Prüfungen auf einer Webseite lässt sie dann doch an ihre Grenzen stoßen. Was nun?

Selbstverständlich kann sie Kommilitonen bitten oder die Unterstützung einer Assistenzkraft nutzen, um sich für die anstehenden Prüfungen anzumelden. Damit wäre die Barriere umschifft, aber noch lange nicht beseitigt. Sie fragt sich, ist ihre Hochschule dazu verpflichtet, die Barrieren auf Webseiten zu beseitigen? Dazu klären wir im Folgenden die rechtliche Basis und stellen anhand unseres fiktiven Beispiels die Ergebnisse einer Umfrage zur Anwendung der jüngsten Gesetzgebung zur Barrierefreiheit an Hochschulen vor.

Gesetze, Verordnungen und Normen

In Deutschland ist die Barrierefreiheit definiert in § 4 Bundesbehindertengleichstellungsgesetz (BGG): Danach sind "bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informationsverarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen sowie andere gestaltete Lebensbereiche" dann barrierefrei, "wenn sie für Menschen mit Behinderungen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe auffindbar, zugänglich und nutzbar sind."

Die Länder haben diese Definition in ihre Behindertengleichstellungsgesetze übernommen. Hinsichtlich der Bestimmungen zur Barrierefreiheit der Informationstechnik weichen die Vorschriften teilweise jedoch erheblich voneinander ab. Gleichwohl wird hier zunächst die Bundesregelung vorgestellt.

§ 12a des BGB verpflichtet die öffentlichen Stellen des Bundes nicht nur zur barrierefreien Gestaltung ihrer Websites und mobilen Anwendungen, einschließlich der für die Beschäftigten bestimmten Angebote im Intranet der Öffentlichen Stellen des Bundes, sondern auch zur Barrierefreiheit elektronisch unterstützter Verwaltungsabläufe, einschließlich der Verfahren zur elektronischen Vorgangsbearbeitung und elektronischen Aktenführung. Letztere sind schrittweise bis zum 23.06.2021 barrierefrei zu gestalten. Dazu zählt das Gesetz auch die grafischen Programmoberflächen. [1]

§ 12d BGG enthält dazu eine sog. Verordnungsermächtigung, die durch die Überarbeitung der Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV 2.0) erfolgt ist.[2] Darin werden in § 3 die anzuwendenden Standards klar geregelt. Bei der Entwicklung oder Aktualisierung von Angeboten müssen sich Öffentliche Stellen an "Harmonisierten Normen oder Teilen dieser Normen" orientieren, die im "Amtsblatt der Europäischen Union veröffentlicht worden sind". Teile von Angeboten, Diensten oder Anwendungen, die dort nicht abgedeckt werden, sind nach dem Stand der Technik barrierefrei zu gestalten.

§ 7 der BITV 2.0 verlangt in Präzisierung von § 12b BGG ergänzend eine barrierefreie und maschinenlesbare Erklärung zur Barrierefreiheit auf der Startseite und jeder einzelnen Seite einer Website, einschließlich eines zu implementierenden leicht aufzufindenden barrierefreien Feedback-Mechanismus. Anforderungen an den Feedback-Mechanismus sind auf der Website der Bundesfachstelle für Barrierefreiheit abrufbar.[3] Eine anpassbare Mustererklärung zur Barrierefreiheit ist im Anhang des Durchführungsbeschluss (EU) 2018/1523 der europäischen Kommission zu finden.[4]

Deutsche Hochschulen unterliegen allerdings nicht Bundesrecht, sondern dem Recht des jeweiligen Bundeslandes. Aber auch die Länder waren nach der Richtlinie (EU) 2016/2102 über den barrierefreien Zugang zu den Websites und mobilen Anwendungen öffentlicher Stellen[5] zur Schaffung von Barrierefreiheit verpflichtet und haben die Richtlinie in ihren Landesgleichstellungsgesetzen umgesetzt.

Eine Anpassung der BITV auf Landesrecht ist jedoch nur teilweise erfolgt. Eine Liste aller Landesgesetze und Verordnungen ist im Barrierekompass[6] zu finden.

Leider sind nicht nur die Namen der Landesgesetze unterschiedlich, sondern teilweise auch die Inhalte. Eine Barrierefreie-Informationstechnikverordnung existiert beispielsweise in Bayern, in Nordrhein-Westfalen hingegen nicht. In Sachsen wurde das Barrierefreie-Website-Gesetz erlassen. Damit sind trotz EU-Vorgabe die Festlegungen an unterschiedlichen Stellen verortet. Somit muss sich jede Hochschule am entsprechenden Landesrecht orientieren, worauf hier in Gänze nicht eingegangen werden kann.

Wichtig an dieser Stelle allerdings ist darauf hinzuweisen, dass neben Meldestellen des Bundes oder der Länder auch lokale Meldestellen eingerichtet werden können. So ist die Einrichtung einer lokalen Meldestelle in den beispielhaft genannten Ländern geregelt. Zu finden sind die Regelungen für Bayern in § 2 der Bayrischen Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BAyBITV)[7], in Niedersachsen in § 9b des Niedersächsischen Behindertengleichstellungsgesetz (NBGG)[8] und in Sachsen in § 3 des Barrierefreie-Websites-Gesetz (BfWebG)[9]. In denselben Paragrafen sind auch die Rückmeldefristen zu eingehenden Anfragen oder Meldungen geregelt. In Bayern beträgt die Frist sechs Wochen, in Niedersachsen einen Monat und in Sachsen ist "innerhalb einer angemessenen Frist" zu reagieren.

Für Hochschulen heißt dies, den verantwortlichen Stellen müssen diese relativ neuen Regelungen zunächst bekannt gemacht, von ihnen verstanden und dann auch umgesetzt sowie innerhalb der Hochschule verbreitet werden. Erst dann können Studierende auch adäquat beraten werden.

Weil die Frist zur Prüfungsanmeldung schon bald endet, nimmt Ronja gerne das Angebot ihrer Freundin an, sie anzumelden. Da Ronja Mitglied im DVBS ist, wendet sie sich mit der Bitte um Unterstützung an die Mailingliste Studium und Ausbildung. Hier erhält sie den Hinweis, sich an die Beauftragten für Studierende mit Behinderung ihrer Hochschule zu wenden, die insbesondere beim Prüfungsgeschehen Beratung anbieten, einen Überblick über die internen Abläufe haben und die Verantwortlichen leichter identifizieren können.

Digitale Barrieren im Hochschulbetrieb

Ronjas Hochschule hat - wie andere Hochschulen - tausende von Studierenden in einer Vielzahl von Studiengängen mit diversen Verwaltungseinheiten sowie hunderte von Professoren und wiederum tausende von Mitarbeitern, die sich in Forschung und Lehre engagieren. Digitale Barrieren können leicht unbeabsichtigt von jedem einzelnen Hochschulangehörigen entstehen.

Ronja ist zur Anmeldung für die Prüfung verpflichtet, da dies - wie auch Art und Umfang von Prüfungen - durch die Prüfungsordnung und Studienordnung ihres Studiengangs geregelt wird. Diese Dokumente werden im Rahmen amtlicher Bekanntmachungen meist im Format PDF veröffentlicht. PDF Dokumente sind entsprechend dem Stand der Technik barrierefrei, wenn diese dem ISO Standard PDF/UA (ISO 14289-1:2014) genügen.

Die Verwaltung studentischer Prüfungsergebnisse erfolgt an der Hochschule durch das zuständige Prüfungsamt das mit Hilfe von entsprechenden Datenbanken die Anmeldung und evtl. Abmeldung entgegennimmt, die Prüfungsergebnisse einpflegt und den Studierenden in einem Browser zugänglich macht. Barrieren durch die Veröffentlichung von Listen per Schaukasten sind somit durch die Digitalisierung der studentischen Akte leichter überwindbar geworden.

Außer den Verwaltungsabläufen ist die Barrierefreiheit der Lehrmaterialien Grundlage der Vorbereitung auf eine Prüfung. Lehrbücher und Skripte in digitaler Form sind meist als PDF-Dokumente verfügbar. Einige wenige Serviceeinrichtungen an den Hochschulen[10] erledigen die Transkription in ein barrierefreies Format wie HTML oder PDF/UA und erstellen dabei neben mathematischen Formeln in LaTeX für Ronjas Statistik-Vorlesung auch Bildbeschreibungen entsprechend der Fachsprache im jeweiligen Fachgebiet. Manche Dozenten benötigen diesen Service nicht, sie kennen bereits die umfangreichen Möglichkeiten der diversen Textverarbeitungsprogramme, bereiten ihre Texte entsprechend selber auf und stellen diese rechtzeitig zur Verfügung.

Der aktuelle Einsatz von Internet-basierten Diensten macht deutlich, dass der im "Lockdown" fehlende Zugang zum gesprochenen Wort oder zu Flipcharts in Präsenzveranstaltungen die Chance bietet, Videokonferenzen, interaktive Tafelzeichenprogramme und z.B. Online-Prüfungen digital zur Verfügung zu stellen. Studierende im Rollstuhl müssen im Rahmen der digitalen Lehre keine baulichen Barrieren befürchten und hörbehinderte Studierende können Untertitel in Aufzeichnungen von Video-basierten Vorlesungen lesen, sehbehinderte Studierende verfolgen per Vergrößerungssoftware die Videokonferenzen und blinde Studierenden beteiligen sich im Chat per Braillezeile.

Ronjas Professorinnen und Professoren sind auch Wissenschaftler und veröffentlichen ihre Forschungsergebnisse z.B. in Zeitschriften und im Rahmen von Konferenzen. Einige wenige Verlage verweisen auf Anleitungen für die Erstellung barrierefreier Manuskripte zur Einhaltung stilistischer Vorgaben und kontrollieren diese zudem auf die Einhaltung der Standards mit automatisierten Softwarewerkzeugen.

Alle drei genannten Aufgaben der Hochschulen, d.h. Forschung, Lehre und Verwaltung, sind von der Gesetzgebung zu barrierefreien Websites betroffen. Der DVBS hat daher eine Umfrage unter allen öffentlichen Hochschulen zur Umsetzung der Barrierefreiheit entwickelt. Die Ergebnisse der Umfrage stellen wir im Folgenden vor.

Umfrageergebnisse zur Abgabe der Erklärung über die Barrierefreiheit

Die Umfrage unter den Hochschulen wurde per E-Mail an die Rektorinnen und Präsidenten von mehr als 150 Hochschulen Anfang Oktober 2020 gerichtet. Nach einer Erinnerung hatten bis Ende November 51 Hochschulen teilgenommen. Die folgenden Ergebnisse sind also nicht auf alle Hochschulen übertragbar.

Eine Erklärung zur Barrierefreiheit hat 47 Hochschulen veröffentlicht und dem DVBS mitgeteilt. 30 Hochschulen gaben an, den Stand der Barrierefreiheit für die allgemeine Website auch geprüft zu haben. 17 Hochschulen haben zudem einzelne IT Dienste auf Barrierefreiheit geprüft. Nur eine Hochschule gab an, alle Dienste geprüft zu haben.

Die Verantwortung für die Abgabe der korrekten Erklärung zur Barrierefreiheit geben 15 der Hochschulen einer dafür zuständigen zentralen Stelle. Immerhin 22 Hochschulen sehen diese Verantwortung als dezentrale Aufgabe an und neun Hochschulen sehen die Verantwortung nicht nur bei verschiedenen Stellen, sondern auch bei den Lehrenden, d.h. auch den Professorinnen und Professoren.

Die zuständige Überwachungsstelle des jeweiligen Bundeslandes waren 44 Hochschulen bekannt. 19 Hochschulen haben zudem eine lokale Meldestelle eingerichtet

Der DVBS wollte in seiner Umfrage auch wissen, welche Rolle barrierefreie Produkte spielen, die von den Hochschulen meist von privaten Anbietern im Rahmen von Ausschreibungen beschafft werden. Ronjas Problem bei der Prüfungsanmeldung war evtl. schon so eingekauft worden. 37 Hochschulen gaben an, barrierefreie IT-Systeme in den Ausschreibungen zu verlangen, sieben dagegen nicht.

Ronjas Barriere beheben

Mit der Beraterin liest Ronja sich die Erklärung zur Barrierefreiheit des Prüfungsamtes durch und findet den Hinweis, dass die Hochschule einen eigenen Feedback-Mechanismus anbietet, um Barrieren zu melden, intern zu prüfen und zu beheben.

Sie meldet das Problem und - ohne dass ihre Identität preisgegeben wird - es erfolgt die Abstimmung mit der zuständigen Stelle, die bei der Abgabe der Erklärung zur Barrierefreiheit Ronjas Problem nicht erkannt hat. Schnell wird deutlich, dass das digitale Formular noch umgearbeitet werden muss. Im Rahmen des Prüfvorgangs wurde es nicht bemerkt, dass einige Beschriftungen der Formularfelder fehlten, da das automatische Prüfprogramm zwar Websites, aber PDF Formulare nicht prüft und keine Zeit war, alle Formulare manuell zu prüfen. Bis zur Prüfungsanmeldung im nächsten Semester ist diese Barriere behebbar. Danach stellt das Prüfungsamt fest, dass insgesamt die Anzahl der unvollständigen oder fehlerhaften Angaben in Prüfungsanmeldungen zurückgegangen ist und damit weniger Rückfragen notwendig werden.

Der DVBS bedankt sich bei allen, die an der Umfrage teilgenommen haben. Die vielen Kommentare machen deutlich, dass das Thema digitale Barrierefreiheit in einigen Hochschulen angekommen ist und ein Prozess zur kontinuierlichen Bewertung und Behebung von digitalen Barrieren eingerichtet wurde.

Anmerkungen

[1] §4 und §12ff BGG https://www.gesetze-im-internet.de/bgg/BJNR146800002.html

[2] BITV 2.0 https://www.gesetze-im-internet.de/bitv_2_0/BJNR184300011.html

[3] Bundesfachstelle für Barrierefreiheit: Anforderungen an den Feedback-Mechanismus https://www.bundesfachstelle-barrierefreiheit.de/DE/Themen/EU-Webseitenrichtlinie/Feedbackmechanismus/feedbackmechanismus-anforderungen_node.html

[4] Durchführungsbeschluss der europäischen Kommission https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX%3A32018D1523

[5] Richtlinie (EU) 2016/2102 über den barrierefreien Zugang zu den Websites und mobilen Anwendungen öffentlicher Stellen https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX%3A32016L2102

[6] Barrierekompass der Agentur für digitale Barrierefreiheit https://barrierekompass.de/aktuelles/detail/bitv-20-liste-der-landes-gesetze.html?

[7] § 2 und § 3 Bayrische Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung https://www.gesetze-bayern.de/Content/Document/BayBITV/true

[8] §9b Niedersächsisches Behindertengleichstellungsgesetz http://www.voris.niedersachsen.de/jportal/?quelle=jlink&query=BehGleichG+ND&psml=bsvorisprod.psml&max=true&aiz=true

[9] §3 Barrierefreie-Websites-Gesetz

[10] https://www.studentenwerke.de/sites/default/files/ibs_umfrage_2017_umsetzungsdienste_hochschulen_ergebnisse.pdf

Bild: Sehbehinderte Studentin mit Laptop im Hörsaal. Foto: DVBS/Kronenberg

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Aus der Arbeit des DVBS

Arbeitsumfeld für seheingeschränkte Menschen "enthindern"
- E-Learning-Modul "Arbeitsassistenz" geht an den Start

Von Petra Krines

Arbeitsassistenzen sind für viele Menschen mit Behinderung eine wichtige Unterstützung zur gleichberechtigten Teilhabe im Berufsleben. Sie nehmen Beschäftigten mit Behinderung nicht ihre Arbeit ab, sondern unterstützen sie bei der Erbringung ihrer Leistungen. Doch es müssen einige bürokratische Hürden überwunden, Fragen geklärt und Ansprechpartner ermittelt werden, bevor eine Arbeitsassistenz bewilligt werden kann. Hier ist das neue, kostenlose E-Learning-Modul des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf e.V. (DVBS) und von der PRO RETINA Deutschland eine Hilfe.

"Die Arbeitswelt hält viele Barrieren für seheingeschränkte Berufstätige bereit: PDFs können oft nicht von Screenreadern gelesen werden, Websites sind nicht barrierefrei formatiert und der Drucker lässt sich nur über einen Touchscreen bedienen", erklärt Marianne Preis-Dewey, die Geschäftsführerin des DVBS. Auch bei konventionellen Ablagesystemen, handschriftlichen Notizen und Unterschriften kommen blinde und stark sehbeeinträchtigte Berufstätige schnell an ihre Grenzen. "Hier können Arbeitsassistenzkräfte einspringen und das Arbeitsumfeld ‚enthindern‘. Sie helfen zudem bei Mobilitätssicherung in unbekanntem Umfeld, bei der Kontaktaufnahme mit fremden Personen und der organisatorisch-technischen Arbeitsvor- und -nachbereitung, etwa bei einer Präsentation", sagt Markus Georg, Geschäftsführer von PRO RETINA.

Die Lernplattform zur Arbeitsassistenz entwickelten die Selbsthilfeorganisationen DVBS und PRO RETINA, die Barmer GEK förderte das Projekt. Die Plattform lässt sich auch von E-Learning-Laien problemlos nutzen. Komplexe Sachverhalte werden verständlich vermittelt und eine Kursbibliothek mit barrierefreien Dokumenten ergänzt das Angebot. "Wir haben das E-Learning-Modul zur Arbeitsassistenz praxisnah konzipiert. Es bereitet optimal auf den gesamten Prozess von der Antragstellung über die Entwicklung des Anforderungsprofils, die Stellenausschreibung und die Gestaltung des Arbeitsvertrags bis hin zur eigenen Rolle im Arbeitsverhältnis vor. Zudem hilft es bei der Entscheidung, ob der Assistenzgeber als Arbeitgeber auftreten oder ein Dienstleistungsunternehmen beauftragen möchte. Mit vielen praktischen Übungen kann das neuerworbene Wissen vertieft werden", erklärt Klaus Winger, der das Modul maßgeblich entwickelte.

In diesem Jahr soll zudem eine Plattform zum Erfahrungsaustausch für Assistenznutzende und Assistenzkräfte etabliert und im Herbst eine Fachtagung zum Thema durchgeführt werden.

Interessierte erhalten die Zugangsdaten zur Lernplattform über den DVBS, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Telefon: 06421 948880 oder die PRO RETINA, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Telefon:0228 2272170.

Bild: Online-Plattformen bieten ideale Möglichkeiten, zeit- und ortsunabhängig zu lernen. Abb.: pixabay / mmi9 [Zeichnung eines Computerbildschirms, auf dem verschiedene abstrakte Rubriken und zentral die Wörter "Online" und "Learning" stehen.]

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Aus der blista

"Ob es wohl Spaß macht, digital zu schnuppern?"
Tolle Resonanz beim ersten "Info-Zoom für junge Leute” - nächster Termin am 16. März 2021 ab 16.00 Uhr

Von Dr. Imke Troltenier

Die Schnuppertage und Orientierungswochen der blista sind sehr beliebt. Wer sich mit den viel fältigen Angeboten vertraut machen möchte, die genau auf die Bedürfnisse von Schülerinnen und Schülern mit Seheinschränkungen abgestimmt sind, ist auf dem blista Campus richtig.

Wie aber soll das Angebot in diesen pandemischen Zeiten aussehen? Kann das Schnuppern auch auf digitalen Wegen Spaß machen? Was braucht es, damit sich unsere Besucher*innen beim virtuellen Treffen auf dem blista Campus wohlfühlen? Wie erreichen wir die jungen Leute? Ob sie wohl Lust haben, uns online zu besuchen …? An der blista wurde überlegt, diskutiert und getüftelt, es wurden Videos produziert und Konferenzsysteme auf barrierefreie Zugänglichkeit getestet. Dann ging es los.

Die Ankündigung für das neue "Info-Zoom für junge Leute mit Blindheit und Sehbehinderung" klang vielversprechend: "Schulabschluss: Hier geht es weiter! Wenn du dich auf die nächsten Schritte (nach) der Schulzeit vorbereiten möchtest, bist du hier genau richtig. Du kannst die blista online kennenlernen und gewinnst Einblicke in die vielfältigen Möglichkeiten zur beruflichen Qualifizierung. Wer möchte, kann auch gleich mit Ausbilder*innen oder Lehrkräften ins Gespräch kommen …"

Zum angekündigten Termin, am letzten Mittwoch im Januar 2021, war die Spannung groß. Doch nach und nach meldeten sich Teilnehmende aus dem ganzen Bundesgebiet. Ob aus Berlin, München, Ilvesheim oder Hamburg, die meisten klickten sehr versiert, wischten oder navigierten via Sprachsteuerung. Pünktlich um 16 Uhr war die Gruppe auf rund 35 Teilnehmende angewachsen. Die einen waren mit Smartphone unterwegs, die anderen mit Tablet oder PC: Schüler*innen, Auszubildende, interessierte Lehrer*innen, Eltern und Mitarbeiter*innen des Integrationsfachdienstes.

Moderiert von Patrick Temmesfeld, dem stellvertretenden Vorsitzenden der blista, nahm das Treffen schnell Fahrt auf. Wo immer angefragt, wurden Hinweise zur Bedienung sympathisch adressiert und bekannte Kontakte aufgefrischt. In der Vorstellungsrunde berichteten die Teilnehmen den über ihre Interessen und Anliegen, entdeckten ehemalige Mitschüler*innen und verabredeten sich für die nachfolgenden Kleingruppen in den sogenannten "Breakout Sessions".

Auf das lebendige, lockere Kennenlernen im Plenum folgte die Aufteilung in drei Kleingruppen: Martina Dirmeier, Abteilungsleiterin berufliche Schulzweige, stellte die Fachoberschulen auf dem blista Campus vor, Otfrid Altfeld, Leiter des blista-Zentrums für berufliche Bildung, informierte über die sechs unterschiedlichen Ausbildungsmöglichkeiten und Maarten Kubeja, Leiter des dezentralen Internats, über das Wohnen inmitten der quicklebendigen Universitätsstadt Marburg.

Nach der ersten Kleingruppen-Runde mit drei ca. 15-minütigen "Sessions" wurden alle zurück ins Plenum "gebeamt", um sich dort ungezwungen auszutauschen, Tipps und Tricks zur Technik abzufragen und neu zu orientieren. Dann ging es für die meisten mit einer neuen Kleingruppe weiter. Andere blieben mit Moderator Patrick Temmesfeld im Plenum oder kamen dorthin zurück, um die Kleingruppe zu wechseln. Nach weiteren 15 Minuten "beamte" der Moderator erneut alle Teilnehmenden zurück ins Plenum. Wer wollte, konnte sich dann erneut für eine der drei Kleingruppen entscheiden.

Zwei Stunden waren insgesamt für das Info-Zoom angesetzt, die längst nicht reichten. Die allermeisten schnupperten gute drei Stunden. Die finale Resonanz war prima. Auch via Chat funktion kam die Rückmeldung: "Ich bedanke mich herzlich für die tolle Veranstaltung und die vielen Infos!"

An der blista freut man sich über das große Interesse und die gute Stimmung beim "Info-Zoom". Dass sich die Wohngruppen des blista-Internats über die ganze Stadt verteilen, dass man einen guten Fachoberschulabschluss erreichen kann, auch wenn Mathe nicht gerade zu den Lieblingsfächern zählt oder dass die Ausbildung im E-Commerce für kreative junge Menschen genau passt … - viele Informa-tionen waren wirklich neu, es gab jede Menge Fragen und Gesprächsbedarf. Der beste Austausch entstand, wenn die Kleingruppen nicht mehr als fünf Teilnehmende zählten. Es wird nun überlegt, mehr Gruppen anzubieten, zusätzliche Infos zu verlinken und mehr Zeit einzuplanen. Eines steht jedenfalls fest, zum Thema "Schulabschluss: Hier geht es weiter!" wird die blista das nächste "Info-Zoom für junge Leute" schon am Dienstag, 16. März 2021, anbieten.

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Panorama

Ein cooles Sommer-Camp in Kranj, Slowenien

Von Ursula Weber

Alpine Kultur genießen, PC-Kenntnisse vertiefen, internationale Freundschaften schließen und ganz nebenbei die Englischkenntnisse aufpolieren: Das und noch vieles mehr erleben die Teilnehmenden beim jährlich stattfindenden "International Camp on Communication and Computers" (ICC).

Das ICC 2021 startet durch. Nach Camps in Zadar, Kroatien, Hereford, Großbritannien und einem Jahr Zwangspause lädt der slowenische Host 2021 nach Kranj ein. Das Team erwartet vom 14. bis 23. Juli 2021 ca. 60 blinde und sehbehinderte Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 16 bis 21 Jahren und ihre Begleiter aus zahlreichen europäischen Ländern.

Zehn Tage voller technischer, sozialer und kultureller Workshops sowie ein spannendes Freizeitangebot auf dem Areal des Bildungszentrums IRIS in Kranj versprechen ein attraktives Angebot. Da ist für jeden etwas dabei!

Workshops zu internationaler Vernetzung, zu Praktika oder Studium im Ausland, zu Kochen von lokalen Spezialitäten gehören genauso zum Programm wie Workshops zur Audiobearbeitung von Podcasts, Grundlagen zur Screenreader oder Screenmagnifier-Nutzung oder auch die Vorstellung und Einsatzmöglichkeiten von Sprachassistenten. An den Abenden locken sportliche Angebote wie Goalball Spielen, Tandem Fahren oder Schwimmen, sowie Schach spielen, Speed Dating oder Karaoke. Der fest im Programm verankerte Exkursionstag kann z.B. sportliche Aktivitäten wie Klettern bieten, in einen Nationalpark oder ein Instrumentenmuseum führen.

Je nach Austragungsort, aktiven Workshop-Leitern und Möglichkeiten des Hosts variieren die tatsächlichen Angebote jedes Jahr. Kurz vor Beginn des Camps stellen die Teilnehmenden ihr eigenes Programm zusammen.

Auch wenn noch vieles in der Planung steckt, sicher ist: Das Camp findet 2021 statt. Ob - wie geplant - in Kranj, als hybride Veranstaltung oder komplett digital, wird sich zeigen. Grundsätzliche Informationen - auch zu früheren Camps - finden sich auf der Homepage des ICC.

Veranstalter des ICC 2021 ist das Bildungszentrum IRIS für Kinder und junge Erwachsene mit Sehbeeinträchtigung in Ljubljana, Slowenien. Das deutsche Team stellt der Deutsche Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf e.V. (DVBS) zusammen. Camp-Sprache ist Englisch. Die Kosten belaufen sich auf 500 € ohne Anreise, finanzielle Unterstützung ist möglich.

Fragen zu Teilnahmebedingungen, zum Bewerbungsverfahren und zum Ablauf des ICC beantwortet die nationale Koordinatorin Ursula Weber, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Telefon: 0171/12 22 600.

Alle früheren Teilnehmenden schwärmen von diesem coolen Camp. Also: informieren, anmelden und dann im Juli 2021 die Koffer packen!

Linktipps:

ICC-Homepage: https://www.icc-camp.info/

IRIS-Homepage: https://center-iris.si/o-nas/center-iris-en/

DVBS-Homepage: https://www.dvbs-online.de/

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