Barrierefreie berufliche Weiterbildung machen - wie geht das?

Moderation: Petra Klostermann (AZAV-Beauftragte und Contentmanagerin bei der Studiengemeinschaft Darmstadt) und Frauke Onken (iBoB)

Impuls 1: Petra Klostermann: Lernen und Lernmaterialien im Fernunterricht barrierefrei gestalten
1) Wer wir sind

Die Studiengemeinschaft ist eine Fernschule, die von der ZFU zugelassen ist und zum Klett Verlag gehört. Über 200 Angebote stehen zur Verfügung, die von rund 60 000 Teilnehmenden pro Jahr gebucht werden. Insgesamt wurden bereits 900 000 Teilnehmende beschult. Die sgd beschäftigt 150 feste Mitarbeitende und 500 Honorarkräfte. Die meisten Lernangebote sind AZAV-zertifiziert. Die sgd selbst ist durch den TÜV Süd zertifiziert.

Die Angebote der sgd beziehen sich auf folgende Lernbereiche:

  • Schulabschlüsse
  • Wirtschaft
  • Gesundheit und Wellness
  • Tier und Natur
  • Coaching und Psychologie
  • Technik
  • Informatik und digitale Medien
  • Kreative Berufe
  • Allgemeinbildung und Sprachen

Der Verlauf einer Weiterbildung: Jede/r Interessent*in kann sich rund um die Uhr an 365 Tagen online zu einem Weiterbildungsangebot anmelden und hat die Möglichkeit, die Inhalte 4 Wochen lang kostenlos zu testen. Nach Anmeldung erhält man ein Startpaket sowie einen Zugang zum online-Campus und kann mit dem Lernen beginnen. Das Selbststudium ermöglicht ein vollständig flexibles und auf individuelle Bedarfe zugeschnittenes Lernen. Durch den modernen Methodenmix ist eine Wissensvertiefung gegeben. Die Module werden mit Einsendeaufgaben abgeschlossen, die online oder per Post eingereicht werden. Prüfungsvorbereitungen werden in Präsenzseminaren und/oder mit Lernmedien durchgeführt. Die Angebote werden mit einem Zeugnis oder einem Zertifikat abgeschlossen.

2) Die Lernplattform waveLearn

Die Lernplattform waveLearn ist auch als App verfügbar. Sie bietet die Möglichkeit alle Studienhefte online zu bearbeiten. Über sie können die Studierenden direkten Kontakt zu ihren Tutor*innen und dem Kundenservice aufnehmen und halten. Über die Lernplattform können webinare und Seminare gebucht und besucht werden.

Die Plattform bietet auch die Möglichkeit des Austauschs unter den Studierenden in Lerngruppen und Chats. Die Studienhefte werden in folgenden Ausgabeformaten angeboten: pdf, html, E-pub oder als gedrucktes Heft.

3) Ausblick

Die sgd plant zukünftig Alternativtexte für Bilder anzubieten. Sie unterstützt blinde und sehbeeinträchtigte Studierende bei Bedarf bei der Frage des Nachteilsausgleichs bei Prüfungen bei der IHK Darmstadt.

Impuls 2: Frauke Onken: Thesen zu Workshop 5

Barrierefreiheit kann durch einen glücklichen Umstand gelingen - so wie es Frau Klostermann für die sgd geschildert hat. Nebenbei angemerkt: Frau Klostermann hat - sozusagen unter umgekehrtem Vorzeichen - einen Beleg für die These geliefert, dass Barrierefreiheit allen Teilnehmenden nützt!

Aber Barrierefreiheit darf nicht dem Zufall überlassen bleiben! Weiterbildungsinteressierte mit Behinderungen müssen vor Vertragsabschluss die Sicherheit haben, dass sie trotz ihrer spezifischen Bedarfe das Weiterbildungsangebot erfolgreich abschließen können. Es ist eine unhaltbare Zumutung, dass 10 Jahre nach Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention betroffene Weiterbildungsinteressierte ihre Teilnahmevoraussetzungen vielfach noch immer individuell aushandeln müssen. Vielmehr muss Barrierefreiheit ein transparentes, prüfbares und verlässliches Qualitätsmerkmal in der Weiterbildung sein! Um Barrierefreiheit in der Weiterbildung überprüfen zu können, haben wir im Projekt iBoB ein Anforderungsprofil entwickelt, das die Voraussetzungen für die Teilnahme von der Anmeldung, über den Veranstaltungsverlauf bis hin zu den Prüfungen systematisch unter die Lupe nimmt.

Inzwischen haben sich sehr unterschiedliche Bildungsanbieter anhand dieses Anforderungsprofils prüfen lassen. Auch wenn die Prüfergebnisse zur Gestaltung ihrer Dokumente und Webangebote nicht immer schmeichelhaft gewesen sind, hat die Überprüfung den Bildungsanbietern als überraschenden Nebeneffekt eine Reflexion ihrer Prozesse geboten. Aus dieser Zusammenarbeit mit den Bildungsanbietern lassen sich 5 Erfordernisse für die erfolgreiche Umsetzung der Barrierefreiheit festhalten.

  1. Es braucht Willen und Durchsetzungskraft.
    Das Ziel, Weiterbildungsangebote barrierefrei zu gestalten, braucht Rückendeckung durch die Leitungsebene. Andernfalls stehen die erforderlichen Ressourcen nicht zur Verfügung.
  2. Es braucht Zeit und Ausdauer. 
    Nach einem ernüchternden Prüfergebnis, müssen die eingesetzten Dokumente und webbasierten Angebote angepasst werden. Das gelingt meistens nicht auf Anhieb, sondern es braucht mehrere Prüf- und Korrekturschleifen.
  3. Es braucht Personal und Know-How.
    Mitarbeitende müssen sich zusätzlich zu ihrer Fachexpertise Wissen und Fertigkeiten aneignen, um spezifischen Bedarfe gerecht werden zu können. Für die angebotene eLearning-Plattform braucht es weitere, vielleicht andere Webtechniken, Lehrende müssen sich mit Bildbeschreibungen beschäftigen. Neben dem Wissen der Einzelnen, ist oft ein interner Ansprechpartner hilfreich, der sowohl Betroffenen als auch ratsuchenden Kollegen zur Verfügung steht.
  4. Es braucht Kreativität und Geschick.
    Trotz bestem Willen braucht es manchmal alternative Lösungen: Eine Unterschrift auf einem Papierdokument, eine nicht barrierefreie Webinar-Software, eine nicht bedarfsangemessene Prüfungsgestaltung. Viele der erkannten Barrieren lassen sich provisorisch abbauen: Der Vertragsinhalt wird digital zur Verfügung gestellt, die telefonische Einbindung des Teilnehmers ins Webinar oder die Aushandlung eines Nachteilsausgleichs mit der Prüfungsorganisation.
  5. Es braucht Kontinuität. 
    Barrierefreiheit muss in den Abläufen fest verankert werden. "Barrierefrei" muss ein Merkmal bei der Überprüfung der Prozesse werden, die zusätzliche Korrekturschleife für Lehrmaterialien, im Curriculum bzw. der Prüfungsordnung berücksichtigt werden.

Diese 5 Erfordernisse sind mit Sicherheit nicht einfach oder schnell zu etablieren, aber sie sind - so haben wir es im Projekt erlebt - umsetzbar. Mit den entsprechenden Maßnahmen kommen wir unserem Ziel ein wesentliches Stück näher: Teilnehmer*innen sollen nicht dank glücklicher Umstände die Abschlussprüfung bestehen, sondern dank Barrierefreiheit - wie alle anderen - durchfallen können.

Gemeinsame Forderungen des Workshops 5
  • Bei den Bildungsanbietern muss ein positives Leitbild zur Inklusion verankert werden, das auch den Aspekt der Barrierefreiheit angemessen berücksichtigt.
  • Die Devise sollte daher lauten "Mehr Zugänglichkeit" statt nur "Weniger Barriere"; das "Plus" sollte gefordert und gefördert werden.
  • Bisher werden oftmals die finanziellen Vorteile durch Barrierefreiheit hervorgehoben; diese Vorteile sind aufgrund langfristiger Planungen und Umsetzungen aber vielfach abstrakt. Statt der finanziellen Vorteile sind alternative Argumente zu entwickeln und heranzuziehen.
  • Momentan muss der Weiterbildungs-Sektor selbst die Brücke schlagen zwischen monetären und ideellen Aspekten.
  • Barrierefreie Angebote sollten honoriert werden, z. B. durch
    • die Aufnahme von Barrierefreiheit als Qualitätsmerkmal in den AZAV-Kriterien (AZAV: Akkreditierungs- und Zulassungsverordnung Arbeitsförderung),
    • Barrierefreiheit als Ausschreibungs- / Vergabemerkmal auch für Bildungsangebote,
    • spezielle Förderungen,
    • Unterstützung von Anbietern barrierefreier Weiterbildungen.
  • Die Prüfung der Barrierefreiheit ist von zentraler Bedeutung.
  • Die Kommunikation zwischen Anbietern und von Nutzern mit Behinderung muss verbessert werden.
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