Von Gisela Lütgens
Interesse an Tieren wecken
Mein Vater, der wie ich in früher Kindheit erblindet ist, kannte viele Tier- und Pflanzenarten; er hatte ein beeindruckendes Gedächtnis und Vorstellungsvermögen. Sein großes Hobby war das Sammeln von Tierstimmen, die er bei Wanderungen in Niedersachsen, bei Reisen durch Deutschland und europäische, auch fernere Länder mit seinem transportablen Tonbandgerät - später mit einem Kassettenrecorder - aufnahm. Manche Stimme ließ sich in Zoos einfangen, andere auf Schallplatten bekommen. Seine Aufnahmen hat er mit Ansagen versehen und systematisch sortiert, was ohne Möglichkeit der Digitalisierung noch mit manuellem Schneiden und Kleben (Cutterbox) verbunden war. Meine Mutter teilte sein Naturinteresse, und wir Kinder wurden bei Spaziergängen oft auf Vogelstimmen aufmerksam gemacht. Besonders prägten sich mir diejenigen ein, die meine Eltern hörbar beglückten.
Zahlreich waren damals (in den 1960-er Jahren) auch noch Heuschrecken zu hören, von denen wir einige Arten an ihren unterschiedlichen Zirp-Geräuschen zu erkennen lernten. Um eine Heuschrecke einer bestimmten Art auf Band aufnehmen zu können, ließ sich mein Vater von meiner flinken Schwester bisweilen eine fangen, die dann in einer mit etwas Luft gefüllten Plastiktüte nach Haus gebracht und in ein Terrarium gesetzt wurde. Nach gelungener Aufnahme wurde sie wieder freigelassen; bis dahin konnten wir sie aber im Wohnzimmer ab und zu zirpen hören!
Wir hatten nacheinander einzelne Wellensittiche, die jeden Tag eine Zeitlang durch die Wohnung fliegen durften. Gefreut habe ich mich immer, wenn einer mal zu mir kam und auf Kopf oder Schulter landete. Einer ist leider auch mal in unser Badewasser gerutscht, hat es aber gut überstanden. Wenige Jahre hatten wir eine (in Asien heimische) Schamadrossel, die uns mit ihrem flötenden Gesang erfreute. Für sie hielten wir in einem Schraubglas Mehlwürmer, mit denen wir sie – einzeln durchs Gitter gereicht – fütterten. Unsere Schildkröte hat leider den Winterschlaf im Keller nicht überlebt; wir haben nicht erfahren, ob oder wie man es hätte verhindern können. Zeitweise hatten wir in einem größeren Vogelkäfig Zebrafinken und andere Exoten. An sich passt solche mit Transport und Freiheitsentziehung verbundene Haltung nicht zu einem Tierfreund; aber damals hat man sich diesbezüglich – wie auch über die Bedingungen in Zoos – offenbar noch kaum Gedanken gemacht, und für uns als Kinder war es schön, Vögel so nah zu erleben, einen Goldhamster, Feldmäuse, eine Schildkröte anfassen zu können. Für wenige Wochen hatten wir ein Meerschweinchen in Pflege, dessen quiekenden Ruf ich gern imitierte, wie später auch die Rufe manch anderer draußen gehörter Tiere.
Wo es möglich war, hat meine Mutter mich an Tiere herangeführt: einen Hund, einen Igel, eine Amsel, die gegen eine Fensterscheibe geflogen war, eine Kröte, einen großen Käfer, eine Nacktschnecke, ... Klar, es war nicht angenehm, den Schleim einer Schnecke auf der Hand zu haben; aber als blinder Mensch gewinnt man schließlich die beste Vorstellung durch direkte Berührung. Die lockere Herangehensweise meiner Mutter, mein Interesse und das Wissen um die seltene Gelegenheit ließen keinen Ekel, auch keine Scheu aufkommen.
In dem Zusammenhang fällt mir ein tierisches Erlebnis aus meiner Berufstätigkeit in der Braille-Druckerei der blista ein: Eines Morgens kam ein Kollege zu uns, der sein Arbeitszimmer nicht betreten mochte, weil dort - wohl über Nacht - eine Maus hereingekommen war. Verwundert über seine Aufregung ging ich mit ihm zu seinem Büro, wo er mich aus sicherer Entfernung zu der Maus dirigierte. Sie lief gar nicht weg, war offenbar geschwächt und ließ sich leicht von mir in der Hand aus dem Haus bringen.
Weitere Gelegenheiten, Tiere anzufassen, ergaben und ergeben sich in Zoos, auf Bauernhöfen oder bei Freunden. Bei Ausstellungen bedarf es manchmal nur einer Frage, ausgestopfte Tiere auch fühlend bestaunen zu dürfen. Schön ist es auch, den Schnabel, die Lippen oder die raue Zunge eines Tieres zu spüren, das einem aus der Hand frisst, wie beispielsweise ein Alpaka, das ich bei einem Ausflug im Rahmen unseres letztjährigen Seminars der Interessengruppe Ruhestand des DVBS streicheln und füttern konnte.
Von meinen Eltern mit den Lautäußerungen von Garten-, Wald-, Meeres- und anderen Vögeln vertraut gemacht, freue ich mich, dass mein Mann – ein aufmerksamer Beobachter – mein Interesse an der Vogelwelt teilt. In Marburg haben wir manchmal an vogelkundig geführten Morgenwanderungen teilgenommen; so konnten wir die Kenntnisse immer wieder auffrischen. Auf unserer Lieblingsinsel Amrum nehmen wir in jedem Urlaub auch an mindestens einer Führung teil, in deren Mittelpunkt die Vogelarten stehen. Dabei geht es vor allem um Verhalten und optische Merkmale der oft nur durchs Fernglas bzw. Spektiv klar erkennbaren Vögel. Informationen zu den Farben des Federkleids prägen sich mir nicht ein - für mich stehen eben Ruf und Gesang im Vordergrund -, aber es ist schön, die Begeisterung der mitgehenden Kinder und Erwachsenen mitzuerleben. Meine Gedanken an die Insel sind mit beglückenden akustischen Erlebnissen verbunden: Ringelgänse, Feldlerchen, Rotschenkel und Große Brachvögel.
Zugänge zur exotischen Tierwelt
Bevor wir 1998 zum ersten Mal meine Verwandten in Namibia besuchten, haben wir eine Vogelstimmensammlung auf 3 Kassetten erworben. Diese Aufnahmen habe ich auf DAT-Kassetten überspielt, um im Urlaub, in dem ich Mikrofonaufnahmen mit meinem DAT-Recorder machen wollte, darauf zugreifen zu können. Mein Mann hat mir die Liste der Vogelnamen von den Beiblättern in eine Word-Datei abgeschrieben, die ich - in Punktschrift ausgedruckt - mitnehmen konnte. Allerdings wurden keine deutschen, sondern nur englische Namen angesagt, und die Liste enthielt neben den nummerierten englischen die Namen in Afrikaans und Latein. Ein Buch zu den Vögeln Südafrikas konnten wir zwar in Namibia erwerben, bekamen die deutschen Namen aber schließlich erst in einer separaten Liste. Diese ließ ich mir nach unserer Rückkehr diktieren, um auch eigenständig darauf zugreifen zu können.
Meine Verwandten sind mit uns durchs Land gefahren: zu einer riesigen Kolonie südafrikanischer Seebären (ihre Rufe klangen wie eine unvorstellbar große Schafherde), in die Namib-Wüste (trockene September-Hitze, kaum Vögel zu hören, aber plötzlich laut die Landung einer Fliege auf meinem Richtmikrofon) und zu Naturschutzgebieten (in der Etoschapfanne darf man das Auto nur in den eingezäunten Unterkünften verlassen). Die Verwandten und mein Mann haben mir Geräusche vermeidend ermöglicht, die Stimmen der von ihnen beobachteten Tiere aufzunehmen oder einfach alle hörbaren Eindrücke auf mich wirken zu lassen. Enttäuschend waren allerdings Situationen, in denen sie beispielsweise begeistert zig Zebras sahen, die Autofenster öffneten und kein einziges zu hören war. Bei einem späteren Besuch waren wir auf einer Straußenfarm, wo ich den Rücken und dünnen Hals eines jungen Strauß' anfassen konnte! In der Nähe der Küstenstadt Swakopmund bin ich mal auf einem geführten Dromedar geritten, das sich angenehm langsam bewegte. Unvergesslich ist mir auch eine Bootsfahrt, bei der ich einen ans Füttern gewöhnten Seelöwen berühren konnte, der sozusagen neben mir Platz genommen hatte!
Durch Vermittlung meiner Verwandten haben wir eine Gästefarm kennengelernt, auf der wir inzwischen mit vieljährigem Abstand dreimal gewesen sind. Es ist immer wieder etwas Besonderes, sichtgeschützt in der Nähe einer Wasserstelle zu sitzen und - sich allenfalls flüsternd unterhaltend - aufmerksam zu lauschen, ob außer ein paar Vögeln eines der sich nähernden Säugetiere oder etwa in der Ferne ein Pavian ruft. Im Gegensatz zu meinem Vater mache ich meine Tonaufnahmen ohne wissenschaftlichen Anspruch, nur zu meiner Freude und Teils beglückenden Erinnerung. Auf der Farm habe ich in so mancher Nacht bei geöffneten Fenstern aufmerksam in die Stille gelauscht; plötzlich jaulte dann mal ein Schakal, rief ein Perlkauz oder ein mir noch unbekannter Vogel. Ein über die Betten gespanntes Netz sorgte dafür, dass uns keine Mücken piesackten.
Für den Besuch bei Verwandten und Freunden im Staat New York haben wir uns 2006 eine entsprechende Vogelstimmensammlung mit englischen Ansagen besorgt, die immerhin auf CDs erhältlich war, aber wie auch die Vogelbücher in den USA bestellt werden musste. Ich hatte inzwischen einen DAISY-Recorder, habe die CDs auf dessen Speicherkarte kopiert und mit ihm unterwegs auch Tonaufnahmen gemacht. Wie in Namibia hatten wir nicht den Anspruch, viele Vogelstimmen lernen zu wollen. Dies wird ja auch dadurch erschwert, dass längst nicht jeder Vogel, den man sieht, in dem Moment auch singt, dass mehrere gleichzeitig singen oder dass ein gehörter Vogel dem suchenden Auge verborgen bleibt. Ohne Experten musste mein Mann einen unbekannten gesehenen Vogel erst anhand des Vogelbuches bestimmen; aber diese Information erleichterte es mir, später zur Bestätigung den evtl. gehörten Gesang zu finden.
Vogelkundliche Exkursionen
Seit 2012 nehmen wir an Reisen mit vogelkundigem Reiseleiter teil. In dem Zusammenhang haben wir auch einen Vogelimitator, den wir aus Fernsehsendungen kannten, persönlich kennengelernt. Bei seinem Wochenendkurs lenkte er die Aufmerksamkeit der Teilnehmenden in erster Linie aufs Hören, bevor er uns die Stimmen und andere Erkennungsmerkmale der Vögel in der Umgebung unserer Unterkunft nahebrachte. Einmal waren wir mit einem vogelkundigen Reiseleiter in Südfrankreich, sonst aber immer in Deutschland, wo wir zum Beispiel den Spreewald so zu schätzen lernten, dass wir dort im Folgejahr mit Auto und Tandem nochmal allein hingefahren sind und einen schönen Urlaub verbracht haben. Nicht billig, aber sehr lohnend war eine Kahnfahrt ohne Motor durch die schmalen Fließe mit orts- und naturkundigem Kahnführer ohne weitere Fahrgäste! Zu den besonderen Vögeln gehörten dort für mich Pirole.
Im vorigen Jahr hat uns eine Freundin gebeten, bei ihrer Geburtstagsfeier einen kleinen Vortrag über Vögel zu halten. Das habe ich übernommen und die Vogelstimmen dafür zusammengestellt; in Kombination mit den von meinem Mann präsentierten Fotos kam das recht gut an.
Als Rentnerin bin ich 2017 in meine Geburtsstadt Hannover zurückgekommen und wohne mit meinem Mann in der Nähe der Eilenriede, dem großen Stadtwald, durch den wir gern spazieren oder mit dem Tandem fahren. In diesem Jahr hörten wir am ersten März schon eine Singdrossel (sie hat wechselnde Motive, die sie aber jeweils wiederholt), und am vorausgehenden Wochenende zogen hier schon laut rufend Kraniche ostwärts.
Wenn ich einen Pirol höre, denke ich an meinen Vater, der von dessen Gesang unseren Familienpfiff abgeleitet hat. Das Rotkehlchen war der Lieblingsvogel meiner Mutter; meiner ist die Goldammer, aber es gibt viele andere Vögel, über deren Gesang ich mich auch jedes Jahr freue. Leider habe ich manche mir vertraute Vogelarten in den letzten Jahren kaum noch oder gar nicht mehr gehört. Auch Heuschrecken – früher für mich der Inbegriff des Hochsommers – scheint es kaum noch zu geben.
Wir können uns zwar nicht alle Vogelstimmen merken (manche hört man ja auch nur selten), sie aber bei Unsicherheit anhand kommerzieller Aufnahmen finden und verifizieren. Wanderungen mit Gleichgesinnten und Experten bieten viele Gelegenheiten, sich gegenseitig auf gehörte und/oder gesehene Vögel aufmerksam zu machen, falsch Erinnertes klarzustellen und immer wieder etwas dazuzulernen. Ich empfinde mich nach wie vor nicht als Profi, freue mich aber, bei Spaziergängen viele der mich umgebenden Laute den jeweiligen Vogelarten zuordnen und auch mal andere darauf aufmerksam machen zu können.
Im Mai werden wir bei einer von einem Ornithologen geleiteten Reise die Vogelwelt auf Langeoog erleben. Ob dazu auch Große Brachvögel gehören, deren flötenden Gesang ich so gern, in den letzten Jahren auf Amrum aber kaum noch gehört habe?
Zur Autorin
Gisela Lütgens, geb. 1955, war als Internatsschülerin im Landesbildungszentrum für Blinde in Hannover und in der blista in Marburg. Nach 40-jähriger Berufstätigkeit als Korrektorin in der Braille-Druckerei der blista lebt sie nun wieder in ihrer Geburtsstadt Hannover. Zu ihren Hobbies gehört der Gesang in gemischten Chören, wo ihr die im Klavierunterricht vermittelte Kenntnis der Blindennotenschrift das von Nachbarsänger*innen unabhängige Lernen erleichtert.
Bild: Gisela Lütgens sammelt in einem Dünental auf Spiekeroog Eindrücke des herbstlichen Naturschutzgebiets. Auflaufendes Wasser läuft um ihre Schuhe. Sie ist mit Rucksack und Langstock ausgerüstet, hat die Kapuze ihrer roten Windjacke tief ins Gesicht gezogen und spricht in ihr Aufnahmegerät. Foto: privat