Von Peter Beck

Sonja Prinz ist das, was man im Theater-Jargon eine "Rampensau" nennt. Sie ist stets präsent, hellwach und traut sich erst mal ziemlich viel zu. Ihr Hobby ist die Musik, die Gitarre und ihre Stimme. Beides lässt sie gern im privaten Rahmen, aber auch bei Konzerten erklingen.

Die heute 59-Jährige studierte dereinst Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Kassel. Sie merkte rasch, dass ihre Aufgeschlossenheit noch nicht automatisch einen Job generiert. Und so fand sie sich vor vielen Jahren in einer Freiwilligenagentur an ihrem Wohnort Marburg ein, um wenigstens ehrenamtlich tätig sein zu können. Aber auch dort gab es eigentlich nichts. Sonja Prinz war schon am Gehen, als die diensthabende Mitarbeiterin sie fragte, ob sie denn ein Instrument spielen oder singen könne. Beides traf zu und bald fand sie sich in einem Seniorenheim wieder. Dort drückte man ihr ein Liederbuch in die Hand und eine Broschüre über Demenz mit dem vielversprechenden Titel "Die Windel hängt auf der Wäscheleine". Mehr gab's erst mal nicht.

Nicht finden lassen, sondern finden

Im Heim sollte sie nun mit interessierten Senioren singen. Sie ging also an den Tischen entlang, legte jedem und jeder mal die Hand auf die Schulter und begrüßte alle einzeln: "Es ist wichtig, zu zeigen, dass ich da bin; es reicht nicht, mich irgendwo auf einen Stuhl zu setzen und mit dem Singen zu beginnen." Von vielen Liedern kannte sie nur die erste Strophe, mancher Heimbewohner konnte dann mit der zweiten nachlegen und vielleicht kannte auch jemand die dritte und so wurde es ein Ganzes.

Eine Einarbeitung gab es nicht, "Klopfen Sie einfach überall, dann werden Sie schon merken, was gebraucht wird", ließ man sie wissen.

Bedürfnisse sind unterschiedlich

Und Sonja Prinz merkte; zum Beispiel, dass demente Menschen zeitweise in ihrer ganz eigenen Welt leben, dass sie nicht durch logische Argumente von Trugschlüssen überzeugt werden können, sondern dass es sinnvoll sein kann, als Betreuerin eine Zeit lang in eine Rolle dieser Scheinwelt zu schlüpfen. Augenhöhe ist das, und das schätzen die Senioren sehr. "Ich muss in die Lebenssituation eintauchen, damit wir eine Basis haben", sagt Sonja Prinz und nennt ein weiteres Beispiel: Eine demente Dame holte beim Ballspielen immer gern den Ball zurück, wenn er mal weit ins Aus rollte. Irgendwann wollte sie aber nicht mehr und verließ den Raum. Sonja lief ihr nach und sagte, "Ich brauche Sie doch für den Ball", und schon stand die Dame wieder voll Freude auf ihrem Posten.

Zum Singen und Bewegen mit den Heimbewohnern kam irgendwann auch Gedächtnistraining. Vom Erfolg war Sonja Prinz "so positiv vor den Kopf gestoßen", dass sie beim Heimweg prompt gegen einen LKW lief.

Irgendwann wechselte dann das Ehrenamt zu einer Honorarstelle, und schließlich wurde daraus ein richtiger Vertrag. Später zog Sonja Prinz der Liebe wegen nach Stuttgart um, bewarb sich bei der Evangelischen Altenheimat und bekam in einem der Heime eine Stelle. Nach 13 Jahren dort konnte sie nun eine Arbeit in ihrem eigenen Stadtteil finden, die lange Anfahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln entfiel.

"Bei mir darf auch jemand sitzen, der schläft."

Vorgaben hat Sonja Prinz in ihrer Arbeit nie bekommen, bis auf die, dass sie sich aktiv darum kümmern muss, was geht und was gewünscht wird. Und häufig ist das eben Musik und Gesang, aus den Liedern lassen sich leicht kleine Rätsel nach Flüssen, Städten oder Objekten ableiten, die in den Liedern vorkommen, etwa so: Am Brunnen vor dem Tore, drunt am Neckar stot a Bänkle usw. "Wenn einer schläft und irgendwann aufwacht, findet er sich gleich in einer guten Stimmung wieder und kann wieder mitmachen."

Gruppen- und Einzelangebote wechseln sich ab. So gibt es zum Beispiel einmal pro Woche ein offenes Singen für alle Interessierten. Aber Sonja Prinz besucht die Bewohner auch in ihren Zimmern. Dabei merkt sie schnell, ob sie willkommen ist oder nicht; ob den Menschen nach einem Lied zum Mitsingen ist oder ob sie nur eins hören möchten; ob sie nur erzählen wollen oder ein Gespräch suchen. Das alles kommt vor. Rund eine halbe Stunde sind pro Besuch vorgesehen, wenn es länger dauert, dauert es länger. Rechenschaft ist Sonja Prinz niemandem schuldig. Allerdings muss auch sie ihre Besuche dokumentieren, aber nicht so, dass daraus Rückschlüsse auf konkrete Gesprächsinhalte gezogen werden können.

Bindeglied sein

So erstaunt es nicht, dass sich Sonja Prinz als Bindeglied zur Pflege und zur Leitung sieht. Sie bringt deutlich mehr Zeit mit als die Pfleger, die oft genug nur in Eile das Essen bringen oder bei der Körperpflege helfen. Sonja kann dann auch schon mal Wünsche der Bewohner an die richtige Adresse bringen. So findet sie, dass es nicht zeitgemäß ist, die Zimmer immer in einer bestimmten Reihenfolge abzuarbeiten. Wer gern länger schläft, sollte das auch tun können. Wer abends ein Glas Wein möchte, sollte dieses auch regelmäßig bekommen können, ohne dass daraus ein großer Vorgang wird. Und es ist gut, wenn Pfleger und Gepflegte sich möglichst gut verstehen. Auch das lässt sich dokumentieren und die Arbeit entsprechend einteilen: Wenn die Chemie stimmt, profitieren beide Seiten davon. Allerdings geht der Trend woanders hin, beklagt Sonja. Häufig werden Pfleger inzwischen in mehreren Wohnbereichen eingesetzt, zu einer guten Beziehung zu den Bewohnern kommt es so kaum. Gerade demente Menschen haben oft einen Tag-Nacht-Rhythmus, der völlig durcheinander ist. Es sollte möglich sein, dass jemand auch nachts durch die Gänge geistert, wenn ihm danach ist, ohne unwirsch ins Zimmer verwiesen zu werden. Es muss so viel Freiheit für die Bewohner geben wie irgend möglich. Dafür braucht es ein wenig Fantasie: Wer leicht stürzt, kann beispielsweise Protektorenhosen tragen oder auch einen Helm.

Und noch eins ist wichtig, der Kontakt zu den Angehörigen. Wenn ein Mann seine demente Frau besucht, die ihn nicht mehr erkennt, dann kennt der Mann diese Situation nicht und muss von jemandem an die Hand genommen werden. Oft, so Sonja, werden Heimbewohner sehr aktiv, wenn Angehörige zu Besuch kommen. Die emotionale Bindung weckt Kräfte, auch wenn der Verstand nicht mehr realisiert, das ist mein Sohn oder meine Tochter.

Wenn all das eingehalten wird, dann, so ist Sonja Prinz überzeugt, kann auch im Seniorenheim das Altern gelingen.

Wer eignet sich?

Für Sonja Prinz ist die Arbeit im Seniorenheim wie auf den Leib geschneidert. Gefragt, welche Eigenschaften eine blinde Person mitbringen muss, um dort zu bestehen, nennt sie vor allem eigene Initiative und Kreativität. Ein Interessent muss schon musikalisch sein, muss gut vorlesen oder zuhören können. Der Leitung und den Kollegen gegenüber muss klar kommuniziert werden, was geht und was nicht, zum Beispiel dürften Kochgruppen oder Ausflüge schwierig sein. Letzteres ist ein Prozess. Anfangs, so Sonja, war sie unglücklich, dass sie beim Tischdecken oder Stühle rücken nicht wirklich sinnvoll mitarbeiten konnte. Bis ihr dann ihre Chefin sagte "Ich bin froh, dass Sie das nicht können. Denn während die andern noch den Raum gestalten, sind Sie bereits da und bilden den ruhenden Pol für die Bewohner".

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