Ein Interview mit der 84-jährigen Gisela F., die seit vier Jahren in einem Seniorenheim in Solingen lebt. Das Interview führt Anette Bach, Mitglied im Leitungsteam der Interessengruppe Ruhestand im DVBS.
Anette Bach: Liebe Gisela, wir kennen uns durch die Mitgliedschaft in der Interessengruppe und sprechen uns daher mit "Du" an. In Gesprächen über die Bedeutung von Blindheit im Alter fiel uns auf, dass wenig über das Leben von blinden Menschen in Seniorenheimen gesprochen wird. Das holen wir jetzt nach. Danke für Deine Bereitschaft, hier Auskunft zu geben.
Gisela F.: Das mache ich gern. Es ist ja mein eigenes Interesse, nach Möglichkeit diese Fragen in die öffentliche Diskussion zu bringen.
Im Allgemeinen wird der Umzug in ein Seniorenheim als äußerst belastend und unfreiwillig beschrieben. Wie lange lebst Du schon im Heim, und siehst Du blindenspezifische Probleme bei einer so schwerwiegenden Lebensänderung?
Seit vier Jahren lebe ich jetzt hier. Ich bin mit 11 Jahren erblindet. Ich habe durch Studium und Berufsleben bis zur Pensionierung immer ein selbstbestimmtes Leben geführt. Nicht also die Blindheit, sondern meine im Alter zunehmenden körperlichen Einschränkungen erzwangen den Umzug ins Heim. Ich muss mit Gehhilfen laufen, was natürlich das Orientieren mit dem Langstock unmöglich macht und auch die meisten Hausarbeiten, da man als blinder Mensch für fast alle Tätigkeiten ja beide Hände benötigt. Da ich also weitgehend auf Hilfe angewiesen war, hatte ich schon quasi mein selbstständiges Leben verloren. Diesbezüglich war der Umzug in ein Seniorenheim eigentlich keine so große Veränderung mehr. Ich denke sogar, dass ich als "geübte Blinde" einen gewissen Vorteil hatte, weil ich es ja durch mein ganzes Leben gewohnt war, mich in fremder Umgebung zurecht zu finden und zu organisieren.
Der Umzug selber ist durchaus problematisch. Natürlich musste ich alles einpacken lassen. Auch wenn ich selbstverständlich genau angegeben habe, was ich mitzunehmen entschieden hatte, ist doch im Eifer des Gefechtes manches anders gekommen. So habe ich dann doch von Kleidungsstücken angefangen bis zu Büchern, Dokumenten oder lieb gewonnenen Gegenständen am Ende vieles vermisst. Es war mir ja nicht möglich, das Einpacken vollständig zu überwachen.
Erlebst Du, empfindest Du Dich im Heim als anders, als besonders?
Ja und nein. Die alterstypischen Gebrechen unterscheiden mich natürlich nicht von meinen Mitbewohnern. Das heißt, viele sehen schlecht, hören schlecht oder sind vergesslich bis dement. Da ich nicht durchs Haus oder gar den Garten spazieren kann, treffe ich meine "Genossen" nur bei Tisch. Ich habe es also sehr viel schwerer als die anderen, Kontakte zu schließen und Menschen zu finden, mit denen ich Zeit verbringen und persönlich näherkommen möchte. Und viele können sich auch einfach nicht mehr merken, dass sie mich zum Beispiel ansprechen müssen, wenn sie mir begegnen, oder ich sie nur wiedererkennen kann, wenn sie etwas sagen.
Wie ist der Umgang des Personals mit Dir?
Im Großen und Ganzen wie überall und immer in meinem Leben. Da sind Menschen, die sind empfindsam und mit gesundem Menschenverstand gesegnet, die wissen ganz einfach, dass sie mir sagen müssen, dass sie etwas vor mich hinstellen oder dass sie in meinem Zimmer etwas verändern. Aber es gibt halt auch die anderen, die auch nach Jahren volle Kaffeetassen oder Wassergläser irgendwo hinstellen, ohne mir was zu sagen; die den auszufüllenden Speiseplan kommentarlos auf die Fensterbank legen.
Wirklich blöd ist, dass ich so wenig Bewegung habe. Ich könnte mich schon noch auf meinem Flur orientieren, aber das Personal will nicht, dass ich allein herumlaufe, weil ich auf dem Flur gegen abgestellte Gegenstände oder auch gegen andere Menschen, die vielleicht auch unsicher auf den Beinen sind, stoßen kann. Das heißt, ich muss immer warten, bis ich zum Essen abgeholt und wieder in mein Zimmer gebracht werde. Oder auf die Terrasse oder in den Garten oder zu Freizeitaktivitäten. Aber das ist ja bekannt: Es gibt viel zu wenig Personal, die sind also immer in Eile. Da passiert es dann schon, dass ich lange warten muss oder völlig vergessen werde und lautstark an mich erinnern muss.
Wie sieht es aus mit Deiner Beteiligung an Freizeit- und Sportaktivitäten?
Auch da wieder: Kommt ganz darauf an! Wir hatten hier mal eine Ergotherapeutin, die ließ mich bei der Gymnastik nicht mitmachen, weil ich ja nicht sehen kann, welche Bewegungen sie vormacht. Bingo ist natürlich auch nicht so passend. Selbst das gemeinsame Singen setzte voraus, dass sich jemand bereitfand, mir die Liedertexte zu diktieren, so dass ich sie mir in Blindenschrift aufschreiben konnte. Dann aber hatten wir eine, die hat mitbekommen, dass ich ein Kartenspiel mit taktilen Zeichen habe. Da ist sie auf die Idee gekommen, sich für Möglichkeiten für mich einzusetzen, und hat das Angebot von adaptierten Spielen entdeckt. Davon hat das Haus hier dann einige angeschafft. Auch bei der Gymnastik hat sie Wege gefunden. Am schönsten ist es natürlich, wenn ich mit den Leuten zusammen etwas entwickeln kann. Aber da ist eben oft die fehlende Zeit das Hindernis.
Es ist ja ermutigend, wenn man hört, dass mit dem entsprechenden Einsatz und etwas Kreativität vieles möglich ist. Was müsste geschehen, damit diese Erfolge nicht so sehr vom Temperament einer einzelnen Pflegekraft abhängen?
Na ja, sicher wäre es schon gut, wenn es einfach mehr Personal gäbe. Wenn die mehr Zeit haben, können sie natürlich auch mehr machen. Aber ich denke, was sehr wichtig wäre, dass das Thema "Blindheit, Sehbehinderung oder zunehmende Sehverschlechterung" in der Ausbildung eine größere Rolle spielen würde. Die meisten haben eben doch keinen Schimmer, wie man mit dieser Behinderung umgeht.
Denkst Du, dass die Selbsthilfe da eine Rolle spielen kann?
Ja, ich denke schon. Es gibt doch so viele Beratungsangebote und Schulungen für unterschiedlichste Berufsgruppen. Die Selbsthilfe müsste mit diesen Informationen und Schulungsangeboten innerhalb der Altenpflegeausbildungen präsenter werden. Es ist ja doch ein Armutszeugnis, dass eine Altenpflegerin nicht weiß, wie man eine blinde Person führt.
Vielleicht kann man auch unaufgefordert Infomaterial an die Heime schicken und dort vor Ort Schulungsangebote machen. Oft sind dort sehr engagierte Leiterinnen oder Leiter, die durchaus offen für Veränderungen sind.
Vielen Dank für dieses Interview und bis bald!