Von Nina Odenius

Was bedeutet es älter zu werden? Und wie sieht ein erfülltes Leben aus? Diese und andere Fragen haben wir uns in der horus-Redaktion gestellt. Also haben wir beschlossen, jemanden zu fragen, der schon einige Erfahrungswerte in diesem Bereich hat. Der 85-jährige Ehrenvorsitzende des DVBS Dr. Otto Hauck hat uns Rede und Antwort gestanden und spannende Dinge aus seinem Leben erzählt.

Als er 1999 aus dem Richterdienst ausschied, schlugen zwei Herzen in Otto Haucks Brust. Es war nicht die reine Freude auf den neuen Lebensabschnitt, sondern es schwang auch Wehmut mit. Seit 1969 war Otto Hauck als Richter am Landgericht Marburg tätig gewesen. Zuletzt war er Vorsitzender einer Kammer für Handelssachen. "Ich habe meinen Beruf immer als eine erfüllende Tätigkeit empfunden", sagt er heute im Rückblick. "Ich habe es genossen, dass ich meine Arbeitszeit flexibel einteilen konnte. Meine Tätigkeit war sehr verantwortungsvoll, und ich habe es stets geschätzt, dass ich nur an das Gesetz gebunden und in meinen Entscheidungen von fremden Weisungen unabhängig war."

Das Verhältnis zu den Kolleg*innen war stets gut gewesen. Hauck war es wichtig, sich allen Mitarbeiter*innen gegenüber kollegial zu verhalten. So wurden auch die Schreibassistenzkräfte erst sorgfältig eingearbeitet, ohne sie dabei unter Druck zu setzen. Doch hatte der Arbeitsdruck in den letzten Jahren ständig zugenommen. Immer mehr Fälle landeten auf Haucks Schreibtisch, und auch die Rückenschmerzen nahmen aufgrund der sitzenden Tätigkeit immer mehr zu.

Er freute sich auf den neuen Lebensabschnitt. Nun würde er mehr Zeit für die Familie und seine Hobbys haben. Und davon gab es genug. Haucks große Leidenschaft ist bis heute die Geschichte - eigentlich sein Wunschstudienfach, aber am Ende war es dann doch Jura geworden, weil für einen blinden Historiker die Berufsaussichten zu gering waren. Zu seinen Hobbys zählen auch Literatur, Musik (insbesondere von der Renaissance bis zur Klassik) oder das Schachspielen. Nicht zu vergessen natürlich auch die zahlreichen Ehrenämter in der Blindenselbsthilfe. Also langweilig würde es ihm im Ruhestand nicht werden.

Auf in die weite Welt

Dieser Meinung waren auch Frau und Tochter, die den Ehemann und Vater am dritten Tag im Ruhestand mit einer zweiwöchigen Reise nach Malta überraschten. "Sie hatten wohl Angst, ich würde in ein Loch fallen, so ganz ohne Arbeit", erinnert sich Hauck schmunzelnd. "Dabei hatte ich immer schon die wunderbare Eigenschaft, gut loslassen zu können. Auch als ich noch berufstätig war, konnte ich im Urlaub immer gleich abschalten. Ich habe meinen Kolleg*innen nie meinen Urlaubsort verraten, damit mich niemand mit dienstlichen Angelegenheiten in meiner Freizeit behelligen konnte. Meine Kinder sagten immer: "Jetzt haben wir wieder unseren Urlaubspapa."

Das Reisen war immer schon ein wichtiges Element im Leben von Otto Hauck. Zwei bis dreimal im Jahr ging es mit der ganzen Familie auf Tour ins In- und Ausland. Dabei war es Otto Hauck immer ein Anliegen, die Kultur des jeweiligen Landes kennenzulernen. Dazu gehörten landestypische Gerichte und Getränke genauso wie die landestypische Musik. Die Reisen führten Otto und Elisabeth Hauck beispielsweise nach Peking und zur Chinesischen Mauer, zu den Gletschern in Alaska, nach Island zu den Geysiren oder nach Indien. Auch Kreuzfahrten auf dem Atlantik und dem Pazifik sowie eine Schifffahrt auf der Donau standen in den vergangenen Jahrzehnten auf dem Reiseplan des Ehepaars. Für eine Reise nach Ägypten erlernte Elisabeth Hauck sogar Hieroglyphen, um ihrem Mann die Inschriften auf den Wänden von Tempeln und Gräbern vorlesen zu können. Mit Ehefrau und Sohn ging es außerdem mit dem Wohnmobil auf drei großen Schleifen kreuz und quer durch Frankreich. Konzert- und Opernbesuche in Verona, Bayreuth und New York waren ebenfalls Highlights für den Musikliebhaber.

Eine Reise nach Syrien ist Otto Hauck besonders in Erinnerung geblieben. "Wir haben das Land zwei Jahre vor Ausbruch des Bürgerkriegs besucht. Somit hatten wir das Glück, die Städte Aleppo und Palmyra in ihrem ursprünglichen Zustand erleben zu können."

Sein Interesse an Kunst und Kultur war immer schon groß. So besuchte Otto Hauck nicht nur viele Museen in Deutschland, sondern auch im Iran, im Vatikan oder New York. Ein Unterschied fällt auf: In Deutschland ist das Berühren der Kunstgegenstände für blinde Menschen oftmals nicht oder nur sehr eingeschränkt erlaubt. Im Ausland ist das anders, berichtet Otto Hauck. "In Deutschland habe ich jahrelang dafür gekämpft, dass wir Blinde in Museen die Kunstwerke anfassen dürfen, und mich mit der ein oder anderen Museumsleitung deswegen gestritten", erzählt er. "Im Ausland heißt es, dass die Kunst für alle Menschen da ist und selbstverständlich auch berührt werden darf."

Ehrenamtliches Engagement

Eine große Rolle in Otto Haucks Leben spielt bis heute das Engagement im Ehrenamt. Seit 1971 ist er in der Blindenselbsthilfe aktiv, gründete die Fachgruppe Jura im DVBS und wurde zum Vorsitzenden der Bezirksgruppe Hessen gewählt. Ab 1974 war er Vorstandsmitglied des Vereins. Ab 1975 war Otto Hauck Mitglied im Vorstand beziehungsweise Verwaltungsrat der blista. Von 1979 bis 2004 war er erster Vorsitzender des DVBS. Die Geschicke des Vereins sollte Hauck jahrzehntelang maßgeblich prägen. Seine ehrenamtliche Tätigkeit hat er zwar mittlerweile reduziert, ist aber weiterhin aktiv. "Auch im Alter möchte man etwas Sinnvolles zu tun haben", sagt der heute 85-Jährige. "Gerade wenn man sich mit der Gesetzgebung beschäftigt, muss man einen langen Atem haben. Da kann die Umsetzung schon mal 20 Jahre dauern." So war es zum Beispiel beim gesetzlichen Anspruch auf Arbeitsassistenz, für den sich Otto Hauck stark gemacht hatte. Der "Arbeitskreis Nachteilsausgleiche", der sich mit Grundsatzfragen der Behindertenpolitik befasst, war erst zwei Jahre vor Haucks Ruhestand gegründet worden.

Auch heute noch nimmt der Ehrenvorsitzende des DVBS regelmäßig an den Vorstandssitzungen teil und kümmert sich um den Vereinshaushalt sowie die Gemeinschaftsstiftung.

Ein Leben in Gemeinschaft

Das Ehepaar Hauck hatte sich zu Studentenzeiten in Marburg kennengelernt. Die Grundpfeiler ihrer Partnerschaft und Ehe sind Liebe und Vertrauen, erzählt Hauck. "Für uns ist auch der christliche Glaube ein wichtiger Bestandteil des Lebens", fügt er hinzu. "Es ist gut zu wissen, dass man im Leben nicht alles allein richten muss und es mit Gottes Hilfe immer weiter geht."

Dem Älterwerden müsse man mit Geduld und Gelassenheit begegnen, so Hauck. Auch im Alter gibt es viele Dinge, die Freude bereiten. Jeder Tag beginnt im Hause Hauck mit etwas Morgengymnastik. Auch Saunabesuche gehören für Hauck zu den Freuden des Lebens dazu. Ein Glas Wein oder Bier darf zu manch gutem Essen nicht fehlen. "Ich esse, was mir schmeckt, aber davon nicht zu viel. Auch im Alter sollte man auf seine Ernährung achten", betont Otto Hauck.

Bei Sportübertragungen im Fernsehen von Biathlon und Fußball ist Otto Hauck stets dabei. Auch Dokumentationen, wie zum Beispiel über den aktuellen Stand der Restaurierung der abgebrannten Pariser Kathedrale Notre Dame, interessieren ihn.

Manchmal stehen auch Treffen mit dem Freundeskreis Marburg/Northampton auf dem Programm. Dorthin verbindet die Haucks eine jahrzehntelange Freundschaft. "Ehrlich gesagt waren Fremdsprachen nie so richtig meine Stärke", erzählt Otto Hauck. "Zum Glück spricht meine Frau gut Englisch und Französisch, was uns auf unseren Reisen in alle Welt so manches Mal weitergeholfen hat. Aber am Ende ist es wichtig, den anderen Menschen zu achten, auch wenn man seine Sprache nicht versteht."

Erinnerungen als Gewinn

Im Alter sei es wichtig, sich an die schönen Dinge im Leben zu erinnern, aber die negativen Erfahrungen nicht zu verdrängen, erläutert Otto Hauck. "Für mich und meine Frau sind unsere gemeinsamen Erinnerungen ein großer Gewinn", betont er. "Wir sitzen oft abends zusammen, lesen in unseren Reisetagebüchern, trinken ein Glas Wein, essen etwas und hören dazu die Musik aus dem jeweiligen Reiseland. So rufen wir uns die Ereignisse und Begegnungen unserer Reisen und unseres gemeinsamen Lebens wieder in Erinnerung und profitieren erneut davon. Das macht uns auch im Alter sehr zufrieden."

Zur Person

Dr. Otto Hauck ist promovierter Jurist und war von 1969 bis 1999 als Richter am Landgericht Marburg tätig. Seit 2004 ist er Ehrenvorsitzender des DVBS. Er wirkte 30 Jahre lang in der horus-Redaktion mit und trug zur Neuorientierung des DVBS in Richtung der beruflichen Teilhabe von blinden und sehbehinderten Menschen bei. Für sein Engagement in der Blindenselbsthilfe wurde er u.a. mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse ausgezeichnet.

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