Von Christine Beutelhoff

Es gibt Rentner und Rentnerinnen, Pensionäre und Pensionärinnen, die verbringen den Winter auf Gran Canaria und braten dort in der Sonne. Das ist nichts für mich. Ich brauche eine sinnvolle Aufgabe.

Ich hatte mich auf meine Pensionierung gefreut, konnte ich doch nun endlich zusammen mit meinem Mann die Welt bereisen. Dieses Glück war mir fast zehn Jahre lang beschieden, dann wurde mein Mann krank. Ich habe meinen Mann bis zu seinem Tod gepflegt, konnte ihn immer weniger allein lassen, und beschloss, um den Kontakt zur Außenwelt nicht ganz zu verlieren, mir eine Aufgabe zu suchen, die ich von zu Hause aus bewältigen konnte. Da fiel mir das Thema barrierefreie Haushaltsgeräte wieder ein. Bei einem virtuellen Stammtisch der DVBS-Bezirksgruppe Hessen sprach ich das Thema an und fand sofort Zustimmung und tatkräftige Unterstützung von Daniel Eiffert und Heike Wald.

Da ich mir bereits während der Krankheit meines Mannes eine Aufgabe gesucht hatte, fiel ich nach seinem Tod nicht in so ein großes Loch. Der Verlust wiegt zwar noch immer schwer, aber die Aufgabe hält mich nun lebendig. So habe ich dann nach dem Tod meines Mannes auch wieder begonnen zu reisen und gleich zwei größere Veranstaltungen besucht.

Internationale Funkausstellung (IFA)

Ich fuhr zusammen mit meiner sehenden Bekannten Manuela Wich am 5. September 2022 zur Internationalen Funkausstellung nach Berlin.

Die Designer der großen Firmen, wie z.B. Miele, Siemens oder Bosch, setzen ausschließlich auf Digitalität. Touchscreen und Smart Home sind die Zauberworte: Sie brauchen Ihre Rollläden nicht mehr selbst zu bedienen. Sie brauchen nicht mehr in den Keller zu gehen, um Ihre Heizung anzustellen. Für die Küche und die normale Hausarbeit fehlt nur noch der Roboter, der diese stupiden Arbeiten für Sie erledigt. Sie können sogar aus der Ferne Ihre Kinder im Haus einschließen ...

Hier sei eine wahre Begebenheit erzählt: In Berlin gab es einen größeren Blackout. Dieser dauerte ca. zwei Stunden. Bei Familien, die Smart Home besaßen, konnte es schon einmal bis zu zwei Tagen dauern, bis sie ihr eigenes Heim wieder verlassen konnten. Warum? Die Firma, die das System wieder flott machen konnte, war nur schwer zu erreichen, weil sie zu wenige Mitarbeitende hatte.

Übrigens, ca. 20% der Bevölkerung benachteiligt diese schöne neue digitale Welt ganz erheblich: Sie können Geräte, die nur mit Touchscreen versehen sind, schlichtweg überhaupt nicht mehr bedienen. Sie können in keinem Hotel übernachten. Sie können sich keine Wohnung mieten, in der eine moderne Einbauküche vorhanden ist. Ja, selbst in einer modernen Seniorenresidenz dürfte es schwierig werden, bedienbare Geräte zu finden. Motorisch eingeschränkte Menschen, blinde und sehbehinderte Menschen werden sich dann nichts mehr bestellen können. Sie müssen buchstäblich verhungern und verdursten, es sei denn, sie nutzen Alexa. Es wird auch schon mit Robotern in der Krankenpflege experimentiert.

Das Thema Nachhaltigkeit und Energiesparen war auf der IFA allenfalls ein Randthema, das von Start-ups in den Fokus genommen wurde.

Mir ist auch aufgefallen, dass die großen Firmen sich fast ausschließlich durch Männer repräsentieren ließen. Offensichtlich werden auch Haushaltsgeräte mehrheitlich durch Männer entwickelt, denen der Sinn für das Praktische fehlt. Wer braucht ein Gerät, das den Barcode scannt, um die richtige Waschmittelmenge zu dosieren? Stattdessen wäre es doch wirklich wichtiger, energiesparende, langlebige, funktionstüchtige, einfach zu bedienende Geräte zu entwickeln, die sich auch reparieren lassen.

Kann es sich eine reiche Gesellschaft wie die unsrige wirklich leisten, 20% der Bevölkerung auszuschließen? So ist es beispielsweise technisch durchaus ohne großen finanziellen Aufwand möglich, Geräte zu produzieren, die sowohl über einen Sprachchip verfügen als auch haptisch zu bedienen sind.

10. Tag der Menschen mit Behinderungen

Über den DVBS erfuhr ich vom "10. Tag der Menschen mit Behinderungen", der am 23. September 2022 im Hessischen Landtag stattfinden sollte. Gastgebende waren die Landtagspräsidentin Frau Wallmann, die Behindertenbeauftragte Frau Esser und der Sozialminister Herr Kai Klose. Das Thema lautete: "Wohnen, Leben und Digitalisierung - aber bitte barrierefrei".

Ich meldete mich zusammen mit meiner Assistentin Manuela Wich an und nach ca. 14 Tagen erhielt ich eine positive Rückmeldung. Natürlich hatte ich mich sehr gefreut, versprach die Einladung doch, dass wir Behinderte dort ein Forum für unsere Belange finden würden und dass wir Gelegenheit erhalten sollten, mit Politikern und Politikerinnen ins Gespräch zu kommen.

Wie war gewährleistet, dass unser Thema "Barrierefreie Haushaltsgeräte" dort angemessen zur Sprache kommen könnte? Mir schien es am sinnvollsten, wenn ich die Landtagsabgeordneten meines Landkreises vorab durch ein Statement informieren würde. Also bat ich Daniel Eiffert, mir die Adressen der Abgeordneten der CDU, Bündnis90/Grüne, FDP und SPD herauszusuchen. Ich schrieb dann Mails an diese Parteien.

Von der FDP-Landtagsabgeordneten Frau Wiebke Knell erhielt ich die Antwort, sie wisse gar nicht, dass so ein Tag im Landtag stattfindet. Sie habe Termine im Schwalm-Eder-Kreis. Sie nannte mir den sozialpolitischen Sprecher der FDP. Vom Büro der Landtagsabgeordneten Frau Ravensburg erhielt ich den Hinweis, mich mit ihrem sozialpolitischen Sprecher der CDU, Herrn Max Schad, in Verbindung zu setzen. Dem habe sie meine E-Mail weitergeleitet. Von Herrn Rudolph, Fraktionsvorsitzender der SPD, erhielt ich eine Mail, er sei an diesem Tag nicht im Landtag.

Besonders eifrig kümmerte sich Christiane Rössler, Sekretärin vom Büro des Grünen Landtagsabgeordneten Daniel May. Er sei zwar nicht zuständig, weil er schulpolitischer Sprecher sei, aber das Thema sei sehr wichtig. Er empfahl mir, mich an die Landtagsabgeordnete Frau Brünnel zu wenden. Frau Brünnel bat mich dann durch das Büro, unbedingt Kontakt mit ihr aufzunehmen, sobald ich im Landtag sei.

Das machte mir Mut. War da doch zumindest eine Person, die sich für unser Thema interessierte.

Als wir im Landtag eintrafen, war ich zunächst einmal enttäuscht. Für uns hatte man ein Zelt aufgebaut, da der Plenarsaal besetzt war. Auch die Anzahl derjenigen Behinderten, die sich eingefunden hatten, um ihre Interessen zu vertreten, war überschaubar. Es waren ca. 150 Menschen gekommen. Von 110 Landtagsabgeordneten waren ganze zwei anwesend.

Meine Begleitung und ich hatten in der zweiten Reihe Platz genommen. Nachdem wir von der Landtagspräsidentin und der Behindertenbeauftragten begrüßt worden waren, hörten wir ein kurzes Impulsreferat. Danach gelang der Moderatorin eine sehr gute zielführende Diskussion um das Thema Wohnen. Wir wurden aufgefordert, unsere Forderungen an die Politik zu formulieren und Lösungsvorschläge zu artikulieren. Dabei sollten immer fünf Menschen auf die Bühne kommen.

Ich betrat auch die Bühne und nannte unsere Forderung, die Haushaltsgeräte nach dem Zwei-Sinne-Prinzip herzustellen. Dies müsse gesetzlich verankert werden. Dabei ist es wichtig, Betroffenheit zu erzeugen. So brachte ich z.B. das Beispiel mit der Kaffeemaschine, die nur mit Touchscreen zu bedienen ist. Bei dem Satz: "Stellen Sie sich nur einmal vor, Sie haben eine Augen-OP und sind für 14 Tage blind und können nicht einmal ihren Lieblingskaffee kochen", konnte man die Empathie aller im Raum spüren. So wurde unsere Forderung, wie auch die der anderen Behinderten, auf einer Tafel festgehalten.

Aber auch ich habe an diesem Tag viel gelernt. Dachte ich doch bisher, dass barrierefreies Bauen für öffentliche Gebäude selbstverständlich sein müsste, so erfuhr ich dort, dass es sich bisher lediglich nur um Empfehlungen handelt, gesetzlich verpflichtend ist es nicht. D.h. wenn es zu teuer wird, wird es eben gestrichen. So wurde die Forderung aufgestellt, dass es einklagbar sein muss, wenn Zugänge nicht barrierefrei sind.

Am Nachmittag ging es dann um Digitalisierung. Obwohl man sich in den hessischen Ministerien schon seit 2016 mit diesem Thema beschäftigt, ist man da immer noch zu keinen befriedigenden Ergebnissen gekommen. Andrea Katemann wies darauf hin, dass die blista Behörden berät, wie sie ihre Internetseiten barrierefrei machen können.

In der Mittagspause konnte ich Frau Brünnel, MdL Bündnis90/Grüne, und Herrn Schad, MdL CDU,  die Problematik des Touchscreens für Blinde, hochgradig Sehbehinderte und Mobilitätseingeschränkte nahebringen. Frau Brünnel versprach, mit mir in Kontakt zu bleiben. Herr Schad hat mir außerdem empfohlen, mit dem Europaabgeordneten Prof. Simon Kontakt aufzunehmen.

Ich bin nun auf das Protokoll gespannt, das die Teilnehmenden erhalten sollen.

Fazit: Es wurde auf Augenhöhe respektvoll diskutiert.

Man darf gespannt sein, wie die Politik mit unseren Forderungen umgeht.

Bis jetzt habe ich kaum etwas gehört. Mein Vorteil besteht darin, dass ich als Pensionärin Zeit habe. Ich werde also nicht lockerlassen und bei den Politikern und Politikerinnen nachfragen. Ich bin optimistisch; denn in Hessen wird dieses Jahr gewählt.

DVBS-Arbeitsgruppe "Barrierefreie Hausgeräte"

Seit dem 12. Oktober 2021 gibt es im DVBS nun auch unsere Arbeitsgruppe "Barrierefreie Hausgeräte". Zum Leitungsteam gehören Daniel Eiffert, Birgit Kaiser und ich.

Wir veranstalten jeden 2. Mittwoch im Monat ab 20 Uhr eine Telefonkonferenz zu einem Schwerpunktthema. Themen und Termine finden sich auf der DVBS-Internetseite www.dvbs-online.de. Außerdem haben wir eine Mailingliste eingerichtet. Wer sich für die Mailingliste registrieren möchte, wende sich in der DVBS-Geschäftsstelle an Willi Gerike (E-Mail: gerike@dvbs-online.de).

Es gibt eine Zusammenstellung nützlicher Hilfsmittel unter www.pinwand-online.de. Die Seite wird von Manfred Winkler betreut. Die meisten Tipps erreichten uns von Christian Gerhold (Schulungsbereich Orientierung und Mobilität sowie Lebenspraktische Fähigkeiten der blista). Damit diese Liste wirklich lebt, bitten wir alle, die nützliche Hilfsmittel oder barrierefreie Geräte kennen, diese einzustellen und zu kommentieren. So können wir einander erst einmal helfen. Bitte senden Sie eine E-Mail an Christine Beutelhoff (chrilubeu@t-online.de).

Wir legen großen Wert darauf, dass wir uns möglichst breit vernetzen. Deshalb möchten wir als nächstes Universitäten und Fachhochschulen etc. für unsere Herausforderungen sensibilisieren. Wir möchten erreichen, dass das Zwei-Sinne-Prinzip als Baustein in die Ausbildungen integriert wird. Werden diese Module, insbesondere Sprachchips, von Anfang an in die Software integriert, werden die Geräte nicht teurer. Schließlich spricht in Japan auch die Badewanne.

Hausgeräte sind nicht im Barrierefreiheitsstärkungsgesetz enthalten. Wir müssen uns an unsere Abgeordneten wenden, damit sich dies ändert.

Heike Wald ist aus beruflichen Gründen aus dem Leitungsteam ausgeschieden. Dafür konnten wir Birgit Kaiser gewinnen. Wir danken Heike Wald für ihre Mitarbeit und freuen uns, dass sie uns weiterhin unterstützt, wenn es ihre Zeit erlaubt.

Wir danken allen, die uns bisher in unserer Arbeit unterstützt und ermutigt haben.

Kontakt

Leitungsteam der Arbeitsgruppe Barrierefreie Hausgeräte
E-Mail: Leitung-Hausgeraete@dvbs-online.de
Christine Beutelhoff, Tel.: 05681 1341
Daniel Eiffert, Tel.: 0172 5105434
Birgit Kaiser, Tel.: 0176 30530339

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