Dino Capovilla: So einfach funktioniert Inklusion nicht

Stellungnahme zum Artikel "Inklusion - Gemeinsam anders" aus: DIE ZEIT vom 31.5.2012

Das italienische System der schulischen Inklusion hat der Autor 13 Jahre als Schüler und 6 Jahre als Lehrer in Südtirol erlebt. Seine Erfahrungen als hochgradig Sehbehinderter decken sich überhaupt nicht mit der unkritischen Darstellung in DIE ZEIT vom 31.05.2012 im Artikel "Inklusion - Gemeinsam anders". Nachfolgend stellt er das System der schulischen Inklusion in Südtirol aus der Sicht von Menschen mit Behinderungen dar, die im genannten Artikel überhaupt nicht zu Wort kommen.

Die Inklusion wurde in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts vorwiegend aus Kosten- und Organisationsgründen - und nicht aus Behindertenfreundlichkeit - in italienischen Klassenzimmern erzwungen. Per Gesetz verschwand das Thema "Behinderung" ohne irgendeinen Lösungsansatz hinter Klassenzimmertüren. Seitdem ist die Beschulung von Schülerinnen und Schülern mit Behinderungen in Italien ein mächtiges "Try-and-Error-System", welches in vielen Fällen auch nach 40 Jahren nicht mehr erreicht als eine altersgerechte Aufbewahrung.

Der politische Vorteil bestand fortan nicht nur darin, dass das Thema "Behinderung" der wissenschaftlichen Diskussion entzogen war, sondern auch, dass die dörfliche Schönfärberei jede Kritik am System erstickte. Wie dies funktioniert, zeigt der Artikel in DIE ZEIT vom 31.5.2012 eindrucksvoll: Eine Sozialpädagogin ohne spezifische Qualifikation erhält einen Arbeitsplatz, ein paar Firmen verdienen Geld mit dem Umbau, die Eltern erhalten Freizeit, Ältere, Mütter mit Kinderwagen und gehbehinderte Personen profitieren vom Abbau der architektonischen Barrieren und die Schule erhält einen Artikel in DIE ZEIT. Im Ergebnis hat jeder etwas davon bis auf den Behinderten selbst. Er muss auf eine, seiner Behinderung angemessene, schulische Förderung verzichten, da die in der Regel jährlich wechselnde Integrationslehrerin mangels Ausbildung als Pflegekraft (wozu sie übrigens auch nicht ausgebildet ist) arbeitet.

Tatsache ist, dass durch die streuende Wirkung der Inklusion in vielen Teilen Italiens keine durch die Selbsthilfe getragene Lobby entstanden ist und die Wissenschaft, wie beschrieben, politisch zu diesem Thema weitgehend schweigt. Menschen mit Behinderungen konnten sich in Italien deshalb nie emanzipieren und hängen nach wie vor von sozialen Transferleistungen ab ohne faktische Möglichkeit, selbstbestimmt zu leben.

Tatsache ist weiterhin, dass sich in Italien nie ein differenzierter Begriff von Behinderung herausgebildet hat. Wie notwendig eine Differenzierung aber ist, zeigt bereits der Unterschied zwischen Menschen, die aufgrund ihrer Behinderung trotz vorhandener intellektueller Fähigkeiten vom Lernprozess ausgeschlossen werden, und jenen, die aus intellektuellen Gründen den Lernstoff nicht bewältigen können. Das italienische Inklusionssystem unterscheidet nicht zwischen Autisten, blinden, lernbehinderten, körperbehinderten, taubblinden etc. Schülerinnen und Schülern. Mit anderen Worten heißt das, dass David Blunkett, Stephan Hawking, Helen Keller, Wolfgang Schäuble und der im Artikel beschriebene Aaron in Italien gleich beschult werden. Auch wenn dies skurril klingen mag, entspricht es der Realität, da die Integrationslehrer keine behinderungsspezifische Ausbildung haben und deshalb nicht in der Lage sind, Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf gezielt zu fördern.

Deutlich wird dies am Beispiel eines blinden Schülers: Er benötigt u. a. die Brailleschrift zum Schreiben und Lesen, spezielle Konzepte im Umgang mit dem Computer, die auf dem Arbeiten ohne Maus basieren, und spezielle Kenntnisse in Textsetzungssystemen (z. B. Latex für mathematische und chemische Formeln) oder die Braillesche Notenschrift für den Musikunterricht. Ohne diese Techniken ist der blinde Schüler überhaupt nicht in der Lage, am Unterricht teilzunehmen. Wer soll ihm diese Techniken beibringen?

Der Integrationslehrer? - Er durchläuft ein kurzes Aufbaustudium, in dem alle Behinderungsarten theoretisch abgehandelt werden, um hoffentlich die Diagnose zu verstehen. Wenn überhaupt, kommt er nur durch den behinderten Schüler selbst in Kontakt mit Hilfsmitteln und Arbeitstechniken. Genau an dieser Stelle führt sich das Inklusionssystem ad absurdum, denn der Schüler sollte vom Integrationslehrer den Umgang mit Hilfsmitteln und entsprechende Techniken lernen und nicht umgekehrt. - Ganz zu schweigen von einer behinderungsgerechten Methodik und Didaktik zur Vermittlung der Lerninhalte.

Hat der Schüler also nicht die Möglichkeit, diese Techniken außerhalb des inklusiven Schulsystems zu erlernen, kann er nicht am Unterricht teilnehmen, obwohl er möglicherweise über die intellektuellen Fähigkeiten verfügt, um den Lernstoff zu bewältigen.

Auch die Nicht-Sonderpädagogen stecken in einer prekären Situation. Wie soll ein Allgemeinpädagoge einen Schüler fair benoten, wenn er seine Leistungsfähigkeit nicht objektiv beurteilen kann? In ihrer Not urteilen Lehrer häufig sehr großzügig, insbesondere bei behinderten Kindern im Schulpflichtalter, was zu Schulabschlüssen führt, die dem tatsächlichen Leistungsniveau nicht entsprechen. Auf Dauer war diese Praxis jedoch mit dem Gerechtigkeitsgefühl der Mitschüler nicht vereinbar, denn nicht nur Gymnasien und Fachoberschulen fordern eine bestimmte Objektivität in der Bewertung. Wie wird das Problem nun in Südtirol gelöst?

Die Lösung heißt "Kompetenzbescheinigung bei zieldifferenziertem Unterricht". Indem man Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf einfach keinen Schulabschluss mehr gibt, müssen ihre Leistungen auch nicht mehr an den Kriterien gemessen werden, die bei den nicht-behinderten Schülerinnen und Schülern anzulegen sind. Allerdings können die meisten Pädagogen, die über eine Zieldifferenzierung entscheiden, auch nur ansatzweise beurteilen, was der Schüler unter optimaler Förderung leisten könnte, da hierfür, wie bereits beschrieben, sonderpädagogische Kompetenz und das Wissen um Hilfsmittel und Arbeitstechniken für die unterschiedlichen Behinderungsformen notwendig wären. Beide Varianten, sowohl die großzügige Notenvergabe als auch die Herausnahme aus dem Bewertungssystem, sind jedoch Strategien, die der Entwicklung der Schülerinnen und Schüler schaden.

Dies ist einer der Gründe, warum es für behinderte Menschen in Italien schwierig ist, einen normalen Schulabschluss zu bekommen. Schon als gut ausgebildeter "Normalo" ist es schwierig, einen der Ausbildung entsprechenden Arbeitsplatz zu finden, als gut ausgebildeter behinderter Arbeitssuchender kaum möglich und als behinderter Mensch ohne Schulabschluss unmöglich. Eine Kompetenzbescheinigung, als Folge eines zieldifferenten Unterrichts, ist auf dem Arbeitsmarkt das Papier nicht wert, auf dem sie steht. Und ohne Arbeitsplatz und Schulbildung gibt es in unserer Gesellschaft kein selbstbestimmtes Leben.

Einen regulären Schulabschluss erhalten behinderte Schülerinnen und Schüler, die in der Lage sind, den Regelschulstoff unter weitgehend gleichen Bedingungen zu bewältigen. Wolfgang Schäuble würde es also schaffen, da er den Regelstoff ohne Hilfe mit herkömmlichen Mitteln bewältigen kann. Er wird eine lange Warteliste von Integrationslehrern haben, die zu ihm wechseln wollen, weil es bis auf ein paar Pflegetätigkeiten nichts zu tun gibt. Helen Keller hingegen wird scheitern. Sie wird in der Schule weder Lormen noch Brailleschrift lernen und mit einer Kompetenzbescheinigung entlassen.

Die speziellen Techniken und Werkzeuge müssen die Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf unabhängig vom inklusiven, staatlichen Schulsystem in Eigenregie erlernen. Helen Keller hatte das Glück, eine Hauslehrerin mit einer speziellen Ausbildung zu finden. Auch wenn dies 1887 in den USA dank der Perkins School for the Blind in Boston möglich war, ist auch dies im Italien des 21. Jahrhunderts keine Option mehr, da es keine Möglichkeit gibt, sich sonderpädagogisch zu qualifizieren. Es bleibt die Hoffnung, dass eine starke Selbsthilfegruppe sich ihrer annimmt und mit privat organisierten Kursen die Mängel des Schulsystems kompensiert.

Im Unterschied zum restlichen Italien bietet sich in Südtirol für sehbehinderte und blinde Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, diese Techniken außerhalb des Unterrichts zu erlernen. Die Südtiroler Autonomiebewegung, die sich als Folge der Annexion durch Italien gebildet hatte, führte unter sehbehinderten und blinden Einwohnern zu einer Bewegung gegen das zentralistische römische Wohlfahrtssystem für behinderte Menschen. Daraus entwickelte sich eine starke Südtiroler Selbsthilfe, die heute sehbehinderten und blinden Schülerinnen und Schülern behinderungsspezifische Lernangebote macht. Dies geschieht durch eine Fachkraft, welche den Bildungsprozess der etwa 50 sehbehinderten und blinden Schüler durch die Beratung der Beteiligten begleitet. Außerdem bietet das Blindenzentrum in Bozen bei Bedarf Kurse zur Vermittlung der behindertenspezifischen Techniken an.

Indirekt finanziert die öffentliche Hand dieses Konzept über ihre Beiträge mit. Es hängt jedoch vom Engagement einzelner Personen ab, die versuchen, im richtigen Moment das Richtige zu tun. Da es keine Rechtsgrundlage im Schulgesetz für diese Beratungs- und Unterstützungsleistungen gibt, ist der Beratungslehrer auf die Akzeptanz der Eltern, der Schulleiter, der Mitschüler und deren Eltern sowie der Lehrerinnen und Lehrer angewiesen.

Ohne Zweifel gibt es Menschen, für die ein regulärer Schulabschluss trotz optimaler Förderung nicht erreichbar ist, doch was ist mit dem Großteil behinderter Menschen, die trotz Behinderung zumindest durchschnittlich intelligent sind? Genau diese Menschen fallen in Italien durch. Auch dann, wenn die Selbsthilfe die Ausbildung in den behindertenspezifischen Techniken anbietet? - Ja, leider auch häufig. Denn die Vermittlung der blinden- und sehbehindertenspezifischen Kenntnisse und Fertigkeiten erfolgt additiv und nicht inklusiv. Das kostet die Schüler zusätzliche Kraft, und der Unterricht in der allgemeinen Schule wird dadurch auch nicht besser (im Sinne einer spezifischen Didaktik). Ein Heranwachsender ist durch den Regelschulstoff ausgelastet. Er hat ein Recht auf Freizeit und Familienleben und braucht für eine gesunde Entwicklung - wie jeder andere auch - Zeit für sich selbst.

Neben dieser zusätzlichen äußeren Belastung muss er dem Erkenntnisprozess seiner Andersartigkeit standhalten (Auf die psychische Belastung möchte ich an dieser Stelle aber nicht eingehen). Man sollte sich bewusst machen, dass die meisten behinderten Schülerinnen und Schüler insbesondere während der Pubertät versuchen, "normal" zu sein und bei diesem Vorhaben kläglich scheitern, weil sie einfach nicht "normal" sind. Die Besonderheit bei behinderten Schülerinnen und Schülern besteht darin, dass sie mit ihrer Andersartigkeit im inklusiven Schulsystem in der Regel allein sind, was den Anpassungsdruck nochmal deutlich erhöht. - Psychosoziale Unterstützung durch das Schulsystem? - Fehlanzeige.
Eine weitere Schattenseite des italienischen Systems der schulischen Inklusion ist die Tendenz, Schülerinnen und Schülern zusätzliche Diagnosen zuzuschreiben, um die Vorteile des Fördersystems zu nutzen (zusätzliche Lehrkraft, Abschieben von Verantwortung für Leistungsdefizite des Lehrers etc.). Das italienische Inklusionssystem fördert die Zuschreibung von immer neuen Diagnosen (ADHS, Dyskalkulie, Legasthenie, Lernschwäche, etc.), die während des Regelunterrichts kaum beeinflusst werden können, aber die Zahl der behinderten Schülerinnen und Schüler künstlich erhöhen. Sie werden teilweise mit Diagnosen so lange eingedeckt, bis die Förderung beantragt oder aufgestockt werden kann. - Das Fehlen eines geordneten Verfahrens zur Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs durch fachkundige Sonderpädagogen führt hier zu sehr unerfreulichen Nebenwirkungen nicht nur für die Kinder, sondern auch für das Schulsystem selbst.

Wie kann es aber sein, dass trotz dieser grundlegenden Kritik dennoch Menschen mit Behinderungen mit Studienabschlüssen aus dem inklusiven, italienischen Schulsystem hervorgehen? In jeder Gesellschaft gibt es Menschen, die sich trotz aller Widrigkeiten durchsetzen. Ausgeprägte soziale Intelligenz kann Menschen zusammenführen, die sich gemeinsam tragen. Starke Umfelder, die kraftvoll handeln und Dinge in Bewegung bringen, tragen genauso. Ehrgeiz und Intelligenz schaffen Handlungsspielraum. In den Biographien der Betroffenen, die sich durchsetzen konnten, findet man durchgehend solche und ähnliche Fähigkeiten. Diese Einzelfälle sind also keineswegs ein Beleg für den Erfolg des Schulsystems, sondern ein Beleg dafür, dass es auch unter behinderten Menschen begabte und weniger begabte, durchsetzungsfähige und weniger durchsetzungsfähige Menschen gibt.

Von etwa 1.100 hochgradig sehbehinderten und blinden Personen in Südtirol sind nur etwa 90 berufstätig, was natürlich auch an der Altersverteilung liegt. Von den 90 Personen übt gerade mal eine Hand voll trotz Vollbeschäftigung in Südtirol eine Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt aus, von der sie finanziell autonom leben kann. Der überwiegende Teil arbeitet auf geschützten Arbeitsplätzen oder in einer Behinderteneinrichtung.

Wenn es in Südtirol nach bald 40 Jahren normal wäre, dass behinderte mit nicht behinderten Kindern gemeinsam lernen, würden Mütter über Aussagen wie "Ich bin dankbar, dass mein Kind jemanden wie Aaron zum Mitschüler hat" nicht mit Freude, sondern Verständnislosigkeit reagieren. Südtirol ist alles andere als ein Paradies für Menschen mit Behinderungen. Der Traum von einem ganz normalen Leben wird in Südtirols Bergdörfern genauso wie in Niederbayern oder an der Ostseeküste weitergeträumt.

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